20.12.1999

SACHBUCH Deutsche Streichel-Muffel

Russen, Franzosen und Italiener küssen sich zur Begrüßung bis zu dreimal auf die Wangen, Deutsche geben sich distanziert die Hand. Sie seien, urteilte der Anthropologe Ashley Montagu vor fast 30 Jahren, "jeglicher Berührung noch mehr abgeneigt als die Engländer".
Woher kommt sie bloß, die deutsche Berührungsangst, fragt sich der Berliner Autor Florian Felix Weyh, 36, in seinem Essay "Die ferne Haut" (Aufbau-Verlag). Zufrieden scheinen die untaktilen Deutschen ja nicht zu sein: In den Siebzigern zogen sie in Scharen nach Poona zum Berührungsapostel Bhagwan, heute kommt auf jeden Vierten ein streichelbares Haustier. Fazit: Es ist der Wurm drin im deutschen Körpergefühl. Nach dem Geschlechtsakt, wunderte sich schon Montagu, ziehen sich deutsche Männer meist in ihre einzelnen Betten zurück, um den Rest der Nacht in behaglichem Kontaktmangel zu verbringen. Schuld daran, glaubt Weyh, sei die Pille, sie habe die Frau der Mütterlichkeit beraubt und den Mann des Verantwortungsgefühls. Wie wir Deutschen aus der Malaise rauskommen, verrät er nicht. Dafür erfährt der Leser, auch Weyh sei gegen "plumpe Vertraulichkeit" und "kein Autor zum Anfassen". Zustimmung bitte schriftlich. Eigentlich schade. Oder bloß einfach typisch deutsch?

DER SPIEGEL 51/1999
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