17.06.2017

KanzlerDer schwarze Riese

Helmut Kohl war der Kanzler der Einheit. Er trieb die Einigung Europas voran, gab entscheidende Impulse zu besserer Integration und Verständigung. Kohl hat sich um Deutschland verdient gemacht - auch wenn Schatten auf sein Werk fallen. Eine Würdigung seines Lebens in sechs Kapiteln.

Kapitel 1 - Die Ochsentour zur Macht

Helmut Kohl hat dieses Land vorangebracht. Obendrein gab er Europa entscheidende Impulse zu besserer Integration und Verständigung. Er war ein großer Staatsmann, dessen Verdienste durch eine eher belanglose, von ihm selbst erzeugte Affäre kurz nach seiner Amtszeit nicht wirklich zu schmälern sind.
In seiner politischen Karriere war er fast immer erfolgreich, fast immer der Jüngste, und mit seinem Gardemaß von 1,93 Meter einer der Größten sowieso. Er war mit 16 Jahren das bis dahin jüngste CDU-Mitglied, später der jüngste Fraktionschef, Ministerpräsident, Bundeskanzler.
16 Jahre lang war er als Kanzler unangefochten, bis der Wähler ein Machtwort sprach - ausgerechnet gegen ihn, den Machtmenschen.
Sein Werdegang außerhalb des Politspektrums sah ganz anders aus. In der beruflichen Ausbildung war er ein Spätzünder: Erst mit 20 machte er das Abitur in seiner über alles geliebten Heimatstadt Ludwigshafen, übrigens mit einer glatten Sechs in Mathe, die er mit einer Eins in Deutsch ausglich.
In der Schule ging es natürlich weder um rhetorisches Talent (schlecht) noch um Managementqualitäten (befriedigend) noch um Beharrlichkeit (hervorragend).
Nach 16 Semestern an den Unis Frankfurt und Heidelberg wurde er als Historiker zum Dr. phil. promoviert (cum laude), da war er 28 Jahre alt - und seit drei Jahren im Landesvorstand der rheinland-pfälzischen CDU.
Die Dauer der Ausbildungszeit war nicht nur seinem Drang in die politische Szene, sondern auch dem und den Wirren der geschuldet. Wenn sich für den jungen Helmut Kohl ein Lebensziel formulieren lässt, dann dieses: Er wollte nie wieder einen Krieg erleben.
Sein Bruder Walter hatte, kurz bevor er im Krieg fiel, dem jüngeren Helmut das Versprechen abgenommen, sich jederzeit um die Mutter zu kümmern. Noch prägender war die Zeit kurz vor und nach : Im NS-Wehrertüchtigungslager Berchtesgaden wurde er an seinem 15. Geburtstag feierlich auf das Reich und seinen Führer vereidigt; fünf Wochen später waren Reich, Führer und andere Obrigkeiten verschwunden.
Da wanderte Helmut Kohl, fast noch ein Kind, mit einer Gruppe gleichaltriger Kameraden ohne Geld, ohne Lebensmittel und eigentlich ohne Hoffnung fast zwei Monate lang zu Fuß durch das zerstörte Süddeutschland, bis sie endlich von Mannheim aus ihre Heimatstadt jenseits des Rheins sahen. Aber die Rheinbrücke war gesprengt, die Jungs hatten keine Ausweise; die US-Posten ließen sie, nach all den Strapazen, erst Tage später zurück zu ihren Eltern im französisch besetzten Gegenüber. Eine grausame Zeit.
Kohl musste nicht beschließen, Politiker zu werden; er wurde es wegen all der widrigen Umstände. An der Schule war er schnell Klassen-, dann Schulsprecher, weil er das Vertrauen seiner Kameraden gewann und gut Feten, Ausflüge oder die Schulspeisung organisieren konnte. Eine Wechselwirkung: Aus dem Stolz über das Erreichte zog er Kraft für die nächste Aufgabe.
Mit seiner Mitgliedsnummer 00246 lernte er seine Partei CDU, die damals noch überall von ergrauten Konservativen aus der Weimarer Zeit geprägt war, von unten her in allen Strömungen und Facetten kennen. Und er machte sich schnell ein demokratisches Grundprinzip zu eigen: dass sich jedes Engagement sowohl für die Gesellschaft als auch für den Engagierten auszahlen kann.
Hinzu kam für den jungen Studenten die Erkenntnis, wie förderlich es der Karriere sein kann, persönliche Beziehungen zu einem festen Netzwerk zu verknüpfen. Nur so lassen sich stetig die Stufen der Erfolgsleiter in einer Partei, von der Kreis- über die Bezirks- zur Landesebene, erklimmen und bewältigen.
Mit immensem Fleiß und einem Lambretta-Motorroller, den sich Kohl dank seines Lohns als Werkstudent in einer Steinschleiferei der BASF leisten konnte, machte sich der wenig später "schwarzer Riese" Genannte auf die Ochsentour durch die regionalen Parteigremien, lernte sein späteres Vorbild (von Ferne) kennen, klebte Plakate, rüttelte die demokratieunerfahrenen pfälzischen Mitbürger vom Lautsprecherwagen aus zum Zuhören und zur Wahlbeteiligung auf. So wurde er mit 23 Jahren Mitglied im geschäftsführenden Bezirksvorstand Pfalz; schon dies war ein Durchbruch.

