08.11.1999

DROGEN„Uns hassen doch alle“

Sie wollen ihren Anteil am Kuchen der Wohlstandsgesellschaft: schwarze Jugendliche, die nicht arbeiten dürfen und deren Abschiebung bevorsteht. Mit Rauschgifthandel ziehen die Afrikaner Wut und Ablehnung auf sich. Von Bruno Schrep
Es gibt Menschen, deren bloßer Anblick die Bewohner des Hamburger Schanzenviertels in Raserei versetzt.
"Raus mit ihnen", fordert der griechische Weinhändler. "In der Sahara aussetzen", ergänzt ein altehrwürdiger Hamburger Ladenbesitzer. "Mit der Kalaschnikow draufhalten", phantasiert der türkische Friseur. "Auschwitz wieder eröffnen", empfiehlt der graubärtige Gast in der deutschen Eckkneipe.
Der Hass richtet sich gegen junge Männer. Manche sind 17, 18 oder 19 Jahre alt, einige noch keine 16, beinahe Kinder. Sie kommen aus Afrika. Sie haben Asyl beantragt. Sie verkaufen Rauschgift.
Sie dealen in aller Öffentlichkeit mit Kokain, mit Haschisch und Marihuana. Jeder kann zusehen - in Hamburg und in anderen deutschen Großstädten. "Ameisen" heißen sie in der Drogenszene oder auch "Frontschweine". Die Weißen im Viertel sagen: "Koks-Neger". Sie sind die Letzten beim Milliardengeschäft mit illegalen Drogen: Sie verteilen kleinste Mengen an die Süchtigen.
Sammy gehört zu den Älteren, ist fast 20. Schon um zehn Uhr an diesem Montagmorgen geht er vor dem Eingang des S-Bahnhofs Sternschanze auf und ab. Obwohl die Sonne scheint, friert er, hat den Kragen seiner grellbunten Jacke hochgeschlagen. In seinem Mund verbirgt er vier in Stanniol verschweißte Kügelchen Kokain.
Sammy schaut sich nach Kunden um. Aus der Bahn, die gerade angekommen ist, stürmen jedoch nur ein paar eilige Passanten. Dahinter schlurft ein Obdachloser, in der einen Hand eine Plastiktüte, in der anderen eine geöffnete Flasche Bier. Als er an Sammy vorbeikommt, spuckt er aus.
Der Afrikaner guckt weg. Hass ist er gewohnt, wenn seine Geschichte so stimmt - was er beteuert: Als er im April 1995 in seinem Heimatort von der Schule kam, war sein Elternhaus abgebrannt, Vater und Mutter lagen erschossen in den Trümmern. Bewaffnete Männer packten ihn und seinen älteren Bruder, schleppten be ide mit.
Sammy stammt wie viele der schwarzen Drogenhändler aus Sierra Leone. Dort tobte bis vor kurzem ein Bürgerkrieg zwischen Regierung und Rebellen, dessen Fronten längst nicht mehr erkennbar waren. Beim Kampf um die Macht in der Hauptstadt Freetown und um die Diamantenminen terrorisierte eine enthemmte Soldateska die Bewohner mit Folter, Mord und Verstümmelung, über die Hälfte der Bevölkerung wurde obdachlos.
Die Männer, die Sammys Eltern töteten und ihn rekrutierten, sind Rebellen. Sie geben ihm ein Sturmgewehr, eine AK-47, zwingen den damals 15-Jährigen, mit ihnen zu kämpfen. Bei Überfällen auf entlegene Dörfer muss er schießen: auf unbewaffnete Zivilisten, auf Frauen, auf Kinder.
Nach acht Monaten flieht er während eines Gefechts mit Regierungssoldaten. 400 Dollar, die er sich nach und nach zusammengestohlen hat, versteckt er in einem Schuh. Zu Fuß und per Anhalter schlägt er sich bis in den Nachbarstaat Guinea durch.
Mit den 400 Dollar finanziert er seine Flucht. Wie er bis nach Deutschland gelangt ist, verrät er nicht, denn das könnte im Asylverfahren gegen ihn verwendet werden. Mit dem Flugzeug? Per Schiff? Über die Grenze eines Nachbarstaats wie Polen? "Es war ein langer Weg", sagt Sammy.
