08.07.2017

GedenkenKohls Aquarium

Der Bundestag könnte sofort die Gründung einer Kanzler-Helmut-Kohl-Stiftung beschließen. Scheitert das Vorhaben am Zwist der Erben?
Die Taschenkalender mit dem schwarzen Ledereinband und den handschriftlichen Einträgen Helmut Kohls über seine Treffen und Telefonate – das wär's.
Auch die Reiseschreibmaschine, auf der Kohls erste Gattin Hannelore 1989 das Zehn-Punkte-Programm tippte, das die deutsche Einheit beförderte. Und natürlich der Ordner mit dem Titel "BK Persönlich, St 1982–1986". "BK" steht für Bundeskanzler, der Ordner enthält Briefe, die sich Kohl und sein CSU-Rivale Franz Josef Strauß schickten. Alles ideale Exponate für eine große Ausstellung, die Helmut Kohls Leben und Wirken würdigt.
Doch noch liegen oder stehen Kalender, Schreibmaschine und Strauß-Briefe in Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim. Und wie es aussieht, wird sich daran so bald nichts ändern.
Dabei haben SPD und CDU/ CSU im vergangenen Jahr verabredet, den Altkanzler nach seinem Ableben mit einer Politikergedenkstiftung des Bundes zu ehren. Das ist eine Anerkennung, die bislang nur sechs Granden der deutschen Geschichte zuteilwurde. Es gibt dann Geld für Forschung und insbesondere eine Ausstellung.
An Republikgründer Konrad Adenauer erinnert eine Schau in Rhöndorf nahe Bonn, an Friedensnobelpreisträger Willy Brandt das nach ihm benannte "Forum" in Berlin, Unter den Linden. Mehr als 100 000 Besucher strömen jährlich dorthin. Kohl dürfte auf ähnliches Interesse stoßen.
Allerdings müssten die Kohl-Erben, die Bundesregierung, der Bundestag und die CDU Fragen klären, die schon unter normalen Umständen Fingerspitzengefühl erfordern: Wer soll bei einer Kohl-Stiftung mitmachen? Wo soll sie sitzen? Und was soll eine Ausstellung zeigen?
Doch bei Helmut Kohl ist nichts normal. Die Verwerfungen zwischen seinen Söhnen aus erster Ehe und seiner Witwe Maike Kohl-Richter sind groß. Tief ist zudem der Spalt, der in der Union Kohl-Getreue von Abgefallenen trennt. Man könne von Glück reden, wenn es überhaupt irgendwann zu einer Kohl-Stiftung samt Ausstellung komme, sagt ein Insider.
Al s größter Unsicherheitsfaktor gilt Kohls zweite Gattin. Noch zu Lebzeiten des Altkanzlers haben Abgesandte des Kanzleramts, CDU-Leute und Museumsexperten sondiert, wie sie einer solchen Stiftung gegenübersteht. Die Beschreibungen gleichen einander: Kohl-Richter gilt als misstrauisch, sprunghaft, detailverliebt. Gespräche dauerten ewig und führten zu nichts. Neulich warnte eine Mitarbeiterin ihren Chef, er solle den Anruf von Kohl-Richter nicht annehmen – er habe schließlich in einer halben Stunde einen Termin.
Bei den Stiftungen für Brandt, Adenauer und Helmut Schmidt sitzen ein oder zwei Mitglieder der Familie im Kuratorium, ihre Wünsche haben Gewicht. Aber wie soll das laufen, wenn Kohl-Richter und die Söhne derart verfeindet sind? Sie konnten sich nicht einmal über die Trauerfeierlichkeiten für Kohl einigen.
Es dürfte auch nicht so einfach sein, einen Kuratoriumsvorsitzenden zu finden, der eine Kohl-Stiftung durch alle Untiefen steuern kann. Das ist üblicherweise eine Aufgabe für ehemalige Bundespolitiker wie Wolfgang Thierse (bei Brandt) oder einen früheren Ministerpräsidenten wie Jürgen Rüttgers (bei Adenauer). Viele Weggefährten Kohls sind jedoch verstorben oder haben sich noch zu Lebzeiten des Altkanzlers dessen Zorn zugezogen.
Sogar die Auswahl des Ortes für eine Kohl-Ausstellung gestaltet sich schwierig. Oggersheim zählt nicht zu den Hotspots des Fremdenverkehrs, zentraler liegt das ehemalige Kanzleramt in Bonn, heute Sitz des Entwicklungsministeriums. Kohl regierte von dort aus während seiner Kanzlerschaft. Allerdings wurde das einstige Kanzlerbüro gerade erst mit Schreibtisch, Sitzgarnitur und Schnupftabakdose von Vorgänger Schmidt ausgestattet. Für Kohl bliebe nur das sogenannte Händeschüttel-Zimmer nebenan, in dem er seinerzeit Besucher begrüßte.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters, zugleich Vorsitzende des CDU-Landesverbands in der Hauptstadt, möchte den Einheitskanzler am liebsten in Berlin ehren. Sie hat bereits ein Bürogebäude Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße ins Auge gefasst. Von den Touristenströmen würde man dort profitieren, allerdings ist der Ort ahistorisch. In dem Gebäude residierte einst das DDR-Volksbildungsministerium.
Immerhin ist die Finanzfrage geklärt. Als der Bundestag vor Kurzem die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung beschloss und die Sozialdemokraten für Schmidt mehr Geld verlangten, als die Brandt- und die Adenauer-Stiftung bekamen, einigten sich SPD und CDU/CSU, die Zuschüsse für alle drei Bundeskanzler-Stiftungen auf 2,57 Millionen Euro jährlich anzuheben, bis zu zwei Drittel mehr als zuvor. Diese Summe stünde auch für Kohl zur Verfügung.
Grütters ist zuständig für Politikergedenkstiftungen. Um den Fall Kohl hat sie einen Bogen gemacht. Sich vorwerfen lassen, das Kohl-Erbe nicht ausreichend zu pflegen, muss sie trotzdem nicht. Ihr untersteht das "Haus der Geschichte" in Bonn mit einer kleinen, aber feinen Sammlung von Exponaten. Etwa dem "Kaukasus-Gestühl", einem Geschenk der Russen. Kohl, Sowjetunion-Chef Michail Gorbatschow und Außenminister Hans-Dietrich Genscher nahmen darauf 1990 Platz, um sich fotografieren zu lassen, nachdem Gorbatschow der Einheit zugestimmt hatte. Oder dem Mobiltelefon von 1988, mitgeführt von Kohls Begleitern in einem Koffer, damit der Regierungschef immer erreichbar war. Es erinnert an den Regierungsstil des Vieltelefonierers.
N euester Coup der Bonner Museumsleute: Kohls Aquarium, von Kritikern einst als Symbol des Provinzialismus des Kanzlers verspottet. Lange hielt sich das Gerücht, Kohl habe es einem Mitarbeiter geschenkt, dem es zerbrochen sei. Doch voriges Jahr meldete sich eine Dame aus Norddeutschland. Der Fischbehälter sei bei ihr gelandet. Er ist noch intakt.
Vielleicht steht er eines Tages in einer Ausstellung einer Helmut-Kohl-Stiftung.

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Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 28/2017
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