13.12.1999

Ist Jesus dem Glauben im Weg?

Der evangelische Neutestamentler Andreas Lindemann über die Widersprüche zwischen Jesus-Forschung und kirchlichen Lehren
SPIEGEL: Herr Professor Lindemann, Rudolf Augstein hat sein Buch "Jesus Menschensohn" jetzt neu bearbeitet und darin folgenden Kernsatz formuliert*: "Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des so genannten christlichen Abendlandes bestimmt." Stimmen Sie dem zu?
Lindemann: Ich würde es nicht so apodiktisch formulieren, aber im Prinzip kann ich diesem Satz zustimmen, wenn auch nicht den Konsequenzen, die Augstein in seinem Buch daraus zieht.
SPIEGEL: Augstein wirft Ihnen, Herr Lindemann, Schizophrenie vor. Als kritischer Exeget stellen Sie in Ihren Büchern und Aufsätzen Widersprüche zwischen dem Menschen Jesus und dem Christentum fest; als Theologe erklären Sie, es sei "letztlich ohne Bedeutung", ob sich das Christentum "in Anknüpfung oder im Widerspruch zu Jesus" entwickelte.
Lindemann: Aus Augsteins Sicht mag das schizophren scheinen, ich sehe es nicht so. Wir Christen glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus. In einer Predigt würde ich sagen: Wir glauben an Gottes Handeln an Jesus, der dadurch zum Christus wurde.
SPIEGEL: Wenn sich nahezu alles, was über Jesus in der Bibel steht, als unhistorisch erwiese, könnte es Ihren Glauben erschüttern?
Lindemann: Nicht im geringsten. Zugespitzt formuliert ist es sogar umgekehrt, wie gemeinhin angenommen wird. In der historischen Erforschung des Neuen Testaments kann es immer nur Wahrscheinlichkeiten, nichts völlig Sicheres geben, und man muss immer mit neuen Erkenntnissen rechnen, die ein Umdenken erfordern. Für den Glauben gilt dies nicht. Und vor allem kann ich ihn nicht davon abhängig machen, was wir historisch forschenden Theologen jeweils feststellen.
SPIEGEL: Gehen Sie so weit wie Heinz Zahrnt, der Autor mehrerer Jesus-Bücher, der auch Christ bleiben würde, wenn man "den Nachweis brächte, dass Jesus von Nazaret nicht gelebt hätte"?
Lindemann: Nein, keinesfalls. Dass Jesus gelebt hat, daran gibt es keinen begründeten Zweifel.
SPIEGEL: Augstein führt in seinem Buch die Argumente an, die gegen eine Existenz Jesu sprechen.
Lindemann: Die Argumente sind aber schwach, und nach meinem Eindruck macht er sie sich auch nicht zu Eigen. Hätte Jesus nicht gelebt, wäre der christliche Glaube ein Mythos.
SPIEGEL: Ist nicht die Kunstfigur Christus, die es nur in der Bibel und im Glauben der Christen gibt, ohnehin ein Mythos, selbst wenn dieser Mythos einen Bezugspunkt zu einem Menschen namens Jesus hat?
Lindemann: Ich würde nicht von einem Mythos sprechen, denn der Mensch Jesus oder, wie wir Exegeten sagen, der "historische Jesus" ist mehr als ein Bezugspunkt.
SPIEGEL: Papst Johannes Paul II. und seine Hoftheologen ignorieren fast immer, was die Jesus-Forschung in den 250 Jahren seit der Aufklärung erbracht hat. In einer "Handreichung" des Vatikans zum so genannten Heiligen Jahr 2000 wird behauptet, "dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt".
Lindemann: Das wird seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet.
SPIEGEL: "Kein Augen- oder Ohrenzeuge spricht noch direkt zu uns." Das schreibt der Heidelberger Exeget Christoph Burchard über die Autoren des Neuen Testaments. Also haben weder, wie jahrhundertelang behauptet wurde, der Apostel Matthäus noch der Apostel Johannes ein Evangelium geschrieben, auch waren die Evangelisten Markus und Lukas keine Begleiter von Aposteln. Stimmen die Exegeten darin überein?
Lindemann: Ich denke schon. Es gibt natürlich immer Ausnahmen.