Kurz nach elf Uhr kommt der erste Süchtige: ein junger Mann auf Krücken, das linke Bein wegen Spritzenabszessen bandagiert. Sammy kennt ihn, gibt ihm ein Zeichen, winkt ihn zu einer unübersichtlichen Stelle, greift blitzschnell in den Mund. Sekunden später humpelt der Süchtige davon. Gesprochen wird kein Wort.
Wenig später stoppt ein großer Mercedes, direkt an der Haltestelle der Buslinie 181. Der Fahrer, das Gesicht hinter einer Sonnenbrille versteckt, kurbelt die Scheibe herunter, hebt drei Finger, streckt kurz die Hand aus dem Wagen. Wieder wird kein Wort gesprochen.
Gegen Mittag ist plötzlich John da, älter als Sammy, ebenfalls aus Sierra Leone. Sein Gesicht verrät Nervosität und Misstrauen. Er sieht aus, als hätte er seit Jahren nicht mehr gelacht. In seinem Heimatort hackten die Rebellen Männern, die ihnen nicht folgen wollten, die Unterarme ab. John sah die Verstümmelten, bei einigen hatten die Rebellen die abgetrennten Gliedmaßen zusammengebunden und ihren Opfern um den Hals gehängt. Seitdem macht sich John keine Illusionen mehr.
Dass er in Deutschland gescheitert ist, hat ihn noch mehr verbittert. Er wurde nicht als politisch Verfolgter anerkannt, ebenso wenig wie die meisten aus jenen westafrikanischen Ländern, wo es nach den Standards der deutschen Behörden keine Verfolgung gibt. Der Traum, er könne sich hier zum Automechaniker ausbilden lassen, erwies sich als völlig unrealistisch. Er wird noch geduldet und bekam die befristete Erlaubnis, zwei Stunden täglich für eine Zeitarbeitsfirma Büros zu schrubben.
John hat über ein Dutzend schwarze Männer mit zum S-Bahnhof gebracht, die auf seine Anweisungen hören. Lärmende junge Burschen mit bunten Baseballmützen und Turnschuhen, ausgelassen und angespannt zugleich.
Manche schwenken Bierdosen, trinken sich Mut an. Andere rauchen Gras. Sie schwärmen aus in den angrenzenden Park, in die benachbarten Straßen, bilden kleine Gruppen, zischeln Vorübergehenden zu: "Want someting?"
Khaled ist dabei, ein schlaksiger Junge mit giftgrüner Schildkappe, darunter ein Kindergesicht. Er fährt ständig die Rolltreppe zur S-Bahn hoch und runter, führt da ein Verkaufsgespräch, mischt sich dort in Verhandlungen ein, wird geholt, wenn es Verständigungsprobleme gibt.
Khaled ist erst 15, lebt in einer Jugendwohnung. Bevor er mit Marihuana dealt, geht er zur Schule. Heute hat er gerade eine Deutscharbeit zurückbekommen, Grammatik. Stolz zeigt er die Note, eine Drei minus.
Als er von Guinea nach Hamburg kam, war er gerade 13. Die Geschichte, die er auf dem Ausländeramt erzählte, hat dort niemand geglaubt: Seine Eltern seien tot, sein Onkel und einziger Verwandter, ein hoher Militär, sei bei der Regierung in Ungnade gefallen und sitze im Gefängnis. Er selbst habe gerade noch fliehen können.
Die Beamten stufen Khaled als eines jener afrikanischen Kinder ein, die von ihren Angehörigen auf gut Glück und ganz allein nach Europa geschickt werden, um dem Elend in der Heimat zu entkommen - Afrikas Misere führt direkt ins Hamburger Schanzenviertel.
Die Auswirkungen im Stadtteil sind verheerend. Die Drogenszene ist allgegenwärtig: Treppenhäuser und Zufahrten sind mit gebrauchten Spritzen übersät. Ladenbesitzer finden morgens in ihren Eingängen Junkies, meist in erbärmlichem Zustand.
