01.04.2017

KunstDeutschland ausatmen

Zum ersten Mal findet die Documenta nicht nur in Kassel, sondern auch im Ausland statt, in Athen. Die Kuratoren setzen auf die Wirkung einer verzweifelten Stadt – und stoßen damit auf Kritik.
Sollte Kassel in Rauch aufgehen oder wenigstens das, wofür diese mittelgroße und irgendwie graue hessische Stadt wundersamerweise steht? Dafür, alle fünf Jahre ein Machtzentrum zu sein, in dem ein Kurator oder eine Kuratorin entscheidet, welche Kunst zählt, und zwar weltweit.
In diesem Jahr eröffnet eine weitere Documenta, es ist die 14. Ausgabe dieser 1955 noch zwischen Ruinen gegründeten Kunstausstellung. Jede der bisherigen veränderte die Kunstwelt, die Grundlage, auf der über Kunst diskutiert wird. 2017 will sie sich selbst den gewohnten Boden entziehen.
Erstmals wird die große, fast übergroße Bedeutung der Documenta geteilt. Nächste Woche läuft in der griechischen Hauptstadt eine Art Exil-Documenta an. Athen soll das neue, das bessere Kassel sein. Das alte wird im Juni nachziehen, jetzt wird es erst einmal zum Sidekick, einem Ort für Spezialeffekte: Wenn in Griechenland die Pressekonferenz beginnt, werden in Kassel auf einem historischen Turm Nebelmaschinen angeworfen. Dann lässt grauer Qualm das Fridericianum – eines der ältesten Museen Europas und bisher Mittelpunkt jeder Documenta – verschwinden. Oder der Dunst legt sich, je nach Windrichtung, über die Nachbarschaft. Und das fortan jeden Tag von 10 bis 20 Uhr. Eine Kuratorin aus dem Documenta-Team sagt, das sei "nicht so wagnerianisch" gemeint. Der Künstler Daniel Knorr, Urheber des Werks, aber sagt, man dürfe sich auch an Bücherverbrennungen und Krematorien der Nazis erinnert fühlen. Er findet, Deutschland habe immer nur eingeatmet, nun werde es ausatmen.
Tatsächlich will die Documenta-Mannschaft unter ihrem polnischen Leiter Adam Szymczyk mit der Tradition brechen, das maßgebliche Kunstereignis ausschließlich an die deutsche Provinz zu koppeln. Nach dem Krieg sollte das Land wieder an Kultur, an Kultiviertheit gewöhnt werden, damals habe es, so heißt es im Team, eine Notwendigkeit für eine Schau moderner Kunst gegeben, eine Dringlichkeit geradezu. Heute aber scheint das Deutsche eine Metapher für das Bekannte, Bequeme, Festgefahrene zu sein.
Und wer in Athen einer Probe der aus Haiti stammenden und in Mali lebenden Performancekünstlerin Kettly Noël und ihren Tänzern beiwohnen darf, ahnt, wie laut und emotional es auf der neuen Documenta zugehen wird. Sie verteilt sich auf viele Adressen, unter anderem auf ein ehemaliges Militärgefängnis und auch auf das Athener Konservatorium, das neben den Steinresten der Schule des Aristoteles angesiedelt ist und eine eigene Ruine birgt: einen Konzertsaal, der nie vollendet wurde. Nun wird diese kalte Betonhöhle erfüllt von einem melancholischen Chorgesang, die Lautsprecher sind im Raum verteilt, als wären es Sänger. Der Schöpfer der Musikinstallation ist Emeka Ogboh, ein Künstler aus Nigeria, er sagt, er sei glücklich, diesen Raum nutzen zu dürfen, "viele Künstler haben sich das gewünscht".
Ein ewiger Rohbau als Sehnsuchtsort, als ideale Bühne. An der Wand will Ogboh ein Display installieren, auf dem der griechische Aktienindex angezeigt wird.
