13.12.1999

KLASSISCHE MUSIK Blick zurück durchs Horn

Immer aufwendiger werden historische Aufnahmen digital restauriert, etwa für die eben erschienene Werkausgabe des Pianisten Arthur Rubinstein. Vieles am „Remastering“ bleibt zwar umstritten - doch das Geschäft mit den aufpolierten Archivschätzen boomt.
Für britische Verhältnisse ist Norman Whites Wohnzimmer schön geräumig - stünde nicht dieses Ungetüm in der Kaminecke. "Darf ich vorstellen: Boris", sagt der Hausherr und deutet auf den Trichter, der da krumm in die gute Stube ragt: Fast zwei Meter Schallweg bietet das Monster aus bronzierter Hartpappe, das an einem entsprechend klobigen Grammofon-Holzkasten befestigt ist.
"In unserer Konzerthalle steht jetzt ja der lange Sechs-Meter-Trichter. Wir haben ihn Saddam genannt, die Mutter aller Hörner, weil er während des Golfkriegs fertig wurde. Aber mit meinem lieben alten Boris hier fing es an."
Schon hat Sammler White, 60, die Schellackplatte aufgelegt, die eigens zugeschliffene Nadel aus Dornenholz festgeschraubt. Da ist der Tenor, glühend direkt, als stünde er bloß ein paar Meter weit weg. "Francesco Tamagno, Verdis erster Otello", murmelt White, "1903. Herrlicher Belcanto, nicht? Und jetzt kommt Rosa Ponselle. Sie war erst 21 damals." Nadelwechsel, Geschwindigkeitsprüfung. Puccinis "Tosca"-Arie "Vissi d''arte" ertönt, lyrisch reif und vollendet, beinahe knisterfrei.
Für Norman White ist der Blick zurück durchs Horn jedes Mal wieder ein kleines Wunder. Gerade die frühesten erhaltenen Stimmen zeigen eine Frische, mit der kein Sänger gleichen Alters heute konkurrieren könnte - von der Kehlen-Kultur ganz zu schweigen. Für solch einmalige Dokumente sind nur die besten Konservierungsmethoden gut genug.
Wer den magisch treuen Klang hört, weiß sofort, warum das "Horn" die Skeptiker der englischen Plattenfirma Nimbus überzeugte. Zehn Jahre arbeitet White, ein ehemaliger Opern-Bass, inzwischen für Nimbus; über hundert CDs umfasst seine Reihe "Prima Voce".
Alle sind nach der gleichen Methode aufgenommen: Mechanisch abgespielt, wie sie einst aufgezeichnet wurde, strahlt die Sänger-Stimme in den Raum. Vor dem gewaltigen Trichter, der dort mündet, wo sich sonst der Mund des Solisten befindet, stellen die Toningenieure ihr spezielles Punktmikrofon auf. Eine "Darbietung" wollen sie mitschneiden, genau wie sie sonst Musiker live aufnehmen. "Wissenschaft darf nicht dazwischenkommen", sagen sie.
Viele Experten für das Remastering, die Restaurierung alter Tondokumente, sind da freilich anderer Meinung. Wozu gibt es inzwischen hochgezüchtete Digital-Software und Rauschdämpfung vom Feinsten? "Das ist kein Durchbruch, sondern ein Rückschritt um 30 bis 40 Jahre", kritisierte der Kritiker Keith Hardwick, der selbst jahrelang für die britische Traditionsfirma EMI alte Aufnahmen überspielt hat, die Nimbus-CDs. Mit modernster Elektronik lasse sich doch viel mehr herausholen.
Simon Gibson, heute im legendären Studio an der Londoner Abbey Road für EMI tätig, führt seinen Software-Werkzeugkasten gern vor. Ist die Archiv-Einspielung - ob Schellack oder Bandaufnahme wie etwa bei den Opernproduktionen mit Maria Callas - erst einmal auf der Computer-Festplatte, kann man den Schleier der Jahrzehnte regelrecht abwischen. "De-Hiss", "De-Click", "De-Buzz" und "De-Crackle" nennt die marktführende US-Firma Cedar ihre Klangreinigungsmodule. Sie rechnen Störfaktoren aus den akustischen Informationen heraus - in Echtzeit, mit Hilfe eines Muster-Rauschens, das sich zuvor individuell abspeichern lässt.