SPIEGEL: Der Papst hält an den beiden Aposteln als Autoren fest, und er verkündet, die Evangelien seien zwar Glaubensschriften, aber "als historische Zeugnisse nicht weniger zuverlässig".
Lindemann: Ich kenne jedenfalls im deutschsprachigen Raum keinen Exegeten, auch keinen katholischen, der sich so äußert.
SPIEGEL: Belassen wir es bei diesen Proben römischer Ignoranz. Weihnachten läuft im Ersten Deutschen Fernsehen drei Stunden lang ein zweiteiliger Jesus-Film, in dem vieles so dargestellt wird, als habe es sich wirklich ereignet. Stört Sie der Aberglaube an die Buchstaben der Bibel, wie er im Vatikan verbreitet und auf dem Bildschirm vorgeführt wird?
Lindemann: Ich würde nicht gerade von Aberglauben sprechen. Es ist jedoch ein Missverständnis der biblischen Texte, wenn sie als Tatsachenberichte aufgefasst werden. Trotzdem kann und muss man sogar danach forschen, was insbesondere in den Evangelien historisch zuverlässig ist.
SPIEGEL: Genau das wollen wir jetzt. Wir möchten mit Ihnen einige zentrale Bibelberichte über Jesus falsifizieren oder verifizieren.
Lindemann: Wir können das gern tun, aber vorab möchte ich sagen, was mir an diesem Vorgehen missfällt, wie es mir auch an Augsteins Buch missfällt. Er begnügt sich durchgängig damit, festzustellen, was nicht stimmt, was sich nicht ereignet hat.
SPIEGEL: Erwarten Sie mehr von jemandem, der wissen will, was geschehen ist?
Lindemann: Eigentlich schon. Es ist einerseits eindrucksvoll, in welchem Umfang Augstein die neuere exegetische Literatur heranzieht ...
SPIEGEL: Deshalb brauchten wir nach Zitaten von Theologen nicht zu suchen. Wir fanden alle, die wir für dieses Gespräch brauchten, in Augsteins Buch.
Lindemann: ... aber es ist andererseits bedauerlich, dass er es sozusagen atomistisch tut. Wenn es ihm wichtig ist, zitiert er zu einem Thema drei, vier Exegeten und greift dabei aus ihren Büchern nur die ihm passend erscheinenden Zitate heraus.
SPIEGEL: Was hätte er sonst tun sollen?
Lindemann: Er wird den Autoren, die er zitiert, oft nicht gerecht, die sich ja nicht so punktuell geäußert haben, und er macht dadurch sein Buch insgesamt doch recht einseitig.
SPIEGEL: Das Positive, das Sie vermissen, liefern einige Theologen im Übermaß. Ihr Kollege Traugott Holtz gehört nicht zu ihnen. Hat er Recht, wenn er in seinem dieses Jahr erschienenen Jesus-Buch schreibt: "Über die Zeit bis zu Jesu erstem öffentlichen Auftreten wissen wir gar nichts."
Lindemann: Holtz hat völlig Recht. Hinzu kommt: Ob Jesus mit 30 Jahren öffentlich auftrat, weiß man nicht. Das steht nur im Lukas-Evangelium. Und auch über die Dauer seines Wirkens - ob ein, zwei oder drei Jahre - können wir nichts sagen.
SPIEGEL: Vielen ist noch immer unbekannt, dass Jesus weder im Jahre null oder eins noch in der Heiligen Nacht, noch in Bethlehem geboren ist, und viele halten die Legenden vom Kindermord des Herodes in Bethlehem und von der Flucht der so genannten Heiligen Familie nach Ägypten noch immer für Tatsachenberichte.
Lindemann: Unterschätzen Sie nicht die Allgemeinbildung der Deutschen?
SPIEGEL: Bei einer Umfrage für den SPIEGEL erklärten in diesem Jahr 77 Prozent der Befragten, Bethlehem sei der Geburtsort Jesu - weil sie es nicht besser wissen.
