22.06.2017

ZeitgeschichteDer letzte Akt

Um ein Haar hätte Maike Kohl-Richter die Kanzlerin aus der Trauerfeier für Helmut Kohl herausgedrängt. Der Streit um das Vermächtnis des langjährigen Parteichefs hat begonnen.
Die Nachricht traf Angela Merkel unvorbereitet. Am vergangenen Freitag um 17.17 Uhr jagte die Eilmeldung über die Ticker, dass Helmut Kohl gestorben sei. Niemand hatte die Kanzlerin informiert. Sie wandte sich an ihre Leute und sagte: "Wir brauchen jetzt erst einmal eine Bestätigung."
Merkel war gerade mit ihrer Wagenkolonne in den Vatikan eingefahren, nun zog sie sich mit Vertrauten in die Kirche Santa Maria della Pietà am Friedhof Campo Santo Teutonico zurück. Schließlich ließ sie sich mit Maike Kohl-Richter verbinden, um der Witwe zu kondolieren. Aber in dem Gespräch ging es auch schon um die Zukunft, um die Trauerfeier, mit der Deutschland Abschied nehmen soll vom Kanzler der Einheit. Maike Kohl-Richter erzählte ihr von der Idee, einen europäischen Staatsakt abzuhalten. Merkel hatte den Eindruck, dass die Witwe darüber schon mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gesprochen hatte und sie vor vollendete Tatsachen stellen wollte.
Für den Abschied von verdienten Staatsmännern gibt es in Deutschland eine geübte Praxis. Kein Bundeskanzler der Republik wurde zu Grabe getragen, ohne dass der amtierende Regierungschef würdigende Worte sprach.
Kohl-Richter allerdings hatte zunächst ganz eigene Vorstellungen von der Gedenkfeier. Dass es keinen deutschen Staatsakt in Berlin geben soll, sondern einen europäischen in Straßburg, konnte Merkel ja noch verstehen. Kohl war einer von nur drei "Ehrenbürgern Europas", keinen anderen Titel führte der Altkanzler mit vergleichbarem Stolz.
Aber dass die Liste der Redner, die Kohl-Richter ursprünglich im Kopf hatte, nicht einen einzigen Deutschen vorsah, dafür aber den ungarischen Autokraten Viktor Orbán, war selbst für die krisenerprobte Kanzlerin eine ganz eigene Erfahrung.
Was tun? Ein Regierungssprecher lehnte eine Stellungnahme zu den Gesprächen der Kanzlerin mit Kohl-Richter ab. In der Regierung heißt es, Merkel habe nicht darum gebeten, in Straßburg reden zu dürfen, so klein wollte sie sich dann doch nicht machen. Allerdings habe sie schon darauf hingewiesen, wie ungewöhnlich es sei, wenn bei einem Trauerakt für einen deutschen Kanzler kein deutscher Politiker spricht.
Ungewöhnlich?
Es ist ein einzigartiges Drama, das sich derzeit hinter den Kulissen des Berliner Regierungsviertels abspielt. Schon jetzt ist klar, dass der Kampf um Kohls Erbe mit dem Tod des Altkanzlers nicht endet, sondern mit unerbittlicher Härte fortgesetzt wird. Auf der einen Seite steht die Witwe, die sich nun als irdische Stimme Kohls betrachtet und die jede Kritik an ihm als Verrat auffasst. Auf der anderen Seite befinden sich die CDU und die Kanzlerin, die endlich ihren Frieden mit Kohl machen wollen.
Es geht bei dem Kampf nicht nur um die Erinnerung an Helmut Kohl. Es geht um einen wesentlichen Abschnitt der deutschen Geschichte. Es geht um den Blick des Landes auf sich selbst. In Kohls Akten können bedeutende Erkenntnisse schlummern. Wer soll sie auswerten: Wissenschaftler oder die Frau, die Kohl geheiratet hat?
Geschichtsschreibung kann immer auch eine Waffe sein. In den Augen Kohls war Merkel eine Frau, die er aus dem Meer der namenlosen Jungpolitiker gefischt hatte und die ihm dann zum Dank in den dunklen Stunden der Spendenaffäre das Messer in den Rücken rammte. Kohl und seine zweite Frau Maike ließen in den vergangenen Jahren immer wieder durchblicken, wie unglücklich sie mit Merkels Politik seien.
