12.08.2017

KinoDie Propagandaschlacht

Erstmals erzählt mit „The Promise“ eine große Hollywoodproduktion vom Völkermord an den Armeniern. Der Film „The Ottoman Lieutenant“ zeigt die türkische Sicht der Ereignisse.
Ein amerikanischer Journalist in einem Gefängnis im Süden Anatoliens, Anschuldigung: Spionage. Ein Soldat betritt dessen Zelle und reicht ihm ein Papier. Ein vorformuliertes Geständnis. Alles könnte so einfach sein: Hier unterschreiben, dann bleibst du am Leben.
Diese Szene aus dem Film "The Promise – Die Erinnerung bleibt", der nun in die deutschen Kinos kommt, spielt im Jahr 1915 in der anatolischen Provinz. Sie ist erfunden, der fiktive Journalist Christopher Myers wird von Hollywoodstar Christian Bale dargestellt.
Doch der Zuschauer denkt sofort an Journalisten wie den "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel, der von Recep Tayyip Erdoğans Regierung gerade unter dem Vorwand gefangen gehalten wird, Terroristen zu unterstützen. Auch in der heutigen Türkei kann es ein Verbrechen sein, die Wahrheit zu sagen.
Die Darsteller des Films "The Promise" müssen damit rechnen, festgenommen zu werden, sobald sie türkischen Boden betreten. Denn sie haben vermutlich gegen den Artikel 301 des Strafgesetzbuches verstoßen, der die "Herabwürdigung der türkischen Nation" zum Verbrechen erklärt. Dieser Artikel wird immer wieder angewandt, um die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern strafrechtlich zu verfolgen. Auch der spätere Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk kam deshalb 2005 vor Gericht. Seither wurde der Artikel noch verschärft.
"The Promise", für 90 Millionen Dollar unter anderem auf Malta, in Portugal und in New York gedreht, zeigt, wie Soldaten des Osmanischen Reiches die armenische Bevölkerung aus ihren Dörfern vertreiben und Leichenberge hinterlassen.
"The Promise" will ein Epos wie "Doktor Schiwago" (1965) sein, das etwa zur gleichen Zeit in Russland spielt. Der Armenier Michael Boghosian (Oscar Isaac) ist Apotheker im Süden Anatoliens. Um Medizin zu studieren, zieht er 1914 nach Konstantinopel, das heutige Istanbul.
Bald beginnen die ersten Ausschreitungen gegen Armenier. Michael kommt in ein Arbeitslager, flieht von dort, setzt alles daran, seine Familie zu retten und die Liebe seines Lebens wiederzufinden. Dabei wird er mit Tod und Gewalt konfrontiert.
Vor dem Ersten Weltkrieg lebten rund 1,7 Millionen Armenier in Anatolien. Von 1915 bis 1923 wurden die meisten von ihnen vertrieben oder ermordet, zwischen 300 000 und 1,5 Millionen sollen ums Leben gekommen sein. Vor gut einem Jahr beschloss der Deutsche Bundestag nahezu einstimmig, diese Verbrechen als Genozid einzustufen. In mehr als 20 Ländern gibt es ähnliche Armenien-Resolutionen. Seit knapp hundert Jahren vertreten alle türkischen Regierungen jedoch vehement eine andere Lesart der Geschichte.
Demnach seien die Deportationen der Armenier notwendig gewesen, um die Sicherheit und Integrität des Landes zu gewährleisten. Tatsächlich sympathisierten viele Armenier mit Russland, dessen Armee während des Ersten Weltkriegs in den Osten Anatoliens einfiel. Die Soldaten des Osmanischen Reiches hätten laut dieser Version heldenhaft gegen armenische Rebellen gekämpft. Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung seien nur vereinzelt vorgekommen und keineswegs auf Geheiß der Regierung.
Durch massiven diplomatischen Druck versuchte die Türkei zu verhindern, dass sich Hollywood der Pogrome gegen die Armenier annahm. Nach dem Stummfilm "Ravished Armenia", der 1919 ins Kino kam und heute weitgehend verschollen ist, griff das Studio MGM Mitte der Dreißigerjahre das Thema auf und wollte Franz Werfels 1933 erschienenen Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" verfilmen. Der österreichische Jude Werfel schildert darin, wie sich im Sommer 1915 rund 4000 Armenier, überwiegend Frauen und Kinder, auf einem Berg an der Mittelmeerküste gegen osmanische Truppen zur Wehr setzten.
Werfel hatte 1929 Damaskus besucht und dort das Elend vertriebener Armenier erlebt. Akribisch rekonstruierte er die Schlacht um den Musa Dagh. Werfels Schilderung des Verteidigungskampfes sei, so erzählte Marcel Reich-Ranicki später, "der beliebteste Roman im Warschauer Getto" gewesen.
MGM wollte Werfels Roman mit Clark Gable in einer der Hauptrollen realisieren, William Wellman sollte Regie führen. Als die Türkei von dem Projekt erfuhr, drohte sie mit dem Boykott aller MGM-Filme. Um den Konflikt mit der Türkei zu entschärfen, wurde die Schuld an den Massakern im Drehbuch personalisiert. Ein einzelner Befehlshaber sollte dafür verantwortlich gewesen sein und nicht die Führung des Osmanischen Reiches. Als die Türkei auch dies monierte, strich man die Massaker aus dem Drehbuch.
