20.12.1999

RUMÄNIENLuthers Geist in den Kulissen

Die letzten Siebenbürger Sachsen ordnen ihren Nachlass. Fenster werden vergittert, Kultgegenstände in Sicherheit gebracht, ganze Gemeinden aufgegeben. Die deutsche Siedlungsgeschichte im Karpatenbogen endet so, wie sie vor 850 Jahren begann: im Schutz und Schatten der Kirche. Von Walter Mayr
Wie ein Glühwürmchen bei totaler Sonnenfinsternis wirkt der deutsche Pfarrer von Rothberg, am Nordrand der rumänischen Karpaten, wenn er schalumschlungen vors Haus tritt.
Während in der Dorfschenke schräg gegenüber unter Wodkaflaschen mit dem Abbild Ceausescus derb gezecht wird, durchquert Eginald Schlattner gemessenen Schritts seinen siebenbürgischen Kirchhof - Haarschopf zerzaust, Stirn zerfurcht, Aphorismen streuend. "Symmetrie ist die Ästhetik des Kleinbürgers", befindet er, um dann exakt im Fluchtpunkt seiner Kirche Aufstellung zu nehmen.
"Die Urform des abendländischen Gotteshauses" sei hier zu besichtigen, doziert der Pfarrer. Die dreischiffige Basilika, turmlos, aus Bruchsteinen gefügt, stamme aus dem Jahr 1225 - "älter als Berlin".
Schlattner ist das Gedächtnis des Dorfes. Mehr als ein Dreivierteljahrtausend lang haben die Sachsen, Nachfahren der ersten deutschen Siedler, den Flecken Rothberg im Siebenbürger Altland geprägt. Auf Rumänisch heißt er Rosia. In den letzten 20 Jahren sind 97 Prozent der Deutschsprachigen im Dorf in die Bundesrepublik übersiedelt.
Auf der Schlammpiste vor Schlattners Kirchhof zieht ein wettergegerbter Hirte im bodenlangen Pelz mit seiner Schafherde vorbei. Vor dem Block, wo die Kolchosarbeiter von einst hinter zerschlagenen Fensterscheiben wohnen, wird ab dem frühen Morgen Pflaumenschnaps in Wassergläsern unter freiem Himmel serviert.
"Zehn Sachsen, hundert Rumänen, tausend Zigeuner", das sei der Stand der Dinge in Rothberg. "Mit jedem sächsischen Dickschädel, der stirbt, gehen zwei weitere fort, die nur seinetwegen noch geblieben sind", sagt Schlattner: "Ich bin der 50. Pfarrer hier seit der Reformation. Nach mir wird es keinen mehr geben."
Die Fenster der Basilika und des Pfarrhauses von 1762 sind seit kurzem mit schwarzen Eisengittern verbarrikadiert. Das Bischofsamt im nahen Hermannstadt (Sibiu) habe Geld gegeben, sagt der Pfarrer, nach dem Einbruch hier im Herbst.
Schlattner hatte geahnt, dass es so kommen würde, oder: "auf die Räuber gerechnet", wie er es nennt. Alle paar Wochen trifft es einen der 44 noch in Siebenbürgen verbliebenen Pfarrer.
38 von insgesamt 260 Gemeinden der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Siebenbürgen sind seit der Wende beraubt worden. Es verschwand unter anderem das Taufbecken in Schaas - geschätzter Wert: eine Million Mark - und die Eisentruhe mit dem Abendmahlsgeschirr in Agnetheln. Einiges fand sich wieder, anderes nicht.
"Wir wissen von der Polizei, dass auf Listen komplette Altäre angeboten werden, die man bestellen kann", sagt Christoph Klein, der Bischof. Gefährdet seien vor allem aussterbende "Gemeinden hinter Gottes Angesicht". Der prächtige Marienaltar in Braller, einem Dorf mit zehn betagten Gläubigen, ist bereits abgebaut und ins größere Heltau verfrachtet worden. Unumgängliche Schritte, die den Betroffenen nicht leicht zu vermitteln seien: "Kulturgut ist hier nicht nur eine Sache der Kunst. Wir müssen wissen, dass wir den alten Leuten das Letzte wegnehmen, wenn wir den Altar entführen."
