06.12.1999

SPEKTAKELDie faselnden Fünf

Mit einem „Sittenbild“ ihrer Generation wollen fünf junge Autoren brillieren - doch ihr Werk „Tristesse Royale“ kündet nur von Arroganz und Überdruss.
Der Abend wurde mit einer wichtigen Mitteilung eröffnet: Die fünf Ledersessel, die wie eine Couch-Potato-Phalanx auf der Bühne der "Bar jeder Vernunft" in Berlin-Wilmersdorf paradierten, seien "von dem Ristorante Treviso, Prenzlauer Berg, zur Verfügung gestellt" worden. Es wäre auch unerträglich gewesen, nicht zu wissen, woher die edlen Fauteuils stammten, oder gar mit der Angst allein gelassen zu werden, bei den raumfüllenden Sitzgelegenheiten handle es sich womöglich um billige No-Name-Möbel aus irgendeinem Theaterfundus.
Das Wilmersdorfer Varieté-Zelt, ein illustrer Tempel der Berliner Kulturszene, in dem schon die "Drei alten Schachteln" Evelyn Künneke, Brigitte Mira und Helen Vita gastierten, ist zum Bersten gefüllt. Prominenz hat sich eingefunden: der Starfriseur Udo Walz, Literatursalonlöwe Nicolaus Sombart und Christina Rau, die Frau des Bundespräsidenten. Jede Menge Journalisten, Fotografen, Kameras, Mikrofone lauern auf das Millennium-Ereignis.
Mit kalkulierter Verspätung kommen sie, einer nach dem anderen: fünf Jungautoren zwischen 24 und 33, die sich das "popkulturelle Quintett" nennen. Bis auf Christian Kracht, der im kambodschakompatiblen Polohemd und, wie stets, gut gebräunt auftritt, laufen alle Popkulturalisten sehr korrekt ein: in feinem Zwirn, einer sogar im Tom-Wolfe-Kostüm, weiß bis in die Kragenspitzen.
Derart gerüstet treten sie an, sich und dem Publikum die Welt zu erklären, ein "Sittenbild" ihrer Generation zu malen, ja ein "Manifest" zu entwerfen und dabei der Gesellschaft gleich noch die Ironie auszutreiben: "Irony is over. Bye Bye." Wir spüren es schon: Bonjour Tristesse. You're welcome. Da jauchzten die weiblichen Boy-Groupies in der ersten Reihe. Ein Hauch von Backstreet Boys lag in der Luft.
Früher, als es die "Seitentaschenhosen von Carrhart" (Christian Kracht), den "Neville-Brody-Look" (Joachim Bessing), "die Unbeachtetheit wie im Falle Prince" (Eckhart Nickel), "S'Oliver" (Alexander von Schönburg) und die "Durchsichtigkeit von Anzügen" (Benjamin von Stuckrad-Barre) noch nicht gab, fuhren fünf junge Männer, die soeben dem Clearasil-Alter entsprungen waren, im VW-Bus an die Côte d'Azur, besorgten sich Baguette, Käse, Rotwein, nahmen - "Nous venons d'Osnabrück. Et vous?" - Kontakt zu netten Französinnen auf und hatten einfach Spaß.
Heute schließen sie sich drei Tage in einer Suite des Berliner Luxushotels Adlon ein, trinken Champagner und schwadronieren so lange vor sich hin, bis das Ergebnis der einsamen Männer-Session fertig ist: "Tristesse Royale" heißt die 200-seitige Drucksache (im Ullstein-Verlag erschienen und bereits 8000-mal verkauft), eine remixte, oder soll man sagen: "re-modelte" Papierfassung des Dauergesprächs, das die fünf Konfidenten, allesamt verliebte Eckermännchen ihrer selbst, an diesem tristen Novemberabend noch einmal, Gott sei Dank nur zu Teilen, vom Blatt ablesen. Ganz brav mit verteilten Rollen, wie einst im Deutschunterricht.
Leider lesen sie auch genauso schlecht wie damals in der Schule, als der Lehrer immer wieder unterbrechen musste: "Alexander, mehr Betonung, mehr Leidenschaft!"
Die nachinszenierten, von unsagbarem Dünkel durchtränkten Null-Dialoge aber böten nicht einmal den besten Schauspielern der Welt die Chance, hier irgendetwas mit Leben oder Charakter zu erfüllen. Die Poseure der ästhetischen Distinktion, die stolzen Sakkoträger von Welt und Stil verwandeln sich in der Bar jeder Vernunft unversehens in eine Laienspielgruppe, die eben noch im Hobbykeller geübt hat.
