22.06.2017

Nicht ganz lupenrein

Helmut Kohls Außenpolitik war auf nationaler Bescheidenheit und der Fähigkeit zur Improvisation gegründet. Mit Angela Merkels Sonderwegen steht die Verlässlichkeit Deutschlands wieder unter Vorbehalt. Von Ullrich Fichtner
Von 2003 an hat das ZDF die Deutschen ein paarmal über "Unsere Besten" abstimmen lassen, es ging darum, deutsche Jahrhundertsportler zu küren, schönste Lieder und Orte, wichtigste Erfindungen, Lieblingsbücher. Ganze Sendungen lang wurden die "besten Komiker" nach Beliebtheit sortiert, bei den "besten Musikstars" schob sich Peter Maffay zwischen Mozart und Beethoven, und einmal wurde auch die Frage nach den "größten Deutschen" an und für sich gestellt.
Helmut Kohl war zum Zeitpunkt der Sendung seit fünf Jahren nicht mehr im Amt als Kanzler, seit einem Jahr nicht einmal mehr im Bundestag. Er war bereits Witwer nach dem Selbstmord seiner Frau Hannelore, dunkle Familiengeschichten aus dem Oggersheimer Bungalow machten die Runde, und wenn über den Politiker Kohl noch berichtet wurde, dann wegen der CDU-Spendenaffäre oder weil er sich Beraterdienste für den Medienmagnaten Leo Kirch fürstlich bezahlen ließ.
Bei der Wahl der "größten Deutschen" landete Kohl auf Platz 13, sehr weit vorn. Er ließ Helmut Schmidt, Ludwig Erhard und den amtierenden Kanzler Gerhard Schröder hinter sich. Auf Platz eins wählten die Leute damals Konrad Adenauer, vor Martin Luther und Karl Marx, und Willy Brandt, ein weiterer Altkanzler, wurde Fünfter.
Man mag viel oder nicht viel von solchen Fernsehsendungen halten, einen Hinweis auf die Kriterien und Gefühlslagen gesellschaftlicher Mehrheiten geben sie doch. Die Momentaufnahme von 2003 zeigt, dass Helmut Kohl damals bereits auf dem Weg zu einer glorreichen Begnadigung war. Die CDU mochte noch hadern mit ihrem abgesägten Ehrenvorsitzenden, das Volk hatte dem Dicken aus der Pfalz längst verziehen. Die Affären, die privaten Abgründe, damals noch sehr virulent, sie konnten diesem Mann nichts anhaben, weil er dazu ausersehen war, als Kanzler der Einheit und großer Europäer in die Geschichte einzugehen.
Dort wird nun ein Platz für ihn gesucht, und seit seinem Tod am Freitag findet gewissermaßen eine neue Sondierung statt, eine nationale und sogar europäische Selbstbefragung darüber, wie Helmut Kohl in die Geschichte einzusortieren sei und welcher Rang ihm unter "unseren Besten" auf Dauer zustehen mag.
Die Einordnung wird davon abhängen, wie man Kohls politisches Erbe taxiert. Worin bestand sein herausragendes Europäertum? War er wirklich der außenpolitische Gigant, den viele seiner Biografen vor ihre Leser hinstellen? War er, wie man das Willy Brandt sofort zugestehen würde, ein Mensch, dessen Andenken man gern wahrt? Und wie sehen die Nachfolger neben ihm aus, die heute Regierenden?
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in einem Interview im Jahr 2002 einmal gesagt, die deutsche Außenpolitik sei bis tief in die Ära Kohl hinein vom Bewusstsein geprägt gewesen, "dass wir uns auf einer Sonderschule der Demokratie den Abschluss erst mühsam erarbeiten mussten". Das ist gut gesagt, und wenn es stimmt, dann gehörte Helmut Kohl auf dieser Sonderschule regelmäßig zu den Klassenbesten.
