01.07.2017

MarkusFeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandTraurige Alice

Die Deutschen sind, was den Widerspruch zwischen privater Lebensführung und politischen Forderungen betrifft, traditionell tolerant. Dass ausgerechnet der "Führer" selbst dem Führer kein Kind schenkte, konnte seiner Bewegung nicht wirklich schaden.
Trotzdem galt in der deutschen Politik lange der Grundsatz, wonach die Person des Spitzenkandidaten und die Programmatik der Partei zusammenpassen müssen. Die SPD versuchte sich 2013 von dieser Maxime zu emanzipieren, als sie Peer Steinbrück nominierte, einen Mann, der sich von Großbanken als Redner bezahlen ließ und auch sonst jede Sensibilität für die Lebensverhältnisse der sogenannten "kleinen Leute" erfolgreich unterdrückte.
Die AfD startet in diesem Sommer ein noch radikaleres Experiment als damals die SPD. Mit Alice Weidel geht erstmals eine Lesbe, die mit ihrer aus Sri Lanka stammenden Partnerin zwei Kinder in der Schweiz großzieht, als Spitzenkandidatin einer latent ausländerfeindlichen und homophoben Partei ins Rennen, die sich laut Wahlprogramm ausdrücklich "am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern" orientiert. Das ist in etwa so, als würde der Geschäftsführer des Massenhühnchenherstellers Wiesenhof als Spitzenkandidat der Tierschutzpartei kandidieren.
Den ersten Test in Sachen Selbstverleugnung hat Weidel in dieser Woche erfolgreich bestanden. Als die anderen Schwulen und Lesben in Deutschland die "Ehe für alle" feierten, schrieb Weidel auf Facebook: "Über die 'Ehe für alle' zu debattieren, während Millionen von Muslimen illegal ins Land einwandern, ist ein Witz."
Natürlich ist politischer Masochismus kein ganz neues Phänomen. Es ist gewiss auch nicht leicht, Mitglied der SPD zu sein, wenn man eine große Leidenschaft für die Rassengenetik hat. Allerdings war Thilo Sarrazin – anders als Weidel – niemals Spitzenkandidat.
Wie manche Parteifreunde ticken, konnte Weidel im Landtag von Sachsen-Anhalt lernen, wo ein AfD-Abgeordneter laut Sitzungsprotokoll forderte, dass Homosexualität wie in Nordafrika auch in Deutschland "verboten und in höchstem Maße tabuisiert" werden solle. Oder auf der Facebook-Seite eines inzwischen aus der Fraktion gedrängten AfD-Mannes aus Berlin, der Homosexuelle als "unnormal", "widernatürlich" und als Menschen mit "Gendefekt" bezeichnete. Natürlich stoßen auch andere Parteien beim Umgang mit Minderheiten bisweilen an Grenzen. Aber es gibt Fortschritte. Seit dem Rückzug von Rainer Brüderle etwa ist die Zahl der Schwulenwitze in der FDP deutlich gesunken.
Alice Weidel hat sich freiwillig entschieden, einer Partei Gesicht und Stimme zu geben, die ihre Art zu leben ablehnt. Das sichert ihr Einfluss und Prominenz. Der Preis dafür ist, dass sie selbst dann noch hassen muss, wenn sie, wie in dieser Woche, Grund zur Freude hätte.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 27/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MarkusFeldenkirchenDer gesunde Menschenverstand:
Traurige Alice

Video 01:41

Umweltverschmutzung in der Karibik Plastikmüll statt Sandstrand

  • Video "Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver" Video 03:01
    Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver
  • Video "WM-Wanderarbeiter in Katar: Eine Art Zwangsarbeit" Video 05:20
    WM-Wanderarbeiter in Katar: "Eine Art Zwangsarbeit"
  • Video "Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke" Video 00:55
    Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke
  • Video "Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL" Video 00:58
    Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL
  • Video "Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?" Video 03:32
    Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?
  • Video "US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!" Video 02:43
    US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!
  • Video "Sensationsfund in Alexandria: Rätsel um Riesensarkophag (fast) gelöst" Video 01:43
    Sensationsfund in Alexandria: Rätsel um Riesensarkophag (fast) gelöst
  • Video "Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung" Video 01:37
    Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung
  • Video "Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel" Video 00:54
    Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel
  • Video "Die Nato und das aggressive Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt" Video 01:50
    Die Nato und das "aggressive" Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt
  • Video "Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co." Video 01:40
    Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co.
  • Video "Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand" Video 01:41
    Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand