16.07.2018

Patriarch und Pate

Mit hohen Summen aus schwarzen Kassen hat sich Helmut Kohl über Jahrzehnte die Macht in der Union gesichert. Nun erfaßt die Parteispendenaffäre um den mächtigen Altkanzler auch weitere CDU-Größen.
Fünfmal hat er feierlich, die rechte Hand zum Schwur erhoben, das staatstragende Bekenntnis abgelegt. Und Millionen Deutsche hörten mit. "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde." Der gläubige Katholik Helmut Kohl bekräftigte die Formel stets: "So wahr mir Gott helfe."
Gut ein Jahr nach Ende seiner letzten Amtszeit gestand derselbe Mann: "Eine von den üblichen Konten der Bundesschatzmeisterei praktizierte getrennte Kontenführung erschien mir vertretbar." Und dann: "Ich bedauere, wenn die Folge möglicherweise Verstöße gegen Bestimmungen des Parteiengesetzes gewesen sein sollten. Dies habe ich nicht gewollt."
Mit seiner rührseligen Entschuldigung am vergangenen Dienstag im CDU-Hauptquartier in Berlin erweckte der Altkanzler den Eindruck, als habe ein tüdeliger älterer Herr nur ein paar Kontoauszüge durcheinander gebracht. Es klang ein wenig nach Erich Mielke, der vor der Volkskammer mit seinem gestammelten "Ich liebe, ich liebe doch alle ..." um Mitleid barmte.
Die vielleicht größte Parteispendenaffäre der Nation nur ein Versehen, eine Art Kavaliersdelikt? Keinem geschadet, alles nicht gewollt? Doch die absurde Hoffnung, die beliebteste Ausrede aller Stasi-Helfer könne auch hier wirken, hielt nur kurz.
Als habe es den Fall Flick nie gegeben, hat Helmut Kohl, 16 Jahre lang Bundeskanzler und ein Vierteljahrhundert Chef der CDU, offenbar vorsätzlich und immer wieder gegen Recht, Gesetz und Verfassung verstoßen, den Amtseid gebrochen.
Im sicheren Gefühl der Unangreifbarkeit hat der majestätische Herrscher Kohl nicht nur sein eigenes Lebenswerk relativiert, sondern auch seine Partei an den Rand des politischen wie finanziellen Ruins getrieben (siehe Seite 26).
Vorbei der stete Aufwind, an den sich die CDU nach acht gewonnenen Wahlen gewöhnt hatte. Nun wenden sich die Umfragen, Gerhard Schröder tritt aus dem Schatten des Überkanzlers. Die rot-grüne Regierung, vor Monatsfrist noch abgeschrieben, zittert nicht mehr dem SPD-Parteitag in dieser Woche entgegen, die Angst vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen weicht plötzlich der Hoffnung auf eine Chance 2000. Kohl hat Schröder saniert.
Noch sind die Folgen der Affäre nicht abzuschätzen. Doch schon jetzt steht fest, dass Kohls schwarzer Dienstag von historischer Bedeutung war. Nun ist Wirklichkeit, was trotz Schröders eindrucksvollem Sieg am 27. September 1998 niemand zu denken wagte: Die Ära Kohl ist endgültig vorbei und mit ihr die Bonner Republik, in der Demokratie offenbar gelegentlich mehr gespielt als gelebt wurde.
Immer neue Fakten belegen, wie listig und jenseits der Gesetze das System Kohl über Jahrzehnte arbeitete. Im Schattenreich des ewigen Kanzlers lief es offenbar wie geschmiert. Allein 1986/87 flossen auf Geheiß Kohls innerhalb eines Jahres rund 2,75 Millionen Mark aus der schwarzen Kasse ab: je eine halbe Million für die Landesverbände Hamburg, Saarland und Niedersachsen, die CDA-Sozialpolitiker bekamen 250 000 Mark für neues Mobiliar im Schulungsheim Königswinter.
Sicher ist, dass Kohl viele seiner Extras aus dem ominösen Topf finanzierte: Die Kanzler-Illustrierte zu Silvester 1986 war ihm eine Million Mark Schwarzgeld wert. Mal bezahlte er so 700 000 Mark Porto für Briefe an die Parteimitglieder, mal beglich er so die Hubschrauberflüge zur Weihnachtssause mit seinen liebsten Mitarbeitern.
Was auf Kohls Konten, parteiintern schon "KoKo-System" getauft, inzwischen alles denkbar ist, zeigen Überlegungen der Fahnder in Augsburg und Frankfurt. Bei Aktionen gegen mutmaßliche Steuerflüchtlinge und ihre Helfer in deutschen Banken waren die Ermittler 1997 auch auf eine Stiftung von Wolfgang Röller gestoßen, damals Aufsichtsratschef der Dresdner Bank.
Das Vermögen der Liechtensteiner Stiftung namens "Gallumena" betrug Ende 1993 rund 3,4 Millionen Schweizer Franken. Er verwalte das Vermögen treuhänderisch für Dritte, behauptete Kohl-Freund Röller damals. Der Verdacht, es sei CDU-Geld, ließ sich nicht erhärten.
Die Fantasie der Fahnder wurde durch Reisekostenabrechnungen des CDU-Steuerberaters Horst Weyrauch in Sachen Schweiz neu angeregt. Gemeinsam prüfen sie derzeit die beschlagnahmten Akten nach Hinweisen auf Liechtenstein.
Noch klingt es unglaublich: Helmut Kohl eine Politik-Variante von Tennisvater Peter Graf, der einst die Antrittsgelder für seine Tochter Steffi im Plastikbeutel am Fiskus vorbei ins Ausland schleppte und dafür zwei Jahre hinter Gitter kam? Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und seine einstige Regierungspartei am Ende ganz gewöhnliche Steuerflüchtlinge?
Ob und welche strafrechtlichen Konsequenzen ernsthaft zu diskutieren sein werden, wird wohl erst die Detailprüfung des Systems ergeben. Staatsanwalt Jörg von Essen, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, glaubt nach Rücksprache mit Experten jedenfalls: "Für alle Vorstandsmitglieder, die wussten, dass die Rechenschaftsberichte unvollständig sind, ist der Tatbestand der Untreue gegeben."
Die Frage, ob wirklich nur der Parteipatriarch Kohl die Christdemokraten in diese schwierige Situation brachte, wie es der neue CDU-Chef Wolfgang Schäuble verzweifelt glauben machen will, scheint schon mit einem "Nein" beantwortet. Die Zahl der potenziellen Mitwisser des Systems Kohl steigt fast täglich. Eberhard von Brauchitsch, Hauptakteur der Flick-Affäre, will eine "neue Dimension" ausgemacht haben: Kohl habe "Generalsekretäre gehabt, die exakt wussten, dass Geld an der offiziellen Kasse vorbeigegangen ist".
Karlheinz Schreiber, der mit seiner Million im Koffer die Staatsaffäre auslöste, kann sich plötzlich an Treffen mit hohen CDU-Politikern wie Kohl, Schäuble und Schleswig-Holsteins Spitzenkandidat Volker Rühe erinnern. CSU-Chef Edmund Stoiber soll ebenfalls über Schreibers Geschäfte informiert gewesen sein.
Und auch Ex-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, fast 20 Jahre Mitwisser im System Kohl, hat nach Angaben aus Justizkreisen bei seiner Vernehmung Mitte November durch die Staatsanwaltschaft Augsburg eine Zeitbombe gezündet. Seines Wissens, hat Kiep den Fahndern erklärt, hätten auch die jeweiligen Generalsekretäre über alle von Weyrauch geführten CDU-Treuhandkonten Bescheid gewusst. Das waren während Kieps Kassiererzeit Kurt Biedenkopf, heute Ministerpräsident von Sachsen, Heiner Geißler, heute wegen seiner Forderung nach Abnabelung von Kohl der Buhmann, und Volker Rühe, der jedes Mitwissen dementiert.
Mit zunehmender Panik reagiert die Parteispitze auf immer neue Enthüllungen. Der sturmerprobte Parteichef Wolfgang Schäuble, über den von Brauchitsch sagt, er sei von Kohl schon während der Flick-Affäre in heikle Finanzaktionen eingeweiht worden, und die fassungslose Generalsekretärin Angela Merkel, die sich trotz achtjähriger Erfahrung mit KoKo eine solche Affäre nicht vorstellen konnte, leiden geradezu körperlich. Kohl dagegen gibt sich mal gewohnt aggressiv, mal verkriecht er sich wie ein waidwunder Fuchs im Bau, verlässt den ganzen Tag sein Büro nicht (siehe Seite 28).
