22.11.1999

TENNIS„Nicht mehr sexy“

Leere Hallen, schwache TV-Quoten, abwandernde Sponsoren: Die Krise bei den Herren-Turnieren ist größer als die Strahlkraft des deutsch-amerikanischen Mixed Steffi Graf/Andre Agassi.
Der Mann besitzt einen goldenen Arm. 20 Profi-Turniere hat Jewgenij Kafelnikow schon gewonnen, mehr als 14 Millionen Dollar Preisgeld vereinnahmt. Er könnte glücklich sein.
Bei der Arbeit vermittelt der Russe indes den Eindruck, auf dem Tennisplatz zu stehen sei ähnlich lausig wie an einem Hochofen zu schuften. "Spielen fast jede Woche", quetscht er gequält heraus, "Spiele verlieren, Spiele gewinnen" - das ProfiLeben, will er sagen, sei eine Geschichte, die sich laufend wiederhole. Was gebe es da schon mitzuteilen?
Auch im Sport gibt es notorische Jasager und notorische Neinsager. Kafelnikow ist ein notorischer Nichtssager. Außer er hat mal wieder eine sechsstellige Prämie kassiert. Dann kommt es vor, dass er noch auf dem Center Court sein Handy auspackt, die Nummer seiner Frau wählt und ans ferne Schwarze Meer berichtet: "Wir haben wieder einen schönen Scheck."
Der Weltranglisten-Zweite aus Sotschi wird diese Woche in Deutschland zu begutachten sein: Und dass er von den Veranstaltern der ATP-Weltmeisterschaft in Hannover als Top Act angepriesen wird, sagt viel aus über den Zustand des internationalen Herrentennis. Denn vom Amerikaner Andre Agassi abgesehen, umweht
Kafelnikows Konkurrenten beim Saisonfinale noch weniger Star-Appeal: Nicolas Lapentti aus Ecuador etwa oder Todd Martin aus den Vereinigten Staaten oder Thomas Enqvist aus Schweden - Gesichter, die niemand kennt und Namen, mit denen kaum einer etwas anfangen kann.
Über zwei Jahrzehnte wuchs der Tenniscircuit zu einem florierenden Wirtschaftszweig, weil es Helden gab, die sich Duelle lieferten: Björn Borg und Jimmy Connors, John McEnroe und Ivan Lendl, Boris Becker und Stefan Edberg. Doch je professioneller die Branche wurde, desto stromlinienförmiger gerieten die Hauptdarsteller.
Das Publikum ist gelangweilt. In Deutschland, dank Becker mehr als eine Dekade lang die Wirtschaftswunderzone des Herrentennis, ist das Desinteresse mittlerweile so greifbar wie nirgendwo anders. Klaus-Dieter Heldmann, Turnierveranstalter in Stuttgart, verteilte Ende Oktober Freikarten - viele Plätze blieben trotzdem leer. Trocken konstatiert er: "Tennis hat zurzeit den Stellenwert, den es verdient."
Selbst der jüngste Aufstieg zweier Profis in die Weltklasse stößt hier zu Lande auf Gleichgültigkeit. Nicolas Kiefer gilt als schwer vermittelbar, weil er chronisch schlecht gelaunt ist, und Thomas Haas gilt als schwer vermittelbar, weil er chronisch gut gelaunt ist. Was ihre Beliebtheit betrifft, rangieren beide, so eine Studie des Kölner Instituts Sport + Markt, auf dem Niveau der Schwimmerin Sandra Völker.
Wie groß die Sehnsucht der Zuschauer nach Stars und nach Show noch immer ist, wird dieser Tage offenbar: Nichts erregt die Republik mehr als die Liaison zwischen der aktuellen Nummer eins der Männer und der ehemaligen Nummer eins im Frauentennis. Als Steffi Graf neulich beim Hallenturnier in Stuttgart während eines Matches von Andre Agassi in der Loge Platz nahm, geriet das Publikum in Wallung wie bei keinem Ballwechsel.