Im Herbst 2014 veröffentlichte Kohl ein schmales Bändchen mit dem Titel "Aus Sorge um Europa". Als Orbán im Frühjahr 2016 Kohl in Oggersheim besuchte und dort herzlich empfangen wurde, konnte man das auch als Protestnote gegen Merkels Flüchtlingspolitik verstehen.
Nun scheint der Trauerakt im Straßburger Parlament zu einem Politikum zu werden. Schon die Gästeliste ist delikat. Die Regierung kann Vorschläge machen, aber am Ende werden die Wünsche der Familie respektiert, so sind die Gepflogenheiten. Kohl und seine Frau haben in den vergangenen Jahren mit fast allen Weggefährten gebrochen, der langjährige Arbeitsminister Norbert Blüm gehört genauso zu den Verstoßenen wie Heiner Geißler und der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Auch mit Kohls Söhnen haben sich die beiden überworfen. Es soll sehr unschöne Szenen gegeben haben, als Walter Kohl am Freitagabend seinen verstorbenen Vater sehen wollte. Allerdings sollen beide Söhne dennoch zum Trauerakt eingeladen werden.
Wie Kohl teilt auch seine Witwe die Welt in Freund und Feind ein; wer sich aus ihrer Sicht eines Vergehens schuldig gemacht hat, gilt für immer als Verräter. In Oggersheim ist unvergessen, dass der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2000 einen Sonderermittler beauftragte, um gezielte Aktenlöschungen in den letzten Tagen der Ära Kohl nachzuweisen. Kohl hielt den Vorwurf, es habe "Bundeslöschtage" im Kanzleramt gegeben, für eine große Schurkerei, und tatsächlich erwiesen sich die Vorwürfe im Nachhinein als haltlos.
Im Umfeld Kohls wird nun nicht verhehlt, dass der europäische Staatsakt auch eine späte Rache an Bundespräsident Steinmeier sei, in dessen Verantwortung es gelegen hätte, einen deutschen Staatsakt mitzuorganisieren. Aber natürlich lässt die Trauerfeier in Straßburg auch die Kanzlerin zur Randfigur schrumpfen, sie wird dort eine von vielen Rednerinnen sein – und keineswegs die Hauptrolle spielen wie beim Staatsakt für Helmut Schmidt im November 2015. Am 1. Juli sollen unter anderen Kommissionschef Juncker sprechen, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und wohl auch der neue französische Präsident Emmanuel Macron.
Dass Merkel nun auch reden darf, hat sie offenbar Fürsprechern zu verdanken, die bei Maike Kohl-Richter intervenierten und vor einem Eklat warnten, wenn Merkel auf der Trauerfeier des Altkanzlers nur ein schweigender Zaungast bliebe. Und es war unter anderem der ehemalige Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, der die Witwe von der Idee abbrachte, Orbán reden zu lassen.
Doch allein die Tatsache, dass Kohl-Richter den Namen Orbán ins Spiel brachte, lässt viele in der Union für die Zukunft das Schlimmste befürchten. In fast allen Nachrufen wurde die Weitsicht Kohls gewürdigt, seine Fähigkeit, aus den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte zu lernen und ein Europa zu bauen, in dem nicht die Macht des Stärkeren herrscht. Und ausgerechnet bei der Trauerfeier für diesen Mann wollte Kohl-Richter einen Mann reden lassen, der die europäischen Grundwerte mit Füßen tritt, der die Gewaltenteilung in seinem Land aushöhlt und Merkel "moralischen Imperialismus" vorwarf? Ein Affront gegen Europa, gegen die Demokratie, sogar ein Affront gegen das, wofür Helmut Kohl stand.
Schon lange lässt sicht nicht mehr genau auseinanderhalten, was der Wille des Kanzlers ist und was der Wille der neuen Frau. Kohl ließ sich im Frühjahr 2015 ein neues Hüftgelenk einsetzen, anschließend kam es zu schweren Komplikationen, und der Altkanzler musste fast ein halbes Jahr in der Klinik bleiben. Er war dem Tod schon so nahe, dass er sich eine Grabstätte in Speyer sichern ließ.
Als er anschließend nach Hause kam, war er ein schwer gezeichneter Mann. Wegen eines Luftröhrenschnitts, über den er beatmet werden konnte, war ihm das Sprechen kaum noch möglich. Im Umfeld Kohls heißt es nun, der europäische Staatsakt sei auch der Wille des Altkanzlers gewesen, aber ein unterschriebenes Schriftstück dazu gebe es nicht. Leute, die Kohl zuletzt in Oggersheim besuchten, zweifeln daran, dass er überhaupt noch zu einer Willensäußerung fähig gewesen sei.
