15.11.1999

»Wir hatten eine blühende Wirtschaft«

Selbstbetrug und Konkursverschleppung: Warum die DDR-Ökonomie nach dem Wendeherbst 1989 plötzlich zusammenbrach
Eines war den Herrschenden in Bonn und Ost-Berlin in den achtziger Jahren gemeinsam: Auf geradezu groteske Weise verkannten Helmut Kohl und Erich Honecker noch wenige Monate vor dem DDR-Kollaps die Schwächen der ostdeutschen Wirtschaft.
"Die DDR ist von uns ökonomisch überschätzt worden", räumte fünf Jahre nach der Wiedervereinigung der einstige Bundesbank-Präsident Karl-Otto Pöhl ein. Die Schuld für die Fehleinschätzung schoben Bonner Insider bald nach der Wende auf den Bundesnachrichtendienst.
Der BND hatte, wie er sich rühmte, einen Spitzeninformanten in der zentralen
Staatlichen Plankommission in Ost-Berlin
platziert. Weil jedoch alle Statistiken von Amts wegen gefälscht wurden, konnte dieser Agent auch nur die geschönten offiziellen Zahlen übermitteln. "Es war sehr schwer", erinnert sich Kohl, "zu realistischen Daten zu kommen."
Täuschen ließ sich von dem Blendwerk aus dem SED-Apparat auch der altersstarrsinnig gewordene Honecker. Er blieb bis zu seinem Tod dabei, dass der Untergang der DDR auf den Verrat Gorbatschows und nicht auf ökonomische Ursachen zurückzuführen sei. "Wir hatten schließlich eine aufblühende Volkswirtschaft", behauptete er noch 1991, "das ist auch von den größten Miesepetern nicht zu bestreiten."
Nur allzu gern, so scheint es, fiel Honecker auf die frisierten Zahlen herein. Als er 1988 vor TV-Kameras einem verdienten Werktätigen die angeblich dreimillionste Neubauwohnung seit Kriegsende übergab, waren in Wahrheit noch nicht einmal zwei Millionen fertig gestellt worden.
Dass die DDR hoch verschuldet war, hat Honecker stets in Abrede gestellt - selbst gegenüber Gorbatschow. Als Honecker-Nachfolger Egon Krenz Anfang November 1989 seinen Antrittsbesuch im Kreml machte, notierte der Protokollführer:
Genosse Gorbatschow sagte, er habe einmal versucht, mit Genosse Honecker über die Verschuldung der DDR zu sprechen. Dies sei von ihm schroff zurückgewiesen worden, da es solche Probleme nicht gebe.
Weder zunehmende Krisensignale noch düstere Prognosen von Wirtschaftsexperten wie dem Planungschef Gerhard Schürer konnten Erich Honecker von seinem unfinanzierbaren Kurs der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" abbringen. Um sich beim Volk beliebt zu machen, verteilte er Wohltaten auf Pump - finanziert zum großen Teil mit Hilfe von westlichen Krediten, deren Umfang Staatsgeheimnis war.
Aus Angst vor politischen Unruhen wagte die DDR-Führung nicht, die subventionierten Preise für Mieten und Grundnahrungsmittel, Dienstleistungen und Verkehrsmittel anzuheben - was verheerende Folgen hatte: Weil die Billigmieten nur ein Drittel der Kosten deckten, waren in Privateigentum stehende Häuser dem Verfall preisgegeben. Und weil das subventionierte Brot billiger war als Weizen, wurden Hühner in der DDR mit Brot statt mit Getreide gefüttert.
Für die Absurditäten der Kommandowirtschaft nennt Schürer heute das folgende Beispiel: "Lieferte ein Züchter ein Kaninchen an den Staat, erhielt er dafür 60 Mark. Kaufte er es danach geschlachtet und ausgenommen bei der Staatlichen Handelsorganisation HO zurück, kostete es trotz der aufgewendeten Arbeit nur 15 Mark."