Aber die Regierung in Ankara gab nicht nach. Im Gegenteil, sie ließ durchblicken, dass sich auch Frankreich, damals Verbündeter der Türkei, dem Boykott anschließen könnte. Das Risiko, diesen großen ausländischen Markt zu verlieren, wollte MGM nicht eingehen und gab den Film auf.
Seither gab es mehrere neue Anläufe, Werfels Roman zu adaptieren, sogar Sylvester Stallone wollte sich an dem Stoff versuchen. Doch erst 1982 entstand eine Verfilmung, allerdings außerhalb des Studiosystems, für ein lächerliches Budget von rund einer Million Dollar.
Eric Esrailian, einer der Produzenten von "The Promise", sagt, aus Rücksichtnahme auf die Türkei hätten viele in Hollywood bei seinem Projekt abgewinkt. "Uns wurde von höchster Stelle zu verstehen gegeben, dass der Film von bestimmten Studios nie herausgebracht werden würde, unabhängig von seiner Qualität."
Das klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie. Tatsächlich aber ist Hollywood heute weniger denn je bereit, kontroverse Filme herzustellen. Das Ziel sind Produkte, die sich weltweit verkaufen, ohne auf Widerstand zu stoßen.
Zu den wenigen Filmen, die sich mit dem Genozid an den Armeniern beschäftigen, gehört Fatih Akins "The Cut" (2014), der von der Verfolgung eines Armeniers erzählt, eine nicht besonders geglückte Mischung aus Lehrstück und Melodram.
Der Kanadier Atom Egoyan, der armenisch-ägyptische Eltern hat, reflektierte 2002 in seinem Film "Ararat" die Schwierigkeit eines Regisseurs (gespielt von Charles Aznavour), aus einem Massenmord Unterhaltungskino zu machen. Und in der Tat: Große Gefühle vor blutigem Gemetzel, Kitsch und Härte, Bombast und Wahrheit – all diese Widersprüche, die Egoyan in seinem Film thematisiert, finden sich auch in "The Promise" wieder.
Möglich wurde der Film nur durch den Milliardär Kirk Kerkorian, der unter anderem mit Kasinobetrieben in Las Vegas zu einem der reichsten Männer der USA geworden war. Kerkorian, 2015 vor Beginn der Dreharbeiten von "The Promise" verstorben, stellte dem nordirischen Regisseur Terry George das Budget zur Verfügung.
Kerkorian war selbst armenischer Abstammung. Im Laufe seines Lebens kaufte er das Filmstudio MGM dreimal und veräußerte es mit Gewinn. Schon in den Achtzigerjahren, als er es mal wieder besaß, wollte er "The Promise" in Angriff nehmen, brachte aber nicht den Mut dazu auf.
"The Promise" ist also auch ein posthumes Vermächtnis, die Film gewordene Herzensangelegenheit eines überaus erfolgreichen Geschäftsmanns. Kerkorian, so die Produzenten, habe keinen Profit erwartet, sondern einen Film, der den Zuschauern ein großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit ins Bewusstsein bringen soll.
Regisseur George schwelgt in Bildern erhabener Landschaften, die nicht in der Türkei aufgenommen wurden. George hat auch den Film "Hotel Ruanda"(2004) gedreht, der von den Massakern der Hutu an den Tutsi in Ostafrika erzählt. Auch wenn es zynisch klingt, George ist so etwas wie ein Experte für Genozidfilme.
Wie viel Grauen kann man dem Publikum zumuten? In einer schockierenden Szene zeigt George, wie Boghosian die Leiche seiner ermordeten Frau findet. Er umarmt sie, dann weicht er zurück und starrt auf ihren Bauch. George zeigt nicht, was er sieht, aber der Zuschauer ahnt: Die Mörder haben seiner Frau das gemeinsame Baby aus dem Leib geschnitten.
Vor fast einem Jahr hatte "The Promise" auf dem Filmfestival von Toronto Weltpremiere. Noch bevor der Film im April dieses Jahres in die Kinos kam, hatten ihn auf der Website Internet Movie Database, der wichtigsten Datenbank für Filme, bereits über 60 000 vermeintliche Zuschauer negativ bewertet. Zu diesem Zeitpunkt konnten sie "The Promise" noch gar nicht gesehen haben.
Die Filmemacher warfen der Türkei vor, eine Internetkampagne gegen den Film geführt zu haben. Tatsächlich hat "The Promise" in den USA lediglich rund acht Millionen Dollar eingespielt. Eigentlich sollten die Gewinne karitativen Zwecken zugeführt werden.
Ein paar Wochen vor "The Promise" war ein anderer Film über die Vertreibung der Armenier in die US-Kinos gekommen: "The Ottoman Lieutenant". In dieser türkisch-amerikanischen Produktion spielt "Game of Thrones"-Star Michiel Huisman einen edlen Osmanen. Wenn es in diesem Film ein Gefecht gibt, ist es ein Armenier, der den ersten Schuss abgibt.
Weil einer der türkischen Produzenten dieses Films als Bekannter des Erdoğan-Sohnes Bilal gilt, mutmaßen die "Promise"-Macher, "The Ottoman Lieutenant" sei von der Regierung in Auftrag gegeben worden. Ein reines Propagandawerk ist es nicht, allerdings verschweigt der Film die Gräueltaten an den Armeniern und beklagt den Krieg als schicksalhaftes Übel.
In den USA spielte "The Ottoman Lieutenant" weniger als 250 000 Dollar ein. Zuschauer zu finden, die sich einen Film über den Genozid an den Armeniern anschauen wollen, ist offenbar äußerst schwierig.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 33/2017
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