25.03.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteDas Königshuhn ruft

Warum ein Mann ein Vermögen ausgab, um 750 Vögel zu sehen
Im Sommer vorigen Jahres stand Olaf Danielson, ein Notarzt aus South Dakota, auf einer Insel am Polarkreis und wartete darauf, dass aus dem Nebel ein schwarzer Vogel geflogen käme. Der Vogel, eine Rotgesichtscharbe, baut seine Nester aus Algen und fühlt sich zwischen Sibirien und Alaska sehr wohl. Danielson fühlte sich nicht so wohl, sagt er am Telefon, was nicht nur am Nebel lag, sondern an der Kälte, den Giftpflanzen auf der Insel, der Einsamkeit, der Sinnlosigkeit seines Unterfangens und der Abwesenheit einer Kneipe. Er sollte in diesem Jahr mehr als 206-mal bei McDonald's frühstücken, etwa 100 000 Dollar für Flugtickets ausgeben und mehr als 800 Kilometer durch die Einsamkeit wandern – und das alles um einiger Vögel willen wie der Rotgesichtscharbe. Als er sie endlich sah, machte er ein Foto, ging früh ins Bett und dachte über sein Leben nach.
Danielson wuchs in Wisconsin auf, neben einem Sägewerk, das von einem großen Wald umgeben war. Es gab dort nicht viel zu tun, man konnte Baumstämme zersägen und Vögel beobachten. Danielson entschied sich für die Vögel. Er merkte sich bei seinen langen Waldspaziergängen die Farben ihres Gefieders, er lernte ihre Namen, er nahm ihre Gesänge auf. Als er acht Jahre alt war, gab seine Biologielehrerin seiner Klasse eine lange Liste mit Vögeln, die in der Gegend lebten. Sie hatten eine Woche Zeit, die Vögel zu finden. Am nächsten Morgen gab Olaf die Liste ab, er hatte als Einziger alle entdeckt. Als Danielson 50 Jahre alt war, kannte ihn jeder Ornithologe in den USA.
50 Jahre sind ein Alter, in dem Männer gern Bilanz ziehen, indem sie sich fragen, ob sie noch einen Traum haben, den sie sich erfüllen wollen. Manche träumen davon, um die Welt zu segeln, andere wollen mit dem Motorrad ans Nordkap fahren. Solche Träume existieren nicht, um Sinn zu ergeben. Sie dienen als Versuch an einem selbst: Schaffe ich das? Wer bin ich? Was will ich? Danielson hatte einen Ornithologentraum: Er wollte die Vögel Nordamerikas sehen, so viele er konnte, ein ganzes Jahr lang. Es gibt unter Ornithologen einen Namen für dieses Projekt, das nur wenige Menschen pro Jahr wagen, weil es sehr anstrengend, sehr teuer und sehr zeitaufwendig ist. Sie nennen es "Big Year", das Große Jahr. Danielsons Hauptkonkurrent war ein Mann namens John Weigel, der Direktor eines Reptilienparks aus Australien. Nur einer von beiden würde gewinnen.
Das Problem ist: Es gibt in Nordamerika ungefähr tausend Vogelarten, und die meisten davon interessieren sich nicht für das Große Jahr. Sie leben irgendwo in den Sümpfen Louisianas, in den Bergen der Rocky Mountains, an einem Maisfeld in Wyoming und haben nicht vor, dabei entdeckt zu werden. Der Rekord lag bei 749 Vogelarten. Danielson wollte als erster Mensch der Welt 750 schaffen. Wenn man ihn fragt, warum er das wollte, dann denkt er lange nach und sagt schließlich: "Ich mag die Jagd."
Danielson startete ziemlich motiviert. Am ersten Tag hatte er 74 Vögel von seiner Liste abgehakt. Nach ein paar Wochen wurde es schwieriger. Danielson musste jetzt Vögel finden wie das Himalaya-Königshuhn, ein Exemplar, das in Nordamerika ausschließlich in den Rubinbergen in Nevada vorkommt, seit hier in den Sechzigerjahren ein paar Exemplare aus Pakistan ausgesetzt wurden. Man muss dort vor dem ersten Tageslicht den Berg hinaufsteigen, am besten bei Vollmond im Juni, in der Paarungszeit des Königshuhns, eines Vogels, den man sonst nicht hört.
Noch schwieriger als das Königshuhn fand Danielson das Weißschwanz-Schneehuhn, einen scheuen Vogel, der aussieht wie ein Schneeball und sich gern im Schnee über der Baumgrenze versteckt. Danielson wanderte stundenlang auf 3000 Meter Höhe durch die Rocky Mountains, bis er fast auf ein Schneehuhn trat. In Arizona stand Danielson auf der Suche nach der Aztekendrossel einem Schwarzbären gegenüber, den er mit Steinen verscheuchte, um zu seinem Vogel zu kommen. Auf der Suche nach dem Blasskehltyrann verirrte er sich am heißesten Tag des Jahres ohne Wasser in einem Dornendickicht und schaffte es erst Stunden später blutend und dehydriert zu seinem Auto zurück.
Mit jeder Anstrengung, die er unternahm, wuchs die Liste. Doch je näher er seinem Ziel kam, desto sinnloser kam es ihm vor. Als er die Rotgesichtscharbe am Polarkreis sah, hatte Danielson seinen 750. Vogel von der Liste abgehakt. Er wollte feiern, nicht, weil er sich danach fühlte, sondern weil er dachte, es müsse sein. 750 unterschiedliche Vögel zu sehen war ein Ziel, das er sich am Anfang des Jahres gesetzt hatte und von dem er nie gedacht hätte, dass er es schaffen könnte. Er wäre gern in eine Kneipe gegangen, aber es gab keine. Danielson lieh sich eine Flasche Chardonnay und trank die Flasche aus. Er mochte keinen Chardonnay. Nachts träumte er schlecht von der Lapplandmeise. Er hatte genug.
Schließlich flog Danielson mit seiner Frau in die Karibik, während sein Konkurrent John Weigel auf eine weitere Insel vor Alaska fuhr. Am Ende gewann Weigel das Große Jahr mit vier Vögeln Vorsprung. Danielson interessierte sich dafür nicht mehr besonders. Er sagte, er habe an einem Strand der Antillen seine Frau aus dem blauen Wasser steigen sehen, und auf einmal sei ihm völlig klar gewesen, was er vom Leben wolle.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 13/2017
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