22.06.2017

Großer, kleiner Kanzler

Helmut Kohl war ein extremer Politiker: Er leistete Bleibendes und scheiterte kläglich.
Helmut Kohl war ein robuster Mann, der sich keine Liebe vom SPIEGEL wünschte; aber Respekt, Anerkennung hätte er doch gern gehabt. In frühen Jahren hatte er diesen Respekt durchaus bekommen: Die Texte aus der Mainzer Zeit erkennen an, dass da ein kluger Mann die Macht wirklich wollte. Kohl mochte diese Erzählung. Als er oben war, bekam er den Respekt nicht mehr. Der SPIEGEL spottete und enthüllte; wohlwollend waren die wenigsten der (inklusive dieses Heftes) 77 Titel, die Kohl zeigten, eigentlich nur jene kurz nach der Wende (wie "Der glückliche Riese", 1990).
Rudolf Augstein diagnostizierte, Kohl habe Denken und Nachdenken "nicht in seinem Repertoire"; durch "Herumsitzen" habe er geschafft, "was ihm kaum einer noch zugetraut hätte, die Kanzlerschaft". Der Mann hieß in vielen Texten "der Dicke" , auf dem Titelbild stand: "Kohl kaputt" (1979), "Ist Kohl noch zu retten?" (1985), "Der Minus Kanzler" (1986).
Kohl regierte weiter, aber er litt unter der Kritik. "Es lohnt sich, in Deutschland links zu schreiben und rechts zu leben", schrieb er 1994 an den Hamburger Staatsrat Knut Nevermann. Kohl hasste alle Hamburger Blätter, und auf die Frage, ob da nicht zu differenzieren sei, sagte er: "Ja, natürlich. Der SPIEGEL ist ein Schweineblatt und der ,Stern' ist ein Verbrecherblatt. Das ist doch differenziert."
Zum Bruch war es im Wahlkampf 1976 gekommen. In einem SPIEGEL-Gespräch, das sein letztes bleiben sollte, sagte Kohl einen tölpeligen Satz: Er wolle notfalls auch "mit einer Stimme Mehrheit oder weniger" regieren. Die Redaktion machte daraus die Überschrift und zeigte Kohl auf dem Cover als Birne; die Wahl gewann Helmut Schmidt, und Kohl beschloss, nur noch inoffiziell, also im Hintergrund, oder indirekt, also über seine Fritzenkötters, mit dem SPIEGEL zu reden. Er sagte: "Ich lese den nicht und bin übrigens nicht gegen den SPIEGEL, auch nicht gegen die Müllabfuhr in Bonn. Aber ich bleibe trotzdem nicht über Nacht in der Kläranlage."
Nun ist er tot, und der Journalismus erlebt nicht seine glanzvollsten Tage. Ein Verstorbener wird verkitscht. Welche Position aber ist angemessen, und welche wäre eigentlich damals angemessen gewesen?
Die Wirklichkeit ist meist dialektisch, auch in diesem Fall: Kohl irrte sich und hatte recht, für den SPIEGEL gilt das auch. Was, von heute aus betrachtet, falsch, zumindest unangemessen war, das war die Verachtung, die die Redaktion für Kohl empfand. Der SPIEGEL wollte ihn weghaben. Politisch, dies vor allem. Aber auch weil Kohl der Hamburger Redaktion und dem Bonner Hauptstadtbüro kleinmütig vorkam. Der SPIEGEL traute Kohl nichts zu; eine Fehleinschätzung, durchaus arrogant.
Die Einheit ist Deutschland nicht geschenkt worden. Die Möglichkeit war da, und andere, Oskar Lafontaine etwa, zweifelten. Kohl begriff und ergriff die Chance, traf Dutzende richtiger Entscheidungen, vor allem die, dass es schnell gehen müsse. Ähnlich bedeutend: Er war ein Kind jenes Krieges, in dem sein großer Bruder gefallen war; der Politiker Kohl glaubte an Europa, kämpfte für Europa, was seine Lebensleistung bleibt. Dann war da etwas, das der SPIEGEL, im Zweifel links, nicht ernst nehmen konnte, exakt das, was Kohl für Konservative zum Helden machte: Stabilität. Als Bewahrer wurde er dreimal wiedergewählt.
Aber Kohl hat die Republik auch vergiftet. Er hat ausgegrenzt und nicht gut geführt, er ließ jede Menge Lücken entstehen. In unserer klein gewordenen, auch zu seiner Zeit bereits vernetzten, Welt hatte und hat jedes Problem mit dem großen Ganzen zu tun: Wer eine Rolle wie Kohl (oder Merkel) hat, darf nicht ignorant sein, der muss viele Themen zugleich im Blick haben, aufmerksam sein, delegieren, kommunizieren.
Unter den Schwächen des Maastricht-Vertrags leidet Europa; der Euro sollte "kulturelle Identität" (Kohl) stiften und blieb unfertig. Migration als Thema der Zukunft war in den Neunzigern bereits zu erkennen, Kohl verabscheute es und wollte dieses Multikultizeugs nicht einmal diskutieren. "Aussitzen" hieß das damals: Der Reformstau war die Kehrseite der Stabilität.
Der Kanzler Kohl wurde und blieb misstrauisch, verachtete viele, herrschte fürstlich, verteilte und nahm Gunst. Dann brach er das Gesetz, ruinierte mit der Spendenaffäre und seinem Stolz den Nachruhm. Und wie kann einer, der ganz oben war, seine Familie und Freunde so verdammen? Seine letzten Vertrauten sagen, so seien halt Machtmenschen: hart gegen sich und alle. Dass aber der Exkanzler und Großvater Kohl nach dem Suizid seiner Frau Hannelore den Kontakt zu den sehnsüchtigen Söhnen und Enkeln nicht wiederherstellen mochte, sagt allzu viel über ihn. Souverän und kanzlerhaft war der bittere Kohl, jener ohne Macht, nicht mehr.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 26/2017
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