Lindemann: Das Geburtsjahr kennt man in der Tat nicht; die Angaben in den Evangelien sind vage und widersprechen sich. Die Vermutungen reichen von 7 vor Christus bis 6 nach Christus. Der 25. Dezember war ursprünglich der Geburtstag des römischen Sonnengottes. Und Bethlehem wird wahrscheinlich nicht der Geburtsort
gewesen sein. Bethlehem wird vermutlich nur deshalb genannt, weil es die Stadt Davids war und dort laut Altem Testament der Messias geboren werden sollte.
SPIEGEL: Ist Jesus in Nazaret geboren?
Lindemann: Das vermute ich und mit mir viele andere.
SPIEGEL: Dass die Jungfrauengeburt nicht historisch ist, ist feste protestantische Überzeugung. Wie äußern sich dazu heutzutage die katholischen Exegeten?
Lindemann: Nach meinem Eindruck halten nur wenige katholische Neutestamentler daran noch fest. Aber auch die anderen katholischen Kollegen tun sich hier schwer, denn es geht offenbar um ein zentrales Dogma ihrer Kirche. Deshalb breiten sie zwar alle Argumente aus, meiden aber ein klares Ja oder Nein, und einige schweigen sich in ihren populären Büchern zu diesem Thema aus. So gehen sie einem Konflikt mit Rom aus dem Wege und brauchen sich doch nicht wider besseres Wissen zu äußern.
SPIEGEL: Ist es für Sie ein Problem, einerseits überzeugt zu sein, dass es keine Jungfrauengeburt gegeben hat, und andererseits das Glaubensbekenntnis zu sprechen: "Geboren von der Jungfrau Maria"?
Lindemann: Nein, überhaupt nicht. Glauben, das kann ich auch als kritischer Exeget tun, weil Matthäus und Lukas erzählend die Glaubensüberzeugungen vermitteln, dass Jesus in noch ganz anderer Weise als vor ihm Johannes der Täufer mit dem Heiligen Geist und mit Gott verbunden ist.
SPIEGEL: Hielt sich Jesus für Gottes Sohn?
Lindemann: Nein.
SPIEGEL: Trotzdem schreibt Walter Kasper, bis vor kurzem Bischof von Rottenburg-Stuttgart und neuerdings im Vatikan, in seinem Jesus-Buch, dass "mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes der christliche Glaube steht und fällt"*. Noch strikter heißt es im römisch-katholischen "Weltkatechismus": "Um Christ zu sein, muss man glauben, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist." Warum müssen die Christen glauben, was Jesus selbst nicht glaubte.
Lindemann: Einem evangelischen Theologen fällt es immer schwer zu fordern, dass man etwas glauben "muss". Aber in der Sache gebe ich Kasper und sogar dem "Weltkatechismus" Recht. Es geht nicht darum, ob Jesus der Sohn Gottes war, sondern um das Bekenntnis, dass er der Sohn Gottes ist.
SPIEGEL: Christ wird man durch die Taufe. Hat Jesus getauft?
Lindemann: Nein.
SPIEGEL: Hat er von seinen Anhängern verlangt zu taufen?
Lindemann: Der historische Jesus hat es nicht verlangt, das wird im Neuen Testament auch nicht behauptet. Der Missions- und Taufbefehl ...
SPIEGEL: "Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, taufet sie ...", Matthäus Kapitel 28, Vers 19.
Lindemann: ... ist erst durch den Auferstandenen ergangen.
SPIEGEL: Wie sollen Christen sich das vorstellen: dass der auferstandene Jesus diesen Auftrag auf wunderbare Weise aus dem Jenseits erteilt hat oder dass die Urchristen ihm dies in den Mund gelegt haben?
Lindemann: Letzteres. Der Evangelist Matthäus hat den Taufbefehl formuliert, um die von der urchristlichen Gemeinde von Anfang an geübte Taufpraxis zu legitimieren.
SPIEGEL: Hat sich Jesus in der Erwartung geirrt, das Weltende und das Reich Gottes seien nahe? Es gibt Jesus-Worte, die dies vermuten lassen, das bekannteste findet sich im Markus-Evangelium Kapitel 9, Vers 1: "Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes mit Macht gekommen ist."
