Von Bölsche, Jochen; Dettmer, Markus; Pötzl, Norbert F.
Montag, 18. Dezember 1989
Leipzig
Friedrich Magirius, 59, Superintendent und Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, war der Stasi so verdächtig, dass sie seinen Namen auf eine schwarze Liste zu "isolierender" Oppositioneller setzte - Überschrift: "Im Rahmen des Vorbeugungskomplexes zuzuführende Personen, die dem politischen Untergrund zuzuordnen sind".
So wie der Geistliche dazu beigetragen hat, dass es bei der historischen Montagsdemonstration am 9. Oktober nicht zu einem Blutbad gekommen ist, macht er sich nun abermals um den Stadtfrieden verdient.
Gemeinsam mit Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur hat Magirius dazu aufgerufen, die letzte Montagsdemonstration in diesem Jahr als Schweigemarsch zu gestalten. Auf Transparente und Sprechchöre soll verzichtet werden.
Superintendent und Dirigent fürchten, dass sich sechs Tage vor Heiligabend ereignen könnte, was sich eine Woche zuvor angebahnt hat: ein Zusammenstoß zwischen zunehmend militanten Einheitsverfechtern und Gegnern einer "BRDigung der DDR".
Der Appell wird erhört. Mit Symbolen statt Sprüchen, Kerzen statt Transparenten ziehen 150 000 Menschen über den Ring. Mit flackernden Lichtern in Lampions und Joghurtbechern schiebt sich die Menge von der Magiriusschen Nikolaikirche, wo im September die friedliche Revolution begonnen hat, bis zur "Runden Ecke", dem berüchtigten Gebäudekomplex der Stasi.
Der stille Umzug im Kerzenschein bietet deutsch-nationalen Sprücheklopfern kaum Gelegenheit zur Selbstdarstellung - obwohl deren Auftritte republikweit zunehmen. Westdeutsche Rechtsextremisten hätten Gesinnungsgenossen in der DDR gezielt zu Gewaltaktionen aufgestachelt, hat der Stasi-Nachfolgedienst aus mitgeschnittenen Ferngesprächen herausgehört.
Die braunen Brüder im Osten sollen die Sicherheitskräfte zu harten Reaktionen provozieren, um so Gewalttätigkeiten auf der Straße auszulösen. "In Besorgnis erregendem Umfang" hätten sich "Erscheinungen rechtsextremistischen, insbesondere neofaschistischen, antisemitischen und ausländerfeindlichen Inhalts und Charakters" verstärkt, heißt es in einer "Orientierung" der Nachrichtendienstler.
Bei der Leipziger Montagsdemo verteilen jedoch nur ein paar kahlnackige Neonazis aus dem Westen importierte NPD-Flugblätter und -Aufkleber. Einige "Republikaner" grölen großdeutsche Parolen.
Empörte Marschierer sprechen Polizisten an, die den Zug begleiten, sie sollten etwas gegen die Rechten unternehmen. Doch die Vopos halten sich zurück.
"Nee", antwortet ein Offizier, "wir haben keinen Polizeistaat mehr."
Ost-Berlin
Weihnachtsmänner mit Wattebart beleben wie in jedem Jahr zur Adventszeit die Straßen Berlins. Ein Weihnachtsstern aus Glanzpapier leuchtet gülden im tannengeschmückten Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Darunter fetzt sich das sonderbarste Gremium, das je in Deutschland politische Macht besaß.
Adventsstimmung will nicht aufkommen in der zweiten Sitzung des Zentralen Runden Tisches. Zu unterschiedlich sind die Interessen der Kontrahenten: Hier Vertreter der alten Macht, die sich nie freien Wahlen gestellt hat; dort Abgesandte der Opposition, demokratisch ebenfalls nicht legitimiert.
Beide Fraktionen - und das macht den Frontverlauf unübersichtlich - sind durchsetzt von Agenten der Staatssicherheit. Die Spitzel wiederum wissen in aller Regel nicht, welche Tischgenossen außer ihnen selbst sonst noch der Geheimpolizei verpflichtet sind.
Absurde Szenen spielen sich ab. SDP-Vertreter Martin Gutzeit fordert, der Runde Tisch möge die von der Stasi "eingeschleusten Personen" aufdecken. In merkwürdiger Eintracht wenden sich Stasi-Agenten wie Stasi-Opfer gegen die Aufforderung zum "Stasi-Spitzel-Jagen", wie sich Reinhard Schult vom Neuen Forum (NF) empört.
Als der Gutzeit-Antrag schließlich zur Abstimmung gestellt wird, enthalten sich zwei Drittel der Anwesenden, zehn stimmen mit Nein, nur zwei votieren für die Forderung: Antragsteller Gutzeit und, ausgerechnet, dessen SDP-Genosse Ibrahim Böhme alias IM "Maximilian".
Wenig später wird der vermeintliche radikale Stasi-Gegner Böhme von der Runde mit einem wichtigen Amt betraut. Als "Einberufer" soll der Spitzenagent eine "Arbeitsgruppe ,Sicherheit''" aufbauen, der die Kontrolle der Stasi-Auflösung obliegt.
Immerhin kommt ein Beschluss zu Stande, mit dem der Runde Tisch klar auf Gegenkurs zum Kabinett Modrow geht: Die Regierung möge den Aufbau eines Verfassungsschutzes bis nach den ersten freien Wahlen im Frühjahr "aussetzen". (Einen Monat später wird Modrow diese Forderung erfüllen, um ein Auseinanderbrechen seiner Regierung zu vermeiden.)