Deutschlands große Macht und sein Einfluss im damaligen Europa, bis 1998, gründeten paradoxerweise auf nationaler Bescheidenheit, die Kohl verkörperte trotz seiner imposanten Statur. Er sah sich bekanntlich als politischer Enkel Adenauers, und in einer Hinsicht war er es zweifellos: Wie der "Rhöndorfer" hegte auch Kohl, bei allem Patriotismus, eine nüchterne Skepsis gegen das eigene Volk, die er sich in Zeiten des Krieges zugelegt haben mag, die aber zweifellos sein Handeln leitete. Deutschlands Einbindung in Europa, das deutsch-französische Bündnis, die regelrechte Angst vor jedem neuen "Sonderweg", sie waren Kohls Programm.
Von Deutschland, das verstand dieser Kanzler als persönlichen Auftrag, durfte keine Gefahr mehr ausgehen, diesem Ziel diente er, und er durfte sich dabei im Einklang mit der Gesellschaft fühlen. Die deutsche Sehnsucht nach einer global möglichst unauffälligen Existenz ging so weit, dass sich in jenen Jahren, als die Vereinigung eben vollzogen war und ein neuer deutscher Großstaat wieder in Europas Mitte saß, eine Mehrheit der Deutschen das eigene Land am liebsten als eine sehr große Schweiz wünschten: neutral, friedlich, arbeitsam.
Das war Kohls Vision sicher nicht, denn er glaubte – Enkel Adenauers – an die Westbindung, an das transatlantische Bündnis mit den USA, er glaubte auch an das Konzept von der "freien Welt". Das schloss für ihn jedoch Reisen in die Sowjetunion nicht aus, im Gegenteil. Er suchte Freundschaften in beiden Welten dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs, und so wurde aus ihm – im Tandem mit seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher – ein international geschätzter Vermittler, ein verlässlicher, verschwiegener Gesprächspartner, ein in Ost und West geachteter Freund, dem man abnahm, dass für ihn "Nie wieder Krieg!" keine Zeile aus Sonntagsreden war, sondern tief empfundene Handlungsmaxime.
Kohl war, lange bevor der Begriff geprägt wurde, ein Networker, er hatte Kontakte überallhin und suchte stets die persönliche Bekanntschaft mit anderen Regierenden, mit denen er sich Männerfreundschaften – Frauen an der Spitze gab es ja kaum – jederzeit vorstellen konnte. Dass der Fall der Mauer, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, die Annäherung von West- und Osteuropa so friedlich und letztlich doch weitgehend unfallfrei abliefen, ist auch deshalb Helmut Kohls Verdienst, weil viele Mächtige der damaligen Zeit diesen Deutschen persönlich kannten, ihm vertrauten und womöglich sogar mit ihm befreundet waren. Man vergleiche die Zeiten, die Menschen: Ließe sich Ähnliches über Angela Merkel sagen? Hatte Schröder diese Qualität?
Die Wahrheit ist leider: Kohl war kaum abgelöst, als Deutschland schon wieder anfing, mitten in Europa auf dicke Hose zu machen. Ohne jedes Gespür für internationale und innereuropäische Gleichgewichte sorgten die Deutschen gleich beim EU-Gipfel von Nizza im Jahr 2000 für einen kleinlichen, hässlichen Streit um die Stimmengewichtung im Europäischen Rat. Deutschland habe ja nun, argumentierten sie, seit der Vereinigung 80 Millionen Einwohner, also über 20 Millionen mehr als Frankreich, als Großbritannien – müsste sich das nicht in einem größeren Stimmengewicht niederschlagen?
Diese Frage hätte Helmut Kohl niemals gestellt, schon gar nicht öffentlich. Die Franzosen vor allem waren damals schockiert über den deutschen Vorstoß, weil in ihm alle Ängste grell aufleuchteten, die man der Wiedervereinigung und europäischen Einheit zuliebe unterdrückt hatte. Der unheimliche Verdacht, dass sich die Deutschen nicht mehr auf Augenhöhe mit ihren Partnern glaubten, sondern sich für einen Tick größer hielten, war wieder in der Welt – und er hat sich, bis heute, eher verstärkt.