Lindemann: Viele Exegeten lösen das Problem, indem sie Jesus diese Aussage absprechen. Dafür gibt es auch gute Argumente. Andererseits halte ich es für unwahrscheinlich, dass der Evangelist Markus dieses Wort Jesus in den Mund gelegt hat. Es hatte sich ja schon zu Markus'' Lebzeiten als Irrtum erwiesen. Einer von beiden hat sich jedenfalls geirrt, Jesus oder Markus. Im Grunde ist das egal.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu leicht? Der katholische Bischof Kasper jedenfalls nimmt dieses Problem ernster, vielleicht weil zu einem unfehlbaren Papst ein irrender Christus schlecht passt. Zitat Kasper: "Hat sich Jesus etwa in dieser seiner Naherwartung getäuscht? Wäre dies der Fall, dann hätte dies weit reichende Konsequenzen nicht nur für den Vollmachtsanspruch seiner Person, sondern für den Wahrheits- und Gültigkeitsanspruch seiner ganzen Botschaft."
Lindemann: An diesem Anspruch ändert der Irrtum in der Terminfrage nichts.
SPIEGEL: Laut Bibel hat Jesus Tote auferweckt, einen Sturm gestillt, ist über Wasser gegangen, hat fünftausend mit fünf
Broten und zwei Fischen gesättigt, Wasser in Wein verwandelt. War Jesus zu solchen Wundern, also zu Taten fähig, die vor oder nach ihm kein Mensch vollbracht hat?
Lindemann: Ich halte es für ausgeschlossen, dass Jesus die von Ihnen genannten Wunder getan hat. Solche Erzählungen gab es damals auch über andere große Männer. Für historisch halte ich, dass Jesus Kranke geheilt und, nach dem Sprachgebrauch der Bibel, "Dämonen ausgetrieben" hat.
SPIEGEL: Hielt sich Jesus für den Messias, den viele Juden damals erwarteten?
Lindemann: Nach allem, was wir wissen, nicht. Er hat auch nach der Darstellung der Evangelien nichts von dem getan, was vom kommenden Messias erwartet wurde.
SPIEGEL: Hat Jesus gehofft, nach seinem Tode als Christus das Haupt einer Kirche zu werden?
Lindemann: Auch diese Frage ist, historisch gesehen, zu verneinen. Jesus wollte keine Kirche gründen. Überhaupt sah er die Entwicklung nicht voraus, die nach seinem Tode, wie Sie sagen, nach seiner Auferstehung, wie wir Christen sagen, einsetzte und die Welt veränderte.
SPIEGEL: Was von all dem, was Christen sonst noch glauben oder glauben sollen, hat Jesus schon geglaubt? Dass er präexistent war, es ihn also schon gab, bevor er gezeugt wurde? Dass er wiederkehren werde am Ende der Tage?
Lindemann: All das ist christlicher Glaube, und Jesus hat dies nicht geglaubt, er hätte dies auch nicht glauben können, denn er war Jude und kein Christ. Er sah seine Aufgabe in Israel, und keinesfalls wollte er eine neue Religion stiften.
SPIEGEL: Würden das die meisten Exegeten so formulieren?
Lindemann: Viele, und weit mehr als noch vor 20, 30 Jahren. Der christliche Glaube ist keine Fortsetzung der Botschaft Jesu, sondern bezieht sich auf das Heilsereignis in Christus, auf die Auferstehung und eben nicht auf die Verkündigung Jesu.
SPIEGEL: Dann wären die "echten" Jesus-Worte, wenn man sie denn feststellen kann, jüdisch und nicht christlich?
Lindemann: Kein Zweifel. Jesus hat sich stets ausschließlich als Jude verstanden.
SPIEGEL: Wie steht es dann mit der Bergpredigt? Dass Jesus sie gehalten hat, behauptet heute wohl kein ernst zu nehmender Exeget mehr.
Lindemann: Das stimmt. Die Bergpredigt ist eine Komposition des Evangelisten Matthäus. Er hat Vorgefundenes und Eigenes zu einem literarisch und theologisch bedeutenden Werk vereint. In ihm gibt es Christliches und Jüdisches, Hellenistisches und eben auch von Jesus Stammendes. Auf ihn gehen, wie ich meine, insbesondere das Vaterunser und das Gebot der Feindesliebe zurück.
