15.11.1999

GEWALT„Wie im falschen Film“

Nachdem in Meißen ein Schüler seine Lehrerin erstochen hat, fordern Berufsverbände mehr Sicherheit in den Schulen, Experten warnen vor Panik.
Die Vorlesung wird zur Gedenkveranstaltung. Gebannt lauschen etwa 100 angehende Lehrerinnen und Lehrer den Worten ihres Professors. Wolfgang Melzer hat "aus gegebenem Anlass" das im Semesterprogramm angekündigte Thema "Sozialisation und Schule" gegen "Gewalt in der Schule" ausgewechselt.
Die beklemmende Aktualität - zwei Tage zuvor hatte an einem Gymnasium im nahen Meißen ein Schüler seine Lehrerin getötet - war auch im Hörsaal 136 der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der TU Dresden zu spüren. "Als ich von dem Attentat hörte", sagt nachdenklich eine Studentin, "da hab ich schon gegrübelt, ob ich auch den richtigen Beruf gewählt habe."
Am vergangenen Dienstagmorgen war der Schüler Andreas S., 15, maskiert während des Unterrichts in seine neunte Klasse des Meißner Gymnasiums Franziskaneum gestürmt und hatte mit zwei Messern 22-mal auf die Geschichtslehrerin Sigrun Leuteritz, 44, eingestochen. Die Lehrerin, die ihre Schüler als "streng" empfanden, starb nur wenige Sekunden später in den Armen einer Kollegin. Bei seiner Festnahme kurz nach der Tat sagte Andreas S., der gefasst und ruhig wirkte: "Ich habe sie gehasst."
Die in der deutschen Kriminalgeschichte einmalige Bluttat war seit langem vorbereitet. Und, kaum fassbar: Andreas S. hatte Mitschüler in die Mordpläne gegen seine Lehrerin eingeweiht. "Er hat immer wieder gesagt, ich bring sie um", erzählt ein Freund, "aber wir haben ihm nicht geglaubt." Staatsanwalt Michael Respondek ermittelt nun nicht nur gegen Andreas S. "wegen heimtückischen Mordes", sondern auch gegen Mitschüler "wegen Nichtanzeige geplanter Straftaten".
Lehrer, Schüler, Eltern und Kultusbürokraten fragen sich entsetzt, wie es zu der kaltblütigen Tat kommen konnte. Sie stehen vor einem Rätsel.
Die Tat von Meißen passt in kein Klischee: Die Schule soll - bis auf ein paar Rangeleien auf dem Pausenhof - bisher keine Gewalttaten erlebt haben. In Meißen gibt es kaum soziale Brennpunkte. Der Täter war bisher noch nicht auffällig geworden. "Er musste uns nichts beweisen", erzählt ein Mitschüler, "er war ein guter Kumpel, und wir mochten ihn." Andreas stammt aus einer so genannten "anständigen" Familie. Die Eltern haben sich vor dem Medienrummel versteckt, die Mutter ist in der Neuapostolischen Gemeinde, einer Sekte, aktiv. Gerüchte, der Junge gehöre zur Grufti-Szene, erwiesen sich als Unsinn.
Die Meißner Tragödie scheint das Alarmsignal für eine gefährliche Entwicklung: Die Gewalt an Sachsens Schulen hat nach Angaben des Landeskriminalamtes in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Die Polizei registrierte in diesem Zeitraum 1440 leichte und schwere Körperverletzungen. In Thüringen wurden 1998 an den Schulen 2676 Straftaten gezählt, darunter 429 Fälle von Körperverletzung. "Die Hemmschwelle zur Gewalt ist in den vergangenen Jahren mehr und mehr gesunken", glaubt Cornelia Franke vom Regionalschulamt Riesa.
Schon fordern Lehrer aus Sachsen und Thüringen professionelle Sicherheitskräfte nach US-Vorbild an den Schulen, verschärfte Strafen, Metalldetektoren und Videoüberwachung auf den Schulhöfen. In einem offenen Brief an den sächsischen Kultusminister Matthias Rößler fragt der Religionslehrer Matthias Werner: "Müssen denn noch mehr Lehrerinnen und Lehrer sterben, bis man im Ministerium konkrete Schritte unternimmt, um dem Phänomen Aggression auf den Leib zu rücken?"
Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Melzer warnt vor Panik (siehe Interview). In einer Langzeitstudie hat er mit Kollegen aus Westdeutschland jeweils über 3000 Schüler zwischen 12 und 16 Jahren in Hessen und Sachsen mehrfach zum Thema Gewalt befragt.
Die Studie stuft immerhin 175 000 Schüler der Sekundarstufe I als gewalttätig ein, das sind von fünf Millionen Schülern in Deutschland 3 bis 4 Prozent. An der Spitze stehen verbale Aggression, Prügeleien und sexuelle Belästigung. Zur Waffe wie in Meißen greifen Deutschlands Schüler bisher nur höchst selten.
Im ersten Stock des Franziskaneums, eines Baus aus der Jahrhundertwende, welken an der Stelle, an der die Lehrerin verblutete, Lilien, Rosen und Asternsträuße. Kerzen, Briefe, Zettel stehen und liegen auf dem Boden. Hier konnten die Schüler mit Psychologen über das traumatische Erlebnis sprechen. Doch die meisten haben sich von dem Schock noch nicht erholt. "Es war, als ob wir im falschen Film waren, als ob wir neben uns stehen", das äußern sie immer wieder.
"Wir sitzen mit den Schülern mit unserer gemeinsamen Trauer gewissermaßen in einem Boot", sagt Dietmar Liesch, Direktor des Franziskaneums, auf einer Veranstaltung vergangene Woche im Meißner Theater.
Makabres Zusammentreffen von Fiktion und Wirklichkeit: Zwei Tage nach dem Mord von Meißen lief in über 200 Kinos der Bundesrepublik ein Spielfilm an, der scheinbar dem wahren Leben gleicht: Drei sympathische Teenager schwingen sich in der Hollywood-Komödie zu Rächern ihrer High School auf. "Tötet Mrs. Tingle!" (freigegeben ab zwölf) heißt der Streifen.
Der Geschichtslehrerin Mrs. Tingle, ein fieses Scheusal, das Schülern, Lehrerkollegen und selbst dem Direktor gleichermaßen verhasst ist, wird eine Lektion erteilt. Der Film läuft auch im 25 Kilometer von Meißen entfernten Dresden. Das vorwiegend jugendliche Publikum amüsiert sich königlich im Kinosaal 6 des riesigen Cinema-Centers im Elbepark.
"Geradezu pervers" nennt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, den Start des Films gerade jetzt. Es sei doch nur eine "Komödie mit schwarzem Humor", verteidigt sich der Filmverleih, hat allerdings vielerorts die Plakate "Tötet Mrs. Tingle!" durch eine positive Variante ersetzt: "Rettet Mrs. Tingle!"
Im Film wird Mrs. Tingle von ihren Schülern tagelang im eigenen Haus ans Bett gefesselt. Es fließt zwar Blut, Pfeile fliegen aus einer Armbrust, doch die verhasste Lehrerin wird - immerhin - nicht umgebracht, wie es der Titel verspricht. Ganz anders als im wirklichen Leben. ALMUT HIELSCHER
Von Almut Hielscher

DER SPIEGEL 46/1999
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