DER SPIEGEL



INTELLEKTUELLE

Von der Revolte zur Denkstarre

Von Mohr, Reinhard

Was heißt links sein heute? Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer ist die deutsche Linke marginalisiert und hält sich immer noch an den Wegweisern von gestern fest - der Schlaf der Vernunft blockiert die eigene Zukunft. Von Reinhard Mohr

Ein Gespenst geht um in Deutschland: Sein Herz schlägt links, doch der Kopf tickt anders - von Bauch und Lenden ganz zu schweigen. So kommt es zu akuter Gleichgewichtsstörung und Realitätsverzerrung, zu Schwierigkeiten mit dem, was früher Fortschritt hieß.

Vor zehn Jahren fiel die Berliner Mauer im Freudentaumel der Befreiung, seit einem Jahr regiert Rot-Grün die neue Republik, die lange ersehnte linke Mehrheit "diesseits der Union" (Willy Brandt), doch noch nie ist die deutsche Linke so schwach, so orientierungslos, so marginalisiert gewesen wie jetzt - und so theorielos.

Selbst der Protest gegen den Sparkurs der Bundesregierung und seine "sozialen Ungerechtigkeiten" trägt eher die Züge einer trotzig-hilflosen Abwehrschlacht als einer konzeptionellen Offensive, gar einer neuen politischen Perspektive. Oskar Lafontaines Aufsehen erregende und verkaufsträchtige Behauptung, das Herz schlage links, fügt sich in das Bild: Biologie als Ideologie, Folklore statt Reflexion. Mit solch markerschütterndem Herzschmerz-Sound ist auch Gysis PDS erfolgreich, während Kanzler Schröder ein ums andere Mal verkündet, seine Chaostage in der neuen Mitte seien "ohne Alternative". Verrückte Welt.

Zehn Jahre nach dem Zeitenbruch von 1989, als große Teile des linken Weltbilds zusammenstürzten, scheint sich die Lagermentalität - hier die fortschrittliche Linke, dort die reaktionäre Rechte - tatsächlich aufgelöst zu haben, wie die Kontroverse um den Kosovo-Krieg offenbart hat: der rechte Alfred Dregger gegen, der linke Erhard Eppler für die Nato-Luftangriffe.

Doch gleichzeitig blieben die überkommenen linken Reflexe weithin intakt. In ihnen finden sich, je nach Gelegenheit, immer wieder durchaus disparate Milieus der Restlinken zusammen - Hauptsache, der ideologische Grundakkord stimmt. In den unvergänglichen Worten des grünen Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele vom Frühjahr 1999: "Ich schäme mich für Deutschland!" Negativer Nationalismus par excellence.

Eine provisorische Bilanz des ersten postsozialistischen Jahrzehnts zeigt: Statt einer neuen, die eigene Geschichte schonungslos reflektierenden Linken hat sich eine merkwürdige Parallelität etabliert, die vorwärts treibende Debatten verhindert - hier der globalisierte Common Sense der "neuen Mitte", dort eine anachronistische Schmähkultur, ratlos, verbittert und umso wütender auf alle "Opportunisten", "Karrieristen" und "Kriegstreiber" einschlagend.

Die große Chance von 1989, alle linken Positionen einer gründlichen Revision zu unterwerfen, wurde nicht genutzt. Das gute Erbteil der Revolte von 1968 - die antiautoritäre Lust auf die Veränderung von Wirklichkeit, Demokratisierung im Alltag, Kritik an herrschenden Zuständen - verkommt so zu einem ideologischen Konservativismus, der gesellschaftliche Veränderungen vorwiegend als Bedrohung auffasst, die es abzuwehren gilt - vom Ladenschluss bis zur Steuerreform. Keine Erneuerung nirgends. Von der Revolte zur Denkstarre.

Über grundlegende gesellschaftliche Fragen schweigt sich die intellektuelle Linke weithin aus. Zum Beispiel: Wie ist Russland daran zu hindern, postkolonialistische Kriege wie derzeit in Tschetschenien zu führen? Braucht es so etwas wie einen institutionalisierten Moralkodex angesichts der rasanten ökonomischen Globalisierung? Müssen und können die weltweiten Finanzströme überhaupt "gebändigt" werden? Ist der Nationalstaat tot, und welche Form von staatlicher Souveränität wird es in der gemeinsamen Zukunft Europas, im Rahmen der Vereinten Nationen geben? Was ist von den osteuropäischen Wünschen nach "deutscher Führung" zu halten? Welche Chancen hat der "rheinische Kapitalismus" gegen die anglo-amerikanische Kultur der Shareholder-Value?

Nichts da.

Stattdessen quält sich ein diffuser Mainstream unter dem Druck der Macht- und Mehrheitsverhältnisse klammheimlich Stück für Stück in Richtung gesellschaftlicher Wirklichkeit - eine unwillige Prozession der Geplagten, Jammervollen und Schmerzensreichen, die tatsächlich oft reiner Opportunismus ist. Denn sie entspringt weniger intellektuellen Einsichten als taktischen Imperativen und geistiger Passivität.

