06.05.2017

DebatteFrühstück mit Piccolo

Wer wüsste besser, was deutsch ist, als eine, die aus der Fremde kommt? Von Alida Bremer
In einem Krankenhaus in Münster, in dem – wie in allen Krankenhäusern in Deutschland – das Abendbrot gegen 17 Uhr kommt, brachten die Nachrichten erneut eine alte Frage auf. Diesmal hatte der Innenminister die Antwort: mit einem Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur.
Das Krankenhaus war ausgezeichnet, die medizinische Versorgung auf höchstem Niveau, der Umgang mit den Patienten freundlich und warmherzig. All das war genauso deutsch wie das säuerlich schmeckende Graubrot zum Pfefferminztee, dazu die gummiartige Käsescheibe, die ein Franzose nicht einmal einer Maus geben würde, und der industriell hergestellte Schinken von ebenso industriell gezüchteten Schweinen. Wobei nicht zu leugnen ist, dass es auch in diesem Bereich ernsthafte Optimierungsanstrengungen gibt. Denn das, zum Beispiel, ist deutsch: Alles, was ist, strebt nach Perfektion. So wie meine Heimat seit drei Jahrzehnten, eine Stadt mittlerer Größe in der westfälischen Provinz.
Möglicherweise ist eine Lokalpatriotin ausländischer Herkunft am besten geeignet, ein Lob auf dieses Stück Deutschland und seine fortwährende Verbesserung zu schreiben. Denn eine "echte" Münsteranerin wäre eine Tochter der Paohlbürger, der Alteingesessenen, die sich selten mit Neuankömmlingen vermischen. Weshalb sie Geschichten wie diese nicht kennt: In jenen späten Achtzigern, als ich aus Belgrad nach Münster kam, klebte eines Tages die verärgerte Nachbarin eines baskischen Professors einen Zettel an dessen Tür: "Gute Küche bedeutet Butter und Zwiebeln, nicht Olivenöl und Knoblauch." Prägnanter hätte nicht einmal Luther seine Korrektur südländischer Verfehlungen (hier die Küche, dort die Kirche – die Südländer machen so einiges falsch) formulieren können. Und Luther war, nach Ansicht des Was-ist-deutsch-Grüblers Thomas Mann, schließlich die Essenz des Deutschseins. Dabei war die Nachbarin höchstwahrscheinlich katholisch. Und ihr geschmähter Nachbar tatsächlich Professor für katholische Theologie.
Inzwischen kochen hier alle mit Olivenöl. Und in Münster wurde der Dreißigjährige Krieg beendet, der auch eine Folge der Korrekturen von Luther war. Wenn es vor 30 Jahren so etwas wie eine kulinarische Leitkultur mit den beiden zentralen Punkten Zwiebel statt Knoblauch und Butter statt Olivenöl gab, dann hat sich diese unter dem Einfluss der Fremden zum Wohle aller Feinschmecker friedlich aufgelöst. Deutschsein bedeutet auch, lernfähig zu sein. So lernte man außerdem – warum besuchte man sonst so liebend gern Italien, wenn nicht, um etwas zu lernen? –, dass "dolce far niente" gar kein so dummer Spruch ist. Es mag sein, dass man früher in Deutschland glaubte, der Müßiggang sei aller Laster Anfang. Heutzutage liegen hier bei uns in Münster alle halb nackt auf dem Rasen am Aasee, sobald sich die Sonne für nur ein paar Stunden zeigt. Was die Südländer immer schon konnten, das können die Deutschen nun auch.
