22.11.1999

ÖSTERREICH

Verführer aus dem Bärental

Von Mayr, Walter

Unter Jörg Haider wurde die FPÖ im Oktober zur zweitstärksten Partei. Der heftigen Kritik im In- und Ausland begegnet der Rechtspopulist seither mit einer Charme-Offensive: Er distanziert sich halbherzig von früheren verbalen Entgleisungen.

Am Ecktisch im Klagenfurter Restaurant "Oscar" sitzt er gelassen über Rucola mit geraspeltem Grana-Käse. Am Nachmittag war Jörg Haider zu "Sondierungen" beim Kanzler in Wien. Jetzt ist Feierabend. Bei der Regierungsbildung sei noch alles drin, sagt er. Und erzählt dann zwischen zwei Happen Salat eine Geschichte aus seinem früheren Leben.

Sie liegt nur ein paar Jahre zurück und handelt davon, wie er, der Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), in Los Angeles das Simon-Wiesenthal-Zentrum besucht hat. Ganz am Ende der Besichtigung, direkt vor dem Raum, wo die Gaskammern nachgebildet waren, sei er da auf eine Wand mit Fotos unappetitlicher Zeit-

genossen gestoßen. "Da hing dann der Idi Amin und daneben so ein Burenführer", sagt Haider: "Und daneben - ich."

"Ich sag zu dem jungen Burschen, der mich rumgeführt hat: Sie, wer is''n der da? - Sagt der: Ein ganz gefürchteter Rechtsradikaler aus Österreich." Er habe nichts erwidert, sagt Haider, sich aber selbst die Frage gestellt: "Wie komm eigentlich ich dahin?"

Ja, wie eigentlich? Durch anerkennende Worte für die Beschäftigungspolitik der Nazis vielleicht? Haider weiß es nicht, verbale Ausrutscher seien wohl vorgekommen in seiner "Phase des Sturm und Drangs", aber das war einmal. Über das Erlebnis im Wiesenthal-Zentrum kann er inzwischen schmunzeln. Seit einigen Tagen ist jeder Verdacht, er könnte ein rechter Hetzer sein, von ihm genommen. Findet Haider.

Wie über einen Modellbaukasten gebeugt, analysiert er kühl die zurückliegenden Schritte seiner Karrierestrategie: Zum Chef einer regierungsfähigen Partei der Mitte habe ihm zuletzt "noch ein Element gefehlt - Klarheit zum Dritten Reich, zu den ganzen Vergangenheitsfragen". Um der FPÖ den Weg zur Macht zu ebnen, habe er Farbe bekennen müssen: "Ich selbst bin letztendlich der Punkt gewesen, wo manches unklar war."

Antworten gab es dann am vorvergangenen Freitag in den Redoutensälen der Wiener Hofburg. Eskortiert von einer Hand voll Männern, Typ Pitbull mit aufrechtem Gang, betritt Haider dort am Jahrestag der Ersten Republik die Szene, steigt aufs Podium, verliert einige Worte über die Demokratie im Allgemeinen und kommt schließlich zur Sache.

Er spricht von seiner Sicht der NS-Zeit, von den "bitteren Erfahrungen mit der braunen Diktatur", der "Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit des Holocaust", und er redet davon, dass er keinen Schatten von Nazi-Verdacht auf sich zu dulden bereit sei. Das inszenierte Stück Trauerarbeit lässt Haider in einem grammatikalisch so unsinnigen wie bezeichnenden Schuldeingeständnis gipfeln: Frühere "Äußerungen, die mir zugeordnet werden, waren unsensibel und missverständlich".

Zugeordnet werden? In den Siebzigern wird er gefilmt, wie er mit dem NDP-Führer Norbert Burger gemeinsam die SS-Hymne singt: "Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu." 1985 bescheinigt er den Kriegsveteranen am Ulrichsberg: "Sie alle ragen heute heraus wie ein Fels im Meer." Jahre später äußert er am gleichen Ort: "Am Kärntner Wesen soll Österreich genesen."