Das Quartier, in dem seit Jahrzehnten Deutsche und Ausländer zusammenleben, bislang geprägt vom Miteinander unterschiedlichster Kulturen, droht zu kippen. Der Reiz, neben dem türkischen Gemüsehändler den asiatischen Imbiss und den alternativen Bäcker zu finden, wiegt Ängste und Empörung nicht mehr auf. Familien mit Kindern ziehen weg. Geschäfte schließen. Für viele Bewohner, die bislang als besonders tolerant gegenüber Minderheiten galten, ist schwarz inzwischen ein Synonym für schlecht.
"Hier gilt doch längst jeder Afrikaner als Dealer", glaubt Alhagi C. Der Mann aus Gambia, seit acht Jahren in Deutschland, ist auf die Drogenhändler so wütend, wie es viele der rund 17 000 Afrikaner sind, die in Hamburg leben. "Sie zerstören unseren Ruf und unsere Existenz", befürchtet Alhagi C.
Wenn der 41-Jährige die Jugendlichen beim Tischtennisspielen im Schanzenpark trifft, gibt es Streit. "Ihr kassiert Dreckgeld, Blutgeld", schimpft er, "stop it." Die Jungs lächeln dann nett und spielen weiter.
Von Menschen, die sich beruflich mit ihnen befassen müssen, werden die jungen Dealer sehr unterschiedlich beurteilt. "Clever wie Bergziegen", sagt der Chef vom Rauschgiftdezernat, dessen Beamte ihnen ständig hinterherlaufen. "Arme Schweine", sagt der Jugendrichter, bei dem die Halbwüchsigen immer wieder als Angeklagte landen. "Opfer verfehlter Flüchtlingspolitik", sagt die Sozialarbeiterin, deren Organisation seit Jahren ein Zentrum für afrikanische Jugendliche und mehr Geld für Ausbildungsmaßnahmen fordert. "Wer arbeiten darf, hört sofort auf zu dealen", berichtet ein Heimleiter. Doch sobald die Arbeitserlaubnis abgelaufen sei, "sind die Jungs wieder auf der Szene".
Mittwochnachmittag, 15.20 Uhr: Razzia. Polizeisirenen. Geschrei. Quietschende Reifen. Die schwarzen Männer sind schon Sekunden zuvor in alle Richtungen auseinander gestoben, einer stolpert, schlägt langweg aufs Pflaster. Späher, die an der Hauptstraße standen, hatten über Handy Alarm geschlagen - zu spät.
Die Uniformierten kommen diesmal aus mehreren Richtungen zugleich. Zivilbeamte springen hinzu, eben noch getarnt als Bauarbeiter und Handwerker. Zwei Dealer werden festgenommen, mit Handschellen gefesselt, in einen Streifenwagen verfrachtet. "Nazis", ruft ein Schwarzer hinterher. "Bravo", tönt es aus einem Fenster.
Tom kann gerade noch weglaufen, sich in einen Hauseingang flüchten. Er zittert, ist außer Atem. Drei Kokainkugeln, die er im Mund verborgen hielt, hat er vorsichtshalber verschluckt. Fünf Minuten später steht er wieder auf der Straße.
Der 17-Jährige musste schon schlimmere Angst aushalten: damals, auf dem riesigen Containerschiff, das ihn von Liberia nach Hamburg brachte. Tom fuhr als blinder Passagier. Alles, was er besaß, etwas Schmuck und 120 Dollar, gab er einem spanischen Matrosen, der ihn bei Nacht an Bord schmuggelte und in einem winzigen Verschlag nahe dem Maschinenraum versteckte, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Bett.
Zwei Wochen lang weiß er da nicht, ob draußen Tag oder Nacht ist. Wenn er Schritte hört, beginnt er zu beten. Der Spanier hat ihn beschworen, nie das Versteck zu verlassen, und ihm für den Fall seiner Entdeckung mit dramatischen Gesten ein schnelles Ende prophezeit: Matrosen würden ihn packen und über Bord werfen - ein Schicksal, das blinden Passagieren aus Afrika schon oft widerfahren ist.
In seiner dunklen Kammer stellt sich Tom sein schönes neues Leben vor. In Deutschland, hatten ihm Rückkehrer vorgeschwärmt, gebe es großartige Chancen für gewiefte schwarze Jungs: jede Menge Jobs, tolle Kleidung, sogar Autos. Tom wollte auch zur Schule gehen, denn er kann weder lesen noch schreiben außer den paar Versen, die er während sechs Monaten in der Koranschule gelernt hatte.