Jede Documenta hat ihren Schwerpunkt, ihre Stimmung, die wird geprägt vom jeweiligen Leiter. Szymczyk, geboren 1970 in der Nähe von Lodz, wirkt wie ein Typ aus einer Independentband, wie ein KunstNerd, aber er ist durchaus erfolgsorientiert, er kuratierte eine Berlin Biennale mit, leitete die Kunsthalle Basel. Läuft alles gut, werden mehr als eine Million Menschen auf seine geteilte oder verdoppelte Großausstellung kommen.
Und auf eine stille, unnahbare Art kann er eben eine ziemliche Lautstärke produzieren. Nach seiner Berufung 2013 kündigte er den Ausfallschritt der Documenta nach Athen an. Dann ließ er wissen, man arbeite daran, die heikle Kunstsammlung der Gurlitts zu präsentieren; die Kulturstaatsministerin dementierte. Zum Thema wird der Kunstraub der Nazis auf jeden Fall. Ein Holocaust-Überlebender, der nach der Kunst seiner Familie sucht, sagt, die alten Inventarlisten würden in Kassel präsentiert. Für Hinweise auf den Verbleib der Werke setze man Belohnungen aus.
Tatsächlich zielt Szymczyk nicht nur Documenta-typisch auf den Verstand, sondern ziemlich oft auch auf das Bauchgefühl der Menschen, auf ihre Empathie. Eine Documenta-Kuratorin sagt, wir alle hätten "das Gefühl, wir leben im Weimar der Zwanzigerjahre". Athen, diese Millionenmetropole voller Existenzängste soll sich scheinbar als Verstärker dieser Nervösität erweisen.
Anlässlich der Vernissage soll auch ein Orchester spielen, das aus syrischen Musikern besteht. Ross Birrell, ein Künstler aus Glasgow, konzipiert den Abend mit, aber er schickt auch vier Reiter von Athen nach Kassel. Einer der Teilnehmer sagt, die Vorbereitung habe sich aufwendig gestaltet, vor allem wegen der Frage, welche Papiere notwendig seien. Für den Transport von Schlachtvieh gebe es klare Bestimmungen. Nicht aber für Pferde, auf denen jemand durch verschiedene Länder reise.
Tiere passen zu diesem Ereignis, das nicht museal, nicht statisch sein will. Schon Joseph Beuys, für die Kuratorengruppe immer noch "superimportant", ließ sich einst in einer New Yorker Galerie mit einem Kojoten einsperren, der für ihn auch Sinnbild Amerikas war. Nun wird Aboubakar Fofana aus Mali, wenn alles klappt, mit 54 blau eingefärbten Lämmern an die Geschichte des Farbstoffs Indigo und die der Sklavenarbeit erinnern.
Diese Documenta schildert – und da bricht man nicht mit der Tradition – alte und neue Missstände und wie alles mit allem zusammenhängt. Oft genug spielt Deutschland eine Rolle. In Athen wird als eine der historischen Leihgaben ein Gemälde zu sehen sein, das an die Exekutionen in Polen durch die Deutschen erinnern soll. In den Augen vieler Griechen dürfte es eine Verbindung ziehen zu den Gräueln der Wehrmacht in ihrem Land.
Ein Problem aber ist dieses: Szymczyk findet Athen für seine Zwecke toll, er will sich womöglich verbrüdern, doch in Athen stößt diese Art der Zuwendung auch auf Kritik. Sogar der Umstand, dass ein vor Jahren aufwendig saniertes, aber seither überwiegend leer stehendes Museum dank der Documenta erstmals voller Werke sein wird, hilft nicht.
Der Künstler Poka-Yio gehört zu den Gegnern, er gründete vor zehn Jahren die Athen Biennale, die sich den Ruf erwarb, mutig und überraschend zu sein. Eine von Kassel in Aussicht gestellte Kooperation kam nicht zustande. Poka-Yio weiß nicht, wie groß das Interesse an einem echten Austausch war, für ihn ist die Documenta eine Megashow, die lokale Institutionen dirigiert und davon profitiert. "Doch das ist nicht das, was ein Land in Not braucht." Seine nächste Biennale, die wenige Tage vor der Documenta beginnt, trägt den Titel "Auf die Barbaren warten". In einem verlassenen Hotel ist ein Jahr des "aktiven Wartens" geplant, man will beobachten, was auf der Documenta geschieht. Die Kuratoren stellen sich selbst aus, ausgeliefert fühlen sie sich ohnehin.