Die Details der Feier jedenfalls hat Juncker mit Kohl-Richter besprochen, und in der Union glaubt kaum einer, dass Kohl auf einen nationalen Staatsakt verzichtet hätte. "Die Idee eines europäischen Staatsaktes war zumindest zu Lebzeiten Helmut Kohls nicht vorstellbar und planbar", sagt Bernd Neumann, der ehemalige Bremer CDU-Chef und langjährige Vertraute Kohls. Seine Botschaft ist klar: Dieser Akt trägt die Handschrift anderer Akteure.
Die große Frage ist nun: Was will Kohl-Richter? Sie ist die Frau der Stunde, sie bestimmt darüber, was mit Kohls Erbe geschehen soll. Selbstverständlich habe sie die "alleinige Entscheidungsbefugnis" über den Nachlass, sagte sie im Jahr 2014 der "Welt am Sonntag". Es waren Worte, die schon damals Entsetzen in der Union auslösten.
Es gibt viele alte Weggefährten, die die Verdienste Kohls gern in ein würdiges Licht rücken würden. So organisierte Bernhard Vogel, der langjährige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, die erste wissenschaftliche Biografie Kohls.
Er überzeugte den Historiker Hans-Peter Schwarz, das Buch in Angriff zu nehmen. Schwarz ist ein Mann, der seine Sympathie für die Union nie verhehlt hat. Im Jahr 2012 erschien sein über tausendseitiges Werk, das eine sehr wohlwollende Bilanz der Ära Kohl zieht. Aber weil er auch ein paar kritische Zeilen über Kohls Europapolitik verlor, wurde Schwarz, der vergangene Woche zwei Tage vor Kohl starb (siehe Seite 133), zur unerwünschten Person erklärt. Kohl-Richter müht sich darum, dass das Denkmal Kohl keine Kratzer erhält. Sie verlangt eine Verehrung, die in der Geschichtsschreibung nicht vorgesehen ist.
Kohl zeigte sich zum ersten Mal am 12. April 2005 mit Maike Richter in der Öffentlichkeit, damals feierte der Altkanzler seinen 75. Geburtstag im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Kohl hat Richter schon kennengelernt, als diese noch Referentin im Bonner Kanzleramt war. 1994 begann sie dort zu arbeiten, offenbar fanden die beiden schnell Gefallen aneinander. Erstaunlich oft musste die junge Volkswirtin dem Chef abends noch die Aktenlage erklären, so erzählen es Leute, die damals im Kanzleramt beschäftigt waren.
Kohl war anfällig für die Verehrung durch junge Frauen. Als er die Beziehung zu Maike Richter begann, war das Machtgefälle zwischen den beiden erdrückend. Auf der einen Seite der Elefant der Christdemokratie, gefürchtet und geachtet auf der ganzen Welt – auf der anderen Seite die vier Jahrzehnte jüngere Frau, die die Kostüme der ehemaligen Gattin auftrug, um Kohl zu gefallen.
Doch die Wirklichkeit entwickelte sich anders als das Klischee. Das bekamen zuerst die Söhne, die alten Freunde und Vertrauten des Altkanzlers zu spüren. Glaubt man ihren Schilderungen, war es die neue Frau an Kohls Seite, die systematisch seinen alten Hofstaat säuberte. Sie teilte die Welt streng in Gut und Böse. Die zweite Kategorie war der überwiegenden Mehrheit vorbehalten.
Zunächst wurde der Kontakt zu Kohls Söhnen abgebrochen. Dann war seine langjährige Büroleiterin Juliane Weber, mit der er bei Bonn eine Zeit lang in einem Haus gewohnt hatte, nicht mehr erwünscht. Es heißt, der verlässliche Eckhard Seeber, Kohl seit Jahrzehnten als Fahrer und Freund treu ergeben, habe eines Tages die Schlüssel von Haus und Wagen abgeben müssen; einfach so, als wäre "Ecki" ein normaler Bediensteter gewesen. Als Seeber am Samstag noch einmal am Bungalow klingelte, um von Kohl Abschied zu nehmen, wurde er weggeschickt. Wütend erzählte er anschließend einem Freund, wie unwürdig ihn die Witwe behandelt habe.