Dann steht er an einem Aprilmorgen um vier Uhr am Hamburger Hauptbahnhof, ohne Geld, ohne Ausweis, und fragt, wie ihm der Spanier eingeschärft hat, andere Schwarze nach dem Ausländeramt.
Toms Träume sind schnell ausgeträumt. Sein Asylantrag wird abgelehnt. Sein befristetes Aufenthaltspapier - Fachjargon: Duldung - läuft in ein paar Wochen ab.
Arbeiten darf er nicht, von Gesetzes wegen. Er wüsste auch nicht, was. Selbst Zeitungen auszutragen wird ihm untersagt. Beim Deutschkurs, den er drei Monate besuchen darf, kommt er nicht richtig mit. Er lernt nur ein paar Brocken: "Bleiberecht", "Platzverweis", "Scheiße". Gut verständigen kann er sich nur mit Schwarzen, die wie er die afrikanische Sprache Fula sprechen. Buchstaben bleiben ihm ein Rätsel.
Im Asylbewerberheim, weit außerhalb gelegen, hat Tom unendlich viel Zeit. Um sie sinnvoll zu nutzen, fehlen ihm alle Voraussetzungen.
Anfangs bleibt er bis mittags wie betäubt im Bett liegen, guckt dann im Fernsehraum stundenlang die Zappelbilder eines Musiksenders. Doch schnell wird er von der Umtriebigkeit der Mitbewohner angesteckt: Jugendliche wie er, die trotz Arbeitsverbots ständig beschäftigt sind, mehrmals täglich zwischen Heim und Innenstadt hin- und herpendeln; die Markenjeans und Goldketten tragen, von Erlebnissen bei Discobesuchen schwärmen und von Treffen mit Mädchen. Und das, obwohl sie wie Tom nur 410 Mark monatlich für Kleidung und Verpflegung bekommen. "Woher habt ihr das Geld?", will er von einem Zimmernachbarn wissen. "Frag John."
Von Kokain hat Tom zuvor nie gehört. Er weiß nicht, wie es riecht, er weiß nicht, wie es wirkt, er weiß nicht, wie es hergestellt wird. Doch er kapiert sofort, dass ihn dieses Zeug seinen Wünschen näher bringen kann: Er will auch in die Disco und ins Kino, er will auch schicke Klamotten, und er will auch eine goldene Kette um den Hals.
John weiß, wie das Geschäft funktioniert: Einer der Ältesten im Asylbewerberheim, der nicht mehr selbst auf der Straße steht, sich hochgedient hat, kauft Kokain in größeren Mengen ein; von Südamerikanern, von Kurden, auch von Deutschen, die gegen Honorar als Drogenkuriere nach Peru oder Kolumbien fliegen. Das Gift wird dann gestreckt, in Kügelchen verpackt und an Mittelsmänner wie John gegeben, der es an die Jungs verteilt. Die werden bei ihrem risikoreichen Einsatz nicht reich.
Beim ersten Mal bekommt Tom fünf Kugeln. John weist ihn ein: "Verkauf für 20 Mark pro Stück. 6 Mark sind für dich, den Rest gibst du mir." Und: "Bleib nie stehen. Halt Blickkontakt zu den anderen. Lauf bei Streit sofort weg."
Schon am zweiten Tag wird Tom erwischt. Ein Süchtiger, der dafür freikommt, verpfeift ihn. Auf dem Polizeirevier muss sich Tom nackt ausziehen, bleibt fünf Stunden in einer Zelle eingesperrt. Dann lassen ihn die Beamten laufen - und kriegen ihn danach nie mehr.
Andere fallen ständig auf. Der ängstliche Barry, der die Kokainkügelchen nicht runterschlucken mag, auch nicht schnell genug laufen kann und sich oft ungeschickt anstellt, ist schon mehr als 20-mal geschnappt worden. Der Jugendrichter verdonnerte ihn zweimal zu gemeinnütziger Arbeit und vor kurzem zu einem Jahr Haft mit Bewährung - bewirkt hat es nichts.
Jungs wie Barry wissen, dass sie ohnehin abgeschoben werden, in Deutschland keine Zukunft haben. Sie dürfen nur bleiben, solange in den Heimatländern Bürgerkriege toben. Die Frist wollen viele nutzen. Barry muss sie nutzen.