Kapitel 2 - Das System Kohl entsteht

Mitglied im geschäftsführenden Bezirksvorstand Pfalz - dieser Erfolg war eine Andeutung dessen, wie später der Parteichef persönliche Verbindungen zu seinem Machterhalt nutzen sollte: Das "System Kohl" war erfunden. Dessen Geheimnis: Wer viele kennt, kann sich auf viele stützen - die ihrerseits von der Hilfestellung profitieren.
Geschickt setzte Kohl seinen jugendlichen Elan, zum Beispiel bei der Bildung, gegen die Altvorderen in seiner Provinz ein, die damals noch an ihren traditionellen Zwergschulen hingen und über deren hinterwäldlerischen Unterricht der jeweilige Ortspriester seine schützende Hand hielt. Er stichelte gegen die "vereinigten Kalkwerke" in den Spitzenpositionen, zielte damit auf den recht autoritären Ministerpräsidenten Peter Altmeier und warb im Hintergrund um Rückhalt bei neuen Freunden. Als Altmeier 1969 nach 22-jähriger Regentschaft entnervt sein Amt aufgab, dankte er in seiner Abschiedsrede zwar ausdrücklich seinem Chauffeur, erwähnte den drängelnden Nachfolger aber mit keinem einzigen Wort.
Das hatte Helmut Kohl zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr nötig; nun peilte er - als jüngster Chef einer Landesregierung - höhere Weihen auch auf Bundesebene an. Noch im gleichen Jahr ließ er sich zum Vizevorsitzenden der CDU wählen und kündigte ein Jahr später seine Bewerbung für den Chefposten an, der dem Ex-Kanzler nach der Niederlage bei der Bundestagswahl 1969 gerade entglitt.
Erstmals in der bis dahin geradlinig nach oben weisenden Karriere verliert der Pfälzer eine wichtige Abstimmung: Im Oktober 1971 gewinnt , Oppositionsführer im Bundestag, die Wahl zum Parteichef - und erringt doppelt so viele Stimmen wie sein Kontrahent Kohl.
Schon zwei Jahre später hat Kohl die Schmach überwunden, nachdem Barzel mit seinem Versuch spektakulär gescheitert war, den amtierenden SPD-Kanzler per konstruktivem Misstrauensvotum zu stürzen. Barzel zieht sich aus der ersten Reihe zurück. Und Helmut Kohl, zum CDU-Chef gewählt von über 86 Prozent der Parteitagsdelegierten, ist auf einem ersten Höhepunkt seines bundesweiten Machtanspruchs. Seine Partei allerdings muss sich so kurz nach dem Bonner Regierungswechsel mit der Oppositionsrolle noch abfinden.
Besonders in dem Vorsitzenden der nicht sehr brüderlichen "Schwesterpartei" , , der selbst Ambitionen auf hohe Bonner Ämter hat, findet der CDU-Chef einen jahrelangen, erbitterten und zuweilen bösartigen Widersacher.
Strauß intrigiert zäh gegen eine Kanzlerkandidatur Kohls, nennt ihn, wie der SPIEGEL 1976 enthüllt, "total unfähig", und stellt sogar den Zusammenhalt der beiden "C"-Parteien in Frage, indem er droht, seine CSU über Bayern hinaus auszuweiten und die jahrzehntelange Fraktionsgemeinschaft im Bundestag aufzukündigen.
Das geschieht zu einem Zeitpunkt, als Kohl gerade ein höchst achtbares Wahlergebnis erzielt (48,6 Prozent der Stimmen) und nur denkbar knapp eine absolute Mehrheit verfehlt.
Kohl wechselt als Oppositionschef nach Bonn, schiebt dem Konkurrenten Strauß taktisch geschickt die nächste Kanzlerkandidatur zu, um nach dessen deutlicher und allgemein erwarteter Niederlage 1980 die unangefochtene Führungsrolle an der Spitze der Unionsparteien zu übernehmen.
Nun muss er, den Strauß immer wieder höhnisch einen "Aussitzer" nennt, nur noch warten, bis SPD-Kanzler Helmut Schmidt das Vertrauen seiner linken Parteigenossen verliert und damit die Mehrheit im Parlament. Denn deren Nerven und Geduld hat "Schmidt-Schnauze" mit seiner ("Nach"-)Rüstungspolitik so strapaziert, dass sie lieber in die Opposition gehen, als an der Macht zu bleiben.
Nach 13 Jahren ist die sozialliberale Ära zu Ende.