Doch Richter schottete sich auch selbst immer mehr ab. Studienfreunde berichten, Geburtstagsgrüße oder Glückwünsche zu ihrer Liaison mit Kohl hätten unfreundliche Telefonanrufe nach sich gezogen. Falls sie jemals Indiskretionen über ihre Jugendzeit in der Presse lesen solle, werde sie umgehend ihre Anwälte einschalten, soll sie alten Freunden gedroht haben.
Im Februar 2008 stürzte der Altkanzler im Bungalow, die Ärzte diagnostizierten ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Kohl hat sich von den Folgen des Unfalls nicht mehr erholt. Monate verbrachte er im Krankenhaus und in der Reha. Dort heirateten Kohl und Richter im Mai 2008. Trauzeugen waren der Medienpate Leo Kirch und Diekmann. Die Söhne wurden nicht eingeladen.
Kohl verbrachte den Rest seines Lebens im Rollstuhl, als schwerer Pflegefall, der kaum noch reden kann. Manche seiner alten Weggefährten blieben nun weg, weil sie es nicht ertragen konnten, ihr Idol geschwächt und sprachlos zu sehen. "Ich habe die letzte Einladung von Maike ausgeschlagen", sagt einer, "weil ein Besuch in Ludwigshafen kein Gespräch mit Kohl bedeutet hätte, sondern ein Gespräch mit ihr."
Die Ehefrau war es nun, die das Haus in Oggersheim dominiert. Von morgens bis abends ackerte sie sich durch Unterlagen, Dokumente, Briefe und Akten. Das ganze Haus, der Keller, die Wohnräume stehen voll davon. Von morgens früh bis spätabends las sie in den alten Vorgängen, schrieb und war durchdrungen von dem Bedürfnis, das Erbe ihres Mannes zu verteidigen. Sie hält ihn für einen der größten Staatsmänner aller Zeiten.
Kohl, dessen unbestrittene historische Größe immer schon in einem merkwürdigen Missverhältnis zu seiner Missgunst stand, war nun stiller und friedlicher. Wer ihn in seinen letzten Jahren besuchen durfte, erlebte einen altersmilden Mann, der offenbar seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat. Die kleinliche Rachsucht, die ihn so lange antrieb, war nun auf seine Frau übergegangen.
Es ist verführerisch, sich die Deutungshoheit über das Werk eines großen Politikers zu sichern, das zeigt nicht nur der Fall Kohl. 1983 heiratete Willy Brandt die Historikerin Brigitte Seebacher, und schon bald versuchte die neue Frau an Brandts Seite, dem Werk ihres Mannes eine andere Deutung zu geben. Aus dem linken Internationalisten Brandt wurde in ihren Büchern und Artikeln – zum Befremden der SPD – ein national gesinnter Konservativer.
Als Brandt am 8. Oktober 1992 starb, bestimmte die Witwe über die Organisation des Staatsakts. Sie verhinderte den Plan der SPD, den Leichnam in einem Sonderzug nach Berlin zu bringen, der Stationen machen sollte an allen wichtigen Wirkungsstätten des ehemaligen SPD-Vorsitzenden. Brandts vorige Frau Rut, mit der er 32 Jahre lang verheiratet gewesen war und drei Kinder hatte, bekam keine Einladung zu der Trauerfeier im Berliner Reichstag. "Das Grauen", sagte dazu später Matthias Brandt, der jüngste Sohn des Kanzlers. "Meine Mutter auszuladen und sich mit Kohl hinter den Sarg von Willy Brandt zu stellen, dazu sind schlicht ungeheure Spezialtugenden erforderlich."
Brigitte Seebacher-Brandt beanspruchte wie heute Maike Kohl-Richter die Verfügungsgewalt über sämtliche Schriften, Akten und Papiere ihres verstorbenen Mannes. Der Streit zog sich über zwei Jahre hin und endete beinahe vor Gericht. Schließlich verzichtete Seebacher-Brandt darauf, den Nachlass in eine Politikergedenkstiftung des Bundes zu überführen. Die Schriften Brandts wanderten ins Archiv der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Seebacher sitzt in einem Aufsichtsgremium, das über die Benutzung der Akten entscheidet.