Besonders bei den Grünen hat sich eine Mischung aus bequemer Doppelmoral und praktischer Arbeitsteilung herausgebildet, die das Denken immer wieder unter Quarantäne stellt - im Namen vermeintlicher "Grundwerte". So musste Joschka Fischer, unbestreitbar der Mann des Jahrzehnts, statt Klartext zu reden, allzu oft in Watte sprechen - jedenfalls so lange, bis über die Mehrheitsverhältnisse in seinem Sinne entschieden war. Der jüngste Strategie-Kongress der Ökopartei hat das ganze Ausmaß der inzwischen erreichten Gedankenarmut, Stagnation und politischen Mutlosigkeit noch einmal offenbart.

Daher bleibt selbst berechtigte Kritik an schlechter Realpolitik zahnlos, folgenlos. Die Konsequenz: Ob beim Atomausstieg, in der Außenpolitik, den pazifistischen Prinzipien oder in der Wirtschafts- und Sozialpolitik - die überkommenen linken Grundüberzeugungen werden rhetorisch reihenweise über Bord geworfen, ohne dass sich in offenen Diskussionen ein zukunftsweisendes theoretisches Koordinatensystem gebildet hätte, das eine andere Politik begründen könnte. Der rot-grüne Schleuderkurs ist eine unmittelbare Folge dieses Vakuums, und es ist kein Zufall, dass die populärste Figur des einstigen Reformprojekts, Joschka Fischer, inzwischen von allen Seiten unter Beschuss genommen wird. Diagnose: "Verlust der Glaubwürdigkeit".

Diejenigen aber, die ihre Positionen frühzeitig und ganz bewusst revidierten, gelten längst als Renegaten und halten sich meist selbst nicht mehr für "links" im traditionellen Sinne - ob Cora Stephan, Peter Schneider, Hans Magnus Enzensberger oder Wolf Biermann. Die meisten haben sich längst aus jener gemeinschaftsstiftenden Wärmestube der Weltrevolution verabschiedet, der andere noch nachtrauern.

Kurz: Die normative Kraft des Faktischen hat auch offiziell die Herrschaft über den Zeitgeist übernommen. Forscher Pragmatismus ersetzt skeptisches Denken. In dieser intellektuellen Leere gedeihen stets aufs Neue jene Mystifizierungen der Linken, deren Ende 1989 schon gekommen schien.

Dabei missachten viele Linke gerade jene freudianische Lehre, die sie stets anderen verpassten: Wer sich der Vergangenheit nicht stellt, ist gezwungen, sie zu wiederholen, und sei es als Farce. So feiern immer wieder reflexhafter Antiamerikanismus, in deutscher Selbsthassliebe lodernde Inländerfeindlichkeit und ein hilflos wütender Zynismus - "Kein Blut für Joschkas Karriere"(Jürgen Elsässer) - fröhliche Urständ.

"Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben", lautet der Titel eines Sammelbandes von Polemiken, in denen 20 Autoren ihre ganze Geisteskraft darauf verwenden, unermüdlich die Kriegslüsternheit von Schröder, Fischer & Co. anzuprangern - samt ihren "intellektuellen Bodentruppen" (Willi Winkler).

Der Essayist Wolfgang Pohrt etwa äußert, dass "deutsche Massengrab-Storys" über das Kosovo wie bestellt mit der Politik der deutschen "Kriegsregierung" (Klaus Bittermann) korrespondierten - ein ebenso infames wie irrwitziges Verschwörungsszenario.

Was also ist die deutsche Linke 1999? Nur wenige Intellektuelle bekennen sich noch so ungebrochen zu den Glaubenssätzen ihrer Vergangenheit wie der Politologe Ekkehart Krippendorff, 65, Emeritus der Freien Universität Berlin, der im Szeneblatt "Zitty" das äußerst selten gewordene, immer noch leicht eisenhaltig anmutende Kernprogramm der Nachfahren von Danton und Robespierre ("Ich bereue nichts") formulierte: "Ich bin kein Renegat, und ob der Vergangenheit habe ich mich für nichts zu entschuldigen", sagt er unbeeindruckt von allen Umbrüchen. Zwar habe auch er sich "weiterentwickelt", doch: "Die Grundlinie des Zorns über die gesellschaftlichen Verhältnisse habe ich beibehalten. Links sein war immer ein moralischer Protest gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung", dagegen, dass "der Mensch vom Menschen ausgebeutet wird".

Auch Thomas Ebermann, Ende der achtziger Jahre einer von drei grünen Fraktionssprechern im Bundestag, benennt die "Säulen linker Politik" wie einst August Bebel selig zum Ende des 19. Jahrhunderts. "Dazu gehört als erstes: diesem System kein Mann und keinen Groschen. Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen."