Kapitel 3 - Vom Kanzler zum Pragmatiker

Im Herbst 1982 ist Kohl am Ziel: Die FDP wechselt den Regierungspartner, der Mann aus der Pfalz wird zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik gewählt.
Im Land stößt Kohl anfangs auf Widerstand - bei der von ihm sogenannten Hamburger Meinungsmafia aus ARD, SPIEGEL, "Stern" und "Zeit" und - auch wegen seiner Rhetorikschwäche - bei jenen Intellektuellen, die noch an ihrer Vision einer linksgeprägten sozialliberalen Gesellschaft hängen. Dabei hat sich die FDP von diesem Ziel längst verabschiedet.
1983 werden Kanzler Kohl und seine Koalition erstmals vom Wahlvolk bestätigt; damit hat er die "Wende" zur bürgerlichen Regierungskoalition geschafft.
Im Wahlkampf forderte Kohl forsch eine "geistig-moralische Erneuerung", die fortschrittliche Geister als Ende aller Reformen, als Rückfall in die graue, stockkonservative Adenauer-Ära fürchteten und manch Rechter - wie Kohls Nachfolger als Fraktionschef, - herbeisehnte.
Doch da wurde der CDU-Kanzler, entgegen aller Ankündigungen, zum Pragmatiker: Er akzeptierte die Reformpolitik seiner beiden Vorgänger und setzte deren auf Verständigung gerichtete Ostpolitik fort. Er schob seinem Dauerwidersacher Strauß eine wichtige Rolle bei einem Milliardenvertrag mit der wirtschaftlich kriselnden DDR zu und wurde bei der Wahl 1987 im Amt bestätigt - obwohl ihm damals besonders wegen zweier Affären ein Ruf als "Pannenkanzler" anhing.
Für die eine konnte er nichts, als sein Verteidigungsminister den ranghöchsten General der Bundeswehr unter fadenscheinigen Umständen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt hatte: Laut unbewiesenen und unbeweisbaren Gerüchten hatte der Militär homosexuelle Beziehungen und galt damit als mögliches Sicherheitsrisiko. Als die Wahrheit ans Licht kam, entließ Kohl nicht seinen Ministerfreund, obwohl Wörner seinen Rücktritt anbot. Der Hintergrund: Kohl war - wie er in seinen Memoiren enthüllte - zunächst der Ansicht, an den Gerüchten, aufgebracht vom Militärischen Abschirmdienst (MAD), sei doch etwas Wahres dran.
Wesentlich schlimmer war die Rolle des Kanzlers in der sogenannten Parteispendenaffäre. Da machte er mit anderen Parteichefs gemeinsame Sache und versuchte, eine Amnestie für all jene Geldgeber zu erreichen, vor allem aber für all jene Spendenempfänger in den Parteizentralen, die über Jahre gegen geltendes Recht Spenden gegeben oder angenommen und dabei den Fiskus geschröpft hatten.
Kohl barmte vor allem um die Spender, angeblich "kleine Handwerker", die den Parteien nur Gutes zugedacht und unwissentlich gegen Gesetze verstoßen hatten: "Die Steuern müssen sie nachzahlen, aber die Kriminalisierung soll nicht stattfinden."
15 Jahre später machte Kohl sich in eigener Sache diese Forderung wieder zu eigen.
Tatsächlich hatte er damals die Schatzmeister und Kassierer der Parteien im Blick, die eine Amnestie von Strafe befreit hätte; und genau deshalb scheiterte der kühne Plan, nachdem selbst Kohls Parteifreund Ernst Benda, vorher Präsident des Bundesverfassungsgerichts, den Parteien vorgehalten hatte, sie wollten sich zum "Richter in eigener Sache" aufschwingen.