Er denkt ständig daran, dass seine Angehörigen in Afrika auf seine Hilfe hoffen, auf Geld warten, und so dealt er trotz der vielen Festnahmen immer weiter. Er fühlt sich unter Druck, denn die Familie hatte jahrelang gespart, um seine illegale Einreise zu bezahlen. Er bereut längst, dass er den Trip gewagt hat.
Manche der Jüngsten können ihre Situation jedoch schlecht einschätzen: Die Ängste und Risiken in der Szene, das tägliche Versteckspiel mit der Polizei entsprechen ihrer Sehnsucht nach Abenteuer und Gefahr. Und das leicht verdiente Geld nährt den gefährlichen Irrtum, künftig mühelos mit Straftaten durchzukommen.
Natürlich ist allen klar, dass sie fortwährend Gesetze brechen. Aber nicht alle spüren, dass kaum etwas bei den Bürgern als verwerflicher und moralisch minderwertiger gilt als das Geschäft mit der Sucht. Dazu sind viele zu fremd, zu naiv, zu sehr auf ihren kurzfristigen Vorteil fixiert.
John ist es egal. "Uns hassen doch sowieso alle", glaubt er. "Es spielt keine Rolle, ob wir dealen oder nicht."
Als er kürzlich ausnahmsweise allein S-Bahn gefahren sei, hätten ihn sofort mehrere Weiße angepöbelt: "Neger raus." Beim Besuch eines HSV-Spiels seien er und seine Freunde von betrunkenen Fußballfans verfolgt worden: "Scheiß-Nigger." Und als er ein Konzert besuchen wollte, habe ihn der Türsteher herrisch abgewiesen: "Du nicht, Bimbo."
Johns Landsmann Tom gehört dagegen zu denen, die sich wegen der Dealerei schämen. "Ich weiß, dass Drogenhandel Sünde ist", sagt der Muslim, der täglich betet, manchmal auch in die Moschee geht. Er hofft, dass Gott ihn nicht so streng bestraft: "Er sieht doch, wie es mir hier geht."
Wenn Tom das schlechte Gewissen zu sehr plagt, ist er spendabel gegenüber Süchtigen wie Micha. Der kommt am Freitagabend mit fahrigen Bewegungen zum S-Bahnhof Sternschanze, in der Jackentasche eine CD, die er gerade geklaut hat, und sonst gar nichts.
Micha hat sich selbst überlebt. Er ist 41, uralt für einen Fixer. Seine Haut ist von einer Hepatitis gelb verfärbt, in seinem Oberkiefer sitzen noch zwei Zähne.
Er hat alles ausprobiert: geschluckt, gespritzt, gekifft. Und er hat alles versucht, um von Drogen loszukommen, war oft zum Entzug in der Psychiatrie, hat dutzende Therapien hinter sich. Jetzt bekommt er die Ersatzdroge Methadon gegen die Heroinsucht. Den Kick, die Sekunden absoluten Hochgefühls, sucht er beim Kokain. Tom ist sein Stammdealer.
An diesem Freitag hat Micha Glück. Tom will seine CD nicht, weiß, dass er kein Geld hat, schenkt ihm trotzdem eine Kugel - danach geht alles ganz schnell: Micha rennt hinter eine Schallschutzmauer der Deutschen Bahn, mitten in eine Mülllandschaft aus zerborstenen Möbeln, weggeworfenen Autoreifen und leeren Bierdosen.
Mit seinem Feuerzeug brennt er die verschweißte Folie des Kügelchens weg, löst das weiße Pulver mit Wasser auf, zieht die Flüssigkeit auf eine Spritze. Während oben ein Zug vorbeifährt, zieht er die Hosen runter, spritzt sich in den linken Oberschenkel. In die total zerstochenen Arme würde kein Schuss mehr passen.
Solche Szenen, im Schanzenviertel täglich zu beobachten, schüren den Hass. Auch Junkies wie Micha suchen die Schuld für ihr Elend gern bei den Dealern: "Manchmal denke ich, ohne diese verdammten Nigger wäre ich längst weg davon."
Doch eigentlich sei das ja auch wieder Quatsch: "Als ich vor 21 Jahren angefangen habe, gab's keine schwarzen Dealer."
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 45/1999
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