08.04.2017

LandwirtschaftNot mit dem Nachschub

Die deutsche Biobranche kann die steigende Nachfrage mit heimischer Ware kaum bedienen, einige Ökoerzeuger mogeln deshalb dreist.
Er hört sich ziemlich mega an, dieser Werbeflyer. Von dem "Megatrend" Agrarland ist darin die Rede und dem "Megatrend" Biolebensmittel. An beiden Trends, verspricht das Papier, sollen potente Investoren partizipieren können – durch einen "Bio Agrar Fonds". Dafür sollen 250 Millionen Euro eingesammelt und in 40 000 Hektar Fläche in Zentral- und Osteuropa investiert werden. Landgrabbing werden solche spekulativen Großprojekte gemeinhin genannt.
Das Besondere an dem Papier ist einer der Absender: Neben dem Hamburger Investmenthaus MPC Capital steht auf dem Prospekt die Firma Bioland Markt, eine frühere Tochterfirma des Bioland-Verbands, die weiter eng mit dem größten deutschen Ökoerzeuger verbunden ist und Rohstoffe in Bioland-Qualität besorgen soll.
Verabschiedet sich hier der größte deutsche Bioverband von seinem Ziel der bäuerlichen Landwirtschaft? Ist Landgrabbing inzwischen eine Option für Ökos?
"Diese Ziele haben mit Bioland absolut nichts zu tun", sagt Verbandspräsident Jan Plagge. Auch ein Bioland-Markt-Sprecher geht auf Distanz: Es habe sich um ein Konzept gehandelt, das nicht umgesetzt wurde.
Zumindest nicht so. Nach günstigen Gelegenheiten wird aber offenbar weiter gesucht: MPC Capital kümmert sich eigenen Angaben zufolge mit einer Schwesterfirma der Bioland Markt um Anlageobjekte für potenzielle Investoren. Und in Rumänien kaufte sich diese Firma bereits in einen Betrieb in Siebenbürgen ein, der 1200 Hektar in Pacht bewirtschaftet.
Dass die Branche überhaupt auf Investoren und Spekulanten zugeht, die lange als Feindbild schlechthin galten, zeigt, wie groß die Not inzwischen ist – die Not mit dem Nachschub.
Die Lage auf dem Biomarkt scheint paradox: Die Nachfrage wächst, aber die heimische Produktion stagnierte lange. Im Jahr 2016 kauften die Konsumenten für 9,5 Milliarden Euro Ökolebensmittel – ein Plus von 44 Prozent gegenüber 2011. Im selben Zeitraum wuchs die Anbaufläche jedoch nur um bescheidene 17 Prozent. Stark steigende Bodenpreise, subventionierte Biogasanlagen mit hohem Flächenbedarf und politisches Desinteresse sind die Gründe dafür.
Um sich genügend Rohstoffe zu sichern, nehmen es Verbände und Unternehmen mit den eigenen Grundsätzen zuweilen nicht so genau. Nach außen wird zwar die Idee einer lokalen bäuerlichen Landwirtschaft am Leben gehalten, tatsächlich aber ist die Ökobranche inzwischen global vernetzt und setzt vielerorts auf Masse, Größe und Produktion unter Plastikplanen.
Dieser Systemwechsel läuft nicht ohne Kollateralschäden ab: Immer wieder fliegt inzwischen mit Pestiziden kontaminierte oder falsch etikettierte Bioware auf. Besonders anfällig sind Biofuttermittel. Ökotierhalter stopfen ihre Versorgungslöcher inzwischen gern mit Ware aus Osteuropa, wo mancherorts offenbar eine ganz eigene Auslegung von Bioanbau vorherrscht. So sagte der Manager einer rumänischen Sonnenblumenfarm einem Kontrolleur ganz offen: "Ökologischer Landbau ist ohne den Einsatz chemischer Hilfsmittel nicht möglich." Es war der Leiter der Farm, über die 2014 Hunderte Tonnen verseuchtes Biofuttermittel nach Deutschland kamen.
Wenig später folgte der Skandal um mit Pflanzenschutzmittel verseuchte Ökosonnenblumenkuchen aus der Ukraine – diesmal ging es um Tausende Tonnen und Dutzende Abnehmer in Deutschland. Betroffen waren auch vermeintlich strenge Ökoverbände wie Biopark. Für dessen größtes Mitglied, den Legehennenkomplex Fürstenhof bei Rostock, gab es sogar ein zeitweiliges Öko-Vermarktungsverbot.
Die Fürstenhof-Gruppe ist einer der größten Bioeierproduzenten Deutschlands. Etwa 80 Millionen Eier werden dem Federvieh in den über ein Dutzend Farmen pro Jahr abgepresst, wobei es schon öfter Zweifel gab, ob dort alles so "bio" ist, wie Fürstenhof-Chef Friedrich Behrens gern behauptet – und wie es der Verband Biopark, mit dessen Siegel Behrens seine Eierverpackungen verziert, lange abgenickt hat. Zeitweise gab es für den Rewe- und Alnatura-Lieferanten Öko-Vermarktungsverbote – mal wegen des Verdachts auf zu geringen Auslauf, mal wegen verunreinigten Futters, was Behrens bestritt. Die Beschaffung von Biofutter, das den Verbandsstandards genügte, schien für Behrens allerdings ein ständiges Problem.