Die Spendenaffäre hatte noch lange Nachwirkungen. Als der, damals grüne, Abgeordnete den Kanzler anzeigte, weil der vor einem Untersuchungsausschuss die Unwahrheit gesagt habe, nahm ihn dessen Generalsekretär Heiner Geißler mit dem seltsamen Argument in Schutz, Kohl habe wohl kurzzeitig "einen Blackout" gehabt - eine Ausrede, die Kohl seinem Geißler, wie eine Majestätsbeleidigung, niemals verzieh.
Kohl über NS-Verbrechen:
"Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat." (im israelischen Parlament, 1984)
Den Wählern waren diese und andere Pannen des Kanzlers eher egal. Es schien ihnen wohl, als müsse Kohl noch ein wenig üben: Damals machte ihm auch die Außenpolitik noch Schwierigkeiten, etwa als er in Israel eine Mitschuld seiner Generation am mit der flapsigen Bemerkung abtat, er - Jahrgang 1930 - stehe in "der Gnade der späten Geburt".
Den sowjetischen Parteichef , der damals gerade mit dem Neubau seines verkrusteten Staatswesens begann, verglich er mit dem NS-Propagandisten Goebbels, weil auch der etwas von PR verstanden habe.
Und den US-Präsidenten zwang er zum Besuch des Soldatenfriedhofs Bitburg, obwohl dort auch Angehörige der Waffen-SS begraben sind.
Im Inneren schwand Kohls Rückhalt erst, als die CDU Ende der Achtzigerjahre bei wichtigen Wahlen Stimmenverluste erlitt und innerhalb der Regierungspartei ein Gegner auftauchte, mit dem der Kanzler kaum hatte rechnen können - CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, den Kohl einst selbst für die Politik entdeckt hatte.
Im September 1989 konnte Kohl dann das dreifache "Wunder von Bremen" erleben und zelebrieren: Denn beim dortigen CDU-Parteitag brach die von Geißler initiierte Revolte schnell zusammen, als der Kanzler auf die mit Ungarn insgeheim verabredete und unmittelbar bevorstehende Öffnung des Eisernen Vorhangs an der Grenze zu Österreich verweisen konnte: Kohl wurde nicht, wie Geißler erhofft hatte, abgewählt, wurde nicht von Lothar Späth abgelöst.
Er stand den Parteitag auch gesundheitlich tapfer und unter hoch dosierten Schmerzmitteln durch, weil sich eine eigentlich fällige Operation (der Prostata) eben noch verschieben ließ.
Und so konnte Kohl, Wunder Nummer drei, vom Krankenbett aus fasziniert und gespannt die Erosion des Ostblocks verfolgen: Erst Ungarn, dann Polen, später die Tschechoslowakei durften plötzlich ihr eigenes Schicksal bestimmen, nachdem Gorbatschow die Abkehr von der bisherigen sowjetisch-kommunistischen Weltbeherrschungsdoktrin verkündet hatte.
Den Schwenk bemerkten viele DDR-Bürger schnell, die nun tausendfach Zuflucht in westdeutschen Botschaftsgebäuden suchten; aber auch Kohl und sein wichtigster Berater Horst Teltschik spürten, was Willy Brandt schon im September 1989 vor dem Bundestag in prophetisch klingende Worte kleidete: "Ich will offen meinem Empfinden Ausdruck geben, dass eine Zeit zu Ende geht" - die Zeit der Hochrüstung und des Kalten Kriegs, für Deutschland: die Zeit von Mauer und Stacheldraht. Die DDR wankt, kurz vor ihrem 40. Staatsjubiläum. Tausende DDR-Bürger haben die Bonner Mission in Prag besetzt.