Man stelle sich vor, ein Finanzminister hätte zu Kohls Zeiten gesagt, wie es später Peer Steinbrück tat mit seiner scheppernden Stimme, man werde "die Kavallerie" in die Schweiz schicken. Oder ein Finanzminister Kohls hätte, wie Wolfgang Schäuble, ununterbrochen öffentlich darüber referiert, dass die Südländer der EU und sogar Frankreich in Sachen Sparpolitik endlich "ihre Hausaufgaben" machen sollten. Sie hätten bei Kohl wohl keine großen Karrieren mehr vor sich gehabt, und in jedem Fall hätten unangenehme Gespräche beim Chef auf sie gewartet.
Es sind Gedankenspiele, die einen ein wenig melancholisch stimmen: Wenn die Griechen in Berlin nicht bei Merkel und Schäuble hätten vorsprechen müssen, sondern bei Kohl und Theo Waigel: Wäre die Geschichte der vergangenen Jahre anders verlaufen? Hätte Kohl es zugelassen, dass Deutschland auch nur phasenweise allein gegen 27 europäische Partner steht? Hätte er versucht, dem Kontinent seine Vorstellung von Sparpolitik aufzuzwingen? Hätte er auf europäischer Bühne behauptet, seine Konzepte seien "alternativlos"? Und ist es denkbar, dass es mit Kohl einen – öffentlich ausgetragenen – Streit über Reparationszahlungen für Kriegsschäden zwischen Berlin und Athen gegeben hätte?
Kohl war, spitz gesagt, in mancher Hinsicht kein lupenreiner Demokrat, denn er war jederzeit bereit, die Regeln des Rechtsstaats wenigstens zu dehnen, wenn es einer seiner Meinung nach guten Sache diente. Die Eurozone hätte anders nicht etabliert werden können, und man mag lange darüber streiten, ob das womöglich besser gewesen wäre. Auf jeden Fall wurde damals, in der Endphase von Kohls Kanzlerschaft, einfallsreich getrickst, um die Kennzahlen der Italiener und Griechen passend zu machen. Muss man das ablehnen? Darf man es richtig finden?
Zur Grundlage einer allgemeingültigen Gesetzgebung hätte man Kohls großzügige Kompromissbereitschaft sicher nicht machen können, aber man wird in seinem Einzelfall doch häufig von einer gelungenen Gratwanderung sprechen müssen. Er war ein Ermöglicher, der lieber fünf grade sein ließ, als wegen einer vergleichbaren Kleinigkeit eine große Sache scheitern zu lassen – und Geld etwa war für ihn berühmterweise "Bimbes", erst recht auf dem großen Spielfeld Europas.
Seit Kohl nicht mehr Kanzler ist, und seit die Deutschen meinen, Sloterdijks "Sonderschule der Demokratie" mit Bravour bestanden zu haben, haben sie an nationaler Einbildung einiges gewonnen, aber an internationalem Einfluss – wenn man diesen nicht nur am ökonomischen Gewicht misst – auch verloren. Merkels Deutschland ist nicht mehr das, was es zu Kohls Zeiten war: eine paneuropäische Macht. Unter Kohl verstanden sich die Bundesregierungen und Ständigen Vertreter in Brüssel als Sachwalter der kleineren und mittleren Länder in Europa, Deutschland war ein großzügiger Partner, dessen weiche Macht gewaltig war.
Griechen, Portugiesen oder Italienern wurde in den Neunzigerjahren nicht gezeigt, wo fiskalisch der Hammer hängt; und Slowaken, Polen und Ungarn bekamen nicht ständig öffentliche Nachhilfe über die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Helmut Kohl, das lässt sich mit Gewissheit sagen, war nicht daran interessiert, deutsche Prinzipien durchzusetzen, sondern er wollte, ganz pragmatisch, dafür sorgen, dass in Europa alle gemeinsam vorankommen und dann natürlich auch Deutschland profitiert. Diese Zeiten sind spürbar zu Ende, was nicht allein an veränderten deutschen Haltungen liegt. Aber die Deutschen legen unter Angela Merkel jetzt eine ungute Neigung zum nationalen Alleingang an den Tag, die zu Kohls Zeiten undenkbar gewesen wäre.
