17.06.2017

GedenkenDanke

Eine Jugend unter der Birne: Helmut Kohl war nie mein Kanzler. Bis er es doch noch wurde. Von Stefan Kuzmany
Helmut Kohl war nie mein Kanzler. Als er ins Amt kam, 1982, war ich noch keine zehn Jahre alt. Und obwohl fortan und scheinbar in alle Ewigkeit die Worte "Bundeskanzler" und "Kohl" so sehr miteinander verschmolzen waren, dass die Amtsbezeichnung zum eigentlichen Vornamen Kohls wurde – nie habe ich mich von ihm repräsentiert gefühlt. Zu einschüchternd war dieser Mann. Einer, der alles wegwischte, was nicht seiner Meinung entsprach. Nie habe ich Helmut Kohl als Heranwachsender als jemanden empfunden, der einen Aufbruch versprach, etwas Neues, der Jugend zugewandt. Helmut Kohl, das war der Kanzler meiner konservativen Onkel und Tanten, der Kanzler des "Weiter so", die fleischgewordene Garantie dafür, dass sich niemals etwas ändern würde in diesem Land.
Ich war zwar nie auf einer Demo gegen diesen Mann, hatte nie eine Trillerpfeife im Mund, um einen seiner Wahlkampfauftritte zu stören. Aber andererseits konnte ich mich auch nach der Wiedervereinigung nicht mit ihm anfreunden, im Gegenteil: plötzlich überall diese seltsamen neuen Deutschen, diese Ergriffenheit von sich selbst und der Nation, und die Aussicht darauf, dass dieser übermächtige Riese jetzt noch mehr dankbare Wähler haben würde – all das war mir zuwider. Dass mein Vater, bestimmt kein CDU-Anhänger, mit Tränen in den Augen die Bilder vom Mauerfall im Fernsehen verfolgte, dass er die Ausgabe unserer Tageszeitung vom 3. Oktober 1990 sorgsam verwahrte, das habe ich nicht verstanden. Die deutsche Einheit hatte mir nie gefehlt, und als sie dann kam, ließ sie mich kalt.
Und Europa? Das war doch normal. In den Urlaub konnten wir doch längst überallhin fahren, zum Schüleraustausch nach England, in der Schule lernten wir Französisch – dieses ganze Brimborium um die europäische Einigung war mir fremd. Und die gemeinsame Währung glitzerte zwar ganz nett im Starter-Tütchen, aber bald erschien mir der Euro vor allem als perfider Trick des Kapitalismus, der alles teurer machte.
1998 stand ich auf dem Marienplatz in München und sah zum letzten Mal Helmut Kohl als Bundeskanzler. Es war am 24. September, einen Tag vor dem Wahlkampfabschluss der Union; auf der Bühne stand neben dem CDU-Chef seine Frau Hannelore, sie mit Betonfrisur, beide mit wächsernen Gesichtern, mir war klar: Es ist vorbei. Und als wenig später die Spendenaffäre losbrach, da war ich rechtschaffen empört über den Gesetzesbrecher, der uns 16 Jahre lang regiert hatte. Was für eine Null. Gut, dass er verschwunden war nach Oggersheim.
Ich musste viel älter werden, um zu begreifen, wie falsch ich gelegen hatte. Um zu erkennen, welch ein Glücksfall es war, dass 1989 ein Mann an der Spitze der Bundesrepublik stand, dem sowohl der US-Präsident als auch der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion vertraute – und der es so möglich machen konnte, die Teilung Deutschlands zu heilen. Ich musste viel älter werden, um zu erkennen, welch ein Geschenk es war, dass einer an der Spitze unserer Regierung stand, der den Krieg erlebt und daraus die richtige Lehre gezogen hatte: dass es unbedingt nötig war, in guter Nachbarschaft und Verbundenheit mit unseren früheren Opfern und Feinden zu leben. Dass wir uns in Europa so eng miteinander verbünden müssen, dass an einen Krieg nie wieder zu denken ist. Dass der Frieden in Europa nichts Selbstverständliches ist und dass dafür keine Kosten zu hoch sind.
Ich musste viel älter werden, um sagen zu können: Helmut Kohl war mein Kanzler. Und ich bin ihm dankbar für das, was er für dieses Land getan hat.
Von Stefan Kuzmany

DER SPIEGEL 25/2017
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