Ein zweiter Vorstoß, der die Macht der Modrow-Regierung begrenzen soll, scheitert an der Uneinigkeit und Unterwanderung der Opposition.
Der Eisenhüttenstädter Anwalt und Neue-Forum-Mitbegründer Rolf Henrich, 45, im Frühjahr wegen eines im Westen veröffentlichten Buches ("Der vormundschaftliche Staat") aus der SED ausgeschlossen und mit Berufsverbot belegt, verlangt für die Opposition nicht bloß Mitsprache, sondern Regierungsteilhabe.
Das Modrow-Kabinett, argumentiert er, sei nicht aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangen, sondern vom alten SED-Politbüro bestimmt worden. Deshalb müsse es, so Henrich in einem vorbereiteten Positionspapier, "zur Übergangsregierung erklärt" werden und dem Runden Tisch ein umfassendes Kontroll- und Vetorecht einräumen. Kurzum: Die Opposition soll künftig an den Sitzungen des Ministerrats teilnehmen dürfen.
Der überraschende Vorstoß verblüfft nicht nur den neuen SED/PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi und dessen Stellvertreter Wolfgang Berghofer, die ihre Durchhaltestrategie zur Bewahrung der Macht in Gefahr sehen. Auch die neuen Polit-Gruppierungen, die, anders als bislang üblich, diesmal nicht vorab informiert worden sind, fühlen sich überrumpelt.
Trotzig erwidert SED-Mann Berghofer, die Regierung sei "bis zum 6. Mai", dem Tag der geplanten demokratischen Volkskammerwahl, "im Amt". Drohend fügt er hinzu: "Wenn wir sie heute stürzen, dann sehe ich am 6. Mai keine Wahlen."
Schützenhilfe erhält der SED-Vertreter vom Ost-CDU-Vorsitzenden Lothar de Maizière, 49, der seit langem mit der Fähigkeit begabt ist, mehreren Herren zu Diensten zu sein: Als IM "Czerni" hat sich der Kirchenanwalt von der Stasi abschöpfen lassen; als Minister für Kirchenfragen ist er Stellvertreter des Wiedervereinigungsgegners Modrow; als Partner der Bonner CDU bringt er seine einstige Blockpartei derzeit auf Kohlschen Einheitskurs.
Keine hundert Tage, bevor der Mann mit dem kleinen Wendekreis zum ersten (und letzten) frei gewählten Ministerpräsidenten der untergehenden DDR aufsteigt, lehnt er brüsk den Henrich-Vorstoß ab, die Opposition an der Regierungsmacht zu beteiligen. Maizière: "Das wäre dann das Ende."
Natürlich wolle die Opposition die Regierung nicht stürzen, besänftigt, freundlich lächelnd, der Kirchenhistoriker Wolfgang Ullmann, Vertreter von Demokratie Jetzt, die Machthaber. Die Regierung müsse allerdings ihre Kooperationszusage einhalten und die wirtschaftliche Situation offen legen.
Berghofer schlägt einen scheinheiligen Kompromiss vor, dem sich das Neue Forum nicht entziehen kann, wenn Henrichs Initiative nicht völlig folgenlos verpuffen soll. In einer kleineren "Arbeitsgruppe", meint Berghofer, könne mit Modrow durchaus über Zusammenarbeit und Reformen gesprochen werden.
So bleibt fürs Erste in der Schwebe, ob der Runde Tisch machtbewusste Gegenregierung oder unverbindliche Palaverrunde sein will. Seine Arbeit gleicht weiterhin, wie DDR-Bürger spotten, der "Quadratur des Kreises".
Ost-Berlin
Walter Priesnitz, 57, Staatssekretär im Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen, führt in der Hauptstadt der DDR Verhandlungen, die ebenso bizarr wie anachronistisch anmuten.
Auf der Tagesordnung steht der Austausch und Freikauf von Gefangenen - ein Gegengeschäft nach der Formel Freiheit gegen Bananen.
Südfrüchte im Wert von 15 Millionen Mark will Bonn in die DDR liefern lassen - eine seit 1963 gebräuchliche Gegenleistung für die Freilassung von Häftlingen (siehe Analyse Seite 130). Diskret vermittelt worden ist der Deal auch diesmal von den Kirchen, unterzeichnet wird der Vertrag in der Kanzlei von CDU-Chef de Maizière am Treptower Park.
Dabei kann die untergehende DDR keinen Anspruch mehr darauf erheben, dass ihr die Bundesregierung Gefangene abkauft. Denn Ende November hat DDR-Anwalt Wolfgang Vogel in einem Vermerk für Egon Krenz festgehalten: "Seit dem 9. 11. 1989 ist der Freikauf nicht mehr erforderlich, weil es Freizügigkeit und keine Strafurteile aus politischen Gründen mehr gibt."
Einen allerletzten deutsch-deutschen Agentenaustausch bespricht Priesnitz in Vogels Anwaltskanzlei im Stadtteil Friedrichsfelde. Die Abmachung betrifft einerseits 25 Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, des westdeutschen Verfassungsschutzes und der amerikanischen CIA, die in der DDR noch inhaftiert sind, andererseits 4 Westdeutsche, die für das sowjetische KGB spioniert haben und in bundesrepublikanischer Haft einsitzen.
