25.03.2017

DorflebenNordseeträume

Um den Niedergang zu stoppen, setzt ein Küstenort auf die Zucht exotischer Fische. Sogar eine Bananenplantage ist im Gespräch.
Als Markus Haastert die Stahlhalle betritt, beschlägt seine Brille sofort. Die Luft ist feucht und warm, es riecht muffig, ein bisschen wie alte Waschlappen. In schulterhohen Plastikbottichen schwimmt die Rettung Oberndorfs. 22 000 Afrikanische Raubwelse mit langen Bartfäden am Maul. Geschlachtet ergibt jedes Tier zwei Filets, mindestens 17 Euro soll das Kilogramm kosten.
Haastert, 50, ist Unternehmensberater, spezialisiert auf nachhaltige Projekte in der Provinz. Er hat den Oberndorfern von den Fischen erzählt, die sich ohne Medikamente und Hormone züchten lassen. Dafür brauche es nur warmes Wasser in einer warmen Halle. Nebenan könnten übrigens auch noch Bananen wachsen.
Oberndorf liegt an der Oste, einem kleinen Fluss nahe der Nordseeküste im Landkreis Cuxhaven. In roten Backsteinhäusern leben heute knapp 1400 Menschen. Früher verdienten viele Anwohner ihr Geld in einer Zementfabrik oder in Ziegeleien, die es heute nicht mehr gibt. Das Dorf ereilte ein Schicksal, das bundesweit viele Orte trifft: Die Jungen ziehen weg, kaum einer kommt neu hinzu. Für jene, die blieben, klang Haasterts Vorschlag deshalb wie die erste große Chance, den Niedergang ihrer Heimat zu stoppen.
Barbara Schubert lebt seit elf Jahren im alten Pfarrhaus. Die Grafikdesignerin war gegen den Trend aus Hamburg nach Oberndorf gezogen. Sie hatte genug von der großen Stadt. Als die Oberndorfer eines Tages zum ersten Mal auf bunten Pappkarten Vorschläge für die Zukunft ihres Ortes sammelten, war Schubert dabei. Sie merkte, dass dem Dorf zunächst mal ein Treffpunkt fehlte, und gründete mit anderen Einwohnern eine Kneipe, die Kombüse 53° Nord.
Kurz darauf entstand dann die Idee mit der Fischzucht und den Bananen(*). Im Rahmen eines kommunalen Förderprogramms war Unternehmensberater Haastert für einen Vortrag nach Oberndorf gekommen. Er erzählte von einer Kanarischen Insel, die ihren eigenen Strom produziert. Von Pilzzucht auf Kaffeesatz. Und Bananenplantagen in Deutschland.
Tropische Temperaturen? Bananen in Oberndorf? Ein Spinner, dachten die meisten. Barbara Schubert fand ihn angeberisch – aber er hatte sie inspiriert. Einige Tage später rief sie in Berlin an. "Wie kann es weitergehen?", fragte sie. "20 000 Euro für eine Machbarkeitsstudie", sagte Haastert. Schubert sprach Bekannte an, ging durchs Dorf, bekam das Geld zusammen. Haastert kam wieder.
Ein Kern von etwa 20 Ehrenamtlichen fand sich, die Oberndorf retten wollten. Bald entwickelten sie mit Haastert ein ungewöhnliches Geschäftsmodell. Es beruht auf dem einzigen Rohstoff, den es in Oberndorf und Umgebung im Überfluss gibt: Gülle. Die Bauern von Oberndorf produzieren so viel, dass sie in andere Regionen verkauft werden muss, damit sie Boden und Grundwasser nicht belastet.
Haastert erklärte den Anwohnern, wie sich aus Gülle in einer Biogasanlage Strom gewinnen lässt und Fischbottiche geheizt werden könnten – auf genau 28 Grad, wie es Afrikanische Raubwelse schätzen.
Nach mehreren Gesprächen entschieden vier Landwirte einzusteigen. Mit Nachbarn, Verwandten und Bekannten gründeten sie eine am Gemeinwohl orientierte Bürger-Aktiengesellschaft, die Ostewert AG. 440 000 Euro bekamen sie zusammen.
Natürlich hatten die Engagierten auch ihre Skeptiker. Viele im Dorf glaubten, dass sie scheitern würden. Manche schimpften: Ein elitärer Haufen sei das.
Trotzdem machten Barbara Schubert und ihre Mitstreiter weiter. Mit der Ostewert AG errichteten sie Anlagen für Biogas und Aquakultur, auf dem Gelände arbeiten nun drei Personen. Daneben kümmern sie sich um die gemeinschaftlich geführte Kneipe, die mittlerweile eine Kellnerin und eine Köchin bezahlen kann. Und um die neu aufgebaute Kinderbetreuung, die ebenfalls eine Mitarbeiterin beschäftigt. Haastert eröffnete mit seiner Berliner Beratungsfirma eine Niederlassung in Oberndorf, mit einer Umweltingenieurin und einer Bürokraft. Macht acht neue Arbeitsplätze im Dorf.
Jetzt werden die ersten Welse geschlachtet, sechs Monate sind sie nun gewachsen. Mit einer großen Supermarktkette stehen die Unternehmer im Gespräch, bis dahin verkaufen sie im Onlineshop und in der Region.
Aus der Gülle wurde inzwischen so viel Strom erzeugt, dass die Ostewert AG Energie für 50 000 Euro verkaufen konnte. Und weil bei der Gülle-Verwertung Dünger entsteht, können die Oberndorfer auch daraus noch ein Geschäft machen.
Rund um die Projekte hat sich das Dorfleben neu organisiert: In der Kneipe gibt es Konzerte, Lesungen und einen Plattschnacker-Stammtisch. Auch ein Workshop ist geplant, mit einer Trainerin aus Berlin wollen die Oberndorfer lernen, wie sie ohne Hierarchien besser zusammenarbeiten können.
Und was wird aus den Bananen? Bert Frisch war früher Pressesprecher in einer Hamburger Firma, jetzt lebt er als Rentner mit seiner Frau in Oberndorf. Die Skepsis mancher Bauern, die lieber auf heimisches Gemüse setzen, teilt er nicht. "Die Bananen brauchen wir vor allem zum Träumen", sagt er. "Denn wenn du keine Träume hast, wie sollen sie dann wahr werden?"
* Ein Dokumentarfilm über Oberndorf kommt am 30. März unter dem Titel "Von Bananenbäumen träumen" in die Kinos.
Von Susan Djahangard

DER SPIEGEL 13/2017
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