SPIEGEL: "Alle neutestamentlichen Aussagen, die den Tod Jesu als Heilsereignis verstehen, sind erst nach Jesu Tod entstanden", so der Frankfurter Theologe Hans Kessler. Also verstand auch Jesus selbst seinen Tod nicht als Sühnetod für die Sünden der Menschen, wie es im Credo steht.
Lindemann: Davon hat Jesus in der Tat nicht gesprochen. Die Worte, mit denen er seinem Sterben Heilsbedeutung zuschreibt, sind ihm nachträglich in den Mund gelegt worden.
SPIEGEL: Wieder halten wir Ihnen entgegen, was Bischof Kasper dazu schreibt: Wenn es so wäre, "dass dieser Gedanke keinerlei Anhalt im Leben und Sterben Jesu selbst" hat, dann "rückt das Zentrum des christlichen Glaubens in gefährliche Nähe von Mythologie und Ideologie".
Lindemann: Wir sind in der Tat an einem zentralen Punkt. Auch hier gilt: Die Wahrheit des christlichen Glaubens hängt nicht vom Selbstverständnis Jesu ab.
SPIEGEL: Wenn Jesus von seinem Sühnetod nichts wusste, kann er auch das Abendmahl nicht eingesetzt, nicht von seinem Blut gesprochen haben, "das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden".
Lindemann: Ich meine in der Tat, dass die Abendmahlsworte nicht historisch auf Jesus zurückzuführen sind. Die urchristliche Gemeinde hat ihren Glauben in Worte Jesu gekleidet.
SPIEGEL: Herr Lindemann, wenn wir Sie so hören, kommt uns der Gedanke: Was man über den Menschen Jesus weiß, ist dem christlichen Glauben im Wege.
Lindemann: Das bestreite ich nicht. Ich gehe sogar einen Schritt weiter. Wir haben ja bislang nur erörtert, was Jesus nicht gesagt oder nicht getan hat. Es gibt aber auch Aussagen Jesu, die dem christlichen Glauben widersprechen. Ich denke an vieles, was mit der ausschließlichen Bindung Jesu an das Judentum zusammenhängt.
SPIEGEL: Woran etwa?
Lindemann: An die Sabbat- und Reinheitsgebote, an denen Jesus bei aller vorhandenen Kritik selbstverständlich festgehalten hat.
SPIEGEL: Was von all dem, was in den Evangelien über die Auferstehung steht, ist Legende?
Lindemann: Die Überlieferung vom leeren Grab und seinem Auffinden durch Frauen und Jünger, die unterschiedlichen Schilderungen der Begegnungen mit dem Auferstandenen und natürlich auch die Himmelfahrt.
SPIEGEL: War das Grab denn leer?
Lindemann: Das weiß ich nicht. Aber selbst wenn das Grab und Reste des Leichnams Jesu gefunden würden, würde dies meinen Glauben an die Auferweckung Jesu durch Gott nicht berühren.
SPIEGEL: Was halten Sie denn von den Visionen, die Paulus im 1. Korintherbrief aufzählt: dass Christus "gesehen" worden sei, zuerst von Petrus, dann von anderen und schließlich von Paulus selbst? Was wäre auf dem Film gewesen, wenn damals eine Kamera diese Visionen hätte aufnehmen können?
Lindemann: Man würde auf dem Film die von Paulus erwähnten Menschen, vielleicht ihre Reaktionen, aber gewiss kein filmisch wahrnehmbares Gegenüber sehen.
SPIEGEL: Reicht Ihnen als Basis für Ihren Glauben die Behauptung von Menschen, was sie erlebt haben? Ihr Glaube lebt vom Glauben dieser Urchristen?
Lindemann: So ist es.
SPIEGEL: Herr Professor Lindemann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Rudolf Augstein: "Jesus Menschensohn". Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 573 Seiten; 54 Mark. * Beim Abendgebet in der Sakramentskapelle der Kathedrale von St. Louis (USA) am 27. Januar. * Walter Kasper: "Jesus der Christus". Grünewald-Verlag, Mainz; 332 Seiten; 48 Mark. * Mit den Redakteuren Werner Harenberg und Manfred Müller in Bethel.
Von Werner Harenberg und Manfred Müller

DER SPIEGEL 50/1999
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