08.11.1999

Unbequem zwischen allen Stühlen

100 Tage im Herbst (Teil VII): SED-Wendepolitiker Günter Schabowski - Vom linientreuen Agitprop-Funktionär zum PR-Manager
Ein einziger falscher Zungenschlag sicherte ihm einen Platz in der Geschichte. "Sofort", sagte Günter Schabowski, der Sprecher des neuen SED-Zentralkomitees, am 9. November 1989 auf die Journalistenfrage, wann die neue Reiseverordnung in Kraft trete. "Morgen früh", hätte er sagen müssen.
Mit seiner Antwort löste Schabowski die überraschendste Völkerwanderung der Neuzeit aus. Er selbst "ahnte in diesem Augenblick nicht", schrieb er später, dass er "im Namen der SED-Führung der DDR gerade das endgültige Verfallsdatum aufdrückte".
Still litt Schabowski zunächst unter dem Vorwurf seiner Genossen im Politbüro, er habe der DDR den Todesstoß versetzt. Seine Antwort gab er erst, als Egon Krenz Anfang Dezember abdankte: "Wenn ein System daran zu Bruch geht, dass sich die Menschen frei bewegen können, hat es nichts Besseres verdient."
Neben der Maueröffner-Episode verblasst Schabowskis Rolle als Königsmörder. Am Sturz Erich Honeckers hatte der damalige Erste Sekretär der Hauptstadt-SED jedoch ebenso Anteil wie der kurzzeitige Parteichef Krenz. Konspirativ hatten die lang gedienten Politbürokraten die Ablösung des reformunwilligen Alten betrieben, um die DDR zu retten. Aber die Zukunft konnten sie wegen ihrer Vergangenheit beide nicht gewinnen.
Der 1929 im vorpommerschen Anklam geborene Schabowski war als Chefredakteur des "Neuen Deutschland" (1978 bis 1985) ein strammer Agitprop-Mann Honeckers gewesen und auch danach, als Ost-Berliner SED-Chef, stets linientreu. Seine Ehe mit einer Russin und seine guten Verbindungen zur Sowjetunion waren wohl die einzigen Merkmale, die ihn zum Gorbatschow der DDR prädestinierten.
Mit Glasnost hatte Schabowski indes nichts im Sinn. In einem Brief an Honecker regte er sich beispielsweise darüber auf, dass immer mehr Bürger den "Drecksender Sat 1" empfangen wollten und sich deshalb größere Fernsehantennen wünschten.
Alexander Osang, Ex-Reporter der "Berliner Zeitung", erinnert sich an Vorfälle aus dem Jahr 1988, die Schabowski als intriganten Hardliner erscheinen lassen. Einem Geschichtslehrer, der in einem FDJ-Sommerlager äußerte, er wisse nicht mehr, was er seinen Schülern über die Stalin-Zeit erzählen solle, pflichtete Schabowski vor Publikum bei - und mokierte sich hinterrücks, wie so jemand in einem Jugendforum zu Wort kommen könne.
Der Generaldirektor des Kombinats Schienenfahrzeugbau, der gegenüber Schabowski einen unsinnigen Parteibeschluss kritisierte, wurde kurz darauf strafversetzt. Die Vorschrift, jeder Betrieb müsse einen bestimmten Prozentsatz an Konsumgütern produzieren, hatte dazu geführt, dass selbst Schwermaschinenbetriebe Wäscheständer und Partygrills im Überfluss herstellten.
So hatte sich Schabowski innerhalb und außerhalb der Partei Feinde geschaffen, die den bisweilen cholerischen "Schah Bowski" nun "ab ins Exil" wünschten. Die Kurve kriegte Schabowski allerdings flinker als alle anderen.
Als erstes Mitglied des Politbüros ging er auf die Straße und diskutierte mit empörten Demonstranten. Als erster aus der Parteispitze empfing er demonstrativ zwei Abgesandte des Neuen Forum, den Biologen Jens Reich und den Physiker Sebastian Pflugbeil - und verhalf so der Opposition zu einer gewissen Anerkennung.
Schabowski war es auch, der sich, neben dem vom pensionierten Agentenführer zum SED-Vordenker gewendeten Markus Wolf, am 4. November bei der Künstler-Demo auf dem Alexanderplatz dem Pfeifkonzert von hunderttausenden aussetzte und sich als opportunistischer Anpasser ausbuhen ließ.
Mit erstaunlichem Geschick mutierte der gelernte Partei-Propagandist zum PR-Manager. Er arrangierte Homestories mit den neuen Regenten, vermarktete die Abrechnung mit dem alten Regime und inszenierte publikumswirksam - "Krenz zieht aus Wandlitz aus" - den Verzicht der Nachfolger auf ihre Privilegien.
Da hatte Schabowski allerdings noch die Illusion, ein DDR-Reformsozialismus könne überleben. Erst später merkte er, dass "das System, dessen politischer Klasse und Führung" er angehörte, "vor dem Leben, vor der Wirklichkeit versagt" hatte.
Zu den "herben Dämpfern", die ihn schnell am Neubeginn zweifeln ließen, zählt Schabowski die erste Fernsehrede des neu gewählten Generalsekretärs Krenz: "Das war noch die blecherne Diktion des SED-Zeitalters, allenfalls geeignet, die konservativen Genossen zu beruhigen."
Kurze Zeit zeigte Schabowski Ambitionen, seinen Mitverschwörer Krenz als Partei- und/oder Staatschef zu verdrängen. Doch dann fiel er, als Gregor Gysi die Führung der SED/PDS übernahm, zugleich mit seinem Verbündeten aus allen Ämtern.
Anfang Januar 1990 verlor Schabowski seinen Sitz in der Volkskammer. Wenig später wurde er, zusammen mit Krenz, aus der Partei ausgeschlossen. Von 1992 an wirkte der gelernte Journalist wieder in seinem alten Metier: Er wurde Mitgesellschafter eines Anzeigenblatts im südhessischen Rotenburg und arbeitete als Layouter; heute lebt er als Rentner in Berlin.
Schabowskis 1991 erschienener Autobiografie "Der Absturz" bescheinigt der westdeutsche Psychoanalytiker Tilman Moser "Aufrichtigkeit". Glaubwürdig sei Schabowskis "Staunen über die Verbohrtheit des Systems und seiner Träger".
Einstigen Kampfgefährten gilt Schabowski als Verräter, seit er seine moralische Mitschuld an den Mauertoten bekannt und sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt hat. Im August 1997 hat das Berliner Landgericht den einstigen Berliner SED-Chef zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; über seine Revision entscheidet der Bundesgerichtshof in diesen Tagen.
Der Anklage hatte er von Anfang an widersprochen: Er sei kein "Schreibtisch-Totschläger". Zu Krenz, der von "Siegerjustiz" sprach, ging Schabowski jedoch auf Distanz: Er halte nichts von derlei "Zungenrollern". Der einstige "rote Star" Krenz leide am "Roten Star", an "ideologischer Blickverengung".
So hat sich Schabowski unbequem zwischen alle Stühle gesetzt: Er wird, so sein Anwalt im Plädoyer, "von den Kommunisten als Schwein, vom Solidaritätskomitee als Ratte, von großen Teilen der Bevölkerung als Wendehals, von der Nebenklage als Waschlappen beschimpft".
NORBERT F. PÖTZL
Im nächsten Heft
"Ich liebe doch alle" - Die Stasi unterwandert Modrows Reformkabinett - Der "Swingman" greift ein - Margaret Thatcher flippt aus
Von Norbert F. Pötzl

DER SPIEGEL 45/1999
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