Überhaupt, der Aasee: wie man aus einem künstlich angelegten Stausee, in dem das Wasser nicht tiefer als zwei Meter ist, eine mediterrane Landschaft erschaffen kann! Da ich vom Mittelmeer komme, weiß ich, wovon ich spreche. Manchmal kommt mir Münster, das weder vom Klima noch von der Geografie besonders verwöhnt wurde, mediterraner vor als meine Geburtsstadt Split. In Münster kommen die Vorzüge des deutschen Idealismus ans Licht: Die Idee des Mittelmeers wird dank des Willens der Subjekte an jenen Orten verwirklicht, an denen man sie am wenigsten erwartet. Das reale Mittelmeer dagegen, diese Wiege der europäischen Zivilisation, schreitet inzwischen ganz ideenlos einer politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophe entgegen. Ich wünsche mir, dass die mediterranen Menschen von den Deutschen lernen, wie man die eigenen Gesellschaften selbstkritisch betrachtet, um sie effizienter, intelligenter und weniger korrupt zu organisieren, so wie die Deutschen hie und da etwas von ihnen gelernt haben. Sicher, das würde endlich und unverzüglich das Ende der Kreuzfahrten bedeuten, aber davon würden wirklich alle Seiten dieser Nord-Süd-Beziehung profitieren: Die Deutschen müssten diese dümmste aller Vergnügungen aufgeben, und dem Mittelmeer wäre zumindest in einem Aspekt geholfen.
In meinem Münsteraner Krankenhaus kann man "an Sonn- und Feiertagen" ein "Genießer-Frühstück" bestellen – neben Schinken, Käse, verschiedenen Brot- und Marmeladensorten gibt es auch einen Piccolo! Ein Piccolo für die Herrschaften mit ihren Infusionsnadeln – das nenne ich wahre Lebensfreude. Anderswo mag man mit der Familie unter einer Pergola aus Weintrauben sitzen und vorzüglich speisen, aber in Momenten der existenziellen Not darbt man zu fünft in schlecht gelüfteten Zimmern und kriegt nur etwas Anständiges zu essen, wenn Besuch kommt. In Münster ist man vielleicht weniger zur Geselligkeit aufgelegt, aber immerhin lernt man kulinarisch dazu – und der Kranke kann mit bester Versorgung rechnen, ohne dass er irgendjemanden bestechen muss. Für die freundliche, kompetente und menschenwürdige Behandlung, die einem in den Münsteraner Krankenhäusern zuteilwird, muss man weder Whiskyflaschen noch diskrete Umschläge mit Geld verteilen.
Wir Menschen ausländischer Herkunft eignen uns für Liebeserklärungen an Deutschland, die einem anständigen Deutschen nie über die Lippen kämen, allerdings riskieren wir dabei, als sentimental und unkritisch angesehen zu werden. Viel besser kommen unsere witzig-bissigen Bemerkungen an, die typisch deutsche Eigenschaften ins Lächerliche verzerren und den deutschen Spießer blamieren ... Die Duldsamkeit ist eine der größten deutschen Tugenden. Sie ist vermutlich der geheime Motor aller deutschen Erfolge, die Spirale der Perfektion: je mehr Kritik, desto mehr Qualitätsoptimierung, und je mehr Erfolge, desto mehr Sehnsucht nach Kritik.
Wir Menschen aus nicht optimal funktionierenden Ländern, aus korrupten, armen und undemokratischen Staaten, sonnen uns manchmal in der Anerkennung, die uns zuteilwird, wenn wir uns über die steife Art der Deutschen lustig machen, über ihre uninspirierte Art zu feiern, über ihre Wege der Selbstverwirklichung, die sie in Birkenstocksandalen so wenig elegant beschreiten. Was wir aus unseren Ländern mitbringen, ist die Wärme in zwischenmenschlichen Beziehungen, eine gewisse Lebensweisheit und gelegentlich Humor – was bleibt uns auch anderes übrig? Gern würden wir unsere Länder nach dem deutschen Vorbild organisiert sehen, Mietrecht, Verbraucherschutz, ökologisches Bewusstsein, medizinische Versorgung und kostenlose Schulbücher inbegriffen. Umso größer ist unsere Angst, dass die populistischen Dummheiten aller Art – egal ob sie von alteingesessenen oder