So war es kein Wunder, dass für diese Linke der Fall der Mauer am 9. November 1989 ein Schock sein musste. Akute Sprachlosigkeit dominierte angesichts des Triumphs des Westens. Die Niederlage des Sozialismus erschien als unverschämter Sieg des Kapitalismus und der "kapitalistischen Ideologie", wie der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger Günter Grass damals meinte.

Wer sich über den Fall der Mauer einfach freute, wurde in linken Kreisen zumindest als "Sozialdemokrat" beschimpft, eine der übelsten Beleidigungen jener Tage. Es galt wieder, Ideologiekritik zu üben. Der Schriftsteller Klaus Theweleit ("Männerphantasien") sprach angesichts der DDR-Flüchtlinge, die in die Auffanglager der Bundesrepublik gebracht wurden, von Sonderzügen "ins Land von Hitlers Enkeln". Rasch machten linke Stammtisch-Ressentiments die Runde: Die Ausreiser seien ein rechtes Wählerpotenzial, Konkurrenten auf dem engen Arbeitsmarkt, die den Emigranten aus der Dritten Welt auch noch die Wohnungen wegnehmen würden. Die allgegenwärtigen Deutschland-Fahnen waren der Beweis: Hier begann ein neuer deutscher Nationalismus, ein "Aufleben abgestandener völkischer Gefühle", wie der später als Stasi-Zuträger enttarnte Autor Rainer Schedlinski fürchtete.

Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter erklärte, die Flucht der "armen Entrechteten aus dem Land des Schlimmen" in "unsere Oase der Seligkeit" diene der Ablenkung von inneren Problemen der Bundesrepublik. Plötzlich sprachen altgediente Linke, die für Emigranten aus aller Welt stets die Grenzen öffnen wollten, von "Wirtschaftsflüchtlingen" aus der DDR, die sich "von der Prosperität der Bundesrepublik ein Scheibchen BMW und ein paar Neckermann-Reisen abschneiden wollen".

Die Grundmelodie: Es kann nicht wahr sein, was das bloße Auge sieht. Stefan Heym beschrieb im SPIEGEL-Essay (49/1989) seine Landsleute im Augenblick ihrer Befreiung, stellvertretend für viele DDR-Intellektuelle, als materialistisch verdorbenen, konsumgeilen Mob, als "eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef".

Die Linke ahnte: In diesem historischen Prozess könnte sie selber verschwinden. Deshalb sprach sie fortwährend von "Ausverkauf", "Vereinnahmung", "Einverleibung", "Kolonialisierung" und "Identitätsbruch". Die endlosen Weiten des europäischen Ostens, das graue Hinterland des westdeutschen Wohlstandsimperialismus, drohten zu verschwinden - und damit das vage Niemandsland einer irgendwie doch möglichen Alternative, dieser Leerstelle politischer Restutopie.

Währenddessen waren Kampfbegriffe der Französischen Revolution - Freiheit, Menschenrechte, Volkssouveränität - ins Arsenal der Rechten gewandert. So wurde die Linke beim Fall der Mauer auf dem historisch falschen Fuß erwischt. "Die übertölpelten deutschen Intellektuellen haben das vereinigte Deutschland nie als ihre Umwelt akzeptiert", bemerkt der Autor Frank Böckelmann, dessen Buch "Deutsche Einfalt. Betrachtungen über ein unbekanntes Land" im August erschienen ist. "Deutsche Universalisten", so das einstige SDS-Mitglied Böckelmann, hielten "Deutschsein und Weltoffensein" für einander ausschließende Seinszustände. Die Frage freilich, wie die Germanophoben selbst beides offenbar mühelos vereinbaren können, bleibt ein Rätsel.

Am Ende seines 1992 erschienenen Buches "Die Linke nach dem Sozialismus" zitierte Joschka Fischer ein berühmtes Wort des alten Renegaten Manès Sperber, der sich selbst die Frage gestellt hatte, ob die Linke ohne eschatologische Hoffnung, ohne erlösende Leit-Utopie weiter bestehen könne. Seine Antwort war ebenso pathetisch wie lakonisch: Möglicherweise, doch sie müsse jeder Mystifizierung entgegentreten. Bei ihrem Kampf um die Wahrheit habe sie nichts zu bieten als die Suche nach ihr - und den festen Willen, "außerhalb des Absoluten und gegen das Absolute zu leben".

Diese Lektion hat die deutsche Linke zu großen Teilen bis jetzt nicht gelernt - ein Grund, warum sie bis heute nicht wieder Boden unter den Füßen spürt und dabei ihr ureigenes optimistisches Grundmotiv verrät: "Time is on my side." Das war einmal. Legion sind dafür all die Äußerungen, die der Abwehr kritischer Selbsterkenntnis dienen.