"Man muss aber schon genau wissen, was man tut", warnt Gibson, 34. Nicht alle CDs, auf denen "Cedar" oder Ähnliches prangt, klingen wie neu. "Es ist, als reinige man ein altes Bild." Wer zu scharf rangeht, schrubbt die Substanz weg. "Selbst in EMI-Schwesterfirmen ist das schon passiert", bedauert Gibson. "Da kommt eine CD-Edition aus Italien, und wir hier wundern uns, wie dumpf und raumlos das wirkt." Überhaupt sind Fachleute für das Remastering inzwischen nahezu einig: Technische Archäologie kann sich der Klangwahrheit allenfalls annähern, und schon das braucht viel Hörübung.
"Natürlich möchte man vor allem den Dreck loswerden", meint Gibson. Er ist schon mit so heiklen Fällen wie Arthur Nikischs Einspielung von Beethovens fünfter Symphonie, einer der allerersten Orchesteraufnahmen aus dem Jahr 1913, fertig geworden. Doch selbst wenn das Rauschen eingedämmt ist, findet der studierte Orga-
nist oft Passagen, die ihn stutzig machen. "Hören Sie mal hier - da kommt der Beckenschlag zweimal hintereinander. Jemand muss das Originalband schlampig aus zwei Takes montiert haben. Das lässt sich jetzt digital präzise herausschneiden."
Eine Sternstunde für den jungen Tonwerker war es, als er kürzlich historische Bänder von Herbert von Karajan remastern durfte. Der technikbegeisterte Chef der Berliner Philharmoniker hatte schon vor 1970 durch ein 24-Spur-Verfahren sein Klangideal zu formen versucht. Tonmeister Wolfgang Gülich, damals Karajans Mann am Mischpult, kam nun eigens nach London, um bei Details zu helfen. "Debussys Oper ,Pelléas und Mélisande'' konnten wir zum Beispiel ganz neu abmischen", erzählt Gibson und spielt eine Passage vor. "Es ist ein Geduldsspiel, die Balance so hinzubekommen, dass die vielen Piano-Stellen nicht wegsacken. Jetzt klingt es satt, kräftig, eben richtig nach Karajan."
Auch in Europas anderem großen Plattenstudio, dem hochmodernen Emil-Berliner-Haus in Langenhagen bei Hannover, beginnt die Ära des Remastering mit einer CD-Serie namens "Karajan Gold". Die frühen Breitbandaufnahmen des Absolutisten bieten nun mal am meisten Soundmaterial zum Experimentieren.
"Anfangs waren Digital-Wandler ziemlich grobschlächtig", erinnert sich Stefan Shibata, der technische Leiter. "Aber um 1990 ging es los mit dem Entknacken, 1993 hatten wir unser ,Original Image Bit Processing'' fertig, seit 1995 sind die mathematischen Formeln zur Klangbearbeitung immer feiner geworden, und heute remastern wir mit 24-Bit-Technik und 96 Kilohertz, zum Beispiel die ,Decca Legends''."
Hinter den Kürzeln verbirgt sich ein simpler, aber hörbarer Fortschritt: Die Raster, mit denen analoge Schallwellen digital festgehalten werden, sind immer feiner geworden; höhere Auflösung soll die alten Analog-Vorlagen so präzise nachbilden wie möglich, bevor der Klang auf CD-Standard umgerechnet wird. Darin ähneln sich alle elektronischen Verfahren, von Sonys "Super Bit Mapping" bis zur "Abbey Road Technology". Wer Mozarts Oper "Die Hochzeit des Figaro" in der Meisteraufnahme Erich Kleibers von 1955 anhört, spürt beim neuen Remastering der "Decca Legends" dank der dichteren Abtastrate die Bühnenatmosphäre, obwohl das Original nicht einmal in Stereo aufgezeichnet wurde. Ähnliches gilt für eine neue Toscanini-Reihe der RCA.
"Sicher ließe sich elektronisch Hall hinzufügen, Stereo nachahmen oder gar Surround-Klang", meint Shibata. "Aber das wäre doch unredlich." Er und seine Mitstreiter wollen Retter sein, aber so wenig "eingreifen" wie nötig.
