29.04.2017

LandwirtschaftDer Schweine-Schwindel

Die Initiative Tierwohl sollte einen Ausweg aus der qualvollen Tiermast bieten. Bilder von teilnehmenden Höfen zeigen: Es funktioniert nicht.
Gut geht es diesen Schweinen nicht. Einige Tiere schleppen sich humpelnd über den Betonspaltenboden. Andere sind völlig zerkratzt oder tragen faustdicke Abszesse mit sich herum. Die Enge in den Stallbuchten ist gnadenlos, manche Tiere haben einen blutig gebissenen Schwanz. Zu sehen sind tote und verendende Ferkel, denen die Kraft fehlt, die entzündeten Zitzen ihrer Mütter zu erreichen, die in Gitterverschlägen neben ihnen vor sich hindämmern.
Die Aufnahmen der Tiere stammen von der Tierschutzorganisation Peta. Deren Rechercheure haben sie in den vergangenen Wochen in deutschen Schweinemastbetrieben gedreht.
Es ist die tägliche Qual der Nutztierhaltung, die hier zu sehen ist.
Dabei versprechen die Betriebe, aus denen die Bilder sind, das Gegenteil: Wohlbefinden. Denn die meisten nehmen an der Initiative Tierwohl teil, die seit 2015 läuft und mit besseren Haltungsbedingungen wirbt. Doch was das Projekt bringt – vom Marketing für die Fleischbranche mal abgesehen –, ist umstritten. "Die Initiative ist eine der größten PR-Lügen der vergangenen Jahre", sagt Thomas Schröder, Chef des Deutschen Tierschutzbunds. Schröders Organisation, die der Initiative zunächst selbst angehörte, stieg 2016 aus. Er habe den "Verbraucher- und Tierschutzbetrug" nicht mittragen können, so Schröder.
Auslöser der vermeintlichen Verbesserung der Tierhaltung war die wachsende Kritik von Verbrauchern. Der Einzelhandel fürchtete Umsatzeinbußen – und Aldi, Lidl, Rewe & Co. waren plötzlich bereit, mehr Geld für bessere Aufzucht auszugeben.
Rund 85 Millionen Euro stehen nun pro Jahr für die teilnehmenden Landwirte bereit, darunter etwa der Betrieb der Familie Albers, südlich von Osnabrück. Die Albers' werben auf ihrer Homepage mit der Initiative: Die Raumaufteilung der Ställe habe man so gestaltet, dass die Umgebung nun der "wildlebender Schweine ähnlich" sei.
Die Peta-Aufnahmen von Anfang April liefern ein anderes Bild: Schweine mit Hodensackbrüchen sind dort zu sehen und solche, die nicht mehr hochkommen und von ihren Artgenossen überrannt werden. Fragen des SPIEGEL dazu ließ Familie Albers unbeantwortet.
Die Veterinärin Ariane Kari, Stellvertreterin der Tierschutzbeauftragten des Landes Baden-Württemberg, sieht in manchen Sequenzen Verstöße gegen das Gesetz. "Die kranken Tiere hätten separiert und manche davon notgetötet werden müssen", sagt sie. Der Betrieb habe zwar offenbar einen hohen Anspruch, die Tierschutzmaßnahmen fielen dahinter aber deutlich zurück. Die Ferkelveranda etwa, im Idealfall ein Spielplateau, werde als Kloake genutzt. Die Tiere im Obergeschoss koten die unter ihnen voll. Peta stellte gegen Albers und neun weitere Betriebe Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.
Die Norm sieht vor, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Leiden zufügen darf. Zudem seien Nutztiere artgerecht zu halten. Ihr Schutz steht als Staatsziel sogar im Grundgesetz. Diese Gesetze werden allerdings durch eine nachrangige Norm ad absurdum geführt: durch die Nutztierhaltungsverordnung, eine Regelung, in der viel Lobbyarbeit steckt und die Schweinen im Mittel 0,75 Quadratmeter Betonboden als Lebensgrundlage zugesteht.
Dass derartig lasche Regeln Systemprobleme schaffen, merkte auch die Industrie. 2012 jedenfalls wollte man sich "gemeinsam um das Thema Tierwohl kümmern", so Alexander Hinrichs, Geschäftsführer der Tierwohl-Initiative. Er war zuvor bei QS, einer Kontrollinitiative der Ernährungswirtschaft. Die orientierte sich an den laschen gesetzlichen Anforderungen und reichte vielen Verbrauchern als Vertrauensbeleg nicht aus. Die Branche hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Wie gerufen kamen deshalb die Aktivisten des Fachverbands ProVieh, die Hinrichs nur auf Nachfrage erwähnt. Die waren damals längst mit Branchengrößen wie der Tönnies-Gruppe im Gespräch. Sie hatten ein anspruchsvolles "Bonitierungssystem" für Schweine entwickelt, mit dem sich die Fleischwirtschaft schmücken wollte.
Was folgte, war eine Art feindliche Übernahme, wie sich Angela Dinter von ProVieh erinnert. "Wir waren da naiv und haben uns das von QS aus den Händen reißen lassen." Die Punkte der Tierschützer habe man "immer ernst genommen" und "weite Teile der Forderungen umgesetzt", behauptet Hinrichs. Man sei in Beraterausschüsse "degradiert" worden, ohne Mitspracherechte, sagt Dinter. "Wir waren in eine Parallelwelt abgeschoben", erinnert sich auch Tierschutzbund-Chef Schröder.
Die 80 Kriterien, die ProVieh entwickelt hatte, wurden industriegängig gemacht und für Schweinehalter auf wenige Basiskriterien zusammengeschmolzen. So müssen etwa Antibiotikagaben erfasst und das Wasser überprüft werden – Maßnahmen, die der normale Menschenverstand gebietet.
Darüber hinaus reichen ein paar Ketten als Spielmaterial und etwas Stroh als Raufutter, um sich als Tierschützer feiern zu können. Mehr Platz in den engen Ställen ist kein Muss, nur eine Option.
Die Hoffnung des Einzelhandels, dass diese Luftnummer auch für das staatliche Tierschutzlabel reichen könnte, das Landwirtschaftminister Christian Schmidt (CSU) derzeit entwickelt, zerschlug sich diese Woche: Selbst Schmidts Eingangskriterien sind eine Spur anspruchsvoller.
Thomas Schröder hält sie dennoch für eine "Kapitulation" vor der Lobby. Acht Stunden lange Transporte, die weiterhin erlaubt sind, seien kein Tierschutz, sondern eine Qual. Der Tierschutzbund stieg deswegen aus den Label-Verhandlungen aus.
Schmidt will den Schweinen immerhin 30 Prozent mehr Platz gönnen. Der Einzelplatz müsste dann etwas breiter sein als bisher. Ganze 24 Zentimeter.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 18/2017
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