Günter Grass polemisierte in regelmäßigen Abständen dagegen, dass nun alles "niedergebügelt" werde, was mit dem Traum vom demokratischen Sozialismus zu tun habe. Die Möglichkeit eines "dritten Weges" solle diskreditiert und der Weg zum deutschen Einheitsstaat freigemacht werden, der einst die "früh geschaffene Voraussetzung für Auschwitz war".

Auschwitz als Waffe der Utopieseligkeit. Unrecht hat im Zweifel nicht die Idee, sondern die Wirklichkeit, deren Lügenhaftigkeit es zu entlarven gilt. Heute noch verschmäht Grass gern die Realität, so etwa, wenn er die Abschiebepraxis bundesdeutscher Behörden, die gewiss kritikwürdig ist, mit der Politik des Völkermords auf dem Balkan gleichsetzt.

Besonders beleidigend für die Linke im Herbst 1989 bis heute: Ludwig Erhard wurde zum Revolutionstheoretiker und Helmut Kohl zum Volkstribun - ausgerechnet diese beiden! Dazu noch die Banane als Emblem eines Volksaufstandes, der so gar nicht ins postmaterialistische Bild der abgeklärten West-Fortschrittler passte.

Die Linke lief der Zeit hoffnungslos hinterher. Schuld war, na klar, die Zeit. Und die Zeit schien nach Restauration, Nationalismus und Großdeutschem Reich zu riechen. Christian Ströbele rief bereits im August 1990 zum Kampf gegen die "Kolonisationsbedrohung des großen deutschen Reiches" gegenüber "ganz Europa" auf, und überall skandierten tausende Autonome und Antifas "Nie wieder Deutschland!" - eine geradezu surrealistische Parole. Genauso gut hätte man fordern können: Nie wieder Spargelsuppe! Nieder mit der Ostsee!

Die Beiläufigkeit des Polit-Singsangs, in der auf Demonstrationen die vertrauten Chöre der Linken - "Deut-

sche Polizisten sind Mörder und Faschisten" - wieder angestimmt wurden, klang wie der Ruf nach der verloren gegangenen Normalität im "Schweinestaat" des "BRD-Imperialismus" - nach der verlässlichen Anti-Utopie des revolutionären Kampfes eben.

Die Ossis waren die grünen Männchen der Konterrevolution aus dem dunklen All, die an die Wühltische der Kaufhäuser strebten und alles durcheinander brachten. Jeder westwärts tuckernde Trabant bedrohte so die traditionelle Schlachtordnung im Kampf um "weltweite Befreiung".

Bürgerfreiheit aber, jener Ist-Zustand im Westen, der so viele DDR-Bürger zur Flucht motivierte, galt vielen Linken nur als Propagandavokabel bourgeoiser Ideologie. Unfreiwillig offenbarte Hermann Kant, Mitglied des ZK der SED, Partei- und Staatsdichter der DDR, das Verhältnis vieler Intellektueller zur Freiheit. In der Zeitschrift "konkret" (6/1990) schrieb er über eine Demonstration ostdeutscher Bürgerrechtler abfällig: "Beim Umzug ''88 dann kamen die etwas angestrengte Bühnenschaffende Klier und andere in Haft, weil sie eine Fußnote aus Rosas Schriften zum Bannerspruch erhoben." Die Fußnote betraf die "Freiheit des anders Denkenden".

Es ist eine fatale Kontinuität der deutschen Linken, dass sie Realismus stets für die Kapitulation vor der Idee gehalten hat, also für flagrante Selbstaufgabe - statt für die Chance, Irrtümer zu korrigieren. So war es nur logisch, dass notorische Bedenkenträger wie Jutta Ditfurth oder Oskar Lafontaine zum zeternden Zuschauen verdammt waren - bis zum heutigen Tage, wie man sieht -, während Helmut Kohl den rasanten Lauf der Zeit beim Schopfe packte. Dieser von der Geschichte überrollten Linken blieb nicht viel mehr als Jammern über den reaktionären Zeitgeist und die Rache der Feuilletonisten. "Treibjagd", "McCarthyismus", ja sogar "Hinrichtungsvorbereitungen" beklagten Intellektuelle wie Günter Grass, Walter Jens und Stephan Hermlin, als die vielfältigen Stasi-Verbindungen von Schriftstellern und Künstlern ans Licht der Öffentlichkeit drangen. Plötzlich wurden Kritik und Polemik, das Lebenselixier der westdeutschen Intelligenz, zu Folterinstrumenten der "Neokolonisation" umgelogen.

Kritische Rezensionen von Christa Wolfs autobiographischem Bericht "Was bleibt" erschienen so als Fanal der Verfolgung aus niederen Beweggründen, die Enttarnung von Stasi-Spitzeln wie Sascha Anderson als Machenschaften der konterrevolutionären Hexenjäger - absurde Verkehrung der Verhältnisse.

