15.04.2017

Medizin„Nicht gleich zum Arzt rennen“

Die Medizinerin Ragnhild Schweitzer, 44, über aktionistische Mediziner, schädliche Spritzen und Patienten, die unbedingt behandelt werden wollen – egal wie
SPIEGEL: Sie sind Ärztin, raten in Ihrem Buch "Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker" aber davon ab, bei Beschwerden sofort einen Doktor zu konsultieren. Warum?
Schweitzer: Weil der Schaden medizinischer Maßnahmen häufig größer ist als ihr Nutzen. Und weil der Körper vieles gut in den Griff bekommt, ohne dass es dazu der Hilfe eines Arztes bedarf. Akute Schmerzen im Kreuz etwa verschwinden meist nach ein paar Wochen von ganz allein, Atemwegsinfektionen gern noch viel früher. Da braucht es keine Spritzen oder Antibiotika, die haben nur potenzielle Nebenwirkungen. Es ist oft viel gesünder, nicht gleich zum Arzt zu rennen.
SPIEGEL: Die Mediziner sind doch nicht verpflichtet, Apparate anzuwerfen und Therapien anzuordnen.
Schweitzer: Natürlich nicht. Aber Ärzte haben einfach mehr Gründe, etwas zu tun, als etwas nicht zu tun. Sie verdienen kaum Geld, wenn sie nur mit dem Patienten reden und auf eine Behandlung verzichten – und viele haben Angst davor, etwas zu übersehen und dann verklagt zu werden. Also lassen sie etwa bei Rückenschmerzen ein Röntgenbild anfertigen, obwohl das fast immer mehr schadet als nutzt, wie Studien zeigen.
SPIEGEL: Lassen sich die Ärzte auch von der Erwartungshaltung der Patienten treiben?
Schweitzer: Mit Sicherheit. Die Menschen sitzen ja nicht stundenlang im Wartezimmer, damit der Arzt ihnen sagt: Wir warten erst mal ab. Viele fühlen sich erst dann gut versorgt, wenn der Doktor sie mit moderner Technik untersucht und eine Therapie angeordnet hat. Mein Mann und ich machen da keine Ausnahme: Wir haben auch oft direkt losgelegt, wenn es um die Gesundheit unserer Kinder ging – obwohl wir es eigentlich besser wussten. Unser Sohn ist wegen dieses Aktionismus sogar einmal operiert worden!
SPIEGEL: Und was soll man tun, wenn man an einen aktionistischen Arzt gerät?
Schweitzer: Ein guter Trick ist es, ihn Folgendes zu fragen: Was passiert eigentlich, wenn wir gar nichts tun und erst mal abwarten? Das wird ihn sicher zum Nachdenken bringen. Und vielleicht hilft es, sich vor Schaden zu bewahren.
Von Gk

DER SPIEGEL 16/2017
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