01.07.2017

FußballDer Blender

Beim Confederations Cup in Russland feiert sich die Fifa selbst, die Kritik an Weltverbandschef Gianni Infantino aber wird lauter – wegen seines Führungsstils und seines Umgangs mit der Wahrheit.
Gianni Infantino stand auf der Ehrentribüne des Stadions in Sankt Petersburg, gemeinsam mit dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin feixte und schunkelte er. Es war das Eröffnungsspiel des Confederations Cup, und der Präsident der Fifa hatte beste Laune. Vielleicht wusste er da ja schon, was nur kurze Zeit später offiziell von der Fifa bekannt gegeben wurde: Die Ethikkommission führe keine Ermittlungen gegen Infantino. Dies habe die Kolumbianerin María Claudia Rojas, neue Chefermittlerin der Fifa, bestätigt.
Der Präsident, das war die Botschaft, sei komplett sauber.
Mit der Pressemitteilung reagierte der Verband auf einen Bericht des SPIEGEL, der im April enthüllt hatte, dass ein Verfahren gegen den 47-Jährigen eröffnet wurde und bereits Zeugen vernommen worden waren. Der Verdacht: verbotene Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen im afrikanischen Kontinentalverband. Gut eine Woche später wurde Chefermittler Cornel Borbély abgesetzt, er berichtete von "Hunderten Verfahren", die nicht abgeschlossen werden konnten. SPIEGEL ONLINE meldete kurz darauf, dass Borbély vor seiner Abwahl mindestens einen weiteren Zeugen im Infantino-Verfahren nach Zürich geladen hatte. Umso überraschender war nun die Hausmitteilung der Fifa, wonach es keine Ermittlungen gebe.
Denn sie ist falsch.
Wie der SPIEGEL aus Fifa-Kreisen erfuhr, entschied sich die Verbandsspitze, einen Teil der Ermittlungsunterlagen von Borbély schlichtweg nicht in Empfang zu nehmen. Der Schweizer Rechtsanwalt führte während seiner Amtszeit nicht einen, sondern zwei Aktenbestände. Der eine Teil mit Ermittlungen gegen Personen, die nicht direkt in der Verbandszentrale in Zürich arbeiten, lagerte ebendort, im Sekretariat der Ethikkommission. Den anderen, heikleren Teil – unter anderem ebenjene Unterlagen zum Infantino-Verfahren – verwahrte Borbély in einer Anwaltskanzlei.
Der simple Grund: Die Fifa-Spitze sollte keinen Einblick in die Arbeit der unabhängigen Ermittler haben. In der Vergangenheit hatte es Vorwürfe gegeben, wonach Infantino über Anzeigen gegen ihn bei der Ethikkommission heimlich informiert worden war. Das sollte nicht mehr geschehen. Stattdessen erfuhr der Fifa-Chef aus dem SPIEGEL (18/2017) von der Untersuchung.
Ließ Infantino daraufhin die Ethiker absetzen? Dieser Verdacht steht seit Wochen im Raum.
Interne Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, dass die Fifa-Spitze schon frühzeitig von der Existenz weiterer Dokumente wusste. Dokumente, die die neuen Ethiker zunächst hätten prüfen müssen, bevor sie dem Präsidenten einen öffentlichen Freifahrtschein ausstellten.
Alles begann mit einem Brief vom 12. Juni, den José Rodriguez, Sekretär der Ethikkommission, an Borbély schrieb. Auftraggeber: die neue Ethik-Chefermittlerin. In dem Schreiben bittet sie um alle Ermittlungsunterlagen, "die mit den relevanten Geschäften der Ethikkommission zu tun haben und die sich nicht im Besitz des Sekretariats befinden". Es geht um Borbélys geheimen Aktenschrank. Drei Tage später bat Borbély per E-Mail um Terminvorschläge für ein Treffen. Eine Antwort bekam er nicht mehr. Stattdessen dementierte die Fifa per Pressemitteilung die Ermittlungen gegen Infantino.