Der Fernsehmoderator Roger Willemsen warf dem "Weltschrat" Wolf Biermann, der Andersons 14 Jahre währende IM-Tätigkeit (unter gleich drei Decknamen) bekannt gemacht hatte, "Hetzen und Petzen" vor, und der Publizist Matthias Greffrath verglich die Stasi-Verdächtigungen im Fall des Ost-Berliner Theologieprofessors Heinrich Fink gar mit der berüchtigten, antisemitisch grundierten Dreyfus-Affäre von 1894.

Manche Wortmeldungen gaben erst nach einiger Zeit ihre tiefere Bedeutung preis: So beschrieb der ostdeutsche Schriftsteller Fritz Rudolf Fries 1990 in der Zeitschrift "Freibeuter" in einer literarischen Phantasie, wie DDR-Autoren im Niemandsland zwischen Ost und West per "Exekutionssalven" in "den Staub Brandenburgs" sinken, unter ihnen Heiner Müller und Ulrich Plenzdorf, Volker Braun, Günter Kunert, Monika Maron und Jurek Becker. Erst Jahre später wurde klar, dass diese Liquidationsphantasie von einem Stasi-Spitzel (IM "Pedro Hagen") stammte - nach der Methode "Haltet den Dieb!"

Der schwedische Autor Richard Swartz charakterisierte die "verspäteten Intellektuellen", als er eine genrehafte Szene auf dem Kundgebungslastwagen am Alexanderplatz während der Großdemonstration vom 4. November 1989 beschrieb: "Wie Spartakisten aus einer vergangenen Zeit standen die Intellektuellen dort auf ihrer Ladefläche. Es fiel mir auf, dass sowohl der Wagen als auch der Traum vom demokratischen Sozialismus eigentlich in ein Revolutionsmuseum gehörten."

Die Linke hatte, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, ihr kritisches Potenzial, ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion und ihre Lust auf die immer wieder neu zu erkennende Wirklichkeit verloren. Sie verharrte in Passivität, und selbst die rüdesten Attacken auf "D-Mark-Imperialismus" (Habermas) und "Treuhand-Terror" waren Teil der hilflosen Abwehrschlacht gegen die Zeit und ihre Veränderungen.

Nun, da soziale und politische Umbrüche die ganze Gesellschaft in Bewegung brachten, erwies sich die Linke als konservative Kraft. Es waren eben die "falschen" Veränderungen. So galten viele Bemühungen der Rettung des Begriffs "Utopie". "Lebe wild und gefährlich" lautete 1991 der Titel einer 400seitigen Streitschrift Jutta Ditfurths für den linken Leitbegriff. Da die unschönen Abweichungen der Realität vom Idealbild der Utopie scheinbar nichts anhaben können, wird fleißig weiter gestrickt an der Welt von morgen, deren Verwirklichung nur reaktionäre Kleinbürger, intellektuelle Verräter und die Macht des internationalen Kapitals aufhalten können.

Immer noch agiert hier der Aberglaube, die theoretische Denunziation des schlechten Ganzen bringe sozusagen zwangsläufig das Bild jener endgültig besten aller Welten hervor, an deren Realisierung die Mehrheit der Menschen zutiefst interessiert sein müsste. Das "Pathos des Gordischen Knotens" (Joachim Fest) scheint über jede Erfahrung, jeden Zweifel und jede Desillusionierung zu siegen.

Kurz und bündig brachte der Alt-68er Udo Knapp die merkwürdige Dialektik der deutschen Linken auf den Punkt: Da, wo sie objektiv erfolgreich war, habe die Linke realitätsblind ihre eigenen Wirkungen gering geschätzt; dort aber, wo sie ihren Traum einer "militanten Moral" und eines "konfessionellen Radikalismus" zu realisieren glaubte, war sie tatsächlich antiwestlich und antidemokratisch.

Die Verachtung von Kompromiss und Reform gegenüber vermeintlich alles umwälzenden Radikalkonzepten war stets charakteristisch, ein permanentes Misstrauen gegen die Überzeugungskraft der eigenen Argumente wie der Moral der Fortschrittstruppen insgesamt. Überall lauerten Anpassung und Verrat am Wegesrand, dräute der Schwefelgestank des Renegatentums. Die Leserbriefspalten der Berliner "Tageszeitung" ("taz") sind bis heute ein Zentralarchiv dieser trüben Geisteshaltung.

Die US-Intervention gegen den Irak 1990 war, nach dem Mauerfall, der nächste Schlag ins Kontor. Der erste Krieg nach dem Ende des Kalten Krieges, und in Deutschland brach Panik aus: "Kein Blut für Öl" hing es bettlakenweise aus den Fenstern. "Keiner soll für Texaco sterben", forderte die Theologin Dorothee Sölle. Linke Moral des Friedens: Wir, wir vor allem, sind die Opfer imperialistischer Machenschaften!