1991 kostet ihn die im Kärntner Landtag protokollierte Feststellung, im Dritten Reich habe es immerhin eine "ordentliche Beschäftigungspolitik" gegeben, zwar das Amt des Landeshauptmanns, nicht aber die politische Zukunft. Als er 1995, von einem Hobbyfilmer festgehalten, Veteranen der Waffen-SS-Kameradschaft IV in Krumpendorf als "anständige Menschen, die einen Charakter haben" würdigt, steht die FPÖ gerade vor dem Sprung in die Bundesregierung. Auch diesen Rückschlag überwindet Haider und erobert im Frühjahr 1999 zum zweiten Mal das Amt des Kärntner Landesvaters.

Die Wurzeln für den Aufstieg ab 1986, schreibt Christa Zöchling in ihrem Buch "Haider - Licht und Schatten einer Karriere", lägen in der parallel einsetzenden Isolation Österreichs unter dem Präsidenten Kurt Waldheim: "Während Waldheim, der alte Mann, hilflos von ,Pflichterfüllung'' sprach, als es um seine NS-verstrickten Kriegsjahre ging, hob Haider forsch den Teppich, unter den das alles jahrzehntelang gekehrt worden war. Er behauptete, dass sich niemand dafür genieren müsse."

"Sie haben in diesem Land ja keinen gehabt, der enttabuisieren konnte", sagt Haider und meint - außer mir. Seit den Nationalratswahlen am 3. Oktober ist seine Partei mit mehr als 27 Prozent der Stimmen die Nummer zwei in Österreich. Bevor er sie übernahm, waren es um die 5 Prozent.

Haider will nun mitregieren. Auch Bundeskanzler Viktor Klima (SPÖ) will regieren, aber nicht mit Haider, sagt er. Die konservative ÖVP wiederum stößt sich weniger an Haider als an ihrem vor der Wahl gegebenen Versprechen, als drittstärkste Partei in die Opposition zu gehen.

Haider wartet auf Angebote und singt derweil weiter das garstige Lied vom kleinen Mann, der im großkoalitionär regierten Proporzstaat der Dumme ist. Er singt es seit einem Vierteljahrhundert, mit zunehmendem Erfolg: Österreich, pro Kopf gerechnet das siebtreichste Land der Welt, erlahmt nicht nur in seinen Augen nach 13 Jahren SPÖ/ÖVP-Regierung unter dem Diktat von Parteibuchwirtschaft und Funktionärsmacht.

"Wenn du eine Familie ernähren musst, deklarierst dich ned so leicht als FPÖ", sagt Haider. Er selbst habe es da leichter - als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren, ist er durch die 1565 Hektar Land im Bärental nahe der slowenischen Grenze, die ihm ein Onkel vererbt hat, zum Millionär geworden. Ein "Laschierer", wie das bei ihm heißt, ein Faulenzer, ist er dadurch nicht geworden. Und seine Sensoren hat er auch noch in Bodennähe.

Er studiert die Nöte der einfachen Menschen, hört zu, speichert ab und verstärkt auch Ängste, wo sie ihm nützen. Schon optisch in Opposition zur Politikerkaste, mit juvenilen Tommy-Hilfiger-Leiberln oder Kärntneranzug, ködert er das Volk mit dem Gestus des Kerls, "der sich was traut". Vor allem aber: Haider ist ein brillanter Redner, ein demagogisches Naturereignis. Unerreicht in der Kunst, Wahres mit nur Gehörtem zu verquicken und Einzelfälle von Willkür umzudeuten in Unterdrückungsmuster der "herrschenden Klasse", positioniert er seine Partei als unerschrockene Bewegung gegen das satte Establishment.