Dieses Vorgehen empört auch langjährige Fifa-Mitarbeiter, sie leiteten die Kommunikation zwischen dem Ethiksekretariat und Borbély an den SPIEGEL weiter. Eine Anfrage zu den Vorgängen beantwortete die Fifa nicht.
Antworten geben könnte ein enger Vertrauter des Präsidenten: Marco Villiger, stellvertretender Generalsekretär, Chefjurist und Überbleibsel der Blatter-Ära. Er ist der Vorgesetzte von Rodriguez, dem Briefeschreiber. Er kennt die Kommunikation mit Borbély, und er wusste, so heißt es, von den extern gelagerten Akten. Wusste er auch von den Ermittlungen gegen Infantino? Wirkte er gar an der Borbély-Absetzung mit? Auf Anfrage: Schweigen.
Und die Borbély-Akten samt der Infantino-Ermittlungen, die ja angeblich gar nicht existieren – wo sind die jetzt? Kein Kommentar der Fifa. Mitarbeiter aus dem Hauptquartier behaupten, Borbély habe die Dokumente per Post dorthin geschickt. Borbély will das nicht kommentieren.
Statt sich mit diesem Verfahren und den brenzligen Dokumenten zu beschäftigen, versucht die Fifa lieber, mit allen Mitteln Infantinos Image aufzupolieren. Auf Kosten der alten Ethiker. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte Anfang dieser Woche den lange gehüteten Garcia-Report, der sich mit der unter Korruptionsverdacht stehenden Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und Katar beschäftigt. Am Dienstag stellte die Fifa den gesamten Bericht auf ihre Homepage. Garniert mit der Meldung, man sei froh, dass dieser Report endlich öffentlich geworden sei, Präsident Infantino habe sich dies schon lange gewünscht. Lediglich die mittlerweile abgesetzten Ethiker hätten dagegen gemauert. Richter Hans-Joachim Eckert und Borbély meldeten sich umgehend per Pressemitteilung zu den Vorwürfen und schrieben, sie seien niemals von Infantino aufgefordert worden, den Report zu veröffentlichen.
Dass Fakten so offensichtlich ignoriert und verdreht, dass Unwahrheiten per Pressemitteilungen verbreitet werden, damit hatte nach Infantinos Wahl kaum mehr jemand gerechnet. Nicht nach all den skandalträchtigen Jahren unter Sepp Blatter, dessen bitteres Ende, so dachte man, für Infantino eine Warnung sein würde. Welch ein Trugschluss.
Reinhard Grindel sitzt wenige Stunden vor dem letzten Gruppenspiel des deutschen Teams gegen Kamerun im Mannschaftshotel in Sotschi. Der DFB-Präsident trägt Freizeitkleidung, ein gestreiftes Hemd, Jeans, ist unrasiert. Der Auftritt seiner jungen Nationalmannschaft macht ihm großen Spaß. Grindel gießt sich in aller Ruhe seinen schwarzen Tee ein, er wirkt sehr entspannt.
Sein Gemütszustand wird sich im Laufe des Gesprächs ändern.
Bislang, sagt er, hatte er noch keine Möglichkeit, persönlich mit der neuen Ethikchefin Rojas zu sprechen. Er wisse deshalb nicht, ob gegen Infantino ermittelt werde. Sollten die Vorwürfe aber zutreffen, hätte der Fifa-Präsident sich "wegen Befangenheit nicht derart in die personellen Veränderungen der Ethikkommission einbringen dürfen".
Kritik? An der Fifa und ihrem Präsidenten? Grindel muss in Infantinos Augen ein wirklich komischer Kauz sein. Der DFB-Präsident nervt den Fifa-Chef sowieso schon seit Längerem. Bei Grindels Einzug in den Fifa-Rat im Frühjahr legte der DFB-Mann sich gleich mal mit Infantino an und kritisierte dessen Entscheidung, die Ethiker abzusetzen.