Zu den KGB-Agenten zählt Margret Höke, eine ehemalige Sekretärin im Bundespräsidialamt, die im August 1987 zu acht Jahren Haft verurteilt worden ist. Sie war einem Stasi-Romeo in die Falle gegangen und hatte 14 Jahre lang geheime Nato-Dokumente nach Moskau geliefert. Nun hat ihr früherer Chef, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die Begnadigungsurkunde unterschieben - rechtliche Bedingung für den humanitären Menschenhandel.
Im Gegenzug gibt die DDR zudem hundert Gefangene frei, die aus politischen Gründen inhaftiert worden waren. Darunter sind Menschen wie Bodo Strehlow, 32, ehemaliger Obermaat bei der Grenzbrigade "Küste", der 1979 versucht hat, über die Ostsee in die Bundesrepublik zu fliehen. Auf einer Patrouillenfahrt zwang er mit der Waffe seine Kameraden unter Deck, wo er sie einsperrte. Während er gen Westen schipperte, konnten sich die Marinesoldaten jedoch befreien. Sie überwältigten Strehlow, der bei dem Kampf schwere Verletzungen davontrug.
Nahezu taub und auf einem Auge erblindet, wurde Strehlow ins Gefängnis Bautzen II gesperrt; dort haben ihn die Gefangenen während der Streiktage Anfang des Monats zu ihrem Sprecher gewählt.
In ihrem goldfarbenen Privat-Mercedes bringen Vogel und seine Ehefrau Helga noch vor Weihnachten Strehlow und die anderen Haftentlassenen nach und nach ins West-Berliner Bundeshaus.
Anschließend meldet der Advokat in einem Telex nach Bonn Vollzug: "Ab dem 24. 12. 89 gibt es in den Gefängnissen der DDR keinen einzigen politischen Häftling mehr."
Dienstag, 19. Dezember 1989
Ost-Berlin
Zehntausende Stasi-Männer sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Vergebens sind ihre Bemühungen gewesen, die Wende aufzuhalten, linkisch ihre Versuche, im letzten Augenblick selbst noch die Kurve zu kriegen.
Nun - auch die Stasi-Nachfolgeorganisation Nasi wird bereits aufgelöst - sondieren die Gerissensten unter den Tschekisten von einst, ob sie nicht von der demokratischen Revolution profitieren können. Denn sie verfügen über geheimes Wissen, das westliche Dienste in West-Mark und Dollar aufwiegen könnten - so etwa ein Schlitzohr namens Willy Koch.
Als Vize in der Hauptabteilung XVIII/8 ist Koch eingeweiht in die illegalen Ost-West-Geschäfte der Stasi: Entgegen den strengen westlichen Embargobestimmungen hat die DDR im Westen für drei Milliarden Mark Hightechprodukte gekauft; behilflich waren den Geheimdienstlern korrupte, erpresste oder einfach profitgierige Spitzenmanager bundesdeutscher Firmen.
Seit 14 Tagen ist Koch im Besitz von 92 Computerdisketten, auf denen, wie er weiß, "das gesamte operative Wissen der Hauptabteilung XVIII/8" gespeichert ist: eine Datensammlung mit den Namen von 13 000 Personen, die ausgedruckt 80 Leitz-Ordner mit jeweils 500 Seiten füllen würde.
Die Disketten sind Koch auf höchst abenteuerliche Weise in die Hände gefallen. Als Kochs Vorgesetzter Artur Wenzel am Abend des 4. Dezember seine Dienststelle am Alexanderplatz mit zwei verdächtig aussehenden Koffern verlassen wollte, lief er Bürgerrechtlern in die Arme, die Aktenvernichtungen vorbeugen wollten und das Gepäck kontrollierten.
In Wenzels Aktenkoffern fanden sich neben 150 000 Ost-Mark zwei Goldbarren und dicke Umschläge, voll gestopft mit Devisen: Insgesamt 730 000 Mark West zählten die verblüfften Volkspolizisten, die den sich heftig wehrenden Geheimdienstler schließlich aufs Revier verfrachteten. Bei Vernehmungen schwieg Wenzel eisern. Zwei Tage später, am Morgen des 6. Dezember, entdeckte ein Wachmann den Untersuchungshäftling tot in der Zelle 107 des Polizeipräsidiums an der Ost-Berliner Keibelstraße: Der Oberst hatte sich mit seinem Gürtel am Fenstergitter erhängt.
Fahnder durchsuchten Wenzels Dienststelle, wo sie auf Reste von vernichteten Akten stießen, und seine Privatwohnung. Dort lagerten teure Stereoanlagen, dutzende von Armbanduhren, dazu "59 Teile Anzug" und "30 Herrenoberhemden (eingeschweißt)".
Kein Fahnder kommt auf die Idee, auch den kleinen Lada zu durchsuchen, den Wenzel vor seiner Festnahme in einem Hinterhof nahe seiner Dienststelle geparkt hat. Das holt nach Wenzels Verhaftung dessen Stellvertreter nach.
Im Kofferraum findet Koch das Paket mit den Disketten, das er sofort an sich nimmt und später einem Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) übergibt. "Wer die Disketten liest", preist Koch seinen Schatz an, "weiß alles, was wir wussten."
"Bis zu einer Million Mark" habe der BND plauderwilligen Stasi-Leuten offeriert, erzählt im Nachhinein Werner Großmann, Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) - eine Angabe, die übertrieben sein dürfte.
