05.08.2017

FußballReizvolle Uhr

Ein Geschenk bringt einen hohen Fifa-Funktionär in die Bredouille. Was ist von der angeblich neuen Sauberkeit des Weltverbandes zu halten?
An einem Sommertag vor drei Jahren saßen sich zwei hochrangige Vertreter des Weltfußballs in einem Zürcher Restaurant gegenüber. Es waren zwei Männer, die schon jahrelang zusammenarbeiteten. Der eine war Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa, er hat seinen Wohnsitz in Manama, der Hauptstadt Bahrains. Er ist schwerreich, Mitglied der Königsfamilie und Chef des asiatischen Fußballverbandes AFC. Er war zu Gast in Zürich, wo die Fifa ihren Hauptsitz hat. Ihm gegenüber ein Mitarbeiter des Weltverbandes: Marco Villiger, der Chefjurist, nicht halb so reich, aber hoch motiviert, mit den ganz großen Jungs zu spielen.
Es ist nicht überliefert, warum sich die beiden Herren an diesem Tag trafen. Aber klar ist, dass ein teures Geschenk überreicht wurde. Salman, 51, schob an jenem Tag eine Armbanduhr über den Tisch. Nicht irgendeine, sondern eine der Schweizer Manufaktur Audemars Piguet Royal Oak; die Modelle sind ab etwa 15 000 Euro zu haben. Villiger packte die Uhr erst mal ein und nahm sie mit. Er tat offenbar das, was man als Fußballfunktionär nun mal so tut. Eine Uhr, geschenkt – da sagt man nicht nein, erst recht nicht, wenn ein Scheich sie schenkt.
Bloß: War da nicht etwas mit Reformen, neuen Ethikregeln, Moral und Anstand? Und: Soll nicht ausgerechnet Marco Villiger für genau diesen Wandel stehen? Er, der Chefjurist, der bei der Jagd auf korrupte Funktionäre das Bindeglied zwischen den US-Staatsanwälten und der Fifa ist? Der vermeintliche Saubermann, der jeden Skandal der Blatter-Vergangenheit unbeschadet überstanden hat?
Alle nahestehenden Kollegen – von Ex-Fifa-Boss Joseph Blatter bis Finanzchef Markus Kattner – mussten im Zuge der Fifa-Krise gehen. Nur Villiger blieb. So als hätte er sich bei all den dubiosen Machenschaften auf der Toilette versteckt.
Villiger, 42, hat sich solche Verdienste erworben, dass der nächste Aufstieg nur eine Frage der Zeit zu sein schien. Seine Chefin Fatma Samoura wackelt als Generalsekretärin, der Chefjurist gilt als möglicher Nachfolger.
Mehrere mächtige Funktionäre haben sich hinter den Kulissen für ihn ausgesprochen, unter anderem Fifa-Präsident Gianni Infantino. Einer seiner Unterstützer ist angeblich Salman, immer noch Asiens Fußball-Oberhaupt und damit Fifa-Vizepräsident. Es wäre der Karrierehöhepunkt für einen Mann, der nie im Rampenlicht steht, sondern im Verborgenen agiert.
Doch nun stellt diese Uhr die angeblich so neue, geläuterte Fifa-Welt wieder ins schiefe Licht. Bekannt wird die Schenkung durch ein dem SPIEGEL vorliegendes Dokument, es ist eine Anzeige, die im Mai bei der Ethikkommission der Fifa eingegangen ist. Es geht um jenes Treffen von Villiger und Salman in Zürich. Der anonyme Anzeigenerstatter schreibt: "Asien ist sehr besorgt über ... das unethische Verhalten von verschiedenen Offiziellen unseres geliebten Sports." Mit Verweis auf die Regeln wird der Tatbestand der Bestechung genannt.
Villiger hätte die Brisanz des Geschenks erkennen müssen. Seit 2012 gibt es einen Ethikkodex, der wenig Interpretationsspielraum lässt. Er verbietet die Annahme hochwertiger Präsente. Unter Artikel 20 heißt es: Diesem Reglement unterstellte Personen dürfen nur Geschenke annehmen, "die einen symbolischen oder geringen Wert haben".
Schon bei der WM 2014 in Brasilien hatten Uhrengeschenke für Ärger gesorgt. Dort standen in den Hotelsuiten der mächtigsten Fifa-Männer Tüten herum, der brasilianische Verband hatte sie ausgeliefert. Inhalt: je eine Uhr der Schweizer Manufaktur Parmigiani im Wert von mehr als 20 000 Euro. Als die Ethiker von der Sache Wind bekamen, forderten sie die Uhren zurück.
Und Salmans Uhr? Wo ist die jetzt? Gab es Konsequenzen? Villiger beantwortete einen Fragenkatalog des SPIEGEL ebenso wenig wie Salman. Auch der im Mai geschasste Ethikchef Cornel Borbély reagierte auf eine Anfrage nicht.
Unklar ist, ob Infantino von der Sache mit der Uhr weiß. Die Fifa teilte mit, Villiger habe die "entsprechenden Fifa-Organe in Anwendung der reglementarischen Meldepflicht umgehend informiert". Er habe das Geschenk erhalten, aber "nicht akzeptiert". Ein komischer Satz, und auch der Rest der Antwort ist typisch für die neue, alte Fifa: Die Sache sei erledigt, so der Verband: "Wir haben keine weiteren Kommentare."
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Von Tim Röhn

DER SPIEGEL 32/2017
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