15.11.1999

POPAbschied von der Sucht

In den sechziger Jahren wurde der englische Gitarrist Eric Clapton zum Superstar. Nach harten Abstürzen präsentiert er jetzt eine Best-of-CD und bekennt sich zum Blues.
Wenn Gott ein Restaurant betritt, fällt er auf: unrasiert, schwarze Jeans, Sweatshirt, Turnschuhe, auf dem Rücken ein Rucksack - wie ein falscher Ton zwischen den auf Dunkelblau eingestimmten Anzugmännern, die sich im Londoner "Bluebird" zum Business-Lunch treffen. Aber Gott - so nennt die Pop-Szene die lebende Gitarren-Legende Eric Clapton - merkt kaum, dass seine Tischnachbarn über nichts anderes als über das Thema Geld sprechen. Clapton hört und sieht weg: Er redet über Musik und nichts anderes.
"Pop hat keine Substanz", schimpft er, "das ist Musik für Kinder, egal wie alt diese Kinder sind." Blues dagegen, ja, Blues sei etwas ganz anderes. Aus ihm klinge Alter und Lebensweisheit, von Generation zu Generation gesammelt, vertieft und respektvoll weitergegeben. Muddy Waters klang schon alt, als er noch ein junger Mann war. Er hatte den Blues von alten Männern gelernt. "Blues ist die Musik für Erwachsene", sagt Clapton. Dann muss es wohl so sein.
Er spielt selber am liebsten Blues, selbstverständlich: Der Brite Eric Patrick Clapp, bekannt als Eric Clapton, ist einer der letzten überlebenden Gitarren-Heroen der sechziger Jahre. Und um seinen Nimbus als Herr der Saiten zu wahren, hat seine Plattenfirma nun wieder einmal eine "Best of"-CD herausgebracht. "Clapton Chronicles - The Best of Eric Clapton" heißt sie und enthält neben zwei neuen Songs, die als Single ausgekoppelt werden, seine Hits aus den achtziger und neunziger Jahren. Die allerdings sind kein Blues, sondern Rock und Balladen. Aber schließlich hat ja die Plattenfirma die Auswahl getroffen.
"Meine besten Stücke aus 20 Jahren? ", sagt Clapton, 54, "Unsinn!" Was heißt "Best of" auch schon, wenn man so viele Songs geschrieben hat, dass man sich selbst nicht mehr an alle erinnern kann? Clapton jedenfalls hat längst neue Lieder im Kopf, Anfang nächsten Jahres will er mit dem Bluesgitarristen B. B. King ins Studio gehen und ein paar Duette aufnehmen. Anschließend plant er, eine Soloplatte zu machen - und zwar so solo, dass er alle Instrumente selbst spielen wird. Das hat Clapton nämlich noch nie gemacht, und es ist schwer, nach vier Jahrzehnten Musik irgendetwas zum ersten Mal zu tun.
Vor 40 Jahren hielt Clapton seine erste Gitarre in den Händen und wusste sofort: Das ist es. Es bleibt eine offene Frage, ob es ein angeborenes musikalisches Talent gibt oder nur antrainiertes musikalisches Können. Claptons Geschichte allerdings spricht für die Vererbungstheorie. Der Vater, den Clapton nie kennen gelernt hat, war Pianist.
Blues und Rock'n'Roll faszinierten den 14-jährigen Clapton. Er hörte die Platten von Männern des amerikanischen Blues wie Robert Johnson, Big Bill Broonzy oder Muddy Waters, aber auch von Rock'n'Rollern wie Buddy Holly. Weil er auch so spielen wollte, übte Clapton wie ein Besessener. Er war ein schüchterner Teenager, aber eben hochmusikalisch.
Nach kurzem konnte er deshalb mit Londoner Rhythm-and-Blues-Truppen in kleinen Lokalen auftreten. Mit den Yardbirds bestritt Clapton 1963 seine erste Plattenaufnahme: "Honey in Your Hips". Und schon da war zu hören, was ihn von anderen Gitarristen unterschied: Niemand konnte bei den Soli so über die Saiten rasen wie er. "Slowhand" - so wurde er dafür schon bald, ironisch, gefeiert.
