22.11.1999

DDR-Bürger A 000 000 1

Erich Honecker: Wie ein eitler, realitätsblinder Machtmensch die DDR zu Grunde richtete
Selten ging es im SED-Zentralkomitee so lustig zu wie in der Sitzung vom 22./23. Juni 1989. Niemand ahnte, dass es die letzte von Generalsekretär Erich Honecker geleitete Tagung sein würde.
Mitten in der gewohnt langatmigen Aussprache las der Parteichef vor, wie der West-Berliner "Feindsender Rias" die Bewerbung Leipzigs um die Olympischen Spiele 2004 kommentierte: "Also geht doch zumindestens Erich Honecker davon aus, dass die DDR auch noch im Jahr 2004 existiert." Die Funktionäre fanden das so ulkig, dass sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Honecker und sein Kronprinz Egon Krenz lachten lauthals mit über das - wie sie meinten - Wunschdenken des Klassenfeinds, in 15 Jahren werde es keine DDR mehr geben.
Die führenden Parteikader lebten in einem Wolkenkuckucksheim. Vor allem war der erste Mann im Staat, der von anderen stets die "Anerkennung der Realitäten" einforderte, selbst längst realitätsblind geworden.
Honecker, urteilte Michail Gorbatschow am 1. November 1989 im Gespräch mit Egon Krenz, habe "sich offensichtlich für die Nummer eins im Sozialismus, wenn nicht sogar in der Welt" gehalten. Der Mann habe "nicht mehr real gesehen, was wirklich vorgeht".
Dabei hatte der Dachdecker aus dem saarländischen Neunkirchen seinen Vorgänger, den Altstalinisten Walter Ulbricht, 1971 mit ebendieser Begründung gestürzt: Ulbricht halte sich für "unwiederholbar" und projiziere eine "übertriebene Einschätzung seiner Person" auf die DDR.
Tatsächlich gab es in den ersten Jahren der Honecker-Regentschaft eine Tendenz zu mehr Pragmatismus und Lebensnähe. Je weiter es allerdings mit dem Arbeiterund-Bauern-Staat abwärts ging, desto kräftiger malten Honeckers Hintersassen das Trugbild von der schönsten und größten DDR der Welt.
Überall errichteten seine Vasallen Potemkinsche Dörfer. Als Honecker 1983 Eisenach besuchte, ließen sie entlang der Sightseeing-Strecke die Fassaden auch jener baufälligen Häuser tünchen, die zum Abbruch vorgesehen waren, und hängten Gardinen hinter die toten Fenster.
Von Jahr zu Jahr jonglierte der Wirtschaftsplan mit höheren Erfolgszahlen, die auf dem Dienstweg von unten nach oben immer schöner wurden. Das bestärkte Honecker in der Überzeugung, die DDR gehöre zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt.
Allen Ernstes erklärte er im Dezember 1988 vor dem ZK, "das Volk der Deutschen Demokratischen Republik" habe "einen Lebensstandard erreicht wie noch nie in seiner Geschichte" - "im Grunde genommen" sei er sogar "höher als in der Bundesrepublik".
Den Bezug zu Land und Leuten hatte Honecker, als er gestürzt wurde, längst verloren. Da regierte der Mann, dessen Personalausweis die Seriennummer A 000 000 1 trug, seine DDR schon jahrelang wie ein feudalistischer Despot.
Das Politbüro war ein Marionettentheater. Rat nahm Honecker nur von drei Genossen an: vom Wirtschaftspapst Günter Mittag, vom Stasi-Chef Erich Mielke und von dem Agitationsjournalisten Joachim Herrmann.
Vorlagen waren so aufbereitet, dass Honecker bloß sein "Einverstanden" oder "Nicht einverstanden" drauf malen musste. Die Paraphe "EH" - großes E, großes H, ohne Punkt und Zwischenraum - war bisweilen wichtiger als Paragrafen.
In dem DDR-spezifischen Eingabewesen, das sich mangels Rechtsweg entwickelt hatte, wurde der Staatschef auch zur Berufungsinstanz, die in keinem Gesetz vorgesehen war. Wer sich von irgendeiner Behörde ungerecht behandelt fühlte, schrieb einfach an Honecker oder drohte zumindest damit, was oft auch schon half.
Ein "EH" an der Eingabe bewirkte Wunder, denn nun wurde nach unten "durchgestellt": Die niederen Organe wurden angewiesen, an Gesetzen und Vorschriften vorbei den Willen des Herrschers zu erfüllen. Willkür und Privilegienwirtschaft griffen um sich.
Katastrophal wirkte sich der barocke Regierungsstil auf die DDR-Ökonomie aus. Statt Beschlüsse des Politbüros herbeizuführen, schrieb Mittag oft Briefe an Honecker. Wenn der sie mit seinen Initialen versah, hatten sie quasi Gesetzeskraft.