Die Unionisten debattieren vor allem die möglichen finanziellen Folgen von Kohls Patriarchat. Im allerschlimmsten Fall, errechneten Experten, müsste die CDU 464,7 Millionen Mark zurückzahlen.
Für Schäuble sind derlei Überlegungen "ziemlich wüste Spekulationen". Bei einer hohen Rückzahlungsverpflichtung werde man "ungewöhnliche Sparmaßnahmen ergreifen müssen". "Die Partei", sagt Schäuble betont überzeugt, "wird weiter existieren."
Bei der bayerischen Schwesterpartei dagegen wird bereits diskutiert, ob die CDU womöglich den Weg der Democrazia Cristiana gehe. Die italienischen Christdemokraten verschwanden 1993 in Folge von Korruption und Vetternwirtschaft. Offiziell verkündet CSU-Generalsekretär Thomas Goppel immer noch, es sei "zu früh, um über das Ende der CDU zu spekulieren". Er räumt aber ein: "Die politische Parteienlandschaft kann sich immer ändern."
Der Fall Kohl hat schlagartig die letzten Reste von Vertrauen bei Millionen Wählern zerstört. Ausgerechnet der Erfinder der "geistig-moralischen Wende" gehört auch zu jener Riege von Mächtigen, die das Einhalten von Regeln und Gesetzen nur zelebrieren, solange jemand zuschaut. War "unser Vaterland" (Kohl) 16 Jahre lang nur eine christlich getarnte Bananenrepublik und ein Oggersheimer ihr Pate?
Täuschen sich ehemalige Mitarbeiter des Bonner Konrad-Adenauer-Hauses in ihrer Erinnerung nicht und sind gewisse Unterlagen in ihrem Besitz nicht falsch - dann gründete sich die Machtmaschine des schwarzen Kanzlers auch auf Stimmenkauf: Denn Kohls Mehrheiten auf den CDU-Parteitagen wurden ganz wesentlich mit Hilfe von Weyrauchs Anderkonten abgesichert.
Immer wieder ereigneten sich vor den Augen ranghoher CDU-Funktionäre in der Bundesgeschäftsstelle kleine Wunder. Wenn die Landesverbände die Entwürfe ihrer Haushaltspläne bei der Bundespartei einreichten, klafften häufig hässliche Löcher zwischen Einnahmen und Ausgaben. Ehe die endgültigen Etats präsentiert wurden, hatte es oft Vier-Augen-Gespräche zwischen dem Chef und den Landesvorsitzenden gegeben. Und plötzlich waren die Löcher weg.
"Wir wussten nur", so einer der Spitzenleute der Geschäftsstelle, "dass Kohl irgendwelche Quellen hatte, aus denen er immer wieder Gelder hervorzauberte." Die Empfänger ahnten es zumindest auch.
Was keiner so genau wissen wollte, wird nun überall in der Republik bekannt. Viele hingen am Tropf des Übervaters. Von welchem Konto das Geld geflossen war, erklären Profiteure wie der Bremer Vorsitzende Bernd Neumann schmallippig, das habe "nicht interessiert".
In den Rechenschaftsberichten der Bundespartei seien die Zahlungen unter "Zuschüsse an Gliederungen", bei den Landesverbänden unauffällig als Einnahmen verbucht worden. Nicht Rechtsverstöße seien das Problem gewesen, so ein führender CDU-Mann, "aber die innerparteiliche Demokratie" habe unter diesem Vorsitzenden Schaden genommen.
Bundesweit gestreuter "Bimbes", so nennt Kohl Geld, war für den Kanzler, der sich stets gebrüstet hatte, die Partei bis hinab in die Kreis- und Ortsverbände zu kennen wie kein Zweiter, eine langfristige Investition. "Ein virtuoses System zur Machtsicherung", erinnert sich ein ehemaliger CDU-Präside: "Kohl verteilte Geld gegen Informationen." So hatten interne Gegner wie Ernst Albrecht niemals eine Chance. Auch der Putschversuch von Geißler und Lothar Späth 1989 war deshalb zum Scheitern verurteilt.
