10.06.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteHaus ohne Sohn

Wie das Fährunglück in Südkorea das Leben eines Vaters veränderte – und das ganze Land
Das Wrack der "Sewol" liegt auf der Seite wie ein verendeter Wal. Unlängst wurde es aus dem Meer gehoben, seither wird es auf einem Hafenpier im Südwesten des Landes untersucht. Fast täglich zeigt das Fernsehen Bilder der Unglücksfähre. Und Park Jong Dae durchleidet stets aufs Neue Südkoreas große Tragödie.
Park, 52, ist der Vater von Su Hyeon. Der Junge war 16 Jahre alt, als er und 303 weitere Passagiere vor drei Jahren, im April 2014, mit der "Sewol" vor der Insel Jindo untergingen und ertranken. Wie Su Hyeon waren die meisten Fahrgäste Schüler einer Oberschule in Ansan bei Seoul, sie waren unterwegs nach Jeju, einer südlichen Urlaubsinsel.
Von Su Hyeon stammt ein schockierendes Video, das er mit seinem Handy in der Kabine aufgenommen hat, während die Fähre sank. Es wurde auf makabre Weise berühmt. Auch Su Hyeon selbst ist kurz zu sehen, in seiner Koje, gefilmt von einem Mitschüler: Er lächelt, formt ein Siegeszeichen mit den Fingern seiner rechten Hand. Dann werden die Stimmen immer ernster. Zu hören ist, wie ein Mitschüler eine letzte Botschaft an seine Eltern sendet: "Mama, ich liebe dich", sagt er. "Papa, ich liebe dich, ich liebe euch beide." Dann verabschiedet er sich von seiner jüngeren Schwester: "Ye Won, bitte gehe nicht auf eine Schulreise, wenn du nicht enden willst wie ich. Okay? Das ist das Ende, das ist der Schluss. Du siehst, wie schräg das Schiff liegt, oder?"
Park empfängt in seinem neuen Haus südlich von Seoul. Das helle Wohnzimmer ähnelt einer Kapelle mit seiner hohen Decke. An der weißen Wand über dem Sofa hängt ein lebensgroßes Foto von Su Hyeon; es zeigt ihn mit Baseballkappe auf einer Bergtour, die er einst mit dem Vater unternahm.
Su Hyeon würde jetzt bereits an der Uni studieren, sagt der Vater. Und dass er vor einem Jahr mit seiner Frau und der älteren Tochter dieses neue Haus baute, hätte den Sohn bestimmt gefreut. "Es war seine Idee, dass wir nach seiner Schulzeit in ein größeres Haus umziehen."
Diesen Wunsch haben sie erfüllt, wie ein Vermächtnis. Im Obergeschoss des Hauses, das der Vater selbst entworfen hat, haben sie ein Zimmer eingerichtet für den Verstorbenen, als sei er mit ihnen hier eingezogen. Auf dem Schreibtisch liegt Su Hyeons Laptop, daneben sein Keyboard. "Su Hyeon war musikalisch", sagt der Vater, "er konnte auch gut Gitarre spielen."
Dann setzt er sich an Su Hyeons Schreibtisch. Oft zieht er sich hierher zurück, dann ergänzt er die vielen Aktenordner, in denen er jede neue Einzelheit über den Untergang der "Sewol" sammelt, die er findet.
Park trägt eine Brille, die angegrauten Haare hat er in die Stirn gekämmt. Er arbeitet als Manager in einer Fabrik für Autozubehör, doch nach dem Fährunglück pausierte er zwei Jahre: Der Verlust des Sohnes machte aus ihm einen Aktivisten, der Trauernde wandelte sich zum prominenten Ankläger gegen die Obrigkeit. "Ich war nie besonders politisch", sagt Park. Doch als die Regierung der damaligen Präsidentin Park Geun Hye die Ursachen des "Sewol"-Unglücks nicht so konsequent untersuchen ließ wie gefordert, organisierte er mit anderen Hinterbliebenen Proteste. In Seoul hielten sie Hungerstreiks ab.
Die Justiz setzte den Kapitän und dessen Crew auf die Anklagebank, sie wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Zentrale Fragen aber blieben unbeantwortet, kritisiert der Vater. Warum waren die Behörden nicht gegen illegale Umbauten des Schiffes eingeschritten? Warum ließen sie zu, dass die "Sewol" heillos überladen wurde?
"Was sind wir nur für ein Land?", fragt der Vater. Der Untergang der "Sewol" wurde für ihn zum Symbol für alles, was schiefgelaufen ist in der hastigen Aufholjagd der heute elftgrößten Industrienation. Politiker und Konzernbosse kommandierten Südkorea wie eine einzige Exportfabrik für Supertanker, Speicherchips und Smartphones. Um Leben und Gesundheit der Menschen scherten sie sich kaum, Wachstum und Gewinne hatten Vorrang. Dass Arbeiter von Elektronikfabriken reihenweise an Leukämie erkrankten, dass schlampig errichtete Gebäude Menschen unter sich begruben – das nahm die Obrigkeit lange in Kauf.
Diesmal aber wollte der Schrecken nicht vergehen: All die Jugendlichen, die Zukunft der Nation, gefangen unter Deck, wartend auf staatliche Retter, die nicht oder viel zu spät kamen. Und dann die Präsidentin, ihrem Volk auf gruselige Weise entrückt, die nicht die passenden Worte des Mitgefühls fand. Der Untergang des Schiffes trug dazu bei, dass sie im Zuge monatelanger Massenproteste im März dieses Jahres gestürzt wurde. Sie wird angeklagt wegen Amtsmissbrauch und Korruption – Vorwürfe, die mit der "Sewol" juristisch nichts zu tun haben. Aber in den Augen vieler Landsleute steht sie auch wegen des Fährunglücks vor Gericht.
Seit Kurzem regiert ein neuer Präsident in Seoul, der liberale Moon Jae In, 64. Moon habe die Hinterbliebenen stets aufrichtig unterstützt, sagt der Vater. Er vertraut darauf, dass der Politiker das Unglück entschlossen aufklären wird.
Bis der Untergang der "Sewol" restlos aufgearbeitet ist, könnten noch Jahre vergehen. Der Vater von Su Hyeon will so lange weiterkämpfen, bis alle für die Katastrophe Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden sind. Er sagt: "Ich kämpfe als Vater und als Bürger." Diese beiden Rollen lassen sich für ihn nicht trennen. Und gewiss nicht hier, in diesem Haus, das er auch für seinen toten Sohn gebaut hat.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 24/2017
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