Kapitel 4 - Der Preis der Einheit

Kanzler Kohl, noch im Krankenbett, möchte den DDR-müden Deutschen in der Prager Botschaft persönlich und vor Ort zur Ausreise verhelfen, doch die Ärzte verbieten ihm eine Reise. Deshalb darf sein Vize Genscher auf dem Botschaftsbalkon den wohl berühmtesten unvollständigen Satz der Zeitgeschichte beginnen: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen..."
Der Auftritt in Prag blieb Genschers wichtigster Beitrag zum Prozess der Wiedervereinigung; denn von da an und nach dem Mauerfall, den Kohl in Polen erlebt, übernimmt der Kanzler die Regie: zielsicher, diplomatisch gewandt und dennoch unbeirrt - die Leistung seines Lebens.
Seit seinem Besuch in Dresden Mitte Dezember 1989 war Kohl nach eigenem Bekunden klar, dass die Einheit nicht aufzuhalten sei: "Die Menschen wollen das." Zu diesem Zeitpunkt erbat der damalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow von seinem westdeutschen Kollegen noch eine Aufbauhilfe in Höhe von 15 Milliarden Mark - eine Summe, deren Größenordnung Kohl für völlig überzogen hielt. Lieber, so sagte er damals seinem Teltschik, wollte er diesen Betrag der zukommen lassen, um damit von ihr die Einheit erreichen zu können.
Ein halbes Jahr später, als er Gorbatschow in Moskau und am Ufer des kaukasischen Gebirgsbachs Selentschuk traf, um die künftige Bündniszugehörigkeit und Truppenstärke des vereinten Deutschland auszuhandeln, überschlägt Teltschik die Kosten der Operation Einheit: Es sind nach seiner Rechnung 15 Milliarden Mark, die an die Sowjetunion gezahlt wurden - allerdings eben an Moskau mit dem Ziel einer deutschen Einheit und nicht an die DDR, die damit ihre Existenz hätte bewahren können.
Freilich konnte Kohl seinem russischen Verhandlungspartner die DDR nicht so einfach abkaufen; er musste auch im Westen Widerstände überwinden, etwa bei in London, bei François Mitterrand in Paris, auch bei kleineren Nachbarn, die ein größeres Deutschland schon aus geschichtlicher Reminiszenz fürchteten.
Das gelang dem Kanzler, weil er die deutsche Einheit und den europäischen Einigungsprozess so miteinander verknüpfte, dass am Ende eine mehrfache Einigung stand - die deutsche, die europäische und in diese eingebettet eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Währung, mit Regeln für einen Binnenmarkt ohne Zoll- und Grenzkontrollen: "Deshalb" - so schrieb Kohl wenig später in sein "Tagebuch", "habe ich die Einführung des Euro zu meiner eigenen Schicksalsfrage gemacht."
Müßig zu fragen, ob die deutsche Einheit auch ohne die versprochene Aufgabe der D-Mark gekommen wäre - der Euro ist da, und die gemeinsame Währung hat den beteiligten Ländern in jedem Fall mehr genützt als geschadet.
Müßig, weil rein hypothetisch auch die Frage, ob ein anderer Kanzler genauso gehandelt hätte: Helmut Kohl war zur rechten Zeit am richtigen Ort; und ihm unterliefen nur wenige Fehler, als er nach dem Mantel der Geschichte griff.
Daheim in Oggersheim diktiert er seiner Ehefrau Hannelore in zehn Punkten den Fahrplan, der schon ein Jahr später zur Einheit führt; als Berater fungieren die Brüder Ramstetter, der eine Pfarrer, der andere Lehrer in Ludwigshafen. Die beiden haben Kohl auch schon früher bei der Formulierung der jährlichen Weihnachtsansprachen geholfen. Kohl, der Mann aus dem Volk, kann und will - wenn es darauf ankommt - auf Expertengruppen oder Beraterstäbe aus Ministerien, Koalition oder Wissenschaft verzichten. Von da an ist er sein eigener Berater, der weiß, was das Volk will; und meistens hat er sogar recht damit.