Alles in allem, rechnet später BND-Präsident Hansjörg Geiger einem geheimen Bonner Gremium vor, habe sein Dienst "Befragungen" von etwa 200 MfS-Bediensteten vorgenommen. Dafür seien aus "operativen Mitteln" der Pullacher Behörde lediglich 480 000 Mark geflossen, für "Reisekosten und Aufwendungen".
Mindestens ein halbes Dutzend hochrangiger Offiziere wechseln ab Dezember die Front. Für einige spielt Geld keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Karl-Christoph Großmann etwa - zwecks Unterscheidung vom "großen Großmann", dem HVA-Chef, amtsintern der "kleine Großmann" genannt - muss nicht mit Barem geködert werden. Mit der "Firma" hat er längst innerlich gebrochen.
Ende 1987 wurde der Vizechef der Abteilung IX (Gegenspionage) nach 32 Dienstjahren vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Die Mielke-Truppe, die ihren eigenen Mann zuvor über ein Jahr lang "unter operativer Kontrolle gehalten" hatte, erklärte ihn wegen "Überheblichkeit, Schwatzhaftigkeit und Prahlsucht sowie ... unmoralischem Lebenswandel" zum "Sicherheitsrisiko".
Defätistisch äußerte sich Großmann vor alten Kameraden am 8. November, als er im Café Moskau an der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee, einem beliebten Agententreff, seinen 60. Geburtstag feiert: "Das Rad der DDR-Geschichte ist abgelaufen."
Großmann trifft sich im Grand-Hotel an der Friedrichstraße mit John O. Koehler, einst Ronald Reagans Pressechef, von dem er weiß, dass er für die CIA gearbeitet hat. Beide kennen sich aus gemeinsamen Dresdner Schultagen.
Großmann, so Koehler, erzählt "von zahlreichen Amerikanern, die hoch sensible US-Militärgeheimnisse an die Stasi verraten hatten". Ein westdeutscher Journalist führt Großmann schließlich in einem italienischen Ristorante an der U-Bahn-Station in Moabit dem West-Berliner Verfassungsschutz zu.
Der lässt den Informanten wiederholt unauffällig zu Hause abholen und im Audi zu einer konspirativen Schöneberger Wohnung oder in die Dependance Potsdamer Straße chauffieren. Großmann erhält den Kodenamen "Kardinal" und reist nach eigenen Angaben "vielleicht zehn Mal" zum Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nach Köln, das ihm rund 18 000 Mark Spesen erstattet.
"Kardinal" gibt, neben kleineren Lichtern, zwei westdeutsche Spitzenspione preis: Klaus Kuron, Abwehrspezialist beim BfV, und Gabriele Gast, promovierte Politologin beim BND; die beiden werden später zu zwölf beziehungsweise sechsdreiviertel Jahren Haft verurteilt.
Unter Stasi-Veteranen kursiert das Gerücht, Großmann habe sein West-Honorar in ein Café investiert, das sein Sohn am Müggelsee eröffnet. Wenig später wird das Etablissement abgefackelt.
Ähnlich gesprächig wie Großmann ist der ehemalige Stasi-Oberst Eberhard Lehmann, der den Tarnnamen "Glasschüssel" bekommt. Lehmann wirkte bis 1986 in der Hauptabteilung II (Spionageabwehr), anschließend war er Resident des KGB in Karlshorst. Auch Lehmanns Amtsnachfolger bei der Stasi, Rainer Wiegand, dient sich dem BND an.
Das Insider-Wissen sollte sich für die westdeutschen Geheimdienste spätestens am 15. Januar 1990 auszahlen - jenem Tag, an dem Aktivisten der Bürgerbewegung das weitläufige Areal des Ministeriums für Staatssicherheit an der Normannenstraße erobern.
Die Masse der Demonstranten stürzt durch das Tor geradewegs auf ein Gebäude zu, in dem die Kantine untergebracht war, und auf eine Kaufhalle, in der auch knappe Artikel angeboten wurden, die im Politbüro-Reservat Wandlitz keine Abnehmer gefunden haben. Die Wut über das Luxusleben der Mächtigen verstellt den Blick auf wichtigere Objekte.
Ein kleinerer Trupp weiß besser Bescheid, wo was zu finden ist. Zielsicher dringt er in das Gebäude der Spionageabwehr ein und bricht dort die Stahlschränke auf.
Den Tipp soll Wiegand gegeben haben. Der kommt 1996 bei einem Verkehrsunfall in Portugal ums Leben.
Angetrunken prallt er bei einem leichtsinnigen Überholmanöver mit einem entgegenkommenden Lkw zusammen. Trotzdem hält sich in Ost-Berlin lange Zeit das Gerücht, der "Verräter" sei einem Racheakt zum Opfer gefallen.
Dresden
Kurz nach 9 Uhr landet Helmut Kohl mit einem zweistrahligen Jet der Bundesluftwaffe auf dem Flughafen Dresden. Das Gelände ist voller Menschen, die schwarzrotgoldene Fahnen schwenken - teils DDR-Flaggen, aus denen sie das Spalteremblem Hammer und Zirkel im Ährenkranz kreisrund herausgeschnitten haben.