So wurden Kasernen, Bahnhöfe, Munitionsdepots und US-Konsulate belagert, schwarz drapierte Skelette durch die Straßen getragen, Trommeln gerührt und Ochsenblut vergossen. Selbst brave Stadttheater sagten im Namen des Friedens Aufführungen ab, kurz: Angst, Moralbedürfnis, Unschuldssehnsucht und Opferinszenierung gingen Hand in Hand. "Waffenstillstand sofort", verkündete treuherzig eine Kleinanzeige in der "taz", mit dem ein "A1-Plakat!" gleichen Inhalts angeboten wurde - aber "nur gegen Vorauskasse".

Das Bonner "Netzwerk Friedenskooperative" interpretierte den Krieg gegen den Irak als Exempel, das "in Zukunft jedem Aufbegehren gegen westliche Interessen als warnendes Beispiel dienen soll". Saddam Hussein als Vorkämpfer der unterdrückten arabischen Massen. Von seinem Terror-Regime jedenfalls war so wenig die Rede wie Jahre später von der Völkermord-Politik des Slobodan Milosevic.

Hans Magnus Enzensbergers Vergleich des irakischen Diktators Saddam Hussein mit Hitler wurde ähnlich leidenschaftlich verdammt wie Joschka Fischers Hinweis während des Kosovo-Krieges, eine vordringliche Lehre aus deutscher Geschichte laute: nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord - Worte, die Fischer schon vor Jahren gebrauchte, als er, anders als sein Freund Dany Cohn-Bendit, noch politisch korrekt gegen eine militärische Inter-vention in Bosnien argumentierte: "Wo deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewütet haben, darf es keine Einsätze geben."

In diesen ideologischen Wirren bildete sich die neue Front heraus: Bellizisten gegen Pazifisten. Der Einbruch des Krieges in den deutschen Selbstfindungsprozess, die Rückkehr des antagonistischen Konflikts in die Diskursrepublik verwirrte vor allem die einst so konfliktbewusste Linke.

"Wir sind geschiedene Leute", rief Wolf Biermann all denen zu, die mit Palästinensertüchern gegen die "US-Aggression am Golf" demonstrierten. Während irakische Raketen mit Giftgas-Know-how aus deutschen Landen Israel bedrohten, phantasierten sich nicht wenige Friedenskämpfer in einen bevorstehenden "Dritten Weltkrieg" hinein - die Apokalypse war auch hier wieder letzter Fluchtpunkt der politischen Blindgängerei.

Verkehrte Welt: Zeichnete sich die europäische Linke stets durch einen oft penetranten Geschichtsoptimismus aus, so wendete sie ihn seit den achtziger Jahren in einen zuweilen inbrünstigen Pessimismus, eine misanthropische Art des Rechtbehalten-Wollens noch in der Niederlage.

Wenn nicht alles gut werden würde, so sollte es wenigstens richtig schlecht sein. Selbst unbestreitbare Verbesserungen waren entweder unbedeutend, schimärenhaft oder mit Katastrophen anderswo erkauft: die Schrumpflogik des ewigen Alarmismus. Nie wieder Deutschland. Nieder mit der Ostsee.

Derweil wandte sich der Grüne Ströbele - konsequent pazifistisch - gegen die Lieferung deutscher "Patriot"-Abwehrraketen an Israel, weil dies eine weitere Eskalation des Krieges mit sich bringen würde - zumal Israel mit schuld sei am Golf-Konflikt: "Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels", sagte er in einem Interview. Auf die Nachfrage: "Sie finden es also richtig, dass Israel jetzt beschossen wird?", antwortete Ströbele: "Nein, nicht jede Konsequenz muss von mir gebilligt werden." Aus diesem Fundus grüner Graswurzelpolitik, die ihren eigenen Abgrund an Zynismus gar nicht erkennt, bediente man sich auch beim Bosnienkrieg: Während die Aggressoren mit der Logik der Waffen vollendete Tatsachen schafften, stellte die deutsche Linke fest, dass es keinen gerechten Krieg geben kann. Massaker hin, Massenvertreibung her. Das musste reichen zur Beruhigung des Gewissens.

Selbst der auf dem Balkan bewanderte Sozialdemokrat und leidenschaftliche Aufklärer Peter Glotz wollte im August 1992 vor allem eine serbenfeindliche "deutsche Lesart" des Balkankonflikts, ja, "eine Art Kriegsstimmung" erkannt haben - in Bonn, nicht in Belgrad. "Serbischen Völkermord" und "zivilisierte Welt" setzte er konsequent in Anführungszeichen.