Die rhetorischen Figuren sind dabei wiederkehrend: Haider zitiert scheinbar das Volk und spricht doch selbst - von einer "mutigen Mitarbeiterin" einer Wiener Behörde, selbstverständlich namenlos, die sich der "Gesinnungsapartheid" verweigert und nicht zur verordneten Demonstration gegen Haider geht; von der Jugend, die der "ideologischen Hetze der Herrschenden" trotzt; von der Arbeiterschaft, die das linke, "pseudointellektuelle Geschwafel von der Ausländerfeindlichkeit" durchschaut; vom jüdischen Bundesrat, der gegen die Haider-Ausgrenzung protestiert.

Haider sät Zorn und erntet Beifallsstürme bei seinen Anhängern. Er lässt feindliche "Gedankenpolizisten" vor ihrem geistigen Auge aufmarschieren, "Glaubenskrieger" und "Kreuzritter", "fanatische Gutmenschen" eben, die seine Politik der Vernunft als Rassismus missdeuteten. Auf der Straße, sagt Haider, drohe von Gutmenschen-Seite der "Radau der Demonstration" - "der wird unseren erbitterten Widerstand ernten müssen".

Körperlicher Widerstand allerdings war bisher nicht nötig. Haiders Gegner randa-

lieren nicht. Sie kämpfen anhaltend auf den Debattenseiten der Zeitungen (nicht selten gegeneinander) oder schieben sich zu zehntausenden durchs abendliche Wien, bewaffnet mit Blinklichtern als Warnsignalen. Die Welle, von der Haider getragen wird, haben sie noch nicht gebrochen.

Denn der große Verführer aus dem Bärental besticht nicht mit sachlichen Argumenten oder ideologischen Leitlinien. In Ausländerfragen rigoros, in der Sozialpolitik zwischen marktliberal und staatssozialistisch schwankend, segelt er seit Jahren hart an jenem Wind, der den Regierenden aus den kleinbürgerlichen Milieus entgegenbläst.

"Wir sagen euch ganz klar - wir wollen keine Osterweiterung", ruft er noch im September dem Publikum im Festzelt der steirischen SPÖ-Hochburg Kapfenberg zu. Um jetzt, nach erfolgreich geschlagener Wahlschlacht, die Waffen zu strecken. Natürlich sei er für die EU-Osterweiterung, verkündet Haider vergangenen Mittwoch in Brüssel, vorausgesetzt, das Lohnniveau der Kandidaten gleiche sich an.

"Wir brauchen keine Ausländer, wir brauchen eine vernünftige Familienpolitik", sagt er im Wahlkampf. Und wundert sich, wieso er als Rassist gescholten wird wie unter anderem von Demonstranten beim jüngsten New-York-Marathon.

Von weiter zurückliegenden Überzeugungen ist noch weniger geblieben. Als "ideologische Missgeburt" hat der deutschnational erzogene Haider die österreichische Nation 1988 in orthodoxer Nazi-Diktion bezeichnet. Heute sagt er, diese "Krampfhypothese" habe halt erst mit Leben erfüllt werden müssen. Inzwischen sei eine eigene österreichische Identität entstanden. Folgerichtig lässt sich der ehemalige Vorzeigeschüler nun auch in Sachen Patriotismus schwer das Wasser reichen.

Und die Sache mit dem braunen Sumpf im Land? Wäre die FPÖ wirklich eine Nachfolgeorganisation der NSDAP, dann hätte sie die absolute Mehrheit, hat Haider 1985 dekretiert. Auch da ist er inzwischen weiter. Es sei bodenlos, Österreich als Hort Ewiggestriger zu verunglimpfen, sagt er heute.

Positionen kommen und gehen, das Rezept bleibt. Haider setzt auf das Kurzzeitgedächtnis der Wähler und auf die Konzeptlosigkeit des politischen Gegners. Der ÖVP gehen Christen und Bauern verloren, der SPÖ Arbeiter. Und je mehr die beiden großen Volksparteien deshalb von ihren ideologischen Grundfesten abrücken, desto leichter tut sich Haider. Er ist ein Meister blitzschneller Landnahme in frei werdenden Wählersegmenten.

