08.04.2017

ArtenschutzHeiliges Holz

Gitarren aus Palisander? Flöten aus Bubinga? Neue Tropenholzvorschriften machen Instrumentenbauern und Musikern das Leben schwer.
Die besten Gitarren stellt Johannes Döbertin im Obergeschoss seines Ladens aus – alarmgesichert. Eine "Fender Stratocaster" von 1963 hängt dort an der Wand, Verkaufspreis 23 000 Euro. Eine "Gretsch 6125", Baujahr 1962, glänzt mit elegant geschwungenen F-Löchern im Korpus. Fast unscheinbar dagegen die akustische "Gibson L-0" von 1941.
"All diese Gitarren enthalten Bauteile aus Palisander", sagt Döbertin, einer der Geschäftsführer des No. 1 Guitar Center in Hamburg. Vorsichtig nimmt er eines der Instrumente zur Hand und zieht die Saiten etwas auseinander, bis die Maserung des Griffbretts gut zu erkennen ist. Auch die Brücke der Gitarre, jenes Bauteil, das die Schwingungen der Saiten auf den Korpus überträgt, ist aus edlem Tropenholz.
"Palisander ist ein sehr attraktives Tonholz", schwärmt Döbertin. Doch was gut klingt, ist oft selten. Viele Edelhölzer, von Instrumentenbauern wegen ihrer Klangqualität, Härte und Optik geschätzt, sind bedroht. Seit Anfang des Jahres dürfen gut 300 Palisanderarten sowie afrikanisches Bubinga- und Kosso-Holz nicht mehr ohne behördliche Genehmigung gehandelt werden. Neben Möbeln oder Messergriffen betrifft die Regelung viele Musikinstrumente.
"In fast allen Akustikgitarren und zwei von drei E-Gitarren ist Palisander verbaut", sagt Döbertin. Auch viele Holzblas- und Streichinstrumente seien betroffen. Selbst Privatbesitzer, die ihr Instrument auf dem Flohmarkt oder bei Ebay anbieten, müssten nun einen Kaufbeleg vorweisen oder anderweitig belegen, dass sie das Instrument schon länger besitzen.
Für die Branche ist das Tropenholzthema nicht neu. Der rare Rio-Palisander aus Brasilien ist schon seit 1992 durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen Cites geschützt. "Rio", so das Branchenkürzel, steht in Anhang I des Regelwerks und darf gar nicht mehr verwendet werden. Nur der Handel mit vor 1992 geschlagenem Holz ist noch erlaubt, aber streng reglementiert.
Viele Vintage-Gitarren sind betroffen. Döbertins rote Fender beispielsweise hat ein Rio-Griffbrett: "So eine Gitarre darf nicht mehr ohne Cites-Papiere verkauft werden", sagt der Händler. Andernfalls drohen Geldstrafe und Beschlagnahmung des Instruments. Auch Musiker müssen aufpassen. Die Münchner Philharmoniker etwa gastierten gerade in New York. Um das Gastspiel möglich zu machen, ließen sie ihre Instrumente extra begutachten. Ein Streicher ließ sogar sein Cello umrüsten. Sonst wäre es womöglich von den US-Behörden einkassiert worden.
Seit Jahresbeginn ist die Sache aber noch weit komplizierter geworden. Die neu gelisteten Baumarten stehen in Anhang II der Cites-Regeln. Damit darf deren Holz zwar noch verkauft werden. Allerdings müssen Cites-Genehmigungen vorliegen. In Deutschland sind die Händler zudem verpflichtet, jedes Instrument einzeln zu dokumentieren.
"Für manche Händler ist der Aufwand enorm", sagt Holzwirt Gerald Koch vom Hamburger Thünen-Institut für Holzforschung. Einige Großhändler überlegten deshalb, Instrumente mit Tropenholz ganz aus dem Programm zu nehmen – doch hilft der Bann wirklich dem Artenschutz?
Interpol schätzt, dass zwischen 15 und 30 Prozent aller gehandelten Baumstämme illegal abgeholzt werden. "Das große Problem ist China", sagt Koch, "da gibt es riesige Holzmanufakturen, die keiner kontrolliert." Oder Madagaskar: Die Behörden gelten als bestechlich, Genehmigungen sind schnell erteilt. Holz aus zweifelhafter Quelle erreicht dann auch mal Branchengrößen wie die US-Gitarrenfirma Gibson. 2009 entdeckten US-Fahnder madagassisches Edelholz bei der Firma, dessen genaue Herkunft bis heute ungeklärt ist.
Manche Instrumentenbauer schwenken deshalb um. Alternativen zum Tropenholz existieren, darunter Walnuss, Kirsche oder Ahorn. "Es gibt viele Hölzer, die nicht geschützt sind und ähnliche Klangeigenschaften haben wie Palisander", sagt Koch. Den legendären Ruf des Tropenholzes hält er für einen Mythos.
Gleichwohl ist er nicht kategorisch gegen den Handel. "Nachhaltige Forstwirtschaft kann die Arten schützen, weil sie den Leuten vor Ort Geld einbringt", sagt Koch, "sonst machen die aus den letzten dieser Bäume Holzkohle."
Den Musikern empfiehlt er, die Hölzer ihrer edelsten Instrumente begutachten zu lassen. Am Thünen-Institut in Hamburg untersuchen die Experten jährlich Hunderte Instrumente. Koch hatte schon Gitarren von Peter Maffay und den Scorpions unter dem Mikroskop. Ein Instrumentenpass sorgt anschließend für Seelenruhe, auch bei Welttourneen.
Musiker und Sammler werden ohnehin kaum auf ihren geliebten Palisander verzichten, glaubt Döbertin. Dafür stecke im "Palo santo", dem heiligen Holz, einfach zu viel Geschichte. Viele berühmte Gitarren hätten Palisanderteile. Ihr "Sound" sei genauso legendär wie ihre Optik.
"Natürlich lässt sich eine 'Martin HD-28' mit anderen Hölzern nachbauen", sagt Döbertin. Doch so ein Instrument klinge eben anders als das Original. "Und wenn es darum geht, Jugendträume zu erfüllen, wird es dann schwierig."
Mail: philip.bethge@spiegel.de

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* Im Guitar Center in Los Angeles, Kalifornien.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 15/2017
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