In einem Aufruf der pazifistischen Linken - von Horst-Eberhard Richter bis zum Flottillenadmiral a. D. Elmar Schmähling - galten selbst deutsche Uno-Blauhelmsoldaten, über die noch gar nicht entschieden worden war, als Teil des "gefährlichen Trends zur Eskalationsstrategie der Weltpolizei". Symptomatisch, dass zu dem jahrelangen Drama in Ex-Jugoslawien, zur quälenden, mörderischen Dauerbelagerung Sarajevos, kein einziges Wort fiel.

Währenddessen zeigte eine jener berüchtigten Podiumsdiskussionen unter dem Motto "Die Linke neu erfinden" vor allem, wie tot sie war. Dabei intonierte der Grüne Roland Appel, amtierender Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Landtag von Nordrhein-Westfalen, das klassische Credo: Viele Linke seien "ins System reingewachsen", während doch Gesellschaftsveränderung "außerhalb des Parlaments" stattfinde. Mit Hilfe der Massenmedien und der Werbung verschleiere "der Apparat" die wahren Besitzverhältnisse, wogegen nur eines helfe - "Aufklärung in die Köpfe zu kriegen".

Es sei ein Märchen, dass Marx widerlegt sei, "nur weil der real existierende Sozialismus gescheitert ist". Wie tief die Krise des Kapitalismus sei, könne man auch daran erkennen, dass es ihm nicht einmal gelinge, in der Ex-DDR reibungslos die Marktwirtschaft einzuführen.

Wieder einmal war das "System" theoretisch komplett erledigt - doch das war selbst Gregor Gysi ein allzu virtueller Sieg, und so erinnerte er immerhin an die 40jährige Dauerpleite der sozialistischen Planwirtschaft.

Angesichts dessen gewinnt die Behauptung von Thomas Schmid, einst Mitstreiter von Joschka Fischer und jetzt Chefkorrespondent der "Welt", einige Plausibilität, dass "fast alles, was der Republik dann so gut bekommen ist" - Marktwirtschaft, Westbindung, Föderalismus -, "gegen die Linke" durchgesetzt wurde. Eine Feststellung, die auch durch den berechtigten Hinweis auf die segensreichen Wirkungen gesellschaftlicher Emanzipation nach ''68 nicht zu widerlegen ist.

Und so müssen sich auch die führenden Realos bei den Grünen, die späten Marktwirtschaftler und neuen Freunde der Nato vorhalten lassen, dass ihre nach langen Jahren gewonnenen Einsichten jedenfalls nicht Anspruch auf Originalität und Exklusivität erheben können.

Noch viel weniger originell allerdings sind die traditionellen Reiz-Reaktions-Schemata der unbeirrbaren Irgendwieimmer-noch-Sozialisten. Das "Elend linker Immunisierungsversuche" diagnostizierte noch einmal der Publizist Christian Semler angesichts der Abwehrreaktionen nicht weniger Intellektueller auf das "Schwarzbuch des Kommunismus", welches 1998 eine weltweite Opferbilanz des Stalinismus zu ziehen versuchte.

Dass um längst belegte historische Tatsachen ein derart hysterischer Wirbel entstehen konnte, war kaum zu glauben. So attackierte der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz in der "Zeit" wutentbrannt die angebliche "Geschichtsklitterung des Bolschicaust": Das Schwarzbuch zähle auch jenen Eisenbahner zu den rund 80 Millionen Opfern des Kommunismus, der sich "auf der Baikal-Amur-Magistrale eine Grippe" zugezogen habe. Vor allem aber: Das Werk diene der "Auslöschung" der kommunistischen Idee und der "Apotheose" des Kapitalismus.

Der Berliner Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann bilanzierte im "Neuen Deutschland", das Schwarzbuch trage zur direkten und indirekten "Relativierung des Holocaust" bei - eine klassische Argumentationsfigur seit den stalinistischen Schauprozessen der dreißiger Jahre: Wer vergleicht, verharmlost, ja, wer auch nur die Verbrechen der "anderen Seite" ausspricht, verrät die "eigene Sache", das Werk des Fortschritts. So hallt das Schweigen der linken Intellektuellen über den Totalitarismus bis heute nach.

Wie sehr sich die Kraft deutscher Geistesschaffender in reiner Selbstbespiegelung und beim Lecken ideologischer Wunden erschöpft, zeigte nur wenige Monate später die Walser/Bubis-Debatte über den Umgang mit dem Gedenken an den Holocaust: Da, wo die 68er Linke ihren hoch moralischen Anfang genommen hatte - wo sie auch heute geistig gefordert wäre -, da hörte man fast nichts von ihr. Die üblichen Verdächtigen aus der Protestresolutions- und Debattierlinken glänzten durch Abwesenheit. Die wesentlichen Diskussionsbeiträge der heftigen, die Nation aufwühlenden Kontroverse kamen von Politikern und Journalisten, nicht selten jenseits der Pensionsgrenze, und die klarsten und hellsichtigsten Worte haben jüngst der Historiker Fritz Stern und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gefunden.