Beispielhaft ein Wortwechsel wie dieser: Bessing: "Wer hat eigentlich dieses Re-Design der Scorpions gemacht?" Kracht: "Ich vermute, es war Jim Rakete." Bessing: "Es besteht im Groben aus Sonnenbrillen von Oakley und groß gemusterten Gucci-Op-Art-Hemden." Kracht: "Eigentlich eine Appropriation dieser gottlosen Irengruppe U2 zur Ära Zooropa." Nickel: "Die Platte zur Tournee hieß ,Achtung Baby', mit einem Mauerfalter auf dem Cover." Bessing: "Damals gerade vom Image der Schmuddelchristen befreit und auch vom Image der mit BB-King-Musizierenden, waren sie dann auf einmal Medienphilosophen, aber auch deutlich vom so genannten Trip-Hop beeinflusst. Genau dasselbe ist nun also bei den Scorpions passiert, lediglich ein paar Jahre später." Kracht: "Wie ist denn die Musik der Scorpions jetzt?"
Das Gewicht der Welt verdunstet im angestrengten Insider-Jargon, und übrig bleibt die pure Oberfläche der Warenwelt. Die vermeintliche Distanz zu ihr soll gleichsam aristokratisch entstehen, so dass sie gar nicht mehr gesucht, sondern nur noch prätentiös inszeniert werden muss.
Was dabei als snobistische Lebenshaltung, als zitierter Boheme-Stil oder elitäres Urteilsvermögen vorgeführt werden soll, ist nichts weiter als ein verschwitztes Neo-Junkertum in kurzen Hosen, ein lächerlicher, geckenhafter Dezisionismus, dessen Sprecher noch nicht einmal in der Lage sind, frei vor Publikum zu reden - von Diskussion, Kritik und Ähnlichem ganz zu schweigen.
Das Überlebensmotto dieser Nachwuchs-Phlegmatiker lautet (am besten vom Sessel aus zu sprechen): Ich bin ich, also bin ich gut - bin ich gut!
Es ist kein Wunder, dass diese penetrant grundlose Selbstgewissheit keine Ironie verträgt. Humorlosigkeit und Langeweile sind die verdammungswürdigen Geschwister der "Tristesse Royale", deren Propagandisten unter einem kloßartigen, letztlich ihrer selbst überdrüssigen Selbstbewusstsein leiden, an dem die Aufklärung, frei nach Peter Sloterdijk, immer schon abgeprallt ist.
Der verzweifelte Kampf der faselnden Fünf um die Anerkennung ihres kostbaren Mindestabstands zum Rest der Welt voller Prolls und "Wurstgesichter" endete jüngst schon tragisch im Schoße der verachteten Konsumentenmasse: auf einer mehrseitigen Farbanzeige von Peek & Cloppenburg - wie überhaupt das Setting des Abends mit seinen gesampelten Gesprächseinheiten an eine H&M-Variante des Stefan-George-Kreises denken ließ.
Aus all diesem Unglück könnte am Ende freilich immer noch so etwas wie Literatur entstehen. Aber dazu wären Schriftsteller nötig, nicht parfümierte Popschnösel, die sich der Vergreisung nähern, bevor sie überhaupt jemals jung waren.
Unfreiwillig erinnerte dieses hochnotpeinliche Quintett an verschworene Tischgemeinschaften in Altersheimen, deren Gespräche sich schon am frühen Morgen um die Frage drehen, wie die Verdauung war und was es am Abend zu essen geben wird - gefüllte Paprikaschoten, kalte Frikadellen oder Sülze in Aspik.
Ein Großteil des Publikums wollte dabei nicht länger zuschauen und verließ vorzeitig den Anstaltsraum. Selbst junge Menschen Mitte zwanzig hatten zuvor, dem Treiben ungläubig und sprachlos folgend, immer wieder die Hände vor den Kopf geschlagen. "Grausam", murmelte vernehmlich die Frau des Bundespräsidenten beim Hinausgehen.
Hieß es noch in den achtziger Jahren "anything goes", so muss es wohl heute lauten: "It's all over now." So ergeht es einer Generation, die in Frieden und Überfluss vegetiert, Kriege nur noch aus der "Tagesschau" kennt und dankbar ist für jeden Amokläufer, der ein wenig Abwechslung in die Diskussion um den Ladenschluss und das "Gucci-Re-Modeling" bringt.
Kriminalitätsforscher sagen: Die meisten Verbrechen passieren heute nicht aus Leidenschaft, sondern aus Langeweile.
Jetzt wissen wir: Das gilt auch für literarische Vergehen. HENRYK M. BRODER, REINHARD MOHR
Von Henryk M. Broder und Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 49/1999
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