20.12.1999

ZEITGESCHICHTENiemals wie die Eltern

Margrit Schiller, in den Siebzigern Mitglied der RAF, hat ihre Autobiografie geschrieben. Überraschend packend erzählt sie ihre tragische Guerrilla-Geschichte.
Erst durch die Begegnung mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof wurde der jungen Frau glasklar: "Ich war mein Leben lang belogen worden." Margrit Schiller, damals 22 Jahre alt, Psychologiestudentin und aktives Mitglied des "Sozialistischen Patientenkollektivs" (SPK), hatte die Gründertruppe der "Roten Armee Fraktion" (RAF) mehrere Wochen lang in ihrer Heidelberger Wohnung beherbergt und in dieser Zeit "Ursachen und Zusammenhänge" entdeckt - und das Motto des großen antiimperialistischen Aufbruchs: "Aus dem Leiden die Kraft zum Kampf entwickeln".
Es war zugleich ein ganz persönliches Motiv: "Darin konnte ich mich erkennen. Den Stein meiner Einsamkeit und Verzweiflung am Leben aufzuheben und ihn gegen seine Ursache zu werfen." Die Ursache war, na klar, "die kapitalistische Gesellschaftsordnung". Punktum und fertig. "Aus der Krankheit eine Waffe machen!", lautete die dialektische Konsequenz des SPK.
Am Ende wurde aus der Waffe selbst eine Krankheit, Irrtum und Verhängnis einer Generation, die - auf dem Weg zur Weltbefreiung - das Private mit dem Politischen derart vermählen wollte, dass schließlich beides auf der Strecke blieb.
Für die "Generation Berlin", die Dreißigjährigen am Rande des Millenniumswahns, sind das Märchen aus dem Mittelalter - die RAF allenfalls ein fernes Zeitgeist-Label, kulturelles Markenzeichen wie Velvet Underground, Wrangler-Jeans und DDR, abgesunken in die Untiefen des historischen Bewusstseins, das hier und da noch auf vollgesprayten Mauern in Kreuzberg zu entzif-
fern ist. War da was, und was war es eigentlich?
Margrit Schiller, von 1971 bis 1979 Mitglied der RAF, weiß es genau. Dennoch brauchte sie, von alten Freunden und Genossen immer wieder gebremst und verunsichert, viele Jahre, um ihren "Lebensbericht aus der RAF" unter dem Titel "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung" tatsächlich zu veröffentlichen**. Das Buch ist einer der wenigen authentischen Prosatexte aus den Reihen der ersten RAF-Generation um Baader und Meinhof, die nicht im RAF-Kauderwelsch von revolutionären Kommandoerklärungen, Kassiber-Infos oder pseudotheoretischen Rechtfertigungsschriften abgefasst sind: eine kleine Perle, ein zeitgenössisches Fundstück, das man nicht ohne Erschütterung zu Ende liest.
Spannend, dramaturgisch dicht, durchaus selbstkritisch und gut geschrieben erzählt die heute 51-jährige Margrit Schiller von jenem Jahrzehnt ihrer Jugend, in dem sie von der braven Bürgerstochter zur Untergrundkämpferin der RAF, zur gesuchten Terroristin wurde. Es ist auch ein typisch deutsches Drama von der ewigen Suche nach Wahrheit und Identität, vom schwärmerischen Idealismus, der in der Katastrophe von Lüge und Gewalt endet.
Ebenso wie der zeitliche Abstand der Jahre mag die geografische Distanz zum Ort des Geschehens geholfen haben, sich der Vergangenheit zu nähern: 1985 ging sie nach Kuba, heiratete einen Kubaner und lebt heute mit ihren beiden Kindern in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays.
Zudem: Margrit Schiller war, obwohl sie von Anfang an mit dem Gründungskern der RAF zusammentraf, eine Randfigur. Das mag ihr eine vergleichsweise aufrichtige Rückschau erleichtert haben. Sie hat niemanden getötet, niemanden verletzt, nie geschossen. Zweimal, 1973 und 1976, wurde sie wegen Ausweisfälschung, unerlaubten Waffenbesitzes und Unterstützung beziehungsweise Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung verurteilt und saß dafür insgesamt mehr als sechs Jahre im Gefängnis.
Dennoch: Das individuelle Drama der intelligenten, schönen jungen Psychologiestudentin - Gegenstand des Vordiploms: eine experimentelle Arbeit zur Wahrnehmungspsychologie -, die ihre besten Jahre in bedrückenden, die spätere Isolationshaft gleichsam vorwegnehmenden "illegalen" Wohnungen, in Gefängnissen und auf der Flucht zugebracht hat, reflektiert sie selber kaum. Umso schärfer tritt in der Beschreibung ihres damaligen Lebens die Perspektive des Tragisch-Absurden hervor.
Vor den Augen des aufmerksamen Lesers entfaltet sich ein kleines Panorama der siebziger Jahre, die extreme ideologische Durchdringung des "progressiven Alltags", Miniatur eines radikal antibürgerlichen "Bildungsromans": die Biografie einer jungen Deutschen, die dem autoritären Elternhaus entflieht, um schließlich Sinn und Abenteuer des Lebens bei der "Stadtguerrilla" zu suchen, einer verschworenen Gruppe, die dem Staat den bewaffneten Kampf angesagt hatte und nicht zuletzt an ihren dogmatisch-autoritären, ja spätstalinistischen Strukturen zu Grunde ging. Mehr als 50 Tote blieben auf dem "Schlachtfeld" liegen.
