01.07.2017

GedenkenAllein in Oggersheim

Maike Kohl-Richter will das politische Erbe Helmut Kohls kontrollieren. Mit dem Gezerre um die Trauerfeier aber hat sie sich weitgehend isoliert.
Im Dom zu Speyer hätte er liegen sollen, zwischen den Salier-Kaisern, deren Gebeine hier vor Jahrhunderten die letzte Ruhestätte fanden. So hatte es sich Maike Kohl-Richter gewünscht, so hatte sie es auch als Bitte an die Domherren herangetragen. Dem braven Bischof Karl-Heinz Wiesemann oblag es, der Witwe verständlich zu machen, dass die Kirche diesem Wunsch nicht nachkommen könne. Kohl war ein Großer, ein Salier oder Staufer war er nicht.
Am Samstag wird er nun im Schatten des Domes beerdigt, so nahe an den sagenhaften Gestalten wie möglich, und damit immer noch weit genug entfernt von dem Familiengrab in Ludwigshafen, in dem neben seinen Eltern die erste Ehefrau Hannelore liegt. Auch das war ja zu bedenken gewesen.
Wenn der Sarg mit dem Leichnam des Kanzlers in die Erde gesenkt wird, endet eine Auseinandersetzung, die viele aufgewühlt hat. Die Entscheidung für eine Trauerfeier im französischen Straßburg und damit gegen einen Staatsakt in Deutschland, hat Unverständnis hervorgerufen, auch bei denen, die mit Kohl zu Lebzeiten nicht viel am Hut hatten. Bislang wurde jeder Kanzler in dem Land öffentlich betrauert, das er einmal regiert hat. Kohl wird der erste Regierungschef sein, von dem sich das Volk nicht angemessen verabschieden konnte.
Dass die Beisetzung eines Kanzlers nicht nur eine Familienangelegenheit sei, befand Bundestagspräsident Norbert Lammert bei einer improvisierten Ehrung im Bundestag. Man konnte das als Mahnung an die Hinterbliebenen verstehen, die einen Staatsakt in Deutschland dezidiert abgelehnt hatten. Deutlicher wollte Lammert nicht werden, das verbat ihm die Pietät.
Bis zuletzt wurde um die Details der Trauerfeier gerungen. Anfang der Woche kam der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew auf die Liste der Redner, dafür war immer noch unklar, ob Weggefährten wie der Fahrer Eckhard Seeber eine Einladung erhalten würden. Am Ende war die Atmosphäre so vergiftet, dass jede Erklärung auf versteckte Botschaften abklopft wurde.
Für Aufregung sorgte in Berlin eine Pressemitteilung des EU-Parlaments, wonach auf den "ausdrücklichen Wunsch von Dr. Kohls Witwe" der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe González, der ehemalige US-Präsident Bill Clinton und eben Medwedew reden würden. Das konnte man so verstehen, dass der Auftritt der drei genannten Redner das Wohlwollen von Maike Kohl-Richter fanden, das Auftreten der Bundeskanzlerin, der das Schlusswort vorbehalten war, aber nicht.
Noch einmal stellte sich im Kampf um das richtige Gedenken die alte Ordnung ein, wie man sie aus den Kohl-Zeiten kannte: hier der Kreis der Getreuen, dort die Verräter und Abgefallenen, die es durch Missachtung zu bestrafen galt.
Wie klein der Kreis derer geworden war, die man im Umfeld des Kanzlers noch als zuverlässig empfand, konnte man an der Zahl der Trauergäste abzählen, die ins Haus gelassen wurden, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Der langjährige rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Christoph Böhr war unter den Auserwählten, die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen, Eva Lohse, auch Salomon Korn, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main.
Korn selbst hat sich nie als Wegbegleiter oder enger Freund Kohls empfunden, die beiden sind sich vielleicht sieben-, achtmal begegnet. Dennoch erhielt Korn einen Anruf, ob er nicht Abschied nehmen wolle vom Altkanzler. So stand er am vorvergangenen Wochenende im Arbeitszimmer des Wohnhauses in Oggersheim, wo der Leichnam aufgebahrt war, umstellt von surrenden Kühlaggregaten, die gegen die sommerlichen Temperaturen ankämpften.
Im Kanzleramt hatte man sich früh entschlossen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ein öffentlicher Streit mit der Witwe sei unter allen Umständen zu vermeiden, so lautete die Weisung. Dass aus dem Hause Kohl nach draußen drang, der Entschluss für Straßburg und gegen Berlin habe vor allem gegen einen Auftritt von Frank-Walter Steinmeier gezielt, kam nicht ungelegen. Dem heutigen Bundespräsidenten werde sein Agieren als Kanzleramtschef nach dem Machtwechsel 1998 verübelt, hieß es. So geriet in den Hintergrund, dass Kohl auch Merkel nie vergeben hat.