Am Ende ging mehr als ein Viertel des Staatshaushalts für Preissubventionen drauf - die DDR lebte über ihre Verhältnisse. Schürer: "Wir haben zu viel importiert fürs Essen, für die Ernährung, für die sozialen Maßnahmen."
Als Hauptursache des Niedergangs erwies sich Artikel 9 der Verfassung: "Die Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik ist sozialistische Planwirtschaft." Nicht der Markt, sondern der Plan bestimmte die Preise. Die Produktion wurde nicht von der Nachfrage gesteuert, sondern durch Willkür und Wunschdenken der Regierenden.
Wenn Volkskammer-Präsident Horst Sindermanns Enkel echte Levis-Jeans verlangten, kam das Thema auf die Tagesordnung des Politbüros. Wenn Honecker mit einem 256-Kilobit-Mikrochip made in GDR renommieren wollte, musste der gebaut werden - koste es, was es wolle. "Die Selbstkosten für einen Chip", so Schürer, "betrugen 536 Mark. Der Verkaufspreis war in der DDR auf 16 Mark festgelegt."
Unter planungsbedingten Versorgungsengpässen - vom Dosenöffner bis zur Badekappe, vom Dübel bis zum Fertigmörtel - litten Privathaushalte wie Betriebe. Gedrückt wurde die Produktivität der DDR-Wirtschaft aber auch durch die Gleichmacherei bei den Löhnen und durch die Schwäche der Ost-Mark: Die Werktätigen verdienten während der Ära Honecker zwar mehr Geld als zuvor, konnten damit aber nur wenig anfangen.
Auf eine Wohnung mussten DDR-Familien 5 Jahre lang warten, auf ein Telefon 10 Jahre, auf einen Wartburg 15 Jahre. Genussmittel wie Schokolade oder Südfrüchte waren entweder überteuert oder gar nicht zu haben. Höherwertige Konsumgüter wie MZ-Motorräder oder "Praktika"-Spiegelreflexkameras gingen gleich in den Westen.
Bereits Anfang der achtziger Jahre hatten die Auslandsschulden der DDR 24 Milliarden West-Mark erreicht. In dieser Situation traf die DDR ein Schlag, von dem sie sich nie mehr erholen sollte.
Die Sowjetunion - laut DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag "bereits 1980 bankrott" - reduzierte 1981 ihre Erdöllieferungen an den Bruderstaat von jährlich 19 auf 17 Millionen Tonnen; Moskau wollte den Rohstoff lieber gegen Devisen an den Westen verkaufen, als ihn gegen Naturalien der DDR zu überlassen.
Vergebens bat Honecker den damaligen Kremlherrn Leonid Iljitsch Breschnew, den Beschluss zu revidieren, doch der blieb hart. Breschnew an Honecker: "Ich habe geweint, als ich unterschrieb." Honecker, fassungslos, fragte zurück, "ob es zwei Millionen Tonnen Erdöl wert sind, die DDR zu destabilisieren". Ein Jahr später stand die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit; nur ein Milliardenkredit westdeutscher Banken, eingefädelt vom CSU-Chef Franz Josef Strauß, sorgte 1983 für Aufschub.
Damals schon war dem DDR-Wirtschaftspapst Günter Mittag klar, dass das System in den Ruin steuerte. "Der ökonomische Kollaps der DDR deutete sich 1981 an und wurde 1983 offensichtlich", offenbarte Mittag zwei Jahre nach der Wende in einem SPIEGEL-Gespräch.
Kontinuierlich nahm in den achtziger Jahren die Produktivität der Wirtschaft weiter ab, zugleich sank die Qualität der Waren, die in den verrottenden, umweltverseuchenden Betrieben erzeugt wurden. "Die DDR-Industrie", so Mittag im Nachhinein, "wäre niemals aus eigener Kraft wieder auf die Beine gekommen."
