SPIEGEL: Sollen die Lehrer an Deutschlands Schulen jetzt kugelsichere Westen tragen?
Melzer: Der Meißner Fall darf, so tragisch er ist, nicht bewirken, dass sich Lehrer bloß noch als Opfer sehen. Untersuchungen zeigen, dass mehr als 40 Prozent der Schüler unter Schulangst leiden. Lehrer, von denen ja der Leistungsdruck meist ausgeht, werden als mächtig empfunden, zum Teil auch als ungerecht. Die grausame Tat darf Lehrer nicht davon abhalten, auch nach ihrem Anteil an der Eskalation der Gewalt zu fragen.
SPIEGEL: Wie kam es zum Mord von Meißen?
Melzer: Noch fehlen uns detaillierte Informationen über die Hintergründe. Typisch ist, dass ein männlicher Jugendlicher die Tat beging, dass Gleichaltrige ihn vielleicht bestärkten und dass die Umgebung seine Drohungen wohl nicht ernst nahm. Untypisch ist, dass die Bluttat an einem Gymnasium geschah. Absolut untypisch ist das Ausmaß: Mordfälle kommen in der Gewaltstatistik der Schulen bislang nicht vor, und das werden sie auch künftig wohl nicht.
SPIEGEL: Die Meißner Tat hätte wohl auch im Westen passieren können. Ihre jahrelangen Untersuchungen über Gewalt an den Schulen in Sachsen und Hessen belegen, dass das Ausmaß der Aggressionen im Osten nicht höher ist als im Westen.
Melzer: Es gibt eine Ausnahme: Aggressionen gegen die eigenen Lehrer sind in den neuen Ländern ganz klar größer, und sie nehmen zu.
SPIEGEL: Sind die Ost-Lehrer auf Grund ihrer Ausbildung und Praxis zu DDR-Zeiten autoritärer als West-Lehrer, üben sie nach Ihren Beobachtungen einen größeren Leistungsdruck aus?
Melzer: Im Osten Deutschlands wurde nach der Wende die bürokratische Staatsschule fortgesetzt, die Lehrer-Schüler-Rollen werden immer noch viel traditioneller gesehen als im Westen. Die Erfahrungen der Jugendlichen von Freiheit und Autonomie außerhalb der Schule spiegeln sich in der Schule kaum wider, das erzeugt Konflikte.
SPIEGEL: Lehrerverbände fordern schärfere Maßnahmen an den Schulen, Sachsens Kultusminister propagiert seit dem vergangenen Sommer die "Sicherheitspartnerschaft" mit der Polizei und führte gerade die so genannten Kopfnoten, etwa für Betragen, wieder ein. Halten Sie solche Vorstöße für probate Mittel, der wachsenden Gewalt an Schulen zu begegnen?
Melzer: Mit Sanktionen und Abschreckung kann man Gewalt nicht abbauen. Von Ranzenkontrollen und Videoüberwachung auf dem Schulhof lassen sich potenzielle Gewalttäter nicht abhalten. Und die Kopfnoten, die ich für fragwürdig halte, wurden kurz vor der Landtagswahl eingeführt, weil sie hier in Sachsen bei der Bevölkerung gut ankommen.
SPIEGEL: Was aber soll geschehen, um die Aggressionen bei Schülern zu zügeln?
Melzer: Wenn die Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, die Lehrer gehen auf sie ein, das Lerntempo ist ausgerichtet auf ihre Bedürfnisse, wenn sie gefragt und auch ernst genommen werden, wenn nicht mehr so viel von Fordern, sondern mehr von Fördern die Rede ist, dann wird sich nicht nur die Fachleistung steigern, sondern dann werden auch Aggressionen eingedämmt. Nur die Schule selbst, Eltern, Lehrer, Schüler, können langfristig präventiv wirken. Das ist der einzige Schutz vor Gewalt.
DER SPIEGEL 46/1999
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