Grindel nimmt einen weiteren Schluck seines schwarzen Tees, lehnt sich zurück, seine Augen werden schmaler hinter der kleinen Goldrandbrille: "Wenn der Eindruck entstehen kann, dass Personalentscheidungen eher aus Eigeninteresse und nicht als Folge inhaltlicher Argumente gefällt werden, dann hilft das nicht dabei, die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen."
Infantino, das war die Idee, sollte das demolierte Image der Fifa aufpolieren. Aber davon ist nichts zu sehen, Infantino entpuppt sich als Blender, der immer mehr zu einer Art Kopie von Sepp Blatter wird. Wobei man Letzterem zugutehalten muss, dass er zumindest den Ethikern freie Hand ließ. Nun aber werden diese Reformen rückgängig gemacht, die neue Ethikchefin hat ihre Glaubwürdigkeit schon verspielt, bevor sie mit ihrer Arbeit angefangen hat.
Auch innerhalb der Uefa wird der Widerstand gegen den Fifa-Präsidenten größer. Dort thront seit September mit Aleksander Čeferin ein enger Vertrauter Grindels an der Spitze, und der Slowene fällt bislang nur damit auf, dass er nicht auffällt. Hinter den Kulissen hat sich der 49-Jährige als Gegenspieler von Infantino positioniert, er ist genervt von dessen Alleingängen. Jüngst schrieb die Uefa einen Beschwerdebrief an die Fifa, weil sie sich nicht ausreichend informiert fühlte. "Es wird schlimmer und schlimmer", sagt ein hochrangiger Uefa-Mitarbeiter mit Blick auf die Ermittlungen gegen Infantino.
Es ist derzeit unvorstellbar, dass sich die Uefa bei der nächsten Fifa-Präsidentschaftswahl 2019 hinter den Italo-Schweizer stellt. Ausgerechnet der Verband, dem er bis zu seiner Wahl zum Fifa-Präsidenten als Generalsekretär diente, wendet sich nun von ihm ab.
Und der nächste Ärger steht schon an. Seit Wochen wird hinter verschlossenen Türen über die Absetzung von Generalsekretärin Fatma Samoura beraten. An diesem Wochenende könnte am Rande des Finals beim Confed Cup schon eine Entscheidung fallen. Dabei galt Samoura als eine der Erneuerungsfiguren des Weltverbands: eine Frau, Afrikanerin, Externe, die vorher für die Vereinten Nationen gearbeitet hatte. Endlich jemand, der als "unbelastet" galt.
Nun könnte ihr zum Verhängnis werden, dass sie sich vor dem Fifa-Kongress im Mai in Bahrain öffentlich für den Verbleib von Ethikchef Borbély einsetzte. Samoura durfte schließlich beim Kongress lediglich Ländernamen vorlesen, bei der anschließenden Pressekonferenz saß sie nicht mal auf dem Podium, sondern im Zuschauerraum. Fifa-intern heißt es, Infantino könne unfassbar nachtragend und gnadenlos sein. Der Umgang mit Samoura sei ein Lehrstück dafür, was passieren würde, wenn man den Präsidenten kritisierte.
Samoura selbst beantwortete E-Mails des SPIEGEL zu ihrer geplanten Absetzung nicht. Stattdessen verteidigt DFB-Chef Grindel die Noch-Generalsekretärin. "Ich habe sie bei ihrem Besuch in Frankfurt als äußerst kompetent und integer wahrgenommen und ihr deshalb auch die Leitung der Fifa-Administration absolut zugetraut", sagt er.
Nichts in seinem Gesicht deutet mehr auf Entspannung hin, er will auch keinen weiteren Tee mehr. Grindel sagt, er müsse nun leider feststellen, dass Samoura in den vergangenen Wochen eine neue Rolle zugeteilt wurde.
Eine Rolle, sagt er, "die dem Geist der neuen Fifa nicht entspricht".

Kontakt


Von Rafael Buschmann und Tim Röhn

DER SPIEGEL 27/2017
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