Tags zuvor war die Blonde gar in Tennisklamotten auf dem verwaisten Center Court erschienen und hatte mit Agassi ein paar leichte Bälle gespielt. Die spontane Übungseinheit, um die der Turnierdirektor Markus Günthardt die Superpromis inständig gebeten hatte, geriet zum Höhepunkt der gesamten Turnierwoche. Denn das deutsch-amerikanische Mixed, weiß Boris Becker, "ist das Heißeste, was es derzeit auf diesem Planeten gibt".
Doch auch das Zusammenspiel von Herzbube mit Herzdame ändert nichts daran, dass Herrentennis bei Fernsehsendern längst als Quotenkiller gilt. Verfolgten 1996 noch 5,27 Millionen Deutsche das Endspiel in Stuttgart, schauten in diesem Herbst nur noch 1,4 Millionen hin. Beim WM-Finale zwischen den Spaniern Carlos Moya und Alex Corretja guckten voriges Jahr gar nur 500 000 Fans zu. Kurz vor dem Matchball blendete das ZDF aus. Jan Hendrikx, Geschäftsführer des Sponsors Eurocard, meint: "Tennis ist nicht mehr sexy."
Als Handelsware rangiert das Spiel für die TV-Verantwortlichen folglich irgendwo zwischen "Tigerenten Club" und "Fliege". Zwar haben sich die Öffentlich-Rechtlichen erst Ende September den Daviscup für drei Jahre gesichert. Doch den Zeitpunkt des ersten Aufschlags, das schreibt der Kontrakt fest, bestimmen allein die TV-Macher. "Wir denken da an elf Uhr", erläutert Sportkoordinator Peter Jensen emotionslos. Die Tennismatches sollen nicht mal in die Nähe der Prime Time geraten. "Wenn das Vorabendprogramm beginnt", sagt der NDR-Mann, "müssen die Spiele durch sein."
Die Quoten-Schwindsucht schreckt auch die Sponsoren ab. Eurocard, das seit 1991 als Patron des Hallenturniers in Stuttgart jährlich 5,5 Millionen Mark beisteuert, steht vor dem Absprung. "Selbst bei der Übertragung lateinamerikanischer Tänze", nörgelt Geschäftsführer Hendrikx, "ist die Quote besser."
Vorvergangene Woche zog Opel Konsequenzen. Der Autokonzern, der in den letzten 15 Jahren wie wenige Firmen in Tennis investiert hat, kündigte seinen Ausstieg an. Sämtliche Verträge, darunter auch mit dem deutschen Daviscup-Team, werden nicht mehr verlängert. "Wir konzentrieren uns", so Opel-Sprecher Dieter Meinhold, "noch mehr auf Fußball."
Turniere, die wegen des Booms kreiert wurden, finden jetzt ihr natürliches Ende. So steht der 1990 gegründete Grand Slam Cup seit kurzem ohne Sponsoren da - Unternehmen wie Coca-Cola oder Beck''s haben das Interesse verloren. Die Daseinsberechtigung der einwöchigen Veranstaltung bestand in dem horrenden Preisgeld, das weltweit unerreicht blieb: 6,7 Millionen Dollar. Nächstes Jahr soll das Ereignis mit der Weltmeisterschaft verschmolzen werden - die findet dann allerdings aus marktwirtschaftlichen Gründen nicht mehr in Hannover statt, sondern in Lissabon.
Fachkundige Köpfe streiten über Wege aus der Baisse. Während Ion Tiriac Tennis immer noch für die fernsehtauglichste Sportart hält, fordert RTL-Chefredakteur Hans Mahr "Regeländerungen". Doch die meisten Vorschläge sind so krude wie hilflos: mal sollen die Bälle schwerer gemacht werden, mal der zweite Aufschlag abgeschafft oder die Zählweise vereinfacht.
Beschlossen ist die Reform der Weltrangliste: Vom 1. Januar 2000 an starten alle Profis mit null Punkten - statt mit einem Stand, der sich aus den Resultaten der vergangenen zwölf Monate errechnet. Die Änderung dürfte jedoch nur kosmetische Wirkung haben, solange die Veranstalter den Spielern die Vorhände küssen - etwa indem sie "appearance money" zahlen, eine garantierte Gage fürs bloße Erscheinen.
