13.12.1999

FILM

Zeremonien der Gewalt

Von Jenny, Urs

Flucht aus der Gegenwart: Der berühmte chinesische Regisseur Chen Kaige präsentiert ein Monumental-Historiendrama, das vor 2200 Jahren spielt.

Der Attentäter, der den König von Qin ermorden soll, erscheint zur Audienz als Abgesandter des Herrschers von Yan und bringt als Freundschaftsgaben in einer eleganten Schatulle den Kopf eines angeblichen Verräters mit, dessen Tod sich der König gewünscht hat, sowie die Landkarte einer reichen Provinz, die man ihm schenken will.

Als der Attentäter, mit Namen Jing Ke, die Landkarte auf dem Tischchen vor dem König aufrollt, kommt der darin verborgene Dolch zum Vorschein: Jing Ke ergreift ihn und sticht zu. Doch er trifft nur halb, der König setzt sich zur Wehr, die beiden verfolgen einander keuchend um eine Säule herum, und dem König gelingt es, den Angreifer zu überwältigen.

Der Anschlag ereignete sich vor 2225 Jahren in der Hauptstadt des Landes Qin. Dem großen Historiker Sima Qian zu Folge, der die Szene gut hundert Jahre später in seinem epochalen Werk "Shiji" geschildert hat, ergriff der Täter mit der Linken den Ärmel des König, um ihn festzuhalten, doch der Ärmel riss ab - und auch dieses Detail, wie die Tat insgesamt, ist in Chen Kaiges Film "Der Kaiser und sein Attentäter" akkurat dargestellt: Der Ausbruch jäher Gewalt mitten in einem zeremoniellen Hoftableau macht Effekt. Bleibt die Frage: Wie konnte der sorgsam vorbereitete Tyrannenmord misslingen? Etwa nur, weil der Ärmel schlecht angenäht war?

Hätte der Mörder Erfolg gehabt, so wäre König Zheng von Qin seit 2000 Jahren vergessen. Stattdessen hat er mit seiner barbarischen Militärmacht das Land Yan niedergewalzt (was er ohnehin im Schild führte) wie auch sonst die Königreiche in der Nachbarschaft. Er führte Krieg gegen alle, damit dann mit den Kriegen ein für alle Mal Schluss sei: Nachdem er sich - von den Geistern seiner Ahnen dazu berufen - im Jahr 221 v. Chr. zum ersten Kaiser von ganz China ernannt hatte, sollte Frieden für immer sein.

Durch Disziplin, Brutalität und Blutbäder hat Zheng all seine Vorfahren weit übertroffen; nach der Eroberung des Staats Zhao zum Beispiel befahl er die Tötung aller Kinder des Landes. Die produktive Kehrseite seiner Paranoia jedoch, seine Ordnungsbesessenheit, machte ihn zur überragenden Reichsgründerfigur: Die von ihm veranlasste Vereinheitlichung der Schrift und des Justizsystems, der Maße, Gewichte und Münzen, ebenso der Bau von Straßen, Kanälen und der Großen Mauer haben das Land für zwei Jahrtausende geprägt.

"In China kennt jedes Kind die Geschichte von König Zheng und dem Attentäter Jing Ke", sagt Li Xuejian, ein in Peking berühmter Star, der im Film den Herrscher von Qin spielt. Und eben dies bereitet, naturgemäß, den ahnungslosen Langnasen im fernen Westen Schwierigkeiten mit Chen Kaiges "Der Kaiser und sein Attentäter": Der Film lässt sich fast zweieinhalb (teils langatmige, teils imposante) Stunden Zeit, bis es zum Attentat kommt, und er holt sehr weit aus - einerseits, um auch den "archäologischen" Ehrgeiz, mit dem die Ausstattung von Armeen und Palästen rekonstruiert wurde, zur Geltung zu bringen, andererseits, um an ein früheres Attentat auf den König anzuknüpfen.

Seine Mutter nämlich, früh verwitwet, war einem Höfling erlegen, der (laut "Shiji") einen gewaltigen Phallus besaß, hatte ihrem Liebhaber heimlich zwei Kinder geboren und ihn dann zu einem Putsch angestachelt, der misslang. Wie der König seine beiden kleinen Halbbrüder totschlagen und den Trupp der Putschisten auf einem weiten Palasthof von seinen Bogenschützen exekutieren lässt, hat in Chens Bildern eine so eisige Choreografie, dass einem der Atem stockt.

