08.11.1999

JUGOSLAWIENSlobos Revanche

Vergeblich hofft die Opposition in Belgrad bisher auf den Sturz von Präsident Milosevic. Dessen Regime wankt nicht einmal und straft rigoros Abtrünnige und Feinde.
Attentate, so eröffnete die Belgrader Wochenzeitung "Nedeljni Telegraf" ihren Lesern, seien eine "serbische Tradition". Die erlebt im Schattenreich des Balkan-Despoten Slobodan Milosevic derzeit eine blutige Renaissance.
Allein vier Attentate auf politische Opponenten gab es zuletzt in Serbien. Anfang Oktober sollte der Führer der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO) Vuk Draskovic durch einen arrangierten Autounfall liquidiert werden. Er überlebte als Einziger - vier Personen starben. Weil das Regime das Attentat nicht mehr leugnen konnte, schob man die Verantwortung auf eine mysteriöse Serbische Befreiungsorganisation (OSA). Diese habe in einem Bekennerbrief den Anschlag gestanden.
Einen Tag vor dem Mordversuch gegen Draskovic feuerten Unbekannte auf den Präsidenten der SDA-Partei in Priboj/Sandzak. In Valjevo warfen Attentäter nachts eine Bombe auf die Terrasse des
* Oben: Ende Oktober bei Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs nach Bistrica; unten: mit Ehefrau Mirjana, Sohn Marko, Tochter Marija.
Präsidenten der Demokratischen Partei. Selbst Zoran Djindjic sieht Anzeichen für ein geplantes Attentat auf ihn. Polizei habe seine Leibwächter nach den bevorzugten Fahrtrouten ausgefragt.
Schon nach dem von Belgrad inszenierten Bosnienkrieg sollen Insideraussagen zufolge hunderte von "Mitwissern" durch mysteriöse Autounfälle ums Leben gekommen sein. Aber auch zahlreiche enge Freunde der Milosevic-Dynastie wurden in den vergangenen Jahren unter nie aufgeklärten Umständen ermordet aufgefunden. Sie hatten sich von ihren Gönnern distanziert.
Die Hoffnungen vieler auf einen baldigen Regimewechsel in Belgrad nach dem Kosovo-Desaster haben sich nicht erfüllt. Sonderpolizei und Armee sichern Jugoslawiens Präsidenten weiterhin die Basis der Macht. Die Anläufe der zersplitterten Opposition, mit Massendemos Milosevic zu kippen, schlugen bisher fehl. Entsprechende Ankündigungen des Führers der Demokratischen Partei, Zoran Djindjic, erwiesen sich als zu vollmundig.
Einzige Alternative scheinen nun baldige Wahlen zu sein. Dafür ist der Westen offenbar bereit, mit Sanktionsmilderungen einzulenken - etwa humanitären Öllieferungen und einer Aufhebung des Flugembargos.
Wenn das man genügt. Denn so leicht gibt Milosevic, 58, nicht auf. Stattdessen ließ er zur Jagd auf Fahnenflüchtige blasen. So wurde bekannt, dass sein früherer Spezi, Serbiens Präsident Milutinovic, unter "Hausarrest" steht. Er soll intern Zweifel am Kurs der Partei geäußert haben.
Wo Warnungen und Verlockungen nicht helfen, wird erbarmungslos eingeschüchtert. Eine Erfahrung, die der ehemalige Sozialisten-Vize Milorad Vucelic machte. Der hatte sich während des Kosovokriegs nach Griechenland abgesetzt. Sicher sein kann er jetzt nicht mal mehr in Montenegro. Dort wurde sein Auto von Kugeln durchsiebt. Er hatte es zufällig an Freunde ausgeliehen.
Vergebens suchte der Westen seit dem Kosovokrieg mit einer internationalen Quarantäne das Milosevic-Regime zu schwächen - etwa mit einer Boykottliste für Visa. Auf der stehen seit dem 5. Mai 305 Loyalisten des Serben-Regenten, denen die EU sowie weitere 15 Staaten, einschließlich der USA, die Einreise offiziell verbieten. Ausnahmen, rechtfertigte sich die EU lakonisch, seien allerdings vorgesehen.
So wie für Ivica Dacic, Sprecher der Sozialistischen Partei Serbiens. Der tummelte sich jetzt unbehelligt bei der Tagung der Interparlamentarischen Union in Berlin. Per Handy scherzte er vom Kurfürstendamm mit den in Belgrad zurückgebliebenen Journalisten: "Nicht einmal die Fingerabdrücke haben sie von unseren Gläsern genommen."
Wenn der Westen Milosevic entmachten wolle, müsse er von seinen halbherzigen Aktionen Abstand nehmen, warnt denn auch der Belgrader Staranwalt Toma Fila: "Die Liste ist reine Schlamperei. Personen wurden verwechselt, andere haben seit Jahren eine andere Position." Auf mindestens 3000 bis 4000 Personen - vom Gemeindebürgermeister bis zu den Direktoren von Staatsbetrieben - müsse das Reiseembargo laut Fila ausgeweitet werden. Nur dann ließe sich der Machtapparat um Milosevic isolieren.