"Schlagartig" wird dem Christdemokraten beim Anblick der jubelnden Massen bewusst, dass die Tage der DDR gezählt sind: "Dieses Regime ist am Ende, die Einheit kommt", schildert er seine Gedanken später einem seiner Memoirenschreiber.
Als der Staatsgast auf der untersten Stufe der Gangway steht, zehn Meter von dem aschfahlen Modrow entfernt, der zu seiner Begrüßung angetreten ist, dreht sich Kohl zu seinem Amtschef Rudolf Seiters um und raunt ihm zu: "Rudi, die Sache ist gelaufen."
Die Straßen zur Innenstadt, die BRD-Kanzler und DDR-Premier im Volvo zurücklegen, sind gesäumt von zehntausenden - Arbeitern, die blaumachen, und Schülern, die schwänzen. Vor dem Kulturpalast am Altmarkt, einem Klotz aus Glas und Beton, wird dem Besucher ein triumphaler Empfang zuteil.
Nur vereinzelte Einheitsgegner stören die ergreifende Stimmung. "Grüß Dich, Helmut" - mit grünen Buchstaben auf einem weißen Bettlaken heißen junge Leute den Gast scheinbar willkommen. Doch als das an Ballons hängende Tuch aufsteigt, kann Kohl die höhnische Botschaft lesen: "Nimm es nicht so schwer, wir bleiben DDR."
Die Mehrheit ist erkennbar anderer Meinung. "Deutschland", brüllt die Menge, "einig Vaterland", echot es von den Spruchbändern. Im Chor reimt das Volk: "SED - das tut weh. Helmut Kohl - das tut wohl."
Hans Modrow, der gute Mensch von Dresden, ist Luft für seine Landsleute. Neben dem kolossalen Kohl duckt sich der schmächtige Premier, als wolle er sich selbst unsichtbar machen. Mit zusammengekniffenen Lippen trottet er hinter seinem Gast her, der sich mit ausladenden Armbewegungen durch die jubelnde Masse schiebt.
Kohl hat eigentlich gar nicht vor, eine Rede zu halten. Doch nach diesem Empfang steht für ihn fest, dass er zu den Menschen sprechen muss. Aber wo? Dresdens Oberbürgermeister Berghofer hat die Idee, der Kanzler solle vor der Ruine der am 13. Februar 1945 von britischen Bombern zerstörten Frauenkirche reden.
Während die Vorbereitungen für den Auftritt anlaufen, konferiert Kohl im Hotel Bellevue unter vier Augen mit Modrow. Danach, im größeren Kreis, liest der Ostdeutsche im Salon "Ludwig Richter" verkrampft vom Blatt ab, was ihm seine Leute aufgeschrieben haben: Er sei besorgt über die Lage; die Diskussion über die Wiedervereinigung nehme exzessive Dimensionen an; die Grenze zur Gewalt drohe überschritten zu werden. Das Land brauche jetzt innere Stabilität.
Dann erläutert Modrow die wirtschaftliche Situation der DDR und fordert einen "Lastenausgleich" in Höhe von 15 Milliarden West-Mark für 1990/91 - denselben Betrag hatte auch schon Schalck für Krenz erbeten. Kühl lässt Kohl ihn abblitzen: Dafür müsse die DDR erst mal "die Rahmenbedingungen schaffen".
Der versammelten Weltpresse verkündet Modrow, Kohl neben sich, gleichwohl tapfer, er sehe "in der DDR die Chance und die Möglichkeit, dass wir unseren Weg weitergehen". Aber zur Rede an das Volk, das sich in der Dämmerung vor der Ruinenkulisse zusammendrängt, lässt er seinen Gast lieber allein gehen.
Der weiß: Die Stimmung ist gefährlich. Alles, "was als Ausbruch nationalistischen Überschwangs" gedeutet werden könnte, würde "der Sache der Deutschen gewiss schweren, wenn nicht verheerenden Schaden" zufügen. Kohl ist "klar, dass es eine der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste Rede überhaupt" in seinem Leben werden würde.
Was tun, wenn die Menschen plötzlich im nationalen Taumel die erste Strophe des Deutschlandlieds singen? Vorsorglich lässt der Kanzler nach einem Kirchenkantor suchen, der im Ernstfall "Nun danket alle Gott" anstimmen soll - was sich dann aber als nicht nötig erweist, Gott sei Dank.
Kohl spricht 17 Minuten. Er hält die Balance zwischen Mahnung und Versprechen. So fördert er die Hoffnung der Menschen, dass die Wiedervereinigung eines Tages kommen werde: "Mein Ziel bleibt, wenn die
geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation."
Aber er verkündet auch als "Ziel, dass die Lebensverhältnisse hier in der DDR so schnell wie möglich verbessert werden": "Wir wollen, dass die Menschen sich hier wohl fühlen, wir wollen, dass sie in ihrer Heimat bleiben und hier ihr Glück finden können."
Als Kohl seine Rede mit dem Satz "Gott segne unser deutsches Vaterland" beendet, steigt eine ältere Frau zu ihm aufs Podium, umarmt den Kanzler und sagt mit tränenerstickter Stimme: "Wir alle danken Ihnen."
Die Mikrofone sind noch offen, das Publikum kann mithören.
Magdeburg
Während Kohl noch in Dresden spricht, wird sein Vorvorgänger in Magdeburg wie ein Revolutionsheld gefeiert. "Mensch, Willy, dass ich das noch erlebe", strahlt eine Frau um die 50. Blumensträuße fliegen, Fahnen flattern.