156 Gemeinden haben ihren kompletten Archivbestand bereits am Bischofssitz in Hermannstadt eingelagert. Die Matrikeln und Urkunden, Protokolle einer fast tausendjährigen Siedlungsgeschichte der Deutschen im Karpatenbogen, sollen nun schleunigst verfilmt werden. Es ist, als stünde ein neuer Mongolensturm bevor.
Hinter einer massiven Doppeltür lagern, wohl behütet und auf engem Raum gedrängt, die Schätze der Sachsen: ein handgeschnitzter Johannes der Täufer von Veit Stoß dem Jüngeren, begonnen 1521; eine beinahe 600 Jahre alte Muttergottes aus Meschen; dazu Zimborien, Abendmahlskelche und Urkunden aus der Zeit vor Erfindung des Buchdrucks.
Von etwa 1180 an haben die Deutschstämmigen in Siebenbürgen Kirchen gebaut, Befestigungen drumrum gezogen und sich sternförmig übers Land ausgebreitet. Jetzt vollzieht sich die Bewegung in umgekehrter Richtung. Stück für Stück wandert das Geschaffene wieder zurück in die Städte, in den Bauch der Kirche vor allem.
"Kirche wandert nicht aus", hat Bischof Albert Klein verkündet, als Rumäniens Despot Nicolae Ceausescu gestürzt und Deutschland plötzlich für alle hier greifbar war. Christoph Klein, der jetzige Bischof, sieht das genauso. Stolz zeigt er im Andachtssaal die Ahnengalerie seiner Vorgänger. Beinahe lückenlos reicht sie zurück bis zu Lukas Unglarus ins Jahr 1572. Nur vier Jahre fehlen und ein einziges Bild: das von Wilhelm Staedel, dem lutherischen Bischof ab 1941.
Staedel hat, als die Sachsen in Gestalt der deutschen "Volksgruppe" im Reich aufgegangen waren, das NS-hörige "Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet.
Eginald Schlattner, dem Pfarrer von Rothberg, lässt die Erinnerung an die Zeit keine Ruhe, als zwischen Hermannstadt, Kronstadt und Klausenburg noch die Hakenkreuzfahnen wehten und die Rumäniendeutschen die 1. Kompanie der SS-Division "Leibstandarte Adolf Hitler" stellten - geadelt zum "Kulturdünger der anderen Völker" und "Stoßtrupp des christlichen Abendlandes".
Er hat niedergeschrieben, woran er sich erinnert. Sein Roman "Der geköpfte Hahn", vergangenes Jahr im Zsolnay-Verlag erschienen, taucht eine Siebenbürger Jugend in episches Licht und zeichnet nach, was der Rassenhass im Völkergemisch Siebenbürgens angerichtet hat.
"Wir haben uns in den dreißiger Jahren von unseren Wurzeln getrennt", sagt der Pfarrer: "Plötzlich hat es nicht mehr genügt, Siebenbürger Sachse zu sein. Man musste Großdeutscher sein." Schlattner glaubt, dass schon damals, durch den Verrat an den angestammten Nachbarn - Rumänen, Ungarn, Juden und Zigeunern - der Grundstock gelegt worden sei für den Exodus der Sachsen ein halbes Jahrhundert später.
Im Wintergarten zeigt er eine Bauernkommode, die er erstanden hat. Im Geheimfach verborgen - zwei kreisrunde Hakenkreuzaufnäher. "Kurzerhand abgetrennt", sagt der Pfarrer, "schon war die rote Fahne zur Begrüßung der Sowjets fertig" - eine vergebliche Finte. Noch in der russischen Verbannung, erzählt man sich, seien die Sachsen dadurch aufgefallen, dass sie in den Lagern Bäumchen gepflanzt und blitzsaubere Straßen angelegt hätten.
Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg von der Zwangsarbeit in den sowjetischen Kohlebecken zurückkehrten, war ihr Besitz verstaatlicht und ihr Ruf ruiniert. Die Rumänen, Hitlers Handlanger bis 1944, hatten am Ende auf der richtigen Seite gestanden. "Wir sind damals aus der Beletage gekippt worden", sagt Schlattner.
Sein Roman über die Kriegsjahre hat, als außergewöhnlicher Erstling eines Autors von 65 Jahren, Aufsehen erregt. "Möge er ein zweiter Fontane werden", wünschte die "FAZ" dem Pfarrer und gab ihren Segen. In Hermannstadt und Umgebung kennt das Buch praktisch keiner. Ein einzelnes Exemplar kursiert in besseren Kreisen, wie zu Samisdat-Zeiten.
Als "derzeit berühmtester Sachse" wird Schlattner dennoch bezeichnet, anerkennend von den einen, spöttisch von der Mehrheit. "Der Pfarrer ist katholisch geworden", sagt das Volk, was im protestantischen Siebenbürgen synonym ist für "verrückt". Ohnehin kümmere er sich als Seelsorger mehr um die Zigeuner als um die Sachsen, heißt es; und nun auch noch als Schriftsteller mehr um Nazi-Verstrickung als um Unterdrückung im Kommunismus.
Durch das von Helmut Schmidt mit dem Diktator Ceausescu ausgehandelte Abkommen zum Freikauf Deutschstämmiger war der Damm 1978 gebrochen. 800 000 Deutsche lebten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Rumänien, Ende 1989 etwa 250 000, gut 50 000 sind es heute noch. Das Durchschnittsalter der im Land Verbliebenen liegt um die 60 Jahre.
Die Bundesregierung hat Konsequenzen gezogen und verkündet, bei den Rumäniendeutschen gelte es nun, "Teelichter statt Leuchttürme" anzuzünden. Das Generalkonsulat in Temeschwar soll geschlossen werden, die gesamte Unterstützung aus dem Innenministerium für das ablaufende Jahr ist auf 5,2 Millionen Mark reduziert - pro Kopf gerechnet ein Hundertstel dessen, was vor 20 Jahren ein Deutschstämmiger beim Freikauf wert war.
Trotzdem: Das städtische und aufgeklärte Sachsentum gibt es noch. Von Rothberg aus geht's talwärts über Waschbrettpisten, an qualmenden Müllhalden und Ziegel brennenden Zigeunern vorbei. Unten liegt Hermannstadt, eingebettet in die Kulisse der schneebedeckten Fogarascher und der sanfteren Kuppen des Zibin-Gebirges.
Krähenschwärme kreisen im Abendlicht über dem Huet-Platz, wo Kirche, Lyzeum und Kapitel seit jeher das geistlich-kulturelle Zentrum sächsischen Lebens bilden. Laternenlicht bescheint schwach die Narben der in mittelalterlicher Geschlossenheit zusammengeduckten Häuser.
Auf Gassen und Plätzen, unter Biberschwanzdächern und Fledermausgauben fällt kaum mehr ein deutsches Wort, schon gar kein Hermannstädter Kuchel-Deutsch, Unterschicht-Sächsisch. Der Siegeszug der Astrachan-Mütze - Ceausescus bevorzugter Kopfbedeckung - im Straßenbild findet seine Entsprechung in der uneingeschränkten Verkehrssprache Rumänisch.
Aus der Stadtpfarrloge aber, einem Seitenturm der Hauptkirche, tönt's anders: "Lasset das Zagen, verbannet die Klage" - mächtig, mehrstimmig, immer wieder abbrechend erschallt die Botschaft. Der Bachchor von 1931, der Faschismus und Kommunismus überlebt hat, probt das Weihnachtsoratorium.
Mit Eifer dabei sind die jungen Damen in der letzten Reihe, hohe Wangenknochen, höchste Tonlage: "Sopran, das sind Rumäninnen", gesteht der Dirigent, "wir müssen sehen, wo wir bleiben."