Daher bleiben selbst echte Fehler erhalten: In der ersten kompletten Studio-Aufnahme von Wagners "Ring des Nibelungen" zum Beispiel, die der Dirigent Georg Solti von 1958 bis 1965 im Wiener Sophiensaal einspielte, trat mehrfach eine Studiokatze auf. Ihr Maunzen wegfiltern - das wäre ähnlich pietätlos, als wollte jemand elektronisch das Klicken der Uhrkette ausradieren, das auf vielen Mitschnitten des Klavier-Gentleman Claudio Arrau zu hören ist, oder gar das von Fans verehrte brummelnde Mitsingen seines Kollegen Glenn Gould.
Nebengeräusche können zudem ein Gutes haben: Sie machen eine Aufnahme unverwechselbar. "EMI prozessiert gerade gegen die Firma ,Grammofono 2000''", erzählt Simon Gibson. "Es scheint, als hätten die Italiener unser Remastering unter eigenem Namen veröffentlicht." In einem Markt, auf dem manch graue Ware kursiert, sind Abkupfereien keine Seltenheit.
Auch deshalb bevorzugen Puristen oft Firmen, die die Archivschätze möglichst unbearbeitet auf CD pressen - Preiser Records aus Österreich etwa oder das englische Label Pearl. Nachteil der naturbelassenen Überspielungen: Wer keine Hightech-Ausrüstung daheim hat, erntet oft einen Klang, als brate sich der Belcantist beim Singen ein Schnitzel.
Doch Radikalkuren taugen eben noch weniger. Jüngst wurde in Wien eine CD eingespielt, auf der, mit Hilfe elektronischer Tricks, heutige Musiker Enrico Caruso begleiten. Kritiker waren mehrheitlich entsetzt: Vom Raumklang des Orchesters erdrückt, schrumpft ausgerechnet die Stimme des größten aller Tenöre zu peinlichem Mono-Gequäke.
Derlei Klittereien leisten seriöse Remasterer sich längst nicht mehr. Sie sind bescheiden geworden: Lieber ein bisschen Rauschen, aber viel Detail. Geradezu scheu remastert ist zum Beispiel die eben bei der RCA erschienene Gesamtwerk-Edition des Pianisten Arthur Rubinstein.
Von 1928 bis 1976, also fast bis ins digitale Zeitalter, reicht diese "Rubinstein Collection" auf 94 CDs. Ihre zahlreichen Mehrfach-Versionen belegen: So majestätisch der alternde Meisterpianist seine Interpretationen abklärte, so penibel er Techniker für Makellosigkeit und Brillanz sorgen ließ: spannend bis zur Ekstase sind vor allem die frühen Aufnahmen.
Chopins vier Scherzi etwa - keine Plätschermusik, sondern metaphysische Knochenarbeit - meisterte Rubinstein 1932 und noch einmal 1949 dermaßen furios, dass auch dicke Patzer nicht stören. Für die wachsende Schar der Klassik-Liebhaber, die anstelle von nachgebesserten Studioproduktionen Live-Aufnahmen bevorzugen, gewinnen alte Platten so plötzlich einen eigenen Reiz: Die etwa viereinhalb Minuten Schellackrille sind fast immer am Stück produziert, also authentisch.
Die aktuelle Sehnsucht nach leidenschaftlichem, nicht klinisch bereinigtem Live-Klang kommt den großen Klassikmarken, die unter stagnierenden Absatzzahlen stöhnen, grundsätzlich entgegen. Archivmaterial aufzuarbeiten ist allemal billiger als Neuproduktionen. Doch gerade die "Rubinstein Collection" zeigt das Risiko solcher Unternehmungen: Wer außer ein paar Fanatikern möchte wirklich auf einen Schlag jede, aber auch jede Rubinstein-Interpretation besitzen?
Dass die Riesen der Branche ihre Remasterings aus Gründen des Marketings häufig in monströsen Jubelserien herausbringen, ist so unversehens zur Chance für Enthusiasten geworden. Ward Marston aus Philadelphia etwa, unter Fans eine Instanz, hat 1997 sein eigenes Kleinst-Label gegründet, das vergessene Ton-Titanen wie die Sopranistin Johanna Gadski (gestorben 1932) oder den mikrofonscheuen Klaviergiganten Josef Hofmann zu neuen Ehren bringt.