Die Frage "Was wäre gewesen, wenn ...?" ist eine unter Historikern verpönte, aber sie zu stellen bringt einen trotzdem zu interessanten Einsichten. Wenn Kohl, zum Beispiel, vor dem Flüchtlingsdrama in Ungarn gestanden hätte, wie Merkel davorstand im Sommer 2015, was hätte er an ihrer Stelle getan? Nun, man darf vermuten, dass er sowieso schon die ganze Zeit, lange vor der dramatischen Zuspitzung, mit dem französischen Präsidenten, mit dem englischen Premierminister, mit dem ungarischen Amtskollegen, dem Tschechen, dem Slowaken, dem Polen, dem Österreicher, dem Türken und dem Kroaten im Gespräch gewesen wäre. Dass er geredet hätte mit ihnen, genuin interessiert, neugierig, einfach, um zu hören, zu sehen, zu fühlen, was da gehen könnte und was nicht. Und dann hätte vielleicht auch Kohl die Flüchtlinge nach Deutschland kommen lassen – aber eben ohne damit alle Welt vor den Kopf zu stoßen, ohne die Populisten aller Länder wachzuküssen und ganz gewiss ohne das europäische Projekt zu gefährden, wie Merkel es bei Licht betrachtet doch getan hat.
Für die elende Krise der Staatsfinanzen in Europa gilt Ähnliches: Ist es aus der Luft gegriffen zu glauben, dass Kohl diese Vorgänge zumindest deutlich geräuschärmer über die Bühne zu bringen versucht hätte? Kann man sich einen Genscher im Fernsehen vorstellen, der den Iren oder Spaniern die Leviten liest? Oder einen Kohl, der wegen sechs oder acht Milliarden Euro, also wegen Bimbes, ständig das Ende der Welt an die Wand malt?
Das ist die heutige Lage. Es mag finanztechnisch alles hoch kompliziert sein, es mag zeitweise wirklich große Sorgen um den Fortbestand der Union und des Bankensystems gegeben haben: Aber wann immer sich Schäuble oder Merkel zum Thema einließen, wenn sie ihr Lied "Geld nur gegen Reformen" anstimmten, stand da doch vor allem irgendwie immer Wilhelm Buschs dürrer Lehrer Lämpel – und das ungute Gefühl, dass der hässliche Deutsche samt Rohrstock zurück ist.
Helmut Kohl wusste, dass es nicht reicht, recht zu haben. Er wusste, dass Menschen mit ihren Ideen und Vorschlägen unendlich viel glaubhafter wirken, wenn man ihre Zugewandtheit spürt oder sich sogar ein wenig Zuneigung erahnen lässt. Es hat nichts mit Können zu tun, es ist eine Gabe, die Kohl besaß: Er zählte zu den Staatsmännern mit einem ausgeprägten Gefühl dafür, ob die Chemie stimmt oder eben nicht. Und das persönliche Gespräch mit anderen Mächtigen, das Verfertigen der Gedanken beim Reden, das auf Empathie und sachlicher Ehrlichkeit gegründete Verhandeln mit Partnern war seine Kunstform. Es scheint, er wandte sie nur auf Menschen an, die er für gleichrangig erachtete, während er andere auch brutal malträtieren konnte; als Außenpolitiker zeigte er diese abgründige Seite nicht.
Kohls Karriere endete nicht zufällig mit dem 20. Jahrhundert. Nach seiner Abwahl 1998 begann ohne sein Zutun eine neue Epoche, die seine nicht mehr war und deren Abläufe er, gemessen an seinen späten Äußerungen, auch nicht mehr verstand. In den Jahren, die nun kamen, öffnete sich schnell und schlagartig der Blick auf die neuen Themen des 21. Jahrhunderts: Der 11. September 2001 markierte den Beginn einer Epoche des islamistischen Terrors. Einen Monat später begann der Afghanistankrieg und mit ihm die Rückkehr der Gewalt als Mittel der internationalen Politik, die sich bis heute fortsetzt im Irak, in Libyen, in Syrien, in der Ukraine. Im Dezember 2001 wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und betrat als neue ökonomische Supermacht die Bühne. Diese drei Ereignisse allein beendeten viele gemütliche Gewissheiten, die in Kohls Welt noch ganz fraglos gegolten hatten.