Vis-à-vis der Kirche, im Brukenthal-Lyzeum, sind am nächsten Morgen die Kandidaten für das Deutschdiplom angetreten. Im stuckverzierten Prunksaal sitzen sie unter der Inschrift "Timor Domini Sapientiae Initium" - die Furcht vor dem Herrn ist der Anfang der Einsicht - über eine Inhaltsangabe der "Geschichte vom jungen Krebs" gebeugt.
Zum jungen spricht, laut Textvorlage, der Vater Krebs: "Wenn du bei uns bleiben willst, gehe wie alle Krebse. Rückwärts! Wenn du aber nach deinem eigenen Kopf leben willst - der Bach ist groß -, geh fort und komm nie mehr zu uns zurück!" Ob der junge Krebs Recht habe, "wenn er seinen eigenen Weg weitergeht", lautet die Fragestellung, und an welche "Menschen in Ihrem Umfeld" er erinnere?
Die Probanden werden das mühelos beantwortet haben. Das Brukenthal-Lyzeum hat als einzige Institution weltweit eine hundertprozentige Erfolgsquote beim Deutschdiplom, und: Das Thema Abschied ist hier allen vertraut. Auf eine Klasse von 30 Schülern kommen im Schnitt noch 2 Sachsen, Tendenz fallend. Ein großer Teil davon sind Pfarrerskinder.
Die Schule, ausweislich einer Urkunde im Jahr 1380 erstmals erwähnt, ist in den rumänischen Kreisen Hermannstadts "in", wie Gerold Hermann, der Direktor, sagt. Die jungen Rumänen stellen die komplette "sächsische" Volkstanzgruppe, und adaptieren auch sonst eine traditionelle Linie: "Der ,Faust' wird bei uns obligatorisch besprochen, nicht so wie in Deutschland, wo man drum rumkommt", sagt der Direktor.
Wenn aber am Fuß der Karpaten Gretchen nur noch gedruckt vorkommt und die Kirchenburg als Kulisse, sind dann vom sächsischen Leben nur "Formen übrig geblieben ohne Inhalte", wie der Bezirksdechant Heinz-Dietrich Galter befürchtet? Ist die Frage nur noch, "ob ich später ins Museum komme oder in den Zoo", wie die Schauspielerin Renate Müller-Nica spottet, die mit drei Kollegen die Tradition von mehr als einem halben Jahrtausend deutschen Theaters in Hermannstadt durch Simultanübersetzungsanlagen für rumänische Besucher wahren will?
Das sächsische Erbe soll übergeben werden, sagen Pragmatiker. Sie wollen Spurenelemente hinterlassen im rumänischen Leben. "Kirche für andere" heißt die neue Devise der Lutherischen, "Brücken bauen" nennen es die Weltlichen. "Wir haben in der evangelischen Kirche ja schon im 16. Jahrhundert Demokratie gelebt", sagt der Bezirksdechant, "das sind Formen, die diese Gesellschaft hier nicht kennt." Sicher, man sei jetzt "quantité négligeable", aber: "Man kann uns vorzeigen."
Und also wird, mit derselben protestantischen Ernsthaftigkeit wie früher die Abschottung, nun die Öffnung betrieben. In sächsischen Pfarrhäusern finden rumänische Alkoholikerinnen oder Touristen Zuflucht, Kirchen werden an griechisch-katholisch Gläubige vermietet, überkonfessionelle Akademien betrieben.
Luthers Geist hat überlebt in den Kulissen. Noch stehen Sachsen drin, die behaupten, nicht anders zu können. Bald aber wird wahr sein, was Schlattner, der Pfarrer von Rothberg, früh als "Siebenbürgische Elegie" aufzusagen gelernt hat: "Wohlvermauert in Grüften modert der Väter Gebein, zögernd nur schlagen die Uhren, Zögernd bröckelt der Stein."