Clapton spielte eine Zeit lang mit John Mayall, dem Mentor des jungen und weißen britischen Blues. Der große Karrieresprung kam 1966. Damals gründete er mit Jack Bruce und Ginger Baker eine Band, die weltweit Furore machte: Cream. Jedes Lied ein Solo, mächtiger Gitarren-Sound, technische Brillanz - das sind seitdem die Zielvorgaben für Rockgitarristen. "Clapton ist Gott", sprühten Fans damals auf Londoner Häuserwände.
Clapton hatte nur einen einzigen Rivalen: Jimi Hendrix. Der war nicht so schnell, aber er hatte geniale Einfälle. Beide zusammen definierten mit ihrem Spiel die Rolle des Gitarristen neu, der bis dahin meist im Hintergrund vor sich hin geschrummelt hatte. Auf einmal stand der Mann mit der Gitarre neben dem Sänger in der ersten Reihe und durfte mit endlosen Soli das enthusiasmierte Publikum traktieren. Bis heute sind Gitarrensoli fester Bestandteil des Rock. Vielleicht war Cream zu genialisch-chaotischkreativ, um lange halten zu können. Nach zweieinhalb Jahren brach die Band auseinander. Clapton gründete Blind Faith und schließlich Derek and the Dominos. Deren im Jahr 1970 erschienenes Album "Layla and Other Assorted Love Songs" ist ihm bis heute eigentlich die liebste unter all den Platten, die er gemacht hat. "Das Album hat eine unglaubliche Atmosphäre, die aus der Euphorie dieser Zeit herrührt", sagt Clapton. "Wir waren verrückt drauf und begannen auch heftig mit Drinks und Drogen herumzuspielen."
Clapton, damals 25, war mit wilder Haarpracht und rosa Stiefeln eine illustre Ikone des Swinging London - und der begehrteste Gitarrist des Rock-Kosmos. Nach dem Tod von Brian Jones hatte ihn Mick Jagger gefragt, ob er bei den Rolling Stones einsteigen wollte. Clapton sagte ab, er wollte lieber seine eigenen Projekte verfolgen. Er spielte mit Aretha Franklin, Bob Dylan, John Lennon oder George Harrison. Er profilierte sich als Sänger, was Mick Jagger nie zugelassen hätte. Und er schrieb immer mehr Songs.
Die Zahl der Konzerte, die er seit den frühen sechziger Jahren gegeben hat, kann Clapton auf "tausende" schätzen. Ein paar wenige Auftritte sind ihm dennoch besonders in Erinnerung geblieben: ein Cream-Konzert in Philadelphia 1968; das von George Harrison initiierte "Concert for Bangla Desh" in New York 1971, obwohl er sehr stoned auf der Bühne stand.
Sex and Drugs and Rock'n'Roll - Clapton hat diese seit den sechziger Jahren mystifizierte Dreifaltigkeit tatsächlich gelebt: zahllose Tourneen, zahllose Groupies, zahllose Partys. Und, vor allem, zahllose Drogen. Als Teenager schluckte Clapton zum ersten Mal Speed, später nahm er LSD, Kokain und Heroin, und wenn er nicht über die Gitarrensaiten wirbelte, hatte er einen Joint in der Hand.
Er schaffte es 1973, von den illegalen Drogen wieder loszukommen - aber nur, weil er sie durch legale ersetzte. Clapton schüttete mehr und mehr Alkohol in sich hinein, vorzugsweise Wodka. Mitte der achtziger Jahre musste er sich endgültig eingestehen, dass er physisch und psychisch am Ende war. Gitarre spielen konnte er trotzdem noch.
Der Star schloss sich einer anonymen Selbsthilfegruppe an und begann eine Psychotherapie. Mittlerweile kann er beim Mittagessen erklären, warum er Carl Gustav Jung interessanter findet als dessen Lehrmeister Sigmund Freud. Er sei ein Suchtcharakter, sagt Clapton, der eine Droge durch die nächste ersetze. "Als ich vor sechs Jahren mit den Zigaretten aufhörte", erzählt er, "fing ich an, zwanghaft Süßigkeiten in mich reinzustopfen."
Die Psychotherapie wäre nicht vollständig gewesen, hätte Clapton nicht Nachforschungen in den Abgründen seiner Seele angestellt. Die Ursachen für seine Flucht in die Sucht sieht er daher heute in "mangelndem Selbstbewusstsein und einer Familie, die nicht funktionierte".
Clapton erfuhr erst mit zwölf Jahren, dass seine vermeintlichen Eltern in Wahrheit seine Großeltern waren und dass sich seine Mutter als seine angebliche ältere Schwester ausgegeben hatte. Erst vor anderthalb Jahren fand ein kanadischer Journalist heraus, dass Claptons inzwischen verstorbener kanadischer Vater nicht - wie in der Familie kolportiert wurde - ein konservativer Banker gewesen war, sondern ein herumvagabundierender Pianist, der mit mindestens vier Ehefrauen zusammengelebt und drei Kinder hinterlassen hatte.
Clapton verabschiedete sich von den Rauschgiften in drei Phasen. Die ersten vier, fünf Jahre hat er dem wilden, freien Drogenleben nachgetrauert. In den nächsten fünf Jahren schuf er sich einen beständigen Alltag, an dem er sich festhalten konnte, sich aber oft leer und deprimiert fühlte. Heute hat er einen neuen Zugang zur Welt gefunden: "Mein Leben ist so intensiv und aufregend."
Von seinen Kollegen, die er seit den sechziger Jahren kennt, sieht Clapton nur noch Paul McCartney und George Harrison gelegentlich, ansonsten hat er sich einen Bekanntenkreis fernab vom Musikgeschäft zugelegt. Sein bester Freund verlegt Bücher. Selbst die Libido lässt dem früher zwanghaften Womanizer mehr Ruhe. Über tausend Frauen habe er gehabt, protzte er einst in seinen wilden Tagen. Zu seinen Freundinnen und Geliebten zählten Michelle Pfeiffer, Naomi Campbell, Sharon Stone und Sheryl Crow. Derzeit hat er keine feste Beziehung und hält es durchaus mal ein halbes Jahr ohne Sex aus.
Es wäre falsch, sich Eric Clapton als glücklichen, in sich ruhenden Menschen vorzustellen. Vor über acht Jahren stürzte sein vierjähriger Sohn Conor in New York aus dem 53. Stock des Hauses, in dem dieser mit seiner Mutter lebte - ein zutiefst traumatisierender Verlust für den Vater. Als wollte er das romantische Bild des Künstlers bestätigen, der durch einsames Leiden Geniales schafft, inspirierte ihn seine Trauer zu dem höchst erfolgreichen Song "Tears in Heaven".
Im letzten Jahr hat Clapton auf der Karibikinsel Antigua, auf der er auch ein Haus besitzt, das "Crossroads Centre" eröffnet. In der Drogentherapie-Klinik müssen zwei Drittel der Patienten bezahlen, ein Drittel - vorzugsweise Einheimische - werden umsonst behandelt. Um das gemeinnützige Projekt zu finanzieren, ließ er bei Christie's in New York hundert Gitarren aus seiner exklusiven Sammlung versteigern und nahm mehr als fünf Millionen Dollar ein. Anderen zu helfen sei Teil der eigenen Therapie, sagt Clapton.
Er verbringt seine Zeit lieber auf der Urlaubsinsel als in London, wo die Leute von einem Trend zum nächsten jagen, wo er allerdings auch ein Haus besitzt - in einer Seitenstraße der King's Road, des mit edlen Läden und Cafés gesäumten Boulevards von Chelsea. "Es ist dreckig, irrsinnig teuer", klagt er und blickt in den gräulichen Himmel: "Das Wetter ist noch miserabler als sein Ruf."
Und für den Blues ist es in London viel zu laut.
MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 46/1999
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