Nie wollte sie leben wie die Eltern, kleinbürgerlich, eng, spießig. Der Vater, der ihr "starke sexuelle Gefühle" entgegengebracht habe, war Major des Militärischen Abschirmdienstes, die Mutter Grundschullehrerin und CDU-Stadtverordnete in Bonn. Mit 15 trat Margrit Schiller aus der Kirche aus, mit 18 verließ sie das Elternhaus, unter dessen "brachialer Gewalt" sie gelitten hatte. Unter Freunden diskutierte sie über Sartres Existenzialismus und genoss es, "wegzugehen, wann ich wollte", oft in die Disco, um "wild zu tanzen". Die Rolling Stones, Animals, Cream und Janis Joplin - das "war meine Musik". Dennoch fühlte sie sich "sehr einsam", das "grundlegende Lebensgefühl, seit ich denken konnte".
1968 dann der weltweite, faszinierende Protest: Vietnam, Rudi Dutschke, Ché Guevara. Doch für Politik im strengen Sinne interessierte sie sich wenig. Umso mehr sehnte sie sich nach "irgendeinem Sinn für mein Leben". So ging sie auf die Suche. Erst fand sie ein "Release"-Projekt der Heidelberger Drogenhilfe, eine "bis dahin unbekannte Welt". Dann, von der Szene auf Dauer doch eher abgestoßen, fand sie zum SPK und dem Konzept revolutionärer Anti-Psychiatrie: Hilfe zur Selbsthilfe. Von dort aus war es nur noch ein kleiner Schritt zur RAF, der sich fast zufällig ergab. Sie verbrannte all ihre "Fotos, Erinnerungsstücke und Briefe" in der Toilette, löste ihre Wohnung auf, ließ dem Vermieter mitteilen, sie habe einen schweren Unfall erlitten und tauchte ab.
Schon wenige Monate nachdem sie im Frühjahr 1971 in den Kreis der kämpfenden Truppe aufgenommen worden war - erste Bewährungsprobe: die Anmietung einer illegalen Wohnung in Hamburg -, geriet sie bei Freiburg zusammen mit einem Genossen in eine Fahrzeugkontrolle der Polizei. Der Begleiter schoss, beide konnten flüchten. Kurz darauf wurde sie in Hamburg, von Ulrike Meinhof und Gerhard Müller begleitet, in eine weitere Schießerei mit der Polizei verwickelt. Müller tötete, so Schillers Darstellung, einen Beamten. Wenig später wurde Margrit Schiller zum ersten Mal verhaftet. Vom Vorwurf des Polizistenmordes wurde Müller 1976 mangels hinreichender Beweise freigesprochen.
"Warum hast du nicht geschossen?", brüllte Holger Meins sie einmal an. Und schon litt sie wieder an ihrer "Unfähigkeit, selbst Gewalt anwenden zu können".
Ganz ohne Zynismus: Die Lektüre des Buchs drängt geradezu den Gedanken auf, dass die Leiden im Gefängnis, dass all die Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen, die brutalen Auseinandersetzungen innerhalb der RAF - oft reine Denunziationen - und die täglichen Überlebenskämpfe in der Zelle den geheimen Sinn der ganzen Sache ausmachten. Endlich radikal, ganz und gar Opfer, "aufgehoben" sein, die körperlichseelische Verschmelzung des eigenen Elends mit dem der Welt erleben - Identität! Endlich konnte sie sich als anerkannter Teil jenes "Unterdrückungszusammenhangs" fühlen, den es zu zerschlagen galt. Doch in diesem ebenso abstrakten wie hypermoralischen Betroffenheitssystem hat Mitleid für einen getöteten Polizeibeamten keinen Platz - offenbar bis heute nicht.
Das von Ulrike Meinhof verfasste "Konzept Stadtguerrilla" aber, die Bibel der RAF, durch die sie sich "quälte", hatte sie überfordert. Sie äußerte keine Meinung: "Dazu war ich außer Stande." Immer wieder brachen Ratlosigkeit,Verwirrung und Überforderung durch: "Ich konnte kein Ziel entdecken, für das unser Handeln einen Sinn gemacht hätte. Mein Kopf war leer, ohne Phantasie. Alles blieb grau."
Es ist kein Zufall, dass sie erst in der Haft intensiv die linken Klassiker las und damit eine theoretische Begründung für ihre Entscheidung nachzuholen versuchte, die sie ins Gefängnis gebracht hatte.
Nie war Margrit Schiller wirklich Subjekt gewesen, schon gar kein "revolutionäres" - dafür immer getrieben und fremdbestimmt, als ob ein endloses Echo aus Kindheit und Jugend sie verfolgte: eine andauernde Tragödie nie errungener Selbstbestimmung. Ihre fragmentarische Autobiografie aber ist ein aufregendes Lehrstück über den unendlich schwierigen Ausgang des Menschen aus seiner selbst- verschuldeten Unmündigkeit.
Der Kampf geht weiter. REINHARD MOHR
* Links: bei der zwangsweisen Vorführung vor der Presse im Hamburger Polizeipräsidium 1971; Mitte: bei der Festnahme in Frankfurt am Main 1972; rechts: bei einer Demonstration in Berlin 1970. ** Margrit Schiller: "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF". Hrsg. Jens Mecklenburg. Konkret Literatur Verlag, Hamburg; 272 Seiten; 39 Mark.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 51/1999
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