Auch die geheime Boykottliste für serbische Firmen, die von korrumpierten Funktionären gemanagt werden, müsste drastisch aufgestockt werden. Hunderte serbischer Unternehmen verlegten ihren Sitz mittlerweile nach Montenegro, weil die EU-freundliche Teilrepublik des Dissidenten-Präsidenten Milo Djukanovic mit rund 600 000 Einwohnern von den Sanktionen ausgenommen wurde.
Zunächst hatten die Reisebeschränkungen Panik unter der luxusverwöhnten Gefolgschaft der Präsidentenfamilie Milosevic ausgelöst. Immerhin umfasste die Büßerkartei nahezu die gesamte politische und militärische Hierarchie sowie die persönlichen Freunde des Herrscherpaares. Die Nomenklatura fürchtete um ihre Pfründen und Alterswohnsitze im sonnigen Ausland. Die Schweiz ließ bereits Konten der "unerwünschten Touristen" einfrieren.
In London blockierte die Regierung die Immobilien des Milosevic-Geldkuriers Bogoljub Karic, Listenplatz 75 der Embargoliste. Als der Multimillionär samt Gattin Milenka sogar vom Flughafen in Nikosia/ Zypern nach Belgrad zurückverfrachtet wurde, war dessen Loyalität zum Regime schnell erschöpft. Serbiens Rockefeller, Besitzer von Banken, einem TV-Sender, eines Kommunikationsnetzes und Wirtschaftskonzernen rund um die Welt, verkündete seinen Rücktritt als Minister ohne Ressort. Niemand in der Regierung, klagte er, habe dort seine demokratischen Reformvorschläge gewürdigt.
Das Milosevic-Imperium schlug umgehend zurück. "Slobos" Finanzpolizei prüft jetzt die Geschäftspraktiken des Abtrünnigen. Karic setzt derweil auf das Wohlwollen anderer: Die EU korrigiert im Zwei-Monats-Rhythmus ihre Sanktionskartei. Einsichtige dürfen mit einer Streichung aus der Liste rechnen. Dann könnte Karic den Frust politischer Ungnade zumindest in seinem englischen Schloss verwinden.
Selbst im hartgesottenen Clan um Milosevic-Gattin Mirjana Markovic und ihre kommunistische Parteiorganisation JUL war nach der EU-Entscheidung das Zittern um den Verbleib der in Zypern, Griechenland, der Schweiz, Luxemburg oder China gebunkerten Notgroschen spürbar. Die von der Landesmutter in den Direktoren- oder Ministerstand erhobenen Freunde packten klammheimlich die Koffer, schickten Söhne und Töchter als Vorboten außer Landes. Zoran Miskovic, ehemaliger Minister und Direktor des Delta-Konsortiums, einer staatlichen Monopolzentrale für Import-/Exportgeschäfte, verfügte flugs die Firmenverlegung ins Ausland. Damit, triumphierte er gegenüber Freunden, sei er bereits von der EU-Liste gestrichen. Delta galt als lukrative Einnahmequelle für JUL-Funktionäre und deren dubiose Geschäfte. Die Firma befand sich auf einer Boykott-Geheimliste der EU.
Zunehmende Zweifel an der Loyalität seiner politischen Diener lassen Milosevic nun noch mehr Rückhalt im engeren Familienkreis suchen. Ehefrau Mirjana führte erstmals eine politische Delegation zu Gesprächen mit den montenegrinischen Abgeordneten, um die künftigen Beziehungen zwischen den beiden Republiken zu erörtern. Die Montenegriner kamen dabei allerdings nicht zu Wort. Die vorgesehene Diskussionszeit von einer Stunde füllte die Soziologieprofessorin allein mit ihrer Anklage gegenüber den undankbaren Brüdern aus.
Sohn Marko wurde vergangene Woche in die Geschäftsführung der Pozarevac-Bank aufgenommen - einer Zweigstelle der Beobank, die internationale Transaktionen vornimmt. Tochter Marija ist als Botschafterin für Kuba im Gespräch.
Die Welt, so verkündete der Serben-Vormann während einer Brückeneinweihung optimistisch, werde sich "schon bald ändern". Es gelte nur, die Übergangsperiode auszusitzen. Und Ehefrau Mirjana ließ wissen: Das eigene Land sei "so wunderschön". Da wolle sie gar nicht ins Ausland - schon gar nicht in Staaten, in denen sie nicht willkommen sei. RENATE FLOTTAU
* Oben: Ende Oktober bei Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs nach Bistrica; unten: mit Ehefrau Mirjana, Sohn Marko, Tochter Marija.
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 45/1999
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