22.06.2017

EssayEr war ein anderer, hier wie dort

Ein traumatisierter Biedermann, ein innerlich Getriebener, ein öffentlicher Alphamann – Kohl machte den Weg frei zu seiner eigenen Überwindung. Von Nils Minkmar
Viele der Artikel, die seit dem Tod Helmut Kohls am vergangenen Freitag erschienen sind, suchen eine neue Eindeutigkeit im Urteil über den ehemaligen Bundeskanzler. Sie wünschen eine posthume Versöhnung und behaupten, es sei ihm Unrecht geschehen, er sei in Wahrheit doch ein großer Mann gewesen, und man solle nun einen Flughafen nach ihm benennen. Deutsche haben ohnehin Mühe, Stress mit einer Vaterfigur auszuhalten, und spätestens jetzt soll einfach alles wieder gut sein. Die Reaktion ist sympathisch, verfehlt allerdings die Pointe dessen, was Helmut Kohl war. Der große Mann in der Geschichte, der sein Land so regiert wie der Vater Haus und Familie – Kohl hat diese Rolle beansprucht, ausprobiert und dann so gründlich dekonstruiert, wie es kein 68er vermocht hätte. Helmut Kohl übernahm die Regierung eines Landes und hinterließ ein ganz anderes. Und nach seiner Amtszeit verwandelte er sich erneut – und wir uns mit ihm.
Kohl übernahm die Regierungsgeschäfte in einem engen Land, in dem alle jungen Männer lange zum Wehrdienst mussten, das vollgestellt war mit Kriegsmaschinen, um notfalls die andere Hälfte des Landes ins Visier nehmen zu können. Und als er ging, diskutierte man längst über die Spaßgesellschaft, freute sich an der Love Parade und überlegte, wozu Armeen künftig gut sein könnten. Als Helmut Kohl eine "geistig-moralische Wende" versprach, wurde viel darüber gelacht. Aber er hat sie tatsächlich vollzogen: Ein Konservativer zu sein, ein Vater, ein starker Mann – das bedeutet heute etwas völlig anderes als zu jener Zeit, als Kohl sich mühte, all das zu verkörpern. Und damit hat er eben nicht allein seine Partei verändert, sondern Deutschland insgesamt, bis in Familien und Vereine hinein. Kohl sagte Mal um Mal, wenn er etwas autoritär klingen wollte, darin aber auch normal: "Das ist in der Politik wie im privaten Leben!" Und dann folgte beispielsweise, an die Adresse krimineller Ausländer gerichtet: "Wer sich nicht benimmt, fliegt raus." Was lehrt uns das, was wir unterdessen über den privaten Kohl wissen, für das Verständnis seiner Politik?
Dass er hier wie dort ein anderer war. Der Familienmensch, der uns auf den immer skeptisch betrachteten Urlaubsbildern vom Wolfgangsee erschien, hatte Mühe, seiner Rolle gerecht zu werden, und der große christdemokratische Politiker errang den Triumph seines Lebens in Zusammenarbeit mit einem Kommunisten. Aber es gibt noch einen zweiten Zauberspruch bei Helmut Kohl, den, der uns seinem Rätsel noch am ehesten näherbringt: "Die Deutschen sind heute ein Volk, das sein Glück im Privaten sucht." Es ist ein bemerkenswerter Satz für einen Profipolitiker, dem die Politik alles ist. Wo suchte er sein Glück? Sein Leben war eine permanente Bewegung, als würden mit der Ruhe auch die Bilder und Dämonen seiner Kriegserlebnisse wiederkehren. Und bei Hannelore Kohl mag es ähnlich gewesen sein. Ihr Sohn Walter beschreibt seine Mutter ohne jede Esoterik als Menschen, dem permanente Aktivität ein Schutz war, denn dann war man agil und alert, wenn es wieder zu fliehen galt.
Helmut Kohl lag mit diesem Urteil aber auch daneben, denn die Deutschen der damaligen DDR verließen ihre Nischen und Idyllen und machten eine Revolution. Das Glück des wiedervereinigten Europa inspirierte dann einen ganzen Kontinent, und die Geschichte kehrte zurück. Kohl war mittendrin, aber nichts an der Situation war mehr konservativ. Der Anspruch der Völker, ihre Staatsform selbst zu bestimmen, und der Wunsch nach Freiheit, nach der Einhaltung der Menschenrechte ließen sich nicht mehr einhegen. Auf dem Balkan wurden alte Konflikte frisch aufgetaut, es gab Krieg mitten in Europa, schlimmste Menschenrechtsverletzungen beispielsweise in Sarajewo und Srebrenica und eine Wiederkehr des Rechts des Stärkeren. Kohl war, wie François Mitterrand, von dieser Wiederkehr der alten Dämonen bestürzt, wenn nicht überfordert und rang um eine Lösung. Er hatte eine Wende zu einer imaginären guten alten Zeit versprochen und endete in der neuen Unübersichtlichkeit. Kaum ein Kanzler hat ein Land so transformiert, ohne einen Begriff davon zu haben. Kohl führte das Land nicht – wie ein Moses unserer Zeit – von der Enge der westlichen Bundesrepublik in die verblüffende Weite des offenen Europa, er war selbst unser Transportmittel, zuverlässig und unermüdlich. Aber während der Fahrt wurde, in meiner Ecke jedenfalls, fortwährend gemeckert, die meisten hätten lieber etwas Moderneres gehabt.
Kohl war größer als sein beruflicher Impetus als Bundeskanzler, er wurde zu einer literarischen Figur, zu einem schillernden Protagonisten unseres nationalen Romans. Kohl ist damit unendlich interessanter, als es seine Interviews, Reden und Bücher waren. Schulden wir Kohl, einen Flughafen nach ihm zu benennen? Nein, wir schulden ihm die Wahrheit.
Er selbst trug sehr viel dazu bei, seine Wahrheit zu offenbaren. Bei der Auszeichnung mit dem Kissinger-Preis der American Academy in Berlin im Mai 2011 konnte man ihn noch einmal auf einer Bühne erleben. Bill Clinton war gekommen, Henry Kissinger, Angela Merkel, viele andere. Der damalige Präsident der Weltbank Robert Zoellick hielt eine exzellente Rede. In seiner Antwort verblüffte Helmut Kohl.