Welches die hervorstechenden Eigenschaften des Generalsekretärs waren, hatte Werner Krolikowski, Honeckers Wohnungsnachbar im Bonzenghetto Wandlitz und in der SED-Spitze zuletzt zuständig für Landwirtschaft, schon 1980 seinem privaten Tagebuch anvertraut: Die Nummer eins habe "schlechten Ehrgeiz", "Eitelkeit" und "Größenwahn".
Der Eitelkeit des Potentaten schmeichelten die in den Amtsstuben allgegenwärtigen stark retuschierten Porträtfotos, auf denen er in den letzten 20 Jahre nicht gealtert war.
Besuchte der DDR-Fürst die Leipziger Messe, musste ihn das "Neue Deutschland" mit jedem Gesprächspartner abbilden - der Rekord waren 43 Honecker-Fotos in einer einzigen Ausgabe.
Und wenn er, weil er den Hubschrauber ungern benutzte, mit seiner Wagenkolonne durchs Land reiste, dann wurden Autobahnen und Straßen stundenlang gesperrt. Eskortiert von seiner Leibgarde, ließ er sich in einem silbergrauen Citroën kutschieren, von dem, um potenzielle Attentäter zu irritieren, immer ein völlig identisches Zweitexemplar mitfuhr.
Seine Jagdleidenschaft ließ Honecker den Staat was kosten. Drei Jagdhäuser wurden für ihn herausgeputzt, mit Schwimmbädern, Tennishallen, Schießständen und Bootshäusern. Sein privater Fuhrpark bestand zeitweilig aus 14 Autos.
Und binnen drei Jahren orderte die DDR im Westen 4864 Videofilme, vor allem Softpornos wie "Die schwarze Nymphomanin", für 1,3 Millionen West-Mark - je zur Hälfte gingen sie an die Busenfreunde Honecker und Mittag.
Fehler gestand Honecker zögerlich erst ein, als es zu spät war. Am 1. Dezember 1989 bekannte der Gestürzte, "dass ich das reale Leben im Lande in der letzten Zeit nicht unmittelbar wahrnahm. Ich täuschte
mir etwas vor und ließ mir oft etwas vortäuschen".
Kurz zuvor, beim 40. Jahrestag der DDR-Gründung, hatte Gorbatschow dem SED-Chef unter vier Augen vergebens einen ehrenvollen Rücktritt nahe gelegt, wie der Präsidentenberater Anatoli Tschernjajew berichtet. Als Honecker sich weigerte, unter Hinweis auf sein Alter und vier Operationen den Dienst zu quittieren, habe Gorbatschow ihn ein "Arschloch" (mudak) genannt.
Schwere Krankheiten, die im Sommer 1989 einsetzten, schützten den gestürzten Staatschef letztlich vor Strafe - wegen Untreue verfolgte ihn die Ost-Justiz, wegen der Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze wollten ihn West-Juristen hinter Gitter bringen.
Honecker hatte sich von einer Nierenoperation gerade halbwegs erholt, da griff, am 29. Januar 1990, die Staatsgewalt zu. Eine Nacht verbrachte Honecker im Rummelsburger Gefängnis, doch der Haftrichter entließ ihn wegen seines schlechten Gesundheitszustands.
Da ihm das Domizil in Wandlitz zum Monatsende gekündigt worden war, hatte Honecker faktisch kein Obdach mehr. Ein Pastor in Lobetal nördlich von Berlin erbarmte sich des Entmachteten und nahm ihn privat bei sich auf.
Im April 1990 vermittelte der Ost-Berliner Sowjetbotschafter Wjatscheslaw Kotschemassow dem Ehepaar Honecker Unterschlupf im Militärhospital Beelitz bei Potsdam. Als ihm dort Verhaftung drohte, wurde Honecker im März 1991 per Militärjet nach Moskau ausgeflogen.
Doch Gorbatschow mochte ihm im Dezember 1991 nicht länger Asyl gewähren. Nun ahmte Honecker nach, was ihm im Sommer 1989 zehntausende seiner Untertanen vorexerziert hatten: Er kramte ein paar Habseligkeiten zusammen und flüchtete in eine Botschaft - in die chilenische.
Im Juli 1992 musste der Botschaftsflüchtling aufgeben und sich den deutschen Strafverfolgern stellen. Doch die Diagnose Leberkrebs beendete rasch seinen im November eröffneten Prozess: Das Berliner Verfassungsgericht ließ den Todkranken am 13. Januar 1993 ins chilenische Exil ziehen, wo er Reporter schon mal mit einem Gartenschlauch abzuwehren versuchte und wo er, 81-jährig, im Mai 1994 starb.
Als dem Häftling Honecker im Sommer 1992 eröffnet wurde, dass seine Krankheit unheilbar sei und er längstens noch zwei Jahre zu leben habe, reagierte der so, wie sich der Politiker Honecker zeitlebens vor unangenehmen Einsichten geschützt hatte.
Von seinen Anwälten befragt, wie er mit dem tödlichen Befund umgehe, antwortete er: "Ich versuche, das zu verdrängen." NORBERT F. PÖTZL
* Auf einem Staatsratsempfang anlässlich der Rückkehr der Olympiamannschaft aus Mexiko, mit DDR-NOK-Chef Heinz Schöbel und seinem Stellvertreter Rudolf Hellmann.
Von Norbert F. Pötzl

DER SPIEGEL 47/1999
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