Der Sozialdemokrat Willy Brandt, neuer Superstar auf beiden Seiten der bröckelnden Mauer, begeistert einen Tag nach seinem 76. Geburtstag die Magdeburger. Die Menge singt "Happy Birthday" und fordert den Jubilar auf: "Willy, sag, wo''s langgeht."
Seit dem Mauerfall steht der Senior, der im Hader mit seinen Genossen vor zwei Jahren den Parteivorsitz abgegeben hat, wieder im Rampenlicht. Über die Parteigrenzen hinweg gilt er als Autorität und Berufungsinstanz.
Der Altkanzler gibt die von ihm erwarteten Empfehlungen. "An den Hammelbeinen vor den Kadi ziehen" sollen die Ostdeutschen die Verantwortlichen für staatliches Unrecht, doch "einbinden" die Mitläufer und Verführten. Brandt: "Kein Hass!"
Am Tag zuvor hat der Patriarch den SPD-Delegierten beim Parteitag in West-Berlin die Seelen gewärmt. Die Entwicklung im Osten hat die westdeutschen Linken, nicht nur in der SPD, konfus gemacht - ein geeintes Deutschland liegt noch immer weit außerhalb ihrer Vorstellungswelt.
Der anerkannte Internationalist Brandt hingegen, sonst als Meister des Sowohl-alsauch verschrien, stellt sich ohne Wenn und Aber an die Spitze der Rufer nach deutscher Einheit: Es könne "nun auch als sicher gelten", erklärt er den hingerissenen Genossen in West-Berlin, dass Deutschland der Einheit näher sei, "als dies noch bis vor kurzem erwartet werden durfte".
Brandt widerspricht vehement jenen Linken, namentlich Günter Grass, die meinen, Auschwitz schließe einen deutschen Einheitsstaat für immer aus: "Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden."
Nicht wenige wünschen sich, dass Brandt bei der Bundestagswahl 1990 noch einmal als Kanzlerkandidat antreten könnte. "Wär der Willy doch nur", sagt einer wehmütig, "zehn Jahre jünger - das wär''s."
Unter dem Dach des Internationalen Congress Centrums klatschen ergriffen auch junge Sozialdemokraten aus der DDR: "Ja", versichert in ihrem Namen Pfarrer Markus Meckel, SDP-Mitbegründer und nachmaliger Außenminister der DDR, "wir werden für den deutschen Einigungsprozess eintreten."
Doch der Rauschebart offenbart auch seinen Zorn darüber, dass die Partei allzu lange auf ihren Exklusivpartner SED fixiert gewesen ist: Die West-SPD habe zu zögerlich "das Gespräch mit den oppositionellen Gruppen gesucht".
Tatsächlich hat etwa West-Berlins Bürgermeister Walter Momper noch im August gespottet: "Mit Parteigründungen durch kleine Gruppen kann in der DDR jetzt gar nichts bewegt werden." Momper oberschlau: "Die SED hat in der DDR tatsächlich die Macht, und sie wird sie in absehbarer Zeit behalten."
Und SPD-Chef Hans-Jochen Vogel hat im Herbst dem Moskauer KP-Führer Michail Gorbatschow sogar schriftlich versichert, dass seine Partei die DDR-Opposition "weder organisieren noch finanzieren" werde. Und natürlich war es der SDP auch versagt, den Namen SPD zu führen.
Ein Kurswechsel bahnte sich erst an, als in Bonn das Gerücht aufkam, die SED werde sich umbenennen in "Sozialistische Partei Deutschlands", abgekürzt SPD. Um das zu verhindern, erklärte Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs am 8. Dezember eilig, die SPD würde es nunmehr "sehr begrüßen", wenn die DDR-SDP "unseren Namen übernehmen" würde.
Zugleich korrigiert die SPD drastisch ihr Verhältnis zur SED. Anke Fuchs geht mit der reformgeneigten Modrow-Partei, Konkurrentin bei der bevorstehenden Wahl, so hart ins Gericht, wie es kaum je ein Sozialdemokrat gegenüber der autoritären Greisengarde der Honecker-Ära gewagt hat. Fuchs plötzlich: "Die SED ist eine korrupte stalinistische Partei, die SED ist kaputt ... Das ist für uns erledigt."
Klar, dass die SPD die armen Brüder im Osten von nun an mit allem versorgt, was sie braucht - seien es kampagnenerfahrene Wahlkampfmanager und Sekretärinnen oder auch nur Klarsichthüllen für die Türschilder im Berliner Parteibüro.
Ihren Spitzenkandidaten allerdings müssen die Ost-Genossen demnächst ganz allein aufstellen. Und dabei können sie nach Lage der Dinge nur Fehler machen.
Weil der rustikale Pfarrer Meckel - Vollbart über Sakko ohne Schlips - nicht als mehrheitsfähig gilt, präferiert der SDP-Bezirk Berlin den eleganten Kirchenjuristen Manfred Stolpe; der, so heißt es, beherrsche "mediengerechtes Auftreten" und verfüge über einen "hohen Bekanntheitsgrad"; außerdem sei er eine "integre Person".