Er erwähnte, bewegt und bewegend, seine Jugend, das Kriegsende. Als man nicht nur materiell nichts hatte, sondern auch moralisch diskreditiert war, also das ganze Volk so ziemlich als das Letzte galt. Er sagte es wohlgemerkt nicht so, als sei das unverdient gewesen, sondern allein die Folge der selbst verschuldeten Hitlerzeit. Und dann verwies er auf all diese Gäste. Unausgesprochen blieb, was nahelag: Man hätte es Amerikanern, Russen, Engländern und Franzosen nicht übel nehmen können, wenn sie auf gute Behandlung Deutschlands verzichtet hätten. Kohl gab an jenem Abend offen zu, was er sonst nie thematisiert hat: dass es verdammt knapp war mit Deutschlands Rückkehr in die Zivilisation.
Man verstand: Helmut Kohl gab sich deshalb so unangenehm dominant, selbstsicher und aggressiv, weil er sich auf weichem Fundament wähnte. Seine Rolle als Alphamann wählte er, weil sie ihm lag – aber sie sollte eben auch ausgleichen, worüber er nicht sprach: das Trauma der Erniedrigung, der Angst, der Bilder des Krieges. Politisch sah er sich als Chef einer eher armen Partei in einem Land, das nicht viel zu sagen hatte. Kohl ist eine Kippfigur: ein Anführer, der sich mit einem All-Star-Team umgab, ein Pfälzer, der stets erklärte, irgendetwas sei "völlig selbstverständlich", und damit verbergen wollte, dass nichts nach Plan verlief, und ein Biedermann, der ein kompliziertes Leben führte.
Politiker sind selten ihre besten Verteidiger, aber kaum einer war ein so untauglicher Historiker seiner selbst wie Helmut Kohl. Obwohl wir ihn über Jahrzehnte hinweg fast täglich sahen, im Fernsehen, in allen Zeitungen, blieb er ein Mann voller Rätsel. Darin gleicht er Bismarck: privat so schwer zu lesen, auch in tausend Anekdoten nicht vertrauter. Und politisch ein Konservativer, der Deutschland revolutioniert hat wie kein anderer zu seiner Zeit.
Doch seine wesentliche Leistung ist nicht politisch, sie ist kulturell. Jeder Deutsche kannte Kohls Eigenheim, seine nette Familie und die Ferien am Wolfgangsee, das Fasten – doch heute wissen so viele Menschen mehr über die dunkle Seite der Biederkeit. Kohl wurde zu einer Romanfigur, die der langweiligen alten Bundesrepublik retrospektiv eine tragische Dimension hinzufügte und von der sehr viel zu lernen war.
Dass es in Deutschland, auch in den deutschen Eigenheimen, heute ganz anders zugeht, das ist auch ein Verdienst der Kohls, von Hannelore Kohl und insbesondere von Sohn Walter, der seine Wahrheit aufschrieb und damit aufklärerisch für uns alle wirkte. Unvergesslich ist die Beschreibung der Versorgungsmöglichkeiten im Oggersheimer Haus: Drei Kühlschränke, eine Speisekammer und ein eigener Kellerraum waren vorhanden, um Vorräte zu horten. Man hätte, so Walter Kohl in seinem Buch "Leben oder gelebt werden", mit all diesen Lebensmitteln eine mehrwöchige Belagerung aussitzen können. Es war eine traumatisierte Generation, aber die posttraumatische Belastungsstörung war noch nicht anerkannt. Das wäre auch schwierig gewesen, denn ein ganzes Volk litt an ihr. Es gab viele Familien Kohl in Deutschland, und ihr Exempel machte es leichter, das Schweigen zu überwinden.