Kohl, glauben vor allem die jüngeren Abgeordneten, habe "der Partei ein Danaergeschenk gemacht". Mit seiner "Ichwollte-doch-nur-meiner-Partei-dienen-Nummer" mache sich der Altkanzler zum Märtyrer und beende zugleich den Klärungsprozess. Schon bald werde sich der Druck wieder auf die Partei verlagern.
Längst ist fraglich, ob Schäuble seine Balance zwischen Distanz und Nähe zu Kohl durchstehen kann. Intern spricht er voller Zorn über seinen Vorgänger, dessen Erblasten und verlangt: "Der ganze Stall gehört ausgemistet" - um dann einzuräumen, die Sache sei nur mit und nicht gegen Kohl unter Kontrolle zu halten. Der Not gehorchend, warnte er die Fraktion: "Unsere Mitglieder würden uns verfluchen, wenn wir uns jetzt von Helmut Kohl abwenden." Der Angesprochene spürte die Reste der alten Macht sehr wohl. Teilnehmer der Präsidiumssitzung empfanden den Patriarchen wie "einen, der weiß, dass er rechtlich was falsch gemacht hat, moralisch aber nicht".
Schließlich ist auch für seine Feinde undenkbar, dass Kohl selbst von Barem profitierte. Und daraus leitet der schwarze Riese sein mangelndes Schuldbewusstsein ab. Geld war zwar das Machtmittel schlechthin, aber es diente immer dem Machterhalt der CDU und damit, so sah es Kohl, dem Wohle Deutschlands.
Also empört er sich, wann immer es geht, über den nicht erhobenen Vorwurf, ein gewöhnlicher Raffke zu sein. Den zweiten Teil der Wahrheit verschweigt er allerdings gern: Einen Kohl kann man wohl nicht kaufen. Aber Kohl kauft selbst.
Kein Parteichef akquirierte so ungeniert Spenden wie er, keiner konnte mit Geld so zynisch demütigen, motivieren und regieren. Er ließ über das CDU-Unternehmen "Dico-Soft" vor dem Bremer Parteitag 1989 diejenigen Kreis- und Landesverbände mit Computern ausstatten, auf deren Hilfe die Rebellen bauten. Die Firma geriet in Not, aber Kohl gewann die Schlacht.
Auch Abfindungen, die in ihrer Höhe den Charakter von Schweigegeldern erhielten, wurden offenbar vom KoKo-System bezahlt. Die in Ungnade gefallenen Mitarbeiter Geißlers erhielten zusammen eine halbe Million Mark, der geschasste Generalsekretär selbst soll, so wird in der CDU-Schatzmeisterei kolportiert, die gleiche Summe erhalten haben. Es sei deutlich weniger gewesen, sagt dagegen der ehemalige General.
Schon Mitte der sechziger Jahre - da war er noch Vorsitzender der Landtagsfraktion in Mainz - taucht Kohls Name in Verbindung mit Gönnern auf, die der CDU über illegale Umwege Spenden zukommen ließen. Unter seiner Regentschaft gedieh das wirtschaftlich schwache Rheinland-Pfalz zur Steueroase für Parteispender.
Nirgendwo sonst wuschen gemeinnützige Tarnorganisationen Zuwendungen so ungestört von lästigen Finanzbeamten zu quittungsgerechten Spenden. Als Kohl in einem Untersuchungsausschuss zur Praxis im Land der Rüben und Reben befragt wurde, befiel ihn jener Gedächtnisschwund, der als "Blackout" zum Synonym für unverfrorenes Täuschen wurde.
Das heimische Beziehungsgeflecht entfaltete Kohl auch jenseits der Partei. So finden sich inzwischen ungewöhnlich viele Spuren nach Liechtenstein und in die Schweiz. Nicht nur Kohl-Freund Röller von der Dresdner Bank, die auch beim mysteriösen Verkauf des DDR-Kombinats Leuna an den französischen Multi Elf mitwirkte, unterhielt dort die Stiftung Gallumena für einen, wie er behauptet, Dritten.