"Die Herrschaften", sagt der St. Pöltener Turnierdirektor Hans Holzer, "stecken in der Regel zwischen 100 000 bis 250 000 Dollar ein." Der Weltranglisten-Erste darf noch einmal mit einem Zuschlag von 80 000 Dollar rechnen. Selbst bei den höher dotierten Super-9-Turnieren, bei denen der Weltverband Antrittsgagen verbietet, kassieren die Spieler kräftig ab. Das Startgeld, berichtet ein Branchenkenner, wird dann mit einem "Promotion-Vertrag" verschleiert: Der Profi stellt sich beispielsweise für Fotoaufnahmen zur Verfügung.
Zu selten regt sich Widerstand gegen die Abzockerei. So verzichtete Niki Pilic, der Chef des Sandplatzturniers in München, dieses Jahr auf ein Engagement des Australiers Mark Philippoussis. Er wollte 100 000 Dollar im voraus - schließlich sei er Weltranglisten-Neunter.
Jewgenij Kafelnikow korrigierte, nachdem er zu Jahresbeginn die Australian Open gewonnen hatte, seine Forderung für ein Turnier in Prag um 100 000 auf 175 000 Dollar nach oben.
Die Veranstalter in Tschechien, ihren Sponsoren gegenüber zu einem namhaften Teilnehmerfeld verpflichtet, schlugen ein. Doch als sich Kafelnikow in der ersten Runde widerstandslos aus dem Wettbewerb verabschiedete, verweigerte der Turnierdirektor den Scheck: "Wenn man eine Putzfrau anheuert, dann muss sie das Zimmer säubern - sonst gibt es kein Geld."
Der lustlose Russe hat seinen Ruf als Raffke weg, seitdem er Anfang dieses Jahres sechsmal in Folge auf wundersame Weise im Auftaktspiel scheiterte. Der Basler Turnierleiter Roger Brennwald warnt vor Kafelnikow wie die Polizei vor Falschspielern: "Er ist das Musterbeispiel für einen, dem man kein Antrittsgeld zahlen sollte."
Dabei passen die Ansprüche der Akteure zum System - bei den Turnieren werden die Top-Profis wie Staatsgäste umschwirrt. Zum Verwöhnprogramm gehört in Monaco die Offerte, sich steuergünstig im Fürstentum niederzulassen; in Palma de Mallorca wurde bei der Spielerparty eine Harley Davidson verlost; und in Halle am Teutoburger Wald stehen eine Woche lang Tag und Nacht 20 Hostessen parat, "hübsche Mädels, die die Spieler ein bisschen verwöhnen und", wie Turniersprecher Frank Hofen es formuliert, "für das Wohlfühlklima sorgen". Spiel, Satz und Room-Service.
Neidisch schauen die Vermarkter auf das Damentennis, das bis vor drei Jahren in einer schweren Rezession steckte. Dann erschien eine neue Spielerinnen-Generation auf der Bühne - und die Manager der Turnierserie erklärten ihnen, es sei gut, dem Publikum etwas von sich preiszugeben.
Seither sind die Rollen geschäftsfördernd verteilt: Die Weltranglisten-Erste Martina Hingis gibt das Biest, die Russin Anna Kurnikowa die Kindfrau, die Französin Mary Pierce die Diva. Und, Höhepunkt der Show, die Williams-Schwestern Venus und Serena geben die Ghetto-Kids.
Die Top-Akteure im Herrentennis haben kein Image; sie haben nicht mal Spitznamen, die Respekt bekunden. Borg war "Ice Borg". McEnroe war "Big Mac". Und Becker war "Der Rote Baron".
Kafelnikow dagegen wird zuweilen "Kalaschnikow" genannt. Er hat sich den ungalanten Spitznamen verbeten.
MAIK GROSSEKATHÖFER, MICHAEL WULZINGER
* Marcelo Rios bei den U. S. Open 1998 in New York.
Von Maik Grossekathöfer und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 47/1999
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