Mit kaum verhohlener Wonne verfolgt er nun, wie Bundeskanzler Viktor Klima - die beiden duzen sich - um eine neue Mehrheit ringt. Wie der hinter der gravitätischen Maske des standfesten Demokraten, der sich mit Rechtslastigen nicht einlässt, Gefahr läuft, auch die Mitte zu verlieren.

Als die beiden nach dem ersten Sondierungsgespräch gemeinsam vor die Presse treten, schaut Klima so stumm und abweisend drein, als habe ihm ein räudiger Hirtenhund drinnen im Kanzlerzimmer gerade die Sitzgarnitur eingeschmuddelt.

Haider hingegen spricht fröhlich von einem "sehr persönlichen Gespräch" und erzählt später, wie es wirklich war: Der Kanzler, politisch vereinsamt seit seiner Wahlniederlage, habe das Treffen spürbar genossen. So viele Gesprächspartner seien dem ja nicht mehr geblieben.

Will Haider selbst auf den Sessel? Er, den Freunde, aber auch Gegner, nach Kreisky für "das größte politische Talent" der Zweiten Republik halten, er, der für sich keine andere Richtung kennt als nach oben, gibt plötzlich den Zauderer und spricht von lohnenden Aufgaben im Land Kärnten. Vielleicht, weil er weiß, dass es diesmal noch nicht reichen wird.

Andererseits, er hat die Partei natürlich nicht so hochgebracht, um im Fall des Falles die Früchte anderen zu überlassen: "Wenn, dann hat''s bloß an Sinn, wenn''st selber Kanzler wirst", räumt Haider ein: "Da musst scho wos derheb''n."

Hinter ihm in der FPÖ ist nicht mehr viel. Das weiß er am besten, denn er hat durch Vertreibung der besseren Köpfe selbst dafür gesorgt. Da glänzen neben dem neuen Zweiten Nationalratspräsidenten Thomas Prinzhorn - "Die FPÖ ist einen weiten Weg gegangen. Bei uns sehen Sie jetzt sogar Neger und Ausländer in unseren Wahlbroschüren" - vor allem die Mitglieder der so genannten Buberl-Partie mit Stellungnahmen zur Tagespolitik.

Der dynamisch frisierten Männerschar in mittleren Jahren dient als Sprachrohr und Einpeitscher der Generalsekretär Peter Westenthaler, vulgo Hojac. Der hat zuerst seinen slawischen Familiennamen teutonisieren lassen und sorgt seither dafür, dass der politische Diskurs in heiklen Fragen wie der Ausländerpolitik FPÖ-seitig ohne Schamschwellen verläuft.

Nicht die "Überfremdungs"-Plakate aus dem Wahlkampf seiner Partei seien am derzeit vergifteten Klima schuld, sagt Westenthaler und fügt, ohne zu zucken, hinzu: "Brandstifter ist die linke Jagdgesellschaft unter Muzicant." Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, hatte sich erlaubt, auf eine deutliche Zunahme antisemitischer Vorfälle seit dem Wahlerfolg der FPÖ zu verweisen.

Wird''s klingen wie bei Westenthaler, wenn die FPÖ eines Tages die Musik macht? Jörg Haider ist ganz Vorsicht und Geduld. "In diesem Land dauert alles wahnsinnig lang", sagt er: "Österreich ist ned für eine Revolution geeignet."

Dass aber ein kleineres Beben in der Republik schon am Wahltag zu registrieren war, das räumt auch er, der Verursacher, ein: "Der Krug geht bekanntlich so lange zum Brunnen, bis er bricht", sagt Haider: "Am 3. Oktober ist er gebrochen." WALTER MAYR

* Am 3. Oktober in Wien. * Beim New-York-Marathon am 7. November.

DER SPIEGEL 47/1999
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