Dem SPIEGEL liegt der Prüfbericht eines Biokontrolleurs für das Fürstenhof-Futtermittelwerk vor. Er zeigt ein ziemliches Durcheinander und liest sich stellenweise so, als machte sich jemand seine eigenen Gesetze.
Für Hunderte Tonnen Mais aus der Ukraine lagen demnach keine Rechnungen vor. Mitunter wichen Preise auf kopierten Rechnungen von Preisen in Tabellen voneinander ab. Weitere Auskünfte dazu, heißt es in dem Bericht, "wurden durch Herrn Behrens mit dem Hinweis 'gehört nicht zu Ihrem Prüfungsumfang'" verweigert.
Es geht noch weiter: Den von Biopark geforderten Anteil heimischer Verbandsware (laut Bericht 61 Prozent) verfehlt Behrens laut Berechnungen des Prüfers mit 43,9 Prozent deutlich. Abhilfe schaffte man, so hält es der Bericht fest, offenbar damit, dass "ukrainischer Ökoweizen als deutsche Biopark-Ware vereinnahmt wurde" – soll heißen: umdeklariert wurde.
Fragen dazu reicht Behrens an Walter Scheuerl weiter, einen versierten Rechtsbeistand des agroindustriellen Geflügelkomplexes in Deutschland. Keine Rechnungen für diverse Lieferungen, Umdeklarationen? Derartige Behauptungen seien alle falsch, Fragen dazu nennt er "tendenziös", von Verbrauchertäuschung könne keine Rede sein. Wirklich nicht?
Beim Futter etwa, so Scheuerl, habe Biopark einen Anteil von mindestens 50 Prozent heimischer Futtermittel erwartet. Was er nicht sagt: Von Behrens wurde 2015 eine höhere Quote von 61 Prozent gefordert, weil er den verlangten Anteil immer wieder unterschritten hatte, wie ein internes Biopark-Schreiben zeigt.
Lange wurde der Schmu vom Verband offenbar geduldet. Das könnte daran gelegen haben, dass der langjährige Biopark-Vorstandschef geschäftlich eng mit Behrens verbandelt war – als Gesellschafter in dessen Firma.
Ähnlich lax wie bei Biopark ging es auch bei der Naturland-Marktgenossenschaft zu, einem der größten Biovermarkter Deutschlands.
Ende vergangenen Jahres hatte die Genossenschaft einen Betrug mit Biokarotten einräumen müssen ( SPIEGEL 46/2016). Wegen Engpässen waren EU-Biomöhren zu heimischer Naturland-Ware, die teurer verkauft werden kann, umdeklariert worden. Der damalige Geschäftsführer musste gehen. Aufräumen sollte nun ein ehemaliger Metro-Manager, der jedoch im Januar nach nur drei Tagen im Amt wieder gehen durfte. Bis heute, berichtet eine Mitarbeiterin, sei die alte Garde mit am Ruder, die bereits im Sommer 2015 die Umdeklaration bei Treffen abgenickt habe.
Ein Firmensprecher lässt dazu wissen, in den Gremien sei darüber "nichts bekannt" gewesen. Er sagt aber auch, dass es bereits 2014 zu "Unregelmäßigkeiten mit Weißkohl" gekommen sei. Eine Prüfung habe nun ergeben, dass 487 545 Kilogramm Möhren umdeklariert wurden, etwa 20 Lkw-Ladungen. Ein Teil der Ware ging an Rewe.
Auch beim Branchenprimus Bioland hat die Nachschubnot erstaunliche Kompromissbereitschaft erzeugt. Zeitweise wurde sogar rumänisches Soja des umstrittenen und konventionell verflochtenen Konzerns KTG Agrar als Verbandsware akzeptiert. Das Unternehmen ist inzwischen pleite. Um derartige Durststrecken in Zukunft zu vermeiden, brütete der Partner Bioland Markt dann seine Investmentprojekte für Osteuropa aus.
Bioland-Chef Plagge ahnt nun offenbar, dass ihm solche Geschäfte schaden könnten. Wer im Namen von Bioland Landakquise betreibe, warnt er, "dem können und werden wir den Namen entziehen".
Der Eierunternehmer Behrens muss ebenfalls umdenken. Von der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern hat er zwar nicht viel zu befürchten. Obwohl die Erfassung ukrainischen Ökoweizens als deutsche Biopark-Ware gegen die EU-Öko-Verordnung verstieß, wie ein Sprecher einräumt, verhängte das Land nur ein bescheidenes Bußgeld in Höhe von 500 Euro.
Härter aber trifft Behrens, dass der Verband Biopark ihm samt seiner Futtermühle zum Ende 2016 gekündigt hat – und deshalb die meisten Fürstenhof-Betriebe das verkaufsfördernde Verbandslogo nicht mehr nutzen dürfen. Abhilfe soll nun ein neuer Verband namens Bio-Initiative schaffen. Er scheint wie gemacht für die Fürstenhof-Farmen. Ganz wichtig, hält ein Grundsatzpapier fest, sei Transparenz gegenüber den Verbrauchern.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 15/2017
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