Kapitel 5 - Fehler, Betrug, Stillstand

Der gravierende Fehler der Wiedervereinigung und des Einheitsvertrages zwischen den beiden Teilen Deutschlands basierte, wie wir heute wissen, auf einem großangelegten Betrug: Die DDR und ihre staatlichen Statistiker hatten die eigentlich bevorstehende Staatspleite mit erfundenen Erfolgszahlen ihrer Volkswirtschaft schöngerechnet, und niemand außer den Fälschern hatte davon gewusst.
Ein Wirtschaftsforschungsinstitut sagte noch im September 1990 voraus, die Einheit werde weder West noch Ost wesentliche Opfer abverlangen, sondern schon zwei Jahre später Gewinn abwerfen. Noch im Einigungsvertrag ist die Rede von "Erlösen" aus dem Treuhandvermögen, aus denen DDR-Bürgern eine Vermögensbeteiligung angeboten werden solle. Aus der Gewinnrechnung wird bald eine Milliardenverschuldung.
Kohl über die neuen Bundesländer:
"Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt." (Juli 1990)
Und Kanzler Kohl lässt sich im ersten gesamtdeutschen Wahlkampf den Fehler zuschulden kommen, eine Steuererhöhung kategorisch auszuschließen: So gewinnt er zwar locker die Wahl - aber von der Stunde an geht's bergab. Selbst Bundespräsident kritisiert offen diese Gefälligkeitspolitik: "Sich zu vereinen, heißt teilen lernen."
Erst vier Jahre später - nach seiner vierten Wiederwahl zum Kanzler - erkennt Kohl plötzlich einen Änderungsbedarf, als er den Zustand der Gesellschaft in Deutschland bemängelt, seine Bewohner lebten wohl in einem "kollektiven Freizeitpark": Es gebe "immer jüngere Rentner, immer ältere Studenten, immer kürzere Lebensarbeitszeit und immer mehr Urlaub". Doch diese Erkenntnis bleibt bei ihm folgenlos.
Kohl über die Deutschen:
"Eine erfolgreiche Industrienation lässt sich nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren." (1993)
"Die Deutschen sind auf sehr unsympathische Weise Weltmeister im Jammern." (1997)
Während Politiker, aber auch Wissenschaftler einen "Reformstau" beklagen, tändeln Kohl und seine letzte Regierung kraft- und planlos in die Zukunft. Mehr hinter den Kulissen arbeitet Kohl zu jener Zeit an der Erfüllung seines Versprechens, das er den europäischen Nachbarn und Kollegen 1990 gab, um von ihnen im Tausch die Zustimmung zur Einheit zu erreichen: Er will die europäische Einigung mit einer gemeinsamen Währung und einer stärkeren Form der Integration voranbringen. Damit sollen sie auch die Angst vor einem zu starken Deutschland verlieren.
Das eine Konzept geht auf: Der Euro kommt; und Grenzkontrollen innerhalb Europas wirken wie ein Rückblick in die mittelalterliche Kleinstaaterei.
Den Reformstau packt erst Kohls Nachfolger mit seiner umstrittenen "Agenda 2010" an, der im Bundestag alle Parteien zustimmten, für deren Konzept aber nachdrücklich nur die SPD von ihren früheren Wählern abgestraft wurde.
Nur ein Gedankenspiel: Was wäre gewesen, wenn Kanzler Kohl kurz vor seinem, von ihm selbst so geplanten Rücktritt eine ähnliche gesellschaftliche Sozialreform versucht hätte? Er und sein damals von ihm nominierter Nachfolger wären als "Reformkanzler" in die Geschichte eingegangen - und Kanzler Schäuble wäre womöglich wiedergewählt worden.