Aus Angst vor Arbeiteraufständen zeigte sich die SED in den folgenden Jahren nicht nur außer Stande, die enormen Ausgaben für Militär, Polizei und Geheimpolizei zu reduzieren; allein der Sold für die fast 100 000 Stasi-Hauptamtlichen belief sich alljährlich auf 1,7 Milliarden Ost-Mark. Auch das "idiotisch entwickelte Subventionssystem" (Schürer) durfte nicht angetastet werden. Im Zentralkomitee wurden die wachsenden Schwierigkeiten verdrängt. "Je größer die Probleme wurden, umso weniger wurde über sie diskutiert", erinnert sich Wolfgang Rauchfuß, einst Minister für Materialwirtschaft.
Bis zuletzt glaubten die Greise an der Spitze, sich irgendwie durchwurschteln zu können. "Die haben alle gedacht, für uns individuell reicht es noch, biologisch", vermutet der ehemalige Zeiss-Manager Wolfgang Biermann.
Ende der achtziger Jahre kam die DDR nur noch dank übler Machenschaften und Manipulationen halbwegs über die Runden - durch Konkursverschleppung und Devisenschinderei in großem Stil.
Für Valuta-Mark verkaufte die SED (teils zu diesem Zweck eigens verhaftete) politische Gefangene, geraubte Antiquitäten, historisches Kopfsteinpflaster und die Erlaubnis, auf ihrem Staatsgebiet bundesdeutschen Müll zu deponieren. Westgeldpflichtig war jede Genehmigung, die DDR zu betreten, dort Auto zu fahren oder auch nur einen Hund mitzuführen.
Es half nichts: Am Ende hätte die DDR, wie Schürer dem Politbüro eröffnete, jährlich Kredite in Höhe von "8 bis 10 Milliarden Valutamark" gebraucht. "Das ist", so Schürer in einem Geheimpapier, "für ein Land wie die DDR eine außerordentlich hohe Summe, die bei zirka 400 Banken jeweils mobilisiert werden muss ... Im Interesse der Notwendigkeit der Erhaltung der Kreditwürdigkeit ist eine absolute Geheimhaltung dieser Fakten erforderlich."
Spätestens 1988, sagt Schürer, habe er erkannt, "dass wir mit den Schulden nicht mehr zurechtkommen": Bonn werde sich zu weiteren Finanzspritzen auf Dauer nur bereit finden, wenn die Ost-Berliner Regierenden "einen Teil unserer Souveränität, ich will es mal brutal sagen, verkaufen".
Wirtschaftlich wäre die DDR am Ende allenfalls durch einen radikalen Sparkurs zu retten gewesen. "Wenn wir aus dieser Situation herauskommen wollen, müssen wir mindestens 15 Jahre hart arbeiten und weniger verbrauchen, als wir produzieren", eröffnete ZK-Planungsexperte Günter Ehrensperger am 9. November 1989 den verblüfften Spitzengenossen.
Politisch war die Ehrensperger-Empfehlung zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr durchsetzbar: Am Abend desselben Tages öffnete sich die Mauer.
Woran ist die DDR gescheitert? Am Altersstarrsinn Honeckers und an der Feigheit seiner Paladine, die ihm nicht zu widersprechen wagten?
Auf die Frage nach den Hauptfehlern der DDR-Wirtschaftspolitik gab Wirtschaftsexperte Mittag schon 1991 eine bündige Antwort: "Das sozialistische System insgesamt war falsch."
JOCHEN BÖLSCHE, NORBERT F. PÖTZL
Im nächsten Heft
DDR-Bürger A 000 000 1 wird gefeuert - "Wir sind ein Volk" - Schalck bangt um sein Leben - Kurswechsel in Moskau
* Erich Honecker (3. v. l.), Günter Schabowski (5. v. l.), Ost-Berlins Oberbürgermeister Erhard Krack (6. v. l.) und Günter Mittag (r.) mit Mieterfamilie 1988 in Ost-Berlin.
Von Jochen Bölsche und Norbert F. Pötzl

DER SPIEGEL 46/1999
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