Marston, 47, ist von Geburt an blind. Dennoch findet er sich unter seinen 25 000 Schellackplatten bestens zurecht. Auch für die "Rubinstein Collection" ist er tätig geworden: Mit so genannten Metal Masters, direkt abspielbaren Pressvorlagen, die dem originalen Klang besonders nahe kommen, weiß keiner so Bescheid wie er.
Bald wird Marston auch für Klaus Heymann arbeiten. Heymann, 63, gilt im Klassik-Gewerbe als David unter schwerfälligen Goliaths. Auf den weiß verpackten CDs seines Billiglabels "Naxos", weltweit vom Supermarkt bis zum Spezialgeschäft erhältlich, bietet er nahezu das gesamte bekannte Klassiker-Repertoire seit dem 18. Jahrhundert an. Die Produktionen, bei Kritikern zunehmend respektiert, trotzen den Prestigefirmen Marktanteile ab.
Seit vergangenem Jahr kommen nun zu Naxos-Preisen kaum bekannte Aufnahmen von Arturo Toscanini heraus oder rare Mitschnitte aus der Glanzzeit der New Yorker Metropolitan Opera, den dreißiger Jahren - zum Jubel der Fans.
Aber das ist bloß der Anfang. "Ward Marston wird für uns noch einmal den ganzen Caruso remastern. Es geht jetzt viel besser als damals, als er für Pearl arbeitete", sagt Heymann. Und fängt an zu erzählen: von einer "Immortal Recordings Society", die ihm unbekannte Azetat- und Glasplatten-Mitschnitte von US-Opernaufnahmen anbot. Von der Königlichen Oper Stockholm, deren Archiv bei Naxos erscheinen soll. Und von Mark Obert-Thorn, einem Remastering-Experten mit ähnlichem Kultstatus wie Marston.
"Reiner Zufall", sagt Heymann, "dass Obert-Thorn gerade mich ansprach. Bald wird er jeden Monat etwa vier Remasterings für uns machen." Zwei CDs, auf denen der große Sergej Rachmaninow (1873 bis 1943) persönlich seine spätromantisch wogenden, technisch vertrackten Klavierkonzerte spielt, fanden dieses Jahr über 20 000 Käufer.
"Vieles an den alten Sachen beruht natürlich auf reiner Nostalgie. Technisch sind die meisten Orchester heute besser." Aber warum nicht Legenden bedienen, wenn sie gefragt sind? "Japan ist der größte Markt für Historisches", so Heymann, "dann folgen die USA und Deutschland." Auf seinem Laptop hat der Geschäftsmann ("Ich bin ja in diesem Sektor ein Neuankömmling") für die nächsten zwei Jahre schon an die 400 Remastering-Projekte gebucht: schwere Konkurrenz für EMI, Sony, RCA, Decca oder die Deutsche Grammophon.
Die Flut ist nur möglich, weil es kaum Copyright-Probleme gibt: 50 Jahre nach Veröffentlichung erlöschen gewöhnlich die Weltrechte an Tonaufnahmen. "Dann können, wenn bereits eine Platte existiert, nur noch die Erben des Komponisten Tantiemen verlangen. Die sind aber oft froh, dass die berühmte Aufnahme überhaupt neu herauskommt."
Im Aufspüren neuen Repertoires hat es der Naxos-Chef schon weit gebracht. Nun möchte er das historische Feld ähnlich fein durchkämmen. "Irgendwann wollen wir alle Opern-Live-Mitschnitte bis 1950 im Angebot haben", plant Heymann.
Zuzutrauen ist es ihm. Aber er wird nicht allein bleiben. Auch Norman White, der Herr der Hörner bei Nimbus, hat neben seiner Schellack-Sammlung längst ein Archiv seltener Opernpressungen angelegt für den Tag, an dem die Schutzfrist abläuft. Vorerst freilich hat er mit den großen Stimmen von Anfang des Jahrhunderts genug zu tun: "Da fehlen uns noch so viele, ich könnte weitermachen, bis ich hundert bin." JOHANNES SALTZWEDEL
* Mit Richard Strauss als Dirigent.
Von Saltzwedel, Johannes

DER SPIEGEL 50/1999
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