Kohls und Kieps williger Helfer Uwe Lüthje hatte dort bis 1992 Gelder in der Stiftung "Tenira" deponiert. Einer der Rechtsnachfolger war Lüthje-Sohn Thomas, der bei der Hauck-Bank arbeitete - jenem Institut, bei dem Weyrauch die geheimen CDU-Konten führte.
Und noch eine Gemeinsamkeit macht stutzig: Treuhänder beider Stiftungen ist die Branchengröße Herbert Batliner. Er nennt Kohl gern seinen Freund, traf ihn im Urlaub am Wolfgangsee. Die beiden setzten 1993 zwölf Flaschen "edlen deutschen Weines oder nach freier Wahl gleiches Quantum Champagner" um den EU-Beitritt Liechtensteins in diesem Jahrhundert. Kohl verlor nicht nur seine Geheimkonten, sondern auch die Wette - er muss am 2. Januar 2000 den Rebensaft abliefern.
Schäuble hält es für "ziemlich ausgeschlossen, dass Kohl selbst Konten in der Schweiz unterhalten hat". Auch die erste Durchsicht der jetzt von Weyrauch bei der Partei abgelieferten Geheimunterlagen habe "keine Hinweise ergeben, dass es Konten der CDU in der Schweiz gibt oder gab".
Doch was ist noch ausgeschlossen in dieser Affäre? Auch die neue Garde der Christdemokraten ist plötzlich von Zaudern und Zögern befallen. Wurde zunächst "rückhaltlose Aufklärung" versprochen, so werden jetzt Einschränkungen gemacht. Natürlich würden nur Vorwürfe untersucht, nicht etwa das generelle Finanzgebahren der CDU. Vor der Fraktion machte der Parteichef bereits deutlich, dass es enge Grenzen bei der Aufklärung gebe: Spenden, die nicht veröffentlichungspflichtig seien, würden auch nicht veröffentlicht.
Ungewöhnlich ist auch, was bei der CDU als "unabhängig" gilt. Wenn Schäuble und Merkel über die Wirtschaftsprüfer reden, die derzeit in einem abgeschlossenen Raum im Bonner Konrad-Adenauer-Haus die Weyrauch-Akten prüfen, gehört dieses Adjektiv zum Standardrepertoire.
Doch die Gesellschaft Ernst & Young, die Licht in die Sache mit den schwarzen Konten bringen soll, ist den Christdemokraten keineswegs fremd. Der Kölner Wirtschaftsprüfer Erwin Pougin, dessen Unterschrift bis 1997 unter allen Rechenschaftsberichten der Partei steht, leitet seit 1996 die Kölner Filiale von Ernst & Young. Dass nun ausgerechnet die Kanzlei des Mannes, der bis vor drei Jahren die CDU-Finanzen prüfte, Klarheit in Kohls System bringen soll, findet SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier "fragwürdig".
Pougin, der seit 1985 auch die Finanzen des Vatikans in Ordnung bringt, soll auf Kohls Beichte äußerst verärgert reagiert haben. Er sei bisher von der Richtigkeit der CDU-Angaben überzeugt gewesen.
Noch etwas dürfte die Unruhe der um ihre Existenz fürchtenden Christdemokraten verstärken. Kiep hat vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt, heißt es in der bayerischen Justiz, die CDU habe ihm seinerzeit in der Flick-Affäre alle Anwaltskosten ersetzt. Das habe er selbst unter vier Augen mit Kohl ausgehandelt. Nach Angaben aus der CDU waren das über eine Million Mark.
Dass er 1992 aus dem dunklen Topf mit der Schreiber-Million die verdienten Mitarbeiter Lüthje und Weyrauch honoriert habe, sei jedoch nicht mit Kohl abgesprochen gewesen. Dagegen gehe er davon aus, soll Kiep zu Protokoll gegeben haben, dass seine Nachfolgerin Brigitte Baumeister über diese Zahlungen Bescheid gewusst habe. Schließlich habe er ihr ja den Schriftwechsel mit den beiden über das Sonderhonorar hinterlassen.