Die Kodirektorin der Biennale, Nayia Yiakoumaki, zog vor vielen Jahren nach London, wo sie erfolgreich als Kuratorin arbeitet. Sie sagt, Griechenland, ihre alte Heimat, werde von der Documenta als rebellische Nation innerhalb Europas stilisiert, als besonders authentisch. "Doch was ist mit authentisch gemeint: die Authentizität einer Stadt voller gekappter sozialer Bindungen, voller Armut?" Die Entscheidung für Athen sei gefallen, als das Land durch die von der EU verlangten Sparmaßnahmen "geköpft" worden sei. "Das Documenta-Team hat nicht verstanden, welche Symbolkraft dieser Schritt zu diesem Zeitpunkt hatte, wie sich das für die Menschen hier anfühlen musste."
Dieses Jahr ist gefüllt mit Kunstausstellungen, doch die 34 Millionen Euro teure Documenta mit ihren 160 Künstlern dürfte Gesprächsthema Nummer eins bleiben. Das liegt auch an der Abwechslung, die eine Documenta in einem solchen Umfeld bedeutet. Frühlingswetter, Akropolis und Wirtschaftskrise ergeben eine neuartige Kulisse. Der Flughafen ist nicht weit, vielleicht nutzen einige Sammler den Jachthafen. Tausende ausgewählte Gäste dürfen sich vor der Eröffnung umsehen, 1500 Journalisten reisen ebenfalls an.
Szymczyk erfand den Titel "Von Athen lernen". Womöglich hat er ebenso von Basel gelernt, der Stadt, in der er elf Jahre lang tätig war. Die Kunstmesse dort, die Art Basel, ist die bekannteste der Welt. Als cool gilt sie aber erst, seit sie Ableger in Miami und Hongkong etablierte. Diese Städte wirken wie das Gegenteil von Basel, so wie Athen das Gegenteil von Kassel ist.
Es gibt Städte, Länder, die nach der Logik der Veranstalter eine Documenta nötiger gehabt hätten, Staaten, in denen eine solche Schau undenkbar wurde.
Im Konservatorium in Athen wird auch Nevin Aladağ ausstellen, sie kam in der Türkei zur Welt, wuchs in Deutschland auf. Über die Lage im Land ihrer Vorfahren möchte sie nicht sprechen, vielleicht deshalb, weil ihre Kunst grundsätzlicher gemeint ist. Für die Documenta entwickelte sie ihre Serie der "Musikzimmer" weiter. Aus Töpfen, Tischen und Sesseln, die sie in diesem Fall in griechischen Flohmärkten fand, wurden unter anderem Trommeln, Westerngitarren, Glockenspiele. Formen, Funktionen, Kulturen vermischen sich. Erstmals wird mit solchen Objekten ein Konzert veranstaltet. Die Bourgeoise eines Musikzimmers verwandelt in einer Freestyle-Session. Aladağ sagt, sie gebe den Musikern keine Richtung vor.
Viel Musik, viel Performatives ist auf der Documenta geplant. Das rein Visuelle dürfte im Kurs abgewertet werden. Populäre Fotomotive wird es dennoch geben, etwa den Parthenon, der in Kassel aus verbotenen Büchern entstehen soll, und das in den Maßen des antiken Athener Tempels.
Kunst als neue Spiritualität, als Weg zur Erlösung. Diese Documenta verfolgt einen mehr als ganzheitlichen Ansatz. Weniger machtbesessen ist sie nicht.
Sehen Sie dazu auch die Visual Story "Achtung, die Deutschen kommen"
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 14/2017
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