Sie führten in der Folgezeit auch in Deutschland zu Häutungen, die es mit einem Kanzler Kohl nicht hätte geben können. Nach 16 Jahren geistig-moralischer Wende regierte erstmals Rot-Grün im Bund und kassierte reihenweise seit dem Krieg gültige deutsche Politikdoktrinen – und wohl auf keinem Feld so nachhaltig wie in der Außenpolitik.
Von der Regierung Schröder ist auf diesem Feld vor allem die spektakuläre Weigerung im Gedächtnis, die Bundeswehr in den 2003 beginnenden Irakkrieg zu schicken. Es war aber dieselbe rot-grüne Regierung, die den ersten echten Kriegseinsatz Deutschlands seit 1945 verantwortete, die Luftoperationen 1999 im Kosovo. Man sprach viel von "Normalisierung" damals und fühlte sich gut dabei, und manchmal klang es auch so, als sei Deutschland endlich "wieder wer". Die Zeit der Scheckbuchdiplomatie jedenfalls, dröhnte Schröder, sei vorbei, man werde nicht andere kämpfen lassen und heimlich dafür bezahlen, die Deutschen würden von nun an auch militärisch wieder ihren angemessenen Beitrag leisten.
In Kohls Welt kam diese Art zu denken nicht vor, auch nicht Schröders Art des markigen Auftritts. Das feixende Auftrumpfen sparte sich Kohl für innenpolitische Gemeinheiten und parteiinterne Querelen auf, nach außen war er stets der geschichtsbewusste Staatsmann, wie er nun in aller Welt gewürdigt wird.
Bei allem war er, was sonst, ein Mann seiner Zeit. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es heute nur noch mit viel Lektüre und Mühe nachvollziehen, in welcher Welt Helmut Kohl 1982 Kanzler der Bundesrepublik wurde. Das Reich der Weltpolitik begann damals bereits an der Elbe, und die Europäische Gemeinschaft war, im Vergleich zu heute, ein noch viel blutleereres administratives Konstrukt. Es ging damals immer noch um Fragen wie den Status Westberlins, die Souveränität der Bundesrepublik stand unter alliiertem Vorbehalt, und die allerwenigsten Menschen glaubten daran, dass sich der Eiserne Vorhang jemals wieder öffnen würde.
Acht Jahre später war die Mauer weg, Deutschland und Berlin vereinigt, und kein Mensch redete mehr über Fragen der staatlichen Souveränität. Was immer Kohl damals alles gemacht hat: Falsch gemacht hat er offenkundig nichts.
Er ging daran, in den Neunzigerjahren, mit seinen gleichgesinnten Amtskollegen und dem grandiosen Strippenzieher Jacques Delors als Kommissionspräsident, das europäische Projekt zu vollenden. Das ist misslungen. Die Wirtschafts- und Währungsunion ist ein Torso geblieben, ein höchst fehlerhaftes Konstrukt, das in den ergiebigen Strudeln der Weltfinanzkrise von 2008 um ein Haar untergegangen wäre. Worin aber besteht, auf diesem Feld, Kohls Erbe? Wollen wir Nachgeborenen ihn für den Euro-Schlamassel und den lückenhaften Maastricht-Vertrag verhaften? Oder besteht der Nachlass nicht vielmehr darin, dass Kohl entscheidend mitwirkte, als Europa den Großen Sprung nach vorn wagte?
