15.04.2017

NS-Vergleiche„Hitler hätte Giftgas eingesetzt“

Andreas Wirsching, 57, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, über den verunglückten Auftritt des Trump-Sprechers Sean Spicer in Washington
SPIEGEL: Spicer hat Assad mit Hitler verglichen und behauptet, nicht einmal Hitler sei so tief gesunken, chemische Waffen einzusetzen. Was würden Sie ihm entgegnen?
Wirsching: Dass Hitler nicht die geringsten Skrupel gehabt hätte, Giftgas einzusetzen – wie der Holocaust gezeigt hat. An der Front hat er nur aus taktischen Gründen darauf verzichtet.
SPIEGEL: Was heißt das genau?
Wirsching: Anders als der Erste Weltkrieg war der Zweite ein Bewegungskrieg. Da war das Risiko, dass auch die eigenen Truppen beim Einsatz von Giftgas gefährdet worden wären, viel zu groß.
SPIEGEL: In welchem Ausmaß besaß die Wehrmacht chemische Waffen?
Wirsching: Es gab große Mengen von einsatzfähigem Giftgas, die IG Farben hatte zudem neue Gase für den Krieg entwickelt.
SPIEGEL: Es heißt immer wieder, Hitler habe aus eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg gelernt und deshalb auf den Giftgaseinsatz verzichtet.
Wirsching: Das halte ich für eine Legende, die aus seiner Selbstdarstellung in "Mein Kampf" stammt. Dort gehört die Schilderung seiner vorübergehenden Blindheit nach einem Gasangriff zum Narrativ von der Geburtsstunde des Politikers Adolf Hitler.
SPIEGEL: Wie kam es zum Giftgaseinsatz bei Euthanasie und Judenvernichtung?
Wirsching: Das Team von Ärzten und NS-Funktionären, das mit dem Projekt T 4 befasst war, also der Tötung von Behinderten, entschied sich erstmals für diese Methode, später wurde sie dann auch in den Vernichtungslagern eingesetzt. Der Vergleich Assads mit Hitler verharmlost den Holocaust.
Von Dy

DER SPIEGEL 16/2017
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