Selbst als Horst Mahler, Ex-Maoist und Ex-RAF-Mitglied, inzwischen für die "nationale Wiedergeburt Deutschlands" kämpfend, antisemitische Attacken ritt, regte sich kaum jemand auf. Im Gegenteil: In Frank Castorfs linker "Volksbühne" darf er seinen deutschnationalen Schwachsinn stolz präsentieren.

Irrläufer und Außenseiter wie Mahler, Rabehl, Maschke oder Röhl bedrohen, so scheint es, nicht das linke Weltbild. Auch die so genannte Sloterdijk-Debatte, bei der sich manch einer die Augen rieb, der die Aufklärung nicht um einer Spielerei mit kulturpessimistischen Provokationen willen aufgeben möchte, hat trotz aller spektakelhaften Erhitzungen eben nicht zu einer Diskussion über das Verhältnis von Theorie und Gesellschaft geführt.

Nicht einmal das glimpfliche Ende des Kosovo-Krieges - vergleicht man es mit den anfänglichen Horrorszenarien der Nato-Kritiker -, ja selbst die Aussicht auf einen Sturz des Milosevic-Regimes und eine demokratische Zukunft der Region hat bislang einen einzigen Feuilleton-Pazifisten dazu bewogen, sein Urteil zu korrigieren, womöglich einen Irrtum einzugestehen.

Dass Peter Handke schweigt, nimmt nicht wunder, er hat sich längst um Kopf und Kragen geredet. Aber wo bleiben all die anderen Ankläger des weiland "neugroßdeutschen Militarismus", die Verschwörungstheoretiker und Teufelsaustreiber mit dem eingebauten Moral-Navigator - Ströbele, Bednarz, Schwarzer, Winkler, Gysi, Wallraff, Alt, Pohrt, Amendt, Castorf, Peymann e tutti quanti?

Gegen Ende der Neunziger habe mit Schröder und Blair eine postideologische Linke gesiegt", schrieb jüngst der englische Literaturtheoretiker Terry Eagleton. Aber: Diese Linke ist nicht einmal mehr sozialdemokratisch. Sie ist, gemessen an allem, was in diesem Jahrhundert als links galt, überhaupt nicht mehr links. Was aber ist sie dann?

Nach den nichtsozialistischen Sozialistendarstellern der PDS nun die nichtlinken Linken, die nur noch eine ideologische Leerstelle besetzen - eine Planstelle mit dem Vermerk "kann wegfallen"?

Es scheint, dass Paradoxie, Zynismus und Stammtisch-Ressentiments das einzige sind, was die ehemalige Linke zehn Jahre nach 1989 zu bieten hat - und dies in bewegten Zeiten, wo intelligente Gesellschaftskritik so dringend gebraucht würde.

Unter vielen westlich orientierten Intellektuellen hat sich im ablaufenden Jahrzehnt ein Konsens herausgebildet, den der Historiker Tony Judt lakonisch formulierte: "Nur wenn die Linke zur nüchternen Prosa der alltäglichen demokratischen Praxis findet, kann sie hoffen, das hohe moralische Niveau der gesellschaftspolitischen Debatte wieder zu erreichen, das sie einmal auszeichnete."

Doch eine der neueren Nachrichten vom Gemütszustand der deutschen Linken, hier: von Franz Steinkühler, 62, Ex-Boss der IG Metall, der 1993 nach dem Vorwurf, Insidergeschäfte mit Daimler-Aktien betrieben zu haben, zurücktreten musste, stimmt eher pessimistisch. Bitter beklagte der einstige Gewerkschaftsführer in einem langen Zeitungsgespräch den deutschen "Überwachungsstaat", den man "nur ertragen kann, wenn man gleichgültig ist".

Steinkühler steuert seine besternte Limousine mit einem satellitengestützten Navigationssystem durch den unwegsamen Vordertaunus und fühlt sich dabei von den elektronischen Sensoren der Orwell-Republik verfolgt. Rhetorisch fragt er: "Soll ich deswegen wieder mit der Landkarte fahren?" - soll er sich also vom Großkapital zurückjagen lassen ins Mittelalter von ADAC-Autoatlas und Falkplan? Gott bewahre.

Wir verstehen: Nachdem der deutsche Linke den faschistoiden Überwachungsstaat angeklagt hat, ist es sein gutes Recht, per Auto-Navigator den Lieblings-Italiener anzusteuern und, ohne weiteren Abhörterror, in aller Ruhe Fettucine gorgonzola fatti in casa zu bestellen. Währenddessen, so Steinkühler im Frühsommer entsetzt, "fliegen Bomber von Deutschland aus in den Krieg" - und es herrscht Ruhe im Land.

Na dann, Gespenster aller Bundesländer, vereinigt euch.

* In der Berliner Gauck-Behörde.

DER SPIEGEL 48/1999
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