22.06.2017

Ein Ideal aus Ruinen

Wir schulden es Helmut Kohl, Europa wieder zu einem Versprechen zu machen.
"Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn"
Friedrich Schiller
Frankreich trauert um Helmut Kohl. Eindringlich kehren jetzt diese Bilder zurück, so tief hat er sie in unser Gedächtnis eingegraben: das Bild von Verdun und von der Hand, die er François Mitterrand reichte, als die beiden gemeinsam vor einem in die deutsche und die französische Flagge gehüllten Sarg standen. Eine fast meditative Versunkenheit, die so viele Verletzungen zu lindern wusste.
Da war dieser Auftritt im französischen Fernsehen während einer Debatte über den Maastricht-Vertrag, wo er die Franzosen energisch ermahnte, ihre Zukunft anzunehmen.
Da waren die Tränen, die er bei der Trauerfeier für François Mitterrand in Notre-Dame vergoss. Sie zeigten, dass große Geschichte auch durch die Wahrhaftigkeit des Engagements geschrieben wird. Und durch die Fähigkeit, Gräben zu überwinden.
Und schließlich war da diese Silhouette im Rollstuhl, die das Brandenburger Tor betrachtet. Das Symbol dieses Deutschlands, zu dessen Wiedervereinigung er so viel beigetragen hat.
Helmut Kohl ist für alle Franzosen der Repräsentant eines Deutschlands, das versucht, aus Ruinen ein Ideal zu schaffen. Das versucht, der Welt ein Projekt vorzuschlagen und damit die Verletzungen und Gräuel wiedergutzumachen. Auf dass sie weder verschwiegen noch vergessen werden.
Für Helmut Kohl, wie vor ihm für Konrad Adenauer und Helmut Schmidt, war dieses Ideal ein vereinigtes, friedliches, demokratisches Europa. Durch seinen Pragmatismus, seinen Sinn für das Machbare und die Kraft seiner Überzeugung wollte er das europäische Projekt zu neuen Horizonten führen. An seiner Seite zwei Franzosen, Jacques Delors und François Mitterrand – mit beiden verband Kohl ungebrochenes Vertrauen und ein Einverständnis, die mehr als ein Jahrzehnt europäische Zusammenarbeit prägten.
Die Einheitliche Europäische Akte von 1985, Maastricht, Schengen und der Euro, die man heute so gern schlechtmacht, waren für diese Generation, die den Krieg mitgemacht hatte, das Unterpfand für Frieden zwischen den Nationen. Sie wusste, zu welchen Dingen Menschen in ihrem Wahn fähig sind. Und so nah sich Kohl Frankreich fühlte, so blieb er doch wohlwollender Freund aller europäischen Partner.
Mit Helmut Kohl trauert Frankreich um einen Mann, der wusste, dass sich Realpolitik nur auszahlt, wenn sie höhere Ideen anstrebt: Eintracht, Freiheit, Solidarität. Wenn wir uns schwergetan haben, seinem Erbe gerecht zu werden, dann nicht, weil es uns an Pragmatismus fehlte. Der Grund ist ein anderer: Es fehlte uns an Idealismus. Es ist uns nicht gelungen, den Völkern Europas den Glauben an die Zukunft wiederzugeben. Es ist uns nicht gelungen, die Flamme des europäischen Ideals am Leben zu erhalten; seine Bedeutung ging in den Windungen der Technokratie verloren.
Es ist Zeit für Frankreich, sich das Erbe Helmut Kohls in seiner ganzen Fülle wieder anzueignen. Und Europa eben nicht zu einer technischen Angelegenheit verkommen zu lassen, sondern es wieder zu einer Idee zu machen, zu unserem gemeinsamen Horizont.
Es ist nicht zuletzt das, was der augenblickliche Zustand der Welt uns abverlangt, denn es ist dieses Europa, das von nun an der sichere Hafen für Frieden und Menschenrechte sein muss. In einer Welt, in der diese Rechte Tag für Tag aufs Neue mit Füßen getreten werden.
Kanzlerin Merkel und ich wollen diesen Faden wieder aufnehmen. Das ist unser Ziel, denn wir wissen, was wir Europa – und auch seinen Gründern und Förderern – schuldig sind.
In einer Welt, in der das Tragische auf einmal wieder zurückkehrt, soll, muss Europa eine Hoffnung sein. Unsere Hoffnung. Lassen wir sie doch nicht einfach so verschwinden, erdrückt von Zynismus und Kurzsichtigkeit. Geben wir diesem Europa wieder eine Chance, machen wir es wieder zu einem Versprechen. Das schulden wir Helmut Kohl.
Von Emmanuel Macron

DER SPIEGEL 26/2017
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