Noch hoffen alle Beteiligten, dass der Fall Seebacher-Brandt das Vorbild für eine gütliche Einigung mit der Kohl-Witwe liefert. Mindestens 400 Aktenorder lagern in Kohls Wohnhaus in Oggersheim. Kohl hatte sie zunächst der Konrad-Adenauer-Stiftung überlassen, sich aber das Recht ausbedungen, sie jederzeit zurückfordern zu dürfen. Davon machte er im Jahr 2010 Gebrauch, seither liegen sie im Keller des kohlschen Bungalows. Dazu kommt noch eine unbekannte Zahl weiterer Unterlagen. Ohne die Einwilligung der Witwe haben weder die CDU noch die Bundesregierung Zugang zu den Dokumenten.
Der Streit um Kohls politischen Nachlass schwelt schon seit Jahren. In seiner Zeit als Kulturstaatsminister fuhr der Kohl-Vertraute Neumann mehrmals nach Oggersheim, um eine Lösung zu finden. Er habe bei den Gesprächen allerdings nicht mit dem Altkanzler persönlich verhandelt, sondern fast ausschließlich mit Maike Kohl-Richter, erinnert sich Neumann heute. Sie sei die Wortführerin gewesen, während Kohl zu ihren Worten nur zustimmend genickt habe.
"Frau Kohl-Richter wollte auf die weitere Behandlung der Akten Einfluss behalten", sagt Neumann. Er versuchte, der Kanzlergattin klarzumachen, dass Stiftungsgremien ausgewogen zusammengesetzt sein müssten, dass nicht eine Person alles bestimmen könne. Es müssen schwierige Gespräche gewesen sein.
In seinen Memoiren rühmt sich Kohl mit der "vorzüglichen Aktenlage", die er habe nutzen können. So habe er "zahlreiche Quellen herangezogen, die der Wissenschaft wie der Forschung noch für längere Zeit nicht zugänglich sein werden" – ein kaum verschlüsselter Hinweis auf noch geheime staatliche Unterlagen.
Sicher ist, dass es große Lücken in den Kanzleramtsakten aus der Kohl-Zeit gibt, die sich die Experten nicht erklären können. Warum etwa liegt so gut wie kein Schriftwechsel zwischen Kohl und seinen Ministern aus dem Jahr der Einheit 1989/90 vor? Und wieso finden sich kaum Spuren zum Milliardenkredit an die DDR 1983?
Schlamperei? Oder wurde gezielt aussortiert? Aber warum dann gerade die Ministerkorrespondenz?
Dass Regierungsunterlagen rechtlich ins Bundesarchiv in Koblenz gehören, daran besteht eigentlich kein Zweifel. Nur ist schwer vorstellbar, dass Kanzleramtsminister Peter Altmaier die Kohl-Witwe auf Herausgabe von Akten verklagt. Zudem kann sich die Witwe bei vielen Papieren damit herausreden, dass es unklar sei, ob es sich überhaupt um Regierungsunterlagen handele. Etwa bei Koalitionsvereinbarungen oder Briefen, die Kohl auf privatem Briefbogen schrieb, auch wenn der Inhalt hochpolitisch war.
Für Kohl-Richter gibt es allerdings auch einen Anreiz, sich mit der CDU und dem Kanzleramt zu einigen. Derzeit existieren sechs Stiftungen zum Gedenken an deutsche Politiker, die vom Bund finanziert werden. Die Stiftung Bundeskanzler-Konrad-Adenauer-Haus, die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung und die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung haben ein Jahresbudget von jeweils 2,6 Millionen Euro. So viel Geld wird Kohls Witwe auch durch Spenden nicht aufbringen können.
Im Kanzleramt gibt es bereits Planungen für die Ausgestaltung der Stiftung. So ist daran gedacht, nicht nur in Oggersheim, sondern auch in Berlin eine Dependance einzurichten. Als möglicher Standort ist ein Bürogebäude an der Ecke Unter den Linden und Wilhelmstraße im Gespräch, in dem zu DDR-Zeiten Margot Honeckers Volksbildungsministerium untergebracht war. Zumindest das wäre ein schöner Triumph über das von Kohl so gehasste DDR-Regime.
"Die kleinliche Rachsucht, die ihn so lange antrieb, war nun auf seine Frau übergegangen."
Von Melanie Amann, Matthias Bartsch, Konstantin von Hammerstein, Peter Müller, Ralf Neukirch, Christoph Pauly, René Pfister und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 26/2017
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