Das bezweifeln andere. Zwar weiß noch keiner von Meckels Parteifreunden, dass der Konsistorialpräsident mit dem Decknamen "IM Sekretär" ohne Wissen seiner kirchlichen Vorgesetzten vielfach mit Stasi-Führungsoffizieren zusammengetroffen ist. Manch einer aber wirft Stolpe vor, dass er noch im Oktober das unruhige DDR-Volk öffentlich dazu aufgerufen hat, "jetzt von nicht genehmigten Demonstrationen auf den Straßen abzusehen".
So wird 1990 schließlich jemand Spitzenkandidat der Ost-SPD, der, anders als Stolpe, nicht durch SED-Nähe korrumpiert scheint: Ibrahim Böhme, der Dunkelmann, der als "IM Maximilian" die SDP bereits verraten hat, bevor sie überhaupt gegründet war.
Mittwoch, 20. Dezember
Ost-Berlin
Kaum hat Kohl die DDR verlassen, rückt der nächste Staatsgast an. Doch anders als der Bonner Kanzler, der aufs Einheitstempo drückt, will François Mitterrand, der französische Staatspräsident, möglichst lange eine eigenständige DDR erhalten.
Die Visite ist ein Affront gegen Mitterrands Männerfreund Kohl, der 1984 über den Gräbern von Verdun so symbolträchtig seine Hand ergriffen hatte. Als erster und einziger Staatschef der westlichen Siegermächte stattet der Franzose der dahinsiechenden DDR einen Staatsbesuch ab - so wie er, ebenfalls exklusiv, zwei Jahre zuvor Erich Honecker in Frankreich empfangen hatte.
Schon die Art, wie der Élyséepalast am 21. November Mitterrands Besuch in Ost-Berlin angekündigt hat, vergrätzte Bonn: Der Termin war, wie Kohl-Berater Horst Teltschik schmollt, nicht mit der Bundesregierung abgesprochen worden.
Um eine Retourkutsche für den Zehn-Punkte-Plan, den Kohl ebenfalls ohne Konsultation verkündet hat, kann es sich nicht handeln - auch wenn Mitterrand, wie dessen Vertrauter Jacques Attali notiert, damals tobte: "Er hat mir nichts gesagt! Überhaupt nichts! Das werde ich ihm nie vergessen!" Aber das war am 28. November, nach seiner Reiseankündigung.
Mitterrand, kein Zweifel, findet zwei deutsche Staaten kommoder als einen. Deshalb ist er am 6. Dezember zu Michail Gorbatschow nach Kiew gefahren, um sich zu vergewissern, dass er in dem Kremlherrn einen Verbündeten gegen die Wiedervereinigung hat. Deshalb auch bietet er Modrow einen 300-Millionen-Francs-Kredit an, um die DDR zu stützen.
Hinter verschlossenen Türen tröstet Mitterrand die niedergeschlagenen SED-Kader, "alle Länder" hätten "zu bestimmten Zeiten ihre Krisen zu bewältigen". Dem amtierenden Staatsratsvorsitzenden Manfred Gerlach versichert er, "dass die DDR, wenn sie ihr politisches Gleichgewicht wiederfindet, in der Zukunft große Chancen haben" werde, "einen gewichtigen Platz in Europa einzunehmen". Quel erreur!
Donnerstag, 21. Dezember 1989
Leipzig
Auch der DDR-Jugend trichtert Mitterrand seine These von der deutschen Zweistaatlichkeit ein.
Im überfüllten Hörsaal 19 der Karl-Marx-Universität in Leipzig spricht der Sozialist vor rund tausend Studenten. Zwar gehe die Einheit "zunächst die Deutschen" an, räumt er ein. Aber zwei deutsche Staaten hätten ihre "souveräne Existenz", und "auch ihre Nachbarn" müssten über deren "Stabilität wachen".
Am nächsten Tag reist Mitterrand wieder ab - kurz bevor Kohl nach Berlin kommt, um einen neuen Grenzübergang am Brandenburger Tor zu eröffnen.
Barsch weist der Franzose den Vorschlag zurück, mit dem Kanzler gemeinsam durch das symbolträchtige Stadtportal zu gehen: "Selbst wenn ich eingeladen worden wäre, würde ich es nicht machen." Er wolle sich, giftet Mitterrand, nicht beteiligen an der "Inbesitznahme der DDR" durch den Kanzler.
Freitag, 22. Dezember 1989
Ost-Berlin
Seit gut einem Monat haben sich vor dem Brandenburger Tor Hundertschaften von Reportern auf hydraulischen Hebebühnen und Kränen mit Übertragungswagen und Satellitenantennen postiert - den nächsten historischen Augenblick wollen sie auf keinen Fall verpassen.
Der klassizistische Bau mit den zwölf dorischen Säulen hat hohen Symbolwert. 1933 zogen nach Adolf Hitlers Machtergreifung die Braunen mit lodernden Fackeln durch den Triumphbogen. Im Mai 1945 hissten Soldaten der siegreichen Sowjetarmee die rote Fahne, am 17. Juni 1953 holten aufständische Ost-Berliner Arbeiter die Flagge herunter.
Das Kuratorium Unteilbares Deutschland startete 1959, nach Nikita Chruschtschows Berlin-Ultimatum, die Aktion "Macht das Tor auf": Mit Sammelbüchsen gingen Politiker und Prominente auf die Straße und verkauften 14 Millionen Anstecknadeln mit dem Bauwerk.
Tage- und nächtelang wartete nach dem 9. November der Journalistenpulk darauf, dass auch an dieser Stätte ein Durchlass geschaffen werde. Doch Egon Krenz, damals noch SED-Generalsekretär, zeigte sich scheinbar wendehalsstarrig: Das sei, sagte er sechs Tage nach der Maueröffnung, "eine Symbolhandlung, an der ich im Augenblick nicht interessiert bin".
Dabei war es, wie sich später herausstellen wird, Kohls Wunsch, dem sich Krenz gebeugt hat.
Über die Hintergründe hat der in den Westen geflüchtete Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkows ki gegenüber dem Bundesnachrichtendienst ausgepackt. In einem Vernehmungsprotokoll ("Geheim / amtlich geheim gehalten") heißt es über die Aussagen des Überläufers mit dem BND-Decknamen "Schneewittchen":
Als "Schneewittchen" bei Minister SEITERS war, bat SEITERS "Schneewittchen", KRENZ anzurufen und sicherzustellen, dass eine Öffnung nicht ohne Bundeskanzler erfolgen dürfte. "Schneewittchen" rief aus dem Büro von SEITERS KRENZ an und richtete dies aus.
In privaten Notizen hatte Schalck schon am 15. November festgehalten, der Kanzleramtsminister habe ihm erklärt, es würde "die offiziellen Verhandlungen mit der Bundesregierung außerordentlich erschweren, wenn eine etwaige Öffnung des Brandenburger Tores als neuer Grenzübergang ohne vorherige Kenntnis der Bundesregierung mit anderen Parteien und Politikern erfolgt".
Eifersüchtig wachte der CDU-Kanzler darüber, dass nicht ein anderer im Alleingang mit den neuen DDR-Regenten das Brandenburger Tor aufmacht: der Sozialdemokrat Walter Momper, der populäre West-Berliner Bürgermeister mit dem roten Schal, dem Kohl das Pfeifkonzert am 10. November vor dem Schöneberger Rathaus persönlich verübelt.
Nun also ist es so weit, der Termin dem Kanzler genehm. Schweres Gerät hat rechts und links von dem 20 Meter hohen Säulenportal zwei fünf Meter breite Breschen in den bis zu drei Meter dicken und drei Meter hohen Schutzwall geschlagen, der an dieser Stelle für die Ewigkeit gebaut zu sein schien.
Die ersten Schaulustigen kommen schon morgens um neun, sechs Stunden vor dem angekündigten Staatsakt. Kurz nach zwei drängeln sich tausende von Berlinern an den Absperrgittern, Volksfeststimmung kommt auf. Dann hält King Kohl Einzug. Neben dem großen Kanzler trippelt wieder der kleine Modrow, beide flankiert von den Berliner Stadtoberhäuptern Walter Momper (West) und Erhard Krack (Ost).
In strömendem Regen schreitet das Quartett unter der Quadriga hindurch. Kohl winkt, Modrow nicht. Die Redner besteigen ein kleines Holzpodest.
Der DDR-Premier hält die Begrüßungsansprache. Modrow erinnert an die Nazis, die nach der Machtergreifung 1933 mit Fackeln und Stiefeln durch das Tor gezogen waren - doch die nachdenklichen historischen Reminiszenzen des DDR-Ministerpräsidenten will keiner hören.
Während Krack spricht, gähnt Kohl. Beifall brandet indes auf, als Momper die Nachricht vom Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu überbringt.
Noch Ende November hat der rote Despot, der sein Volk 24 Jahre lang drangsalierte, in einer sechsstündigen Parteitagsrede die Veränderungen in den sozialistischen Staaten ringsum als "Verirrungen" abgetan. Das rumänische Volk hingegen bleibe "auf ewig dem Kommunismus treu".
Doch die Ewigkeit währt nur drei Wochen lang. Dann ereignet sich in Transsylvanien, was den Kerzen-Revolutionären der DDR erspart geblieben ist.
Nach einer friedlichen Demonstration für einen regimekritischen Pastor flammen blutige Straßenschlachten auf. Armee und Geheimpolizei richten ein Massaker an. Es gibt über tausend Tote.
In Ost-Berlin geben alle am Runden Tisch versammelten Parteien und Gruppen eine gemeinsame Erklärung ab: "Wir solidarisieren uns mit dem rumänischen Volk und seinem Befreiungskampf."
Die Grußadresse unterschreibt selbst die SED. Noch im Juni hat sie das Gemetzel der chinesischen Militärs auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gutgeheißen - als einzige europäische kommunistische Partei neben der rumänischen.
Nun fällt die letzte Bastion des Stalinismus in Europa. Per Hubschrauber fliehen Ceausescu, 71, und Ehefrau Elena, 70, aus dem Bukarester Präsidentenpalast; wenig später werden sie festgenommen, zum Tode verurteilt und unverzüglich hingerichtet.
"Die Rumänen", rühmt die polnische Solidarnos c , hätten bewiesen, "dass es in Europa keine Völker gibt, die sich mit der Herrschaft des Bösen und der Dummheit abfinden".
Vor dem Brandenburger Tor detonieren verfrühte Silvesterknaller, Leuchtkugeln schießen empor, und Momper hebt die Stimme: "Nun freue dich, Berlin."
Die Menge reagiert mit "Deutschland, Deutschland"-Rufen. Nur ein paar Linke, kaum zu verstehen, schreien: "Scheiße, Scheiße."
JOCHEN BÖLSCHE;
MARKUS DETTMER, NORBERT F. PÖTZL
DER SPIEGEL 51/1999
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