Kapitel 6 - Das verflixte Ehrenwort

Kohl war immer der Kanzler der Wahlversprechen, nicht ein Mann der Reformen oder der Einsicht in gesellschaftliche Zwänge wie die Zahlen der Geburtenentwicklung, die Finanzlage der Renten- oder der Gesundheitskassen. Und schon gar nicht traute er dem selbsterwählten Nachfolger über den Weg.
Er trat eben nicht, wie intern verabredet, zugunsten Schäubles vorzeitig ab; die Wähler mussten ihn 1998 aus dem Amt schubsen, wohl weil sie sich nach einem neuen Gesicht und neuen Ideen sehnten. Da machte Kohl noch, so honorig wie selbstverständlich, den Weg frei für seinen Nachfolger Schröder; aber Schäuble, dem Nachfolger im CDU-Parteivorsitz, schob er nur Hindernisse in den Weg.
Kohl und sein Ehrenwort:
""Ich habe in meinem ganzen Leben nie meine Ehre aufgegeben, und das tue ich auch heute nicht. Ich kämpfe um meine Ehre. Dazu gehört, dass ich ein gegebenes Wort halte." (Januar 2000)
Als der Rüstungslobbyist Karl-Heinz Schreiber von einer Spende zugunsten der CDU berichtete und Staatsanwälte Einblick in die Kassenbücher der Partei begehrten, packte Kohl ohne Not aus: Er habe einen "Fehler" begangen und von unbekannten Gönnern gut zwei Millionen Mark angenommen; umgekehrt habe er den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben, ihre Namen geheim zu halten.
Da ging durch die CDU ein Erdbeben ungeahnter Stärke. Kohl trat auf Drängen der früheren Parteifreunde vom Ehrenvorsitz zurück, Schäuble von allen Parteiämtern; damit war der Weg frei für die aufstrebende Generalsekretärin .
Kohl zog sich rechthaberisch, verbittert, enttäuscht und, nach zwei Knieoperationen und einem schlimmen Sturz, krank, in Artikulation und Motorik eingeschränkt, aus der Tagespolitik zurück; allerdings machte er zuvor mit einer privaten Sammelaktion den Schaden wieder gut, den er seiner Partei mit der illegalen Aktivität eingebrockt hatte.
Fortan mied er noch mehr die Öffentlichkeit, von deren Medien er noch nie viel gehalten hatte; es schien, als warte er auf eine Wiedergutmachung: Er, der Kanzler der Einheit, der "Staatsmann Europas" wollte sich nicht dem Ruf aussetzen, auch als Kanzler von schwarzen Kassen und windigen Geldgeschäften in die Geschichtsbücher einzugehen.
Im Oktober 2010 rückte Kohl noch einmal weltweit in den Fokus. Er galt als einer der Favoriten für den Friedensnobelpreis - doch das Komitee in Oslo entschied sich für den Chinesen Liu Xiaobo. Kohl sah es gelassen: Er habe ja nicht das erste Mal auf der Liste gestanden.
In den letzten Jahren seines Lebens war Kohl vor allem mit seinem Privatleben in den Medien: Der Suizid seiner an einer unheilbaren Lichtallergie leidenden Ehefrau Hannelore, die zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren , einer ehemaligen Mitarbeiterin im , der Bruch mit seinen beiden Söhnen Walter und Peter. All das hatte Züge eines großen Familiendramas, an dem die Öffentlichkeit regen Anteil nahm.
Schließlich lieferte er sich auch noch einen juristischen Kleinkrieg mit seinem ehemaligen Biografen Heribert Schwan, dem er kurz nach der Spendenaffäre rund 600 Stunden auf Tonband gesprochen hatte und der im Herbst 2014 Teile daraus in einem Buch veröffentlichte. Sehr zum Ärger des Altkanzlers - schließlich hatte er sich gegenüber dem einstigen WDR-Journalisten Schwan auch despektierlich über Angela Merkel und andere Weggefährten aus Unions- und Oppositionsparteien geäußert.
Bis zuletzt versuchte Kohl, mithilfe seiner zweiten Frau sein politisches Erbe zu verteidigen. Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls ließ er nicht nur ein Buch wiederauflegen, in dem er den Weg zur deutschen Einheit einst beschrieben hatte. Im selben Jahr veröffentlichte er auch einen schmalen Band mit dem Titel "Aus Sorge um Europa".
Nun werden Historiker, Journalisten und Politkollegen wohl bescheinigen: Kohl hat Fehler begangen, aber in der Summe wollte er immer das Beste für seine Partei, sein Land und damit, gewiss, auch für sich und seinen Nachruhm. In dieser Reihenfolge.
Noch schöner wäre es gewesen, wenn er, der Parteisoldat, etwas weniger an die Partei und mehr an sein Land gedacht hätte. Wie schrieb er selbst in seinem Buch über Europa: "Vertrauen ist ein ebenso hohes wie zerbrechliches Gut. Man kann es nicht kaufen und nicht erzwingen, man muss es sich erwerben, und zwar immer wieder neu."
Es schien, als urteile Kohl da auch über sich selbst: Er, der mit der Spendenaffäre bei vielen Bürgern das Vertrauen in die Politik erschüttert hatte.
Aber - perfekte Kanzler lassen sich nun einmal nicht backen. Eines ist jedoch gewiss: Helmut Kohl war, was die Einheit Deutschlands und Europa angeht, ein großer Staatsmann.

Wolfram Bickerich, Jahrgang 1942, hat die politische Karriere Helmut Kohls über viele Jahrzehnte für den SPIEGEL beobachtet. Er war von 1974 bis 2007 Redakteur beim SPIEGEL. Ab Januar 1980 bis 1994 leitete er das Ressort D1 für Politik in Bonn und Ostberlin, danach war Bickerich Redakteur für besondere Aufgaben bei SPIEGEL und "Spiegel spezial".

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