Um die Dimension des von Kohl beförderten kulturellen Wandels zu ermessen, muss man einen Schritt zurücktreten. Im vergangenen Sommer gab es kaum Stimmen, die am Sieg Hillary Clintons zweifelten, eine aber klang überzeugend, auch wenn die Umfragen anders aussahen. Der kognitive Linguist George Lakoff schrieb damals in einem Artikel, dass politische Einstellungen selten nach Interessen oder Inhalten, sondern nach Mustern herausgebildet werden. Mustern, die man schon in der frühesten sozialen Einheit einstudiert – in der Familie nämlich. Clinton hatte es in dieser Beziehung schwer, es war nicht klar, auf welche Art von Muster sie überhaupt verweisen mochte. Bei Trump hingegen stimmte alles: Wer eine Familie kennt und schätzt, in der ein starker und strenger Vater die Ansagen macht, die Seinen schützt und zugleich fordert, der wurde vom großen Donald angesprochen. Der musste keinen kohärenten Plan haben, es reichten einige Schlüsselbegriffe, der Habitus dessen, der auch anders kann, und eine körperlich imposante Statur.
Lakoff behielt recht. Das Muster des strengen Vaters ist in entscheidenden Bereichen der Vereinigten Staaten kulturell noch so verankert, dass Trump es mühelos aktivieren und sich zunutze machen konnte, ganz unabhängig davon, ob er ansonsten nach konservativen Normen lebt. Auch Kohl hatte etwas davon in sich – man denke an die Szene, in der ihn ein Juso mit Eiern bewarf und der Kanzler zum Gegenangriff überging. Und er hätte diese Rolle sicher gern gespielt, ja es gibt posthum, in den Reaktionen auf seinen Tod, auch hier und da noch eine Sehnsucht in Deutschland nach solch einer Figur. Aber zugleich hat Helmut Kohl auch vorgelebt, dass sie hierzulande nicht mehr funktioniert. Er hat den Weg für etwas Neues frei gemacht, für eine regierende Frau ohne Vorratskammern und für ein Land, in dem die Väter für ihr Glück auch reden müssen. Trump, Orbán, Putin oder Erdoğan – jeder Deutsche, der so eine Rolle einnehmen möchte, ist chancenlos. Dank Helmut Kohl.

Nein, wir schulden Kohl keinen Flughafen. Aber wir schulden ihm die Wahrheit.

Über den Autor

Nils Minkmar, geboren 1966, besuchte als Schüler eine Veranstaltung mit Helmut Kohl und kam dort ins Grübeln. Kohl erzählte, Frankreich sei in seiner Kindheit der Erbfeind gewesen, heute aber könne jeder ein Interrailticket lösen und durch das Nachbarland reisen. Das war ein guter Satz. Mail: nils.minkmar@spiegel.de, Twitter: @nminkmar
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 26/2017
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