08.07.2017

LeitkulturWestreise

Alexander Osang lernt den anderen Teil Deutschlands kennen.
Voriges Wochenende war Helmut Kohl zum letzten Mal in Ludwigshafen, ich zum ersten Mal. Die Straßen waren leer, Ludwigshafen erinnerte an eine Geisterstadt, ich fühlte mich wie Will Smith in "I Am Legend", und ich hatte nicht mal einen Hund dabei.
Es war Samstagnachmittag, es nieselte ein wenig. Hier und da stand eine Polizeistreife.
Ist Helmut Kohl schon durch?, fragte ich ein Polizistenpaar, das an einer Kreuzung in der Innenstadt wartete, wo der Trauerzug vorbeifahren sollte.
Er kommt in 15 Minuten, sagte der Polizist.
Warum ist denn niemand hier?, fragte ich.
Da muss sich jeder seinen eigenen Reim drauf machen, sagte der Polizist und grinste. Sein Kollege grinste ebenfalls und verlagerte dabei sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Kohl-Witz.
Ich lief weiter in Richtung Zentrum, vorbei an Fassaden, vor denen man osteuropäische Agentenfilme aus den Sechzigerjahren hätte drehen können. Die meisten Geschäfte hatten zugemacht oder waren dabei. Es gab einen Laden, der Autofelle verkaufte, "Autofelle Schäfer". Gegenüber stand ein einzelner Mann in heller Bundjacke, der auf den Altkanzler wartete. Das war Klaus Schüle, 61 Jahre alt, Bauarbeiter, geboren und aufgewachsen in Ludwigshafen. Er sehe Kohl "so und so", sagte er mir. Was er für die Einheit getan habe, müsse man anerkennen. Klaus Schüle war nur einmal im Osten, in den Achtzigern, bei der Verwandtschaft seiner Exfrau in Eberswalde. Es sah da aus wie nach dem Krieg, sagte er.
Ich schaute auf die niederschmetternden Fassaden auf der anderen Straßenseite. Neben "Autofelle Schäfer" gab es "Demmer: Freie Waffen, Messer, Selbstschutz".
Ich hätte Klaus Schüle sagen können, dass mein verstorbener Kater aus Eberswalde kam, aber das erschien mir unangemessen. Im Hintergrund leuchteten bereits die Scheinwerfer der Motorräder, die Kohls Sarg eskortierten. Es ging sehr schnell. Ein paar schwarze Autos, die zu sehr glänzten für die Umgebung, im ersten der große Kanzler-sarg, eingehüllt in eine deutsche Flagge. Die Kolonne raste regelrecht durch die verlassene Stadt, als wollte sie es schnell hinter sich bringen. Mir tat Helmut Kohl plötzlich leid. Er war so oft für seine blühenden Landschaften verspottet worden, die er dem Osten versprochen hatte. Verglichen mit dem Zentrum von Ludwigshafen wirkte jeder Pissbahnhof in Vorpommern, jede Autobahntankstelle in Sachsen-Anhalt wie ein blühender Zukunftsort.
Kohl hat die Kraft für den Osten aus seiner Heimat gesaugt, wie es aussah.
Ich habe Helmut Kohl nie gemocht. Kurz nach der Wende hatte ich den Plan, ihn mit einem Tyrannenmord aus dem Weg zu räumen. Ich habe das schnell verworfen, auch weil es mir mein Vater nie verziehen hätte. Mein Vater hat 1990 Helmut Kohl gewählt und bis zum Schluss behauptet: Kohl ist mein Freund. Wir haben uns beide gewünscht, dass die Mauer fällt, hatten aber unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es danach weitergehen sollte. Ich ahnte das bereits im Juni 1976, als ich, ein Ostberliner Junge, jubelnd von unserer Wohnzimmercouch sprang, weil Panenka gerade seinen tollen Elfmeter ins westdeutsche Tor gehoben hatte. Mein Vater blieb sitzen. Geschlagen. Er schraubte an die Tür unseres brandenburgischen Wochenendhauses das Kennzeichen D. Er ließ mich taufen und freute sich, als ich Messdiener wurde wie er. Als ich ihm sagte, dass ich Journalist werden wollte, erklärte er: Es gibt keinen Journalismus in diesem Land. Ich habe nicht auf ihn gehört, obwohl ich wusste, dass er recht hatte.
Ungerechterweise war ich dann besser für die neuen Zeiten gerüstet als mein Vater.
Kurz nachdem er zum ersten Mal Helmut Kohl gewählt hatte, verlor er seine Arbeit, wenig später meldete sich die zwischenzeitlich verschollene westdeutsche Verwandtschaft, um sein Elternhaus zu verscherbeln. Mein Vater hat das nie Helmut Kohl angekreidet. Er war ihm dankbar. Er kaufte sich einen Golf, den er in regelmäßigen Abständen durch einen neuen Golf ersetzte. Er zog von Prenzlauer Berg nach Steglitz. Er reiste mit meiner Mutter in die Länder, von denen sie immer nur geträumt hatten. Kanada, Island, Irland, USA.
Ich folgte Helmut Kohls Sarg nach Speyer, wo er begraben werden sollte. Ich stand im Nieselregen zwischen ein paar Unverzagten im Domgarten, während drinnen ein Kardinal, zwei Bischöfe mit Kohls Witwe, Kohls Nachfolgerin, Bill Clinton, Norbert Blüm, Kai Diekmann sowie weiteren Gästen aus verschiedenen Bereichen ein Requiem feierten. Der Regen floss mir über die Brille. Vorn auf einer Videowand lief die Übertragung des SWR, und ich dachte mehrfach daran, mir den Rest der Totenmesse auf meinem Hotelzimmer anzuschauen, blieb aber. Der Ministrant in mir, der Mantel der Geschichte, mein Vater. Ich konnte hier nicht weg.
Später aß ich im Restaurant Zum Anker den ersten Saumagen meines Lebens. Er wurde auf einer Tafel als "Helmuts Leibgericht" angepriesen. Er lag mir schwer im Bauch, weshalb ich noch ein wenig durchs nächtliche Speyer spazierte. Geduckte Häuser, Dunkelheit, seltsame Gaststätten, eine hieß Café Hindenburg. Vorm Dom räumten sie die Absperrungen ein, der Kanzler lag in der Erde, ich lief unter vielen nassen deutschen Flaggen mit Trauerflor zurück in mein Hotel, vor dem als Attraktion ein Jumbojet der Lufthansa herumstand. Ich kann nicht sagen, dass ich Helmut Kohl und sein untergegangenes Reich verstanden habe. Aber ich war zumindest endlich mal da, dachte ich, als ich in meinem Sechzigerjahre-Speyrer-Hotelzimmer das Licht löschte.
In der Nacht starb dann mein Vater.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 28/2017
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