01.11.1999

Ein Volk von Umfallern

Der Bericht der jüdischen Journalistin Käthe Vordtriede, ursprünglich verfasst für ein US-Preisausschreiben, schildert die Brutalität des Nazi-Alltags in der Provinz.
Am 17. März 1933 wurde die "Volkswacht" in Freiburg erobert. Das heißt, SA- und SS-Männer stürmten das Gebäude, in dem die Zeitung der Sozialdemokraten hergestellt wurde, plünderten und verwüsteten es, beschmierten die Waschräume mit Kot und warfen Papier, Lettern und Schreibmaschinen auf die Straße, zum Gaudium der dort versammelten Menge.
Käthe Vordtriede, Lokalredakteurin des Blatts, sah dem Vandalismus zu, telefonierte ergebnislos mit der Polizei und einem Anwalt und stellte sich dann, eine Zigarette im Mund, ans Fenster. "Raus mit der Marxistenhexe!", brüllte der Mob und versuchte, die "Volksfeindin" zu lynchen.
Wie ausgewechselt gebärdete sich nach diesem Tag die Belegschaft des SPD-Blatts. Vom Geschäftsführer bis zur Putzfrau - alle dienerten vor den neuen Herren. Sogar der politische Redakteur Reinhold Zumtobel wechselte, nachdem er aus dem KZ entlassen worden war, auf die Seite der Sieger und gab ein antisemitisches Buch heraus. Opportunismus überall: Käthe Vordtriede beobachtet charakterlose Anpasser, eilfertige Speichellecker, Denunzianten und Profiteure in allen Schichten, quer durch alle Lager - und schreibt es auf.
Ihr Bericht "Es gibt Zeiten, in denen man welkt", im Schweizer Exil verfasst, im Nachlass eines US-Geheimdienstlers entdeckt und jetzt erstmals veröffentlicht, ist ein einzigartiges Dokument über sechs Jahre Hitlerei in der Provinz**.
Die haben Vordtriedes Landsleute bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ein Volk von Umfallern, gierig, gewalttätig und gemein: so ihr Fazit. Das Urteil ist unerbittlich, die politische Analyse der überzeugten Marxistin ungleich schär-
fer als die des eher weltfremden Pro-
fessors Victor Klemperer, dessen Tagebücher eine Welle des Interesses am Alltag im "Dritten Reich" ausgelöst haben. Vordtriedes Sprache ist nüchtern und direkt, ohne Larmoyanz, dafür voller Sarkasmus. Dass ihr manchmal auch Hass und Wut die Feder führen, verkennt und verhehlt sie nicht.
Besonders genau nimmt Vordtriede die Kommunisten aufs Korn. Die wohnten in der "Laubenkolonie" nahe ihrem Wohnviertel Haslach und schlüpften 1933 "geschwind und fast restlos in die braunen SA-Hosen", schreibt sie. Unter ihnen waren "die schlimmsten Denunzianten" und "die grauenhaftesten Peiniger in den Konzentrationslagern".
Am 1. April 1933, dem Tag des so genannten Judenboykotts, sieht sie einen SA-Mann vor einem jüdischen Warenhaus postiert, "dessen Familie ich Weihnachten 1932 von Kopf bis Fuß mit den warmen Sachen eingekleidet hatte, die mir der jüdische Inhaber dieses Warenhauses als Spende für die Arbeiterwohlfahrt geschenkt hatte".
Vordtriede schrieb ihren Bericht nicht für ein Leserpublikum - eine Veröffentlichung war 1940 in der politisch taktierenden Schweiz kaum vorstellbar. Ihre Adressaten waren drei Professoren der Harvard University, die die "gesellschaftlichen und seelischen Wirkungen des Nationalsozialismus auf die deutsche Gesellschaft" erforschen wollten und das Material dazu mit Hilfe eines Preisausschreibens suchten.
Gut 200 Texte gingen in Cambridge (Massachusetts) ein. Käthe Vordtriedes Arbeit erschien der Jury so interessant, dass einer der Preisrichter, der Soziologe Edward Hartshorne, sie mit nach Washington nahm, zu seinem neuen Arbeitgeber: dem "Coordinator of Information". Das war der neue zentrale Auslands-Geheimdienst der Vereinigten Staaten, der bald in OSS - "Office of Strategic Services" - umbenannt und zur Legende wurde.
Die Abteilung, in der Hartshorne arbeitete, versuchte sich - das war eine kriegswichtige Aufgabe - ein Bild über
* Einzug der Division Richter am 23. Juli 1940.
** Käthe Vordtriede: ",Es gibt Zeiten, in denen man welkt''. Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933". Hrsg. von Detlef Garz. Libelle Verlag, Lengwil (Schweiz); 280 Seiten; 39 Mark.
den inneren Zustand des "Dritten Reiches" zu machen: durch Zeugnisse wie das von Käthe Vordtriede.
Politisch gesehen hält sie die Deutschen für erledigt, für "Sklaven, die vergessen haben, dass sie in Freiheit aufgewachsen sind".
Ihre beiden Kinder hatte Vordtriede schon früh ins Ausland geschickt; ihr selbst gelang erst in letzter Minute und unter abenteuerlichen Umständen die Flucht. Am 2. September 1939 steht sie auf dem Basler Bahnhofsvorplatz. Mit dem Stoßseufzer "Ich war gerettet" endet der Bericht. Aber erst 1941 gelangte sie in die Vereinigten Staaten und wirklich in Sicherheit.
Ihre Hoffnung, wenn schon keinen Preis für ihren Bericht, dann doch wenigstens "eine winzige Sekretärsstelle an einer University" zu erhalten, erfüllte sich nicht. In den folgenden Jahren fristete die glänzende Journalistin ein Dasein unter erbärmlichen Bedingungen. Die 50-Jährige muss sich als Putzfrau und Haushaltshilfe verdingen.
Käthe Vordtriede spürt, dass ihre Fähigkeiten auf immer brachliegen werden. Ihre Verbitterung wächst, auch in den Briefen an die Kinder. 1964 stirbt sie, nach mehreren Herzanfällen, in ihrer New Yorker Wohnung - es dauert eine Woche, bis sie gefunden wird. MARTIN EBEL
* Einzug der Division Richter am 23. Juli 1940. ** Käthe Vordtriede: ",Es gibt Zeiten, in denen man welkt''. Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933". Hrsg. von Detlef Garz. Libelle Verlag, Lengwil (Schweiz); 280 Seiten; 39 Mark.
Von Martin Ebel

DER SPIEGEL 44/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Wilderer in Kamtschatka: Jagd aufs rote Gold
  • Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen