15.11.1999

JOURNALISMUS„Kurze Frage, enorme Wirkung“

Riccardo Ehrmann, 69, italienischer Journalist der Nachrichtenagentur Ansa, über seine Rolle auf der Pressekonferenz vom 9. November 1989, die den Anstoß zum Mauerfall gab
SPIEGEL: Sie haben mit Ihrer Frage an Günter Schabowski zum Reisegesetzentwurf den Mauerfall ausgelöst?
Ehrmann: So scheint es, ja.
SPIEGEL: Sind Sie darauf nicht stolz?
Ehrmann: Doch. Oscar Wilde sagte einmal: Das Leben ist eine schlechte Viertelstunde mit ein paar guten Momenten. Diese Pressekonferenz war einer der besten Momente meines Lebens.
SPIEGEL: Hatten Sie sich auf diese Frage vorbereitet?
Ehrmann: Ich hatte keine Ahnung vorher. Ich wollte an einer Pressekonferenz teilnehmen - wie an vielen anderen - und Fragen stellen. Aber so eine Wirkung war nicht beabsichtigt.
SPIEGEL: Ihre berühmte Frage an Schabowski enthielt den Satz, das geplante Reisegesetz sei "ein großer Fehler". Das war ziemlich meinungsstark.
Ehrmann: Ich war sehr verärgert über die SED-Mitglieder, weil sie versucht haben, mit Bürokratie Reisen zu verhindern.
SPIEGEL: War Ihnen damals bewusst, wie folgenreich Ihre Frage sein konnte?
Ehrmann: Für die Frage war mir das nicht klar, aber für die Antwort. Schabowski sprach von Reisefreiheit - und die Mauer war weg. Nach der Konferenz traf ich Willy Brandt. Er gratulierte mir und sagte: kurze Frage, enorme Wirkung.
SPIEGEL: Ein Italiener, der die deutsche Geschichte vorangetrieben hat - haben Ihre deutschen Kollegen geschlafen?
Ehrmann: Vielleicht. Ein deutscher Kollege von der dpa sagte mir, dass er im Konferenzraum geblieben war, um das Chinesisch der Kommunisten besser zu verstehen.
SPIEGEL: Wie hat die Ansa-Zentrale in Rom auf Ihre Meldung, die Mauer sei gefallen, reagiert?
Ehrmann: Für ein oder zwei Minuten haben die geglaubt, ich sei verrückt geworden. Irgendwie verständlich. Es gab ja keine Ankündigung vorher. Aber der Chefredakteur ließ es drucken.
SPIEGEL: Und danach?
Ehrmann: Habe ich die ganze Nacht gearbeitet. Ich bin später an den Bahnhof Friedrichstraße gegangen, wurde dort erkannt und gefeiert. Ich wusste nicht, dass die Pressekonferenz im Fernsehen live übertragen worden war.
SPIEGEL: Hätten Sie die Frage trotzdem gestellt?
Ehrmann: Selbstverständlich, das ist meine Arbeit. Herr Schabowski sagte mir vor wenigen Tagen, ich hätte ihm das Stichwort gegeben. Allerdings hoffe ich sehr, dass die Menschen, die mich damals gefeiert haben, jetzt nicht zuschlagen werden.
SPIEGEL: Hat man Sie zur Feier des Mauerfalls nach Berlin eingeladen?
Ehrmann: Leider nein. Ich war schon etwas enttäuscht. Ich liebe Berlin, ich wäre gern hingefahren.

DER SPIEGEL 46/1999
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