zugezogenen Bürgern vertreten werden – das demokratische, soziale und selbstkritische Deutschland aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Niemand braucht uns zu erklären, dass dieses mächtige Land über eine Leitkultur verfügt – wir sehen es selbst. Manchmal jedoch löst sich die Leitkultur von allein auf, wobei sich das Olivenöl leider in ungenießbare Billigware verwandelt. Darüber sollte nachgedacht werden: Wie lässt sich bei den Mengen, welche die Deutschen plötzlich konsumieren, gutes Olivenöl herstellen, ohne zu panschen?
Sicher, wir finden es rührend, wenn wir vom "Genießer-Frühstück" mit Piccolo in einem Krankenhaus erfahren. Und wir wissen, dass auch Goethe den "pedantischen Dünkel" der Deutschen tadelte. Aber heimlich bewundern wir sie: ihre Fähigkeit, nicht nur über Kritik zu lachen, sondern die Dinge auch zu ändern, ihre fantastisch organisierten Behörden, über die sie ständig jammern, da sie wohl nirgendwo anders Behörden kennenlernen mussten, ihre Neugier, mit der sie fremde Länder bereisen, ihre Geduld, mit der sie die Menschen aus aller Herren Länder zu integrieren gewillt sind, wenngleich sie auch darüber ständig jammern, ihre Kinder, die irgendwo in Afrika ein soziales Jahr ableisten, ihr ökologisches Bewusstsein, ihre beherzte, zupackende Art, mit der sie die Probleme unserer Gegenwart meistern.
Thomas Mann schrieb im Jahr 1945 über den Hang zur Selbstkritik, er sei "kerndeutsch". Und "ewig unbegreiflich wird bleiben, wie ein so zur Selbsterkenntnis angelegtes Volk zugleich den Gedanken der Weltherrschaft fassen konnte. Zur Weltherrschaft gehört vor allem Naivität, eine glückliche Beschränktheit". Inzwischen beschleicht mich die Sorge, dass die deutschen Nationalisten, die immer lauter werden, mit ihrem dumpfen Widerwillen gegenüber der Selbstkritik, in ihrer Einfallslosigkeit und in ihrer "glücklichen Beschränktheit" alles zerstören könnten – sowohl die Optimierungsspirale der selbstkritischen Deutschen als auch die Hoffnung vieler Menschen aus anderen Ländern, die in Deutschland erfahren haben, wie sich eine Gesellschaft dank der Selbstkritik unablässig zum Besseren entwickelt. So wie man in Münster die alten Kneipen durch Straßencafés mit südländischem Flair und die chronisch schlechte Laune durch eine höfliche Weltoffenheit ersetzt hat. Zu der man mit einem Piccolo anstößt, selbst wenn man krank ist.
Als Thomas Mann das Lob Cervantes' über die deutschen Länder las, notierte er: "Es ist immer angenehm, aus fremdem Munde das Lob der Heimat zu hören." Vielleicht ist es charmanter, das Lob dieses Landes fremden Mündern zu überlassen, um sich in Ruhe wieder der produktiven Selbstkritik zu widmen. Eine Leitkultur zu definieren erweist sich dabei als überflüssig. Die friedliche Koexistenz von Zwiebeln in Butter mit Knoblauch in Olivenöl wie auch der ökumenische Frieden zwischen Katholiken und Protestanten in diesem Land beweisen es: Manchmal verlieren die Thesen an der Tür ganz von allein ihre virulente Brisanz.
Die deutschkroatische Schriftstellerin und Übersetzerin Alida Bremer, 58, geboren in Split, hat gerade (mit Michael Krüger) die internationale Anthologie "Glückliche Wirkungen" herausgegeben.

Es mag sein, dass man früher dachte, der Müßiggang sei aller Laster Anfang. Heute liegen alle halb nackt am See.

Von Alida Bremer

DER SPIEGEL 19/2017
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