Alsbald müssen sich auch andere Parteigrößen auf drängende Nachforschungen einstellen. Ein ehemaliges CDU-Präsidiumsmitglied erklärte nach den Weiterungen am vergangenen Freitag: "Die Frage, die alle bewegt, geht an Schäuble und lautet: Was hast du gewusst?". Da dies ganz sicher im Untersuchungsausschuss gefragt werde, müsse die Verwicklung des heutigen CDU-Chefs vorher in der Partei geklärt werden. Es sei nicht glaubhaft, dass Schäuble als enger Vertrauter Kohls nichts gewusst habe. Gleiches gelte für andere der wichtigsten Kohl-Helfer wie Friedrich Bohl, Rudolf Seiters und Anton Pfeifer.
Einen der letzten Kohl-Getreuen im Adenauer-Haus erwischte es bereits: Hauptabteilungsleiter Hans Terlinden wurde von Schäuble entlassen, weil seine Abteilung jahrelang von der umstrittenen Kontenwirtschaft gewußt haben soll.
Da konnte der Trost des Patriarchen nicht helfen. Die Sozialdemokraten, erklärte Kohl im kleinen Kreis den zagenden Vertrauten, würden schon nicht so giftig fragen, "die haben das doch auch gemacht".
TINA HILDEBRANDT, DIRK KOCH,WOLFGANG KRACH, FELIX KURZ, HARTMUT PALMER, HEINER SCHIMMÖLLER, BARBARA SCHMID, HAJO SCHUMACHER
[Grafiktext]
Die Helfer Sie trugen das System Kohl Eduard Ackermann Das Ohr Hielt Kontakt zu den Medien und unterrichtete Kohl täglich in der Morgenlage über die Themen des Tages. Erstattet noch heute regelmäßig Bericht. Horst Weyrauch Der Treuhänder In seiner Obhut lag das verzweigte Netz der Sonderkonten, über die Kohl verfügen konnte. Die SPD will, dass er von seiner Schweigepflicht entbunden wird und im Untersu- chungsausschuss aussagt. Hans Terlinden Der Bürokrat Arbeitete als Hauptabteilungs- leiter der Bundesgeschäftsstelle angeblich eng mit dem Büro Wey- rauch und Kapp zusammen. Soll alles über die Konten wissen, die Kohl an der Partei vorbeilaufen ließ. Uwe Lüthje Der Beschaffer Langjähriger Helfer von Schatzmeister Walther Leisler Kiep. Schirmte das System Kohl gegen unliebsame Einblicke ab. Wolfgang Schäuble Der Erbe Kanzleramtsminister, Innenminister, Fraktionschef, galt lange Zeit als einer der engsten Vertrauten Kohls, kühler Stratege, wirkte als Gegen- part zum Bauchmenschen Kohl. In den letzten Jahren litt die Männer- freundschaft, weil Schäuble Kohls Kurs für falsch hielt. Friedrich Bohl Der Hausmeier Kein Kanzleramtsminister vor und nach ihm galt als so gut informiert. Hielt sich stets diskret im Hinter- grund. Wusste vieles, verriet nichts. Michael Roik Das Faktotum Der Büroleiter schrieb immer mit, wenn in Abwesenheit des Chefs etwas besprochen wurde. Gilt noch heute als Kohls Spion. Rudolf Seiters Der Wasserträger Dienstbarer Geist in Fraktion, Kabi- nett und Partei, stets auf Korrekt- heit bedacht. Trat als Innenminister zurück wegen der Affäre um den in Bad Kleinen gestorbenen mutmass- lichen Terroristen Wolfgang Grams. Juliane Weber Die Getreue Weit mehr als nur ein Vorzimmerdrachen. Wehrte un- liebsame Besucher ab. War aber auch im Auftrag ihres Chefs in Gelddingen unterwegs, z. B. zum Flick-Konzern. Teilte mit Kohl Freud und Leid des Alltags. Anton Pfeifer Die Graue Eminenz Freund Kohls aus alten Zei- ten, hielt den Kontakt zur Bundes- tagsfraktion und zu den Ländern. Eigentlich Kohls Kultur-Beauftragter. Walther Leisler Kiep Der Sündenbock Nutzte seine guten Kontakte zur Finanzwelt zum Spendensammeln, hielt im Parteispendenprozess für die CDU den Kopf hin.
[GrafiktextEnde]
Von Tina Hildebrandt, Dirk Koch, Wolfgang Krach, Felix Kurz, Hartmut Palmer, Heiner Schimmöller, Barbara Schmid und Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 49/1999
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