Die Rede, die Kohl damals nach der Rückkehr vom Europäischen Rat in Maastricht im Bundestag hielt, ist ein beeindruckendes Zeugnis seiner politischen Leidenschaft und Europabegeisterung. Kohl begann damals mit dem Satz: "In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember hat sich der Europäische Rat in Maastricht nach über 30-stündigen Beratungen auf den Vertrag über die Politische Union sowie über die Wirtschafts- und Währungsunion geeinigt." Und man hörte förmlich den Mantel der Geschichte knattern.
Kohl formulierte damals, woran sich heutige deutsche Politiker bei der Diskussion fiskalischer und monetärer Probleme ab und an erinnern sollten, nämlich, so Kohl wörtlich, "dass die deutsche Einheit und die europäische Einigung zwei Seiten ein und derselben Medaille sind". Und sie dürfen auch darüber nachsinnen, dass es damals 30 Stunden dauerte, ein neues Kapitel der europäischen Geschichte zu eröffnen, während 30 Stunden Verhandlung heute kaum dafür reichen, die Konditionen eines Überbrückungskredits für ein in Not geratenes Land zu vereinbaren.
Eine Würdigung des Außenpolitikers Kohl wäre unvollständig ohne Hinweis auf seine Chinareise, die ihn 1995 als damals ersten westlichen Regierungschef nach dem Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens auf eine Militärbasis führte. Das war eine selten geschmacklose außenpolitische Verirrung, die Kohls Nachfolgerin Angela Merkel gewiss nicht unterlaufen wäre.
Aber Merkel, sie hätte mehr lernen können von Kohl. Vor allem, dass den Deutschen nationale Alleingänge nicht nur wegen historischer Altlasten schlecht zu Gesicht stehen, sondern weil sie die Aussicht auf nachhaltigen Erfolg schmälern. Man kann nicht Freunde und Verbündete ständig vor vollendete Tatsachen stellen und hinterher die Lasten der Entscheidung solidarisch teilen wollen.
Das ist aber ein Grundzug von Angela Merkels Außenpolitik, die auf nationaler Stärke und Überlegenheit basiert und erst in zweiter Linie auf dem Geist der Zusammenarbeit und ständiger Konsultation: Die Flüchtlingspolitik ist ein Beispiel, die Energiewende ist ein großes anderes, die berüchtigte "Austeritätspolitik", das eiserne, von Deutschland diktierte Sparen ist ein drittes. In allen drei Fällen bedeuten Deutschlands Entscheidungen sehr viel für andere Länder, und das hätte für Helmut Kohl geheißen, diese anderen Länder an der Vorbereitung und Ausgestaltung zu beteiligen, ja er hätte vermutlich sogar um ihre Zustimmung und Erlaubnis geworben.
Dieser Geist regiert in Berlin in dieser Form schon lange nicht mehr. Er wird herbeizitiert, natürlich, er gehört zur Standardgarnitur aller Reden, und natürlich tanzt Deutschland mit seiner Kanzlerin Angela Merkel auch nicht ständig aus der Reihe, sondern ist im Großen und Ganzen ein rationaler, verlässlicher Partner. Aber das gilt eben nur so lange, bis ein neuer, dramatischer Sonderweg beschritten wird, das heißt: Die Verlässlichkeit Deutschlands steht heute unter Vorbehalt.
Dass Kohl nun aus allen Ecken all die schönen Nachrufe bekommt, die häufig – man denke nur an die Kondolenzworte Wladimir Putins – echte Rührung erkennen lassen, liegt an einer Eigenschaft des verstorbenen Altkanzlers, die Schröder nicht hatte und die auch Merkel fehlt, und Helmut Schmidt hatte sie auch nicht. Mit Kohl konnte es passieren, dass mit einem Mal eine verblüffende menschliche Wärme im Politikbetrieb zu spüren war. Er trat, im Land der Mustersonderschüler, als Mensch vor die Leute, und das galt genauso, wenn er draußen unterwegs war und Geschichte schrieb.
Griechen oder Italienern wurde in den Neunzigerjahren nicht gezeigt, wo fiskalisch der Hammer hängt.
Das feixende Auftrumpfen sparte sich Kohl für innenpolitische Gemeinheiten.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 26/2017
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