Dem Liebhaber jedoch gelingt es, bevor er sterben muss, den König zutiefst zu kränken, indem er ihm das Geheimnis der Mutter (auch da folgt der Film dem klassischen "Shiji") verrät: Zhengs Vater sei gar nicht der frühere König gewesen, vielmehr der allmächtige Kanzler (den im Film mit bärenhafter Statur der Regisseur Chen Kaige selbst spielt). Zheng rast vor Wut und watet fortan auf einem langen Marsch durch Blut, um die fressenden Zweifel an seiner Auserwähltheit zum Kaisertum durch immer neue Siege zu betäuben.

Schauerhistorie, Hofkolportage, Melodram großen Stils. Chen Kaige hat (mit seinem Drehbuchautor Wang Peigong) ins Zentrum dieses gewaltgeladenen Stoffs eine romanhaft romantische Frauenfigur hineingedichtet: Gong Li, wen sonst, als die schöne und hingebungsvolle Geliebte des Königs, die dann, nach dem Kindermord im Land Zhao (wo sie herstammt), ihre Liebe dem Berufsmörder und Philosophen Jing Ke (Zhang Fengyi) zuwendet, der eigentlich der Gewalt entsagt hatte, nun aber ein letztes Mal zum Dolch greifen soll.

Ohne Zweifel ist dies der aufwendigste Film, der in China je gedreht wurde, und in der kapitalistischen Welt wäre ein vergleichbar kolossales Werk längst nicht mehr zu finanzieren. Ein "Staatsfilm" ist er dennoch nicht, denn die Produktionsmittel kamen hauptsächlich aus Japan, Taiwan und Frankreich.

Er ist auch kein Hollywood-Schinken auf chinesische Art, obwohl Chen Kaige (anders als seine Generationsgenossen aus Peking) längere Zeit in den USA gelebt hat und das amerikanische Kino wirklich kennt. Doch "Der Kaiser und sein Attentäter" folgt nicht dessen Rezepten, wie durch Geradlinigkeit und Eindeutigkeit jedes Vorgangs die Gefühle des Zuschauers zu lenken seien, stürzt ihn vielmehr, indem er die Figuren Zug um Zug immer ambivalenter und abgründiger erscheinen lässt, in wachsende Zweifel.

Was in dieser Filmhistorie waltet und auf ihr lastet, zernichtend, ist der grässliche Fatalismus der Geschichte. An Expressivität und dramatischer Dynamik jedoch bleibt sie weit hinter dem Vorbild zurück, dem sie nacheifert, dem wahren Kaiser des Historienkinos, Akira Kurosawa, und seinen späten Dramen "Kagemusha" oder "Ran".

"Der Kaiser und sein Attentäter" war, wie Chen Kaige sagt, zu seinem Erstaunen sein erster Film, der zu Hause in Peking nicht auf Zensurschwierigkeiten stieß, und so wurde er dort vor einem Jahr in der Großen Halle des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens uraufgeführt.

Es war das erste Mal, dass in Peking eine Gala-Filmpremiere nach amerikanischer Art inszeniert wurde, und es war auch das erste Mal überhaupt, dass ein Privatunternehmen die Riesenhalle, in der sonst der Volkskongress tagt, zu einer Festivität gemietet hatte. Auf der Bühne präsentierte sich neben Chen als Co-Autor der Dramatiker Wang Peigong, der (als einziger prominenter Bühnenautor) vor zehn Jahren nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens verhaftet worden war und 21 Monate ohne Prozess im Gefängnis gesessen hatte. Aber das ist nun ja schon sehr lange her. Die anschließende Premierenfeier fand im Maxim's statt.

Zur Frage, warum Jing Kes Anschlag auf König Zheng misslang, entwickelt der Film übrigens eine überraschende Theorie: Der Attentäter, der umständehalber mit der Rechten zustoßen musste, war eigentlich Linkshänder; auch da also waltete der grässliche Fatalismus der Geschichte. URS JENNY


DER SPIEGEL 50/1999
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