Schon im Februar hat Maike Kohl-Richter die Idee eines europäischen Traueraktes mit Vertrauten beraten. Es sei immer klar gewesen, dass der Gang außer Landes auch dazu dienen sollte, Steinmeier und Merkel aus der Trauerfeier herauszuhalten. "Das ist alles so falsch", sagte sie. Einwände, dass es zu einem Eklat kommen werde, wies sie zurück. "Da war nichts zu machen", sagt einer, der in die Gespräche eingebunden war.
Viel ist in diesen Tagen von der Deutungsmacht die Rede, die Maike Kohl-Richter beanspruche. Es gehe ihr darum, künftig das Gedenken an Kohl zu bestimmen, auch deshalb wache sie eifersüchtig über jedes Detail. Welche Deutungsmacht gemeint sein könnte, ist weniger klar.
Schon Kohls Einlassungen zu Lebzeiten fanden nur noch ein verhaltenes Echo. Ein paarmal drangen Texte nach draußen, zuletzt im Frühjahr 2016 ein neues Vorwort für sein Europa-Buch. Bereits damals war nicht mehr sicher, wer hier eigentlich sprach: der Altkanzler durch seine Frau oder die Frau durch den Altkanzler. Dass der Gesundheitszustand kein Diktat zuließ, geschweige denn die eigenhändige Abfassung eines längeren Textes, war offenkundig. Nach einem Schädel-Hirn-Trauma 2008 fiel Kohl das Reden schwer, zuletzt konnte er sich nur noch durch Nicken und Brummen verständlich machen.
Große Bedeutung wird den Papieren zugemessen, die im Keller des Wohnhauses lagern. Maike Kohl-Richter hütet jeden Zettel wie einen Schatz. Vergebens hat sich die Konrad-Adenauer-Stiftung bemüht, Zugang zu erhalten. Was an dem schriftlichen Nachlass als privat und was als dienstlich eingestuft wird, ist schwer zu entscheiden.
Es sind interessante Dokumente darunter. In den Papieren soll sich ein Schriftwechsel mit Franz Josef Strauß befinden. Auch Korrespondenz mit Michail Gorbatschow ist erhalten geblieben. Aber damit eröffnet sich noch kein neuer Blick auf die Ära Kohl.
Kohl war ohnehin ein Mann, der dem Schriftlichen misstraute. "Passt auf, was ihr aufschreibt, das bekommt nur Beine", gab er seinen Leuten mit auf den Weg. Wenn es wichtig wurde, griff er zum Telefonhörer. Wenn es ganz wichtig war, suchte er eine Telefonzelle auf, weil er der Leitung im Kanzleramt misstraute. Zurecht, wie man nach dem Mauerfall erfuhr: Insgesamt 13 Aktenbände umfassen die Protokolle der Kanzler-Telefonate, die in der Hinterlassenschaft der Stasi aufgefunden wurden.
Die Vermögenswerte, die Kohl hinterlässt, sind überschaubar. Witwengeld kann Kohl-Richter nicht erwarten, dazu hat sie ihn zu spät geheiratet. Das steht nur Witwen zu, wenn die Verehelichung in die aktive Zeit fiel. Die lag aber schon einige Jahre zurück, als Maike Richter und Helmut Kohl die Ringe tauschten.
Die bedeutendste Einnahmequelle nach dem Ausscheiden aus dem Amt waren, neben einem Beratervertrag bei Leo Kirch, die Honorare für die Memoiren. Insgesamt eine Million Mark an Vorschuss hatte Kohl erhalten, dazu kamen noch einmal mehr als eine Million Euro an Tantiemen aus dem Verkauf. Dem standen allerdings die Verpflichtungen aus der Spendenaffäre gegenüber.
Die Familie hatte sich 1999 hoch verschuldet, um die Strafzahlung der CDU begleichen zu können. Mehrere Millionen Mark musste die Partei zahlen, so hatte es der Bundestagspräsident verfügt. Ein großer Teil kam durch Spenden herein, die Helmut und Hannelore Kohl bei Freunden und Bekannten erbettelten, rund 700 000 Mark steuerte der Kanzler aus eigener Tasche bei.
Dann gibt es noch das Haus in Oggersheim. Eine Million Euro ist die Immobilie angeblich wert, so stand es in mehreren Zeitungen. Ein Interessent müsste allerdings ein spezielles Faible für Gefängnisarchitektur mitbringen. Um Anschlägen zu trotzen, wurde um den Bungalow eine fünf Meter hohe Betonmauer gezogen. Dann kam noch eine drei Meter hohe Wand aus Panzerglas dazu. Wenn der Trubel der Trauerfeierlichkeiten vorbei ist, wird hier eine sehr einsame Frau wohnen.

Einwände, dass es zu einem Eklat kommen könnte, wies Kohl-Richter zurück.

Von Matthias Bartsch, Jan Fleischhauer, René Pfister und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 27/2017
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