Schlattner muss sich beeilen, wenn er vorher noch was bewegen will. Er sieht "virtuelle Gemeinden" entstehen, Kirchenburgen ohne Gläubige. Das eigene Grab hat er schon ausgesucht, am Rothberger Friedhof, "bei der Rotunde aus sieben Föhren". Weil die verbliebenen Sachsen ihn seelsorgerisch nicht auslasten, kümmert er sich um andere, um "die braunen Brüder am Bach" beispielsweise.
Mit Wanderstab und Pelzmütze versehen, halb guter Hirte, halb Gouverneur, steigt er vom Kirchhof abwärts in die Zigeunersiedlung. Ehrfürchtig wird er gegrüßt, er kennt jedes Haus. "Hier hing vor kurzem noch Jesus Christus an der Wand", sagt er, und betritt eine bescheidene Behausung, in der ihn zwei Kinder um Brot anbetteln. An der Stirnseite prangt jetzt wieder Ceausescu.
Der Pfarrer geht weiter, mustert Töpfe mit Maisbrei auf dem Herd, schimpft lungernde Halbwüchsige aus, weil sie sich keine Arbeit suchen, und schaut vorbei bei den Besenbindern, die, um einen Stoß Birkenreiser versammelt, zu acht in einem Verschlag leben, der halb so groß ist wie die Küche im Pfarrhaus. Zwei weitere Kinder sind von der Mutter totgeschlagen worden. Die Staatsanwaltschaft hat nach einem Ortstermin auf Strafverfolgung verzichtet.
"Es ist die Dritte Welt vor meiner Tür", sagt Schlattner. Aber, soll er jammern? Einem erschütterten Niederländer, der päckchenweise die Pille spenden wollte, damit das Kinderelend hier nicht überhand nehme, hat er abgeraten. "Spenden Sie lieber für elektrisches Licht. Ab fünf ist es da drin im Winter dunkel. Wenn Sie mit Ihrer Frau da lägen, was würden Sie tun?"
Die Zigeuner schützt er, die Rumänen versteht er, aus Schlattner wird kein Bundesdeutscher mehr. An dem Land, in dem seine Verwandten leben, fällt ihm bei Besuchen auf, dass dort sogar "die Schaffner duften wie ungarische Grafen". Und dass er sich da praktisch vom Boden zu essen traue. Er sagt das so: "Ich war hocherfreut, als ich irgendwann eine Pfütze entdeckte. Ich bin natürlich durchgelaufen."
Dann doch lieber Rothberg. Bohnensuppe, rohe Zwiebeln, Straßenschlamm und Kinderelend. Schlattner hat noch eine Geschichte abzumachen mit Rumänien. Er war Hitlerjunge hier, aber auch Jungkommunist; er war Securitate-Häftling, aber auch Zeuge der Anklage gegen Oppositionelle.
Im Frühjahr soll sein neuer Roman erscheinen, Arbeitstitel: "Die Eisenbrille". Da wird es um seine Rolle während der fünfziger Jahre in Rumänien gehen, um die Zeit nach dem Ungarn-Aufstand. Und um die Frage, ob er, der vom Geheimdienst verhört wurde, dass ihm "die Grausbirnen aufgestiegen sind", im Kronstädter Schauprozess 1959 gegen sächsische Schriftstellerfreunde zu viel gesagt hat. Die fünf Angeklagten wurden zu insgesamt 95 Jahren Haft verurteilt.
"Eine Entscheidung an der Grenze, gegen mich, gegen meine Herkunft", habe er damals getroffen, sagt Schlattner, und dass er seither "wieder gutmachen" wolle.
Also hält er weiter Gottesdienst, zwischen Kanonenofen und Holzaltar von 1781. Seine Frau tritt oben die Orgel. "Unsere Rettung", sagt der Pfarrer, "ohne Orgel erst gibst du dir Rechnung, welcher Jammer über uns gekommen ist - fünf Alte in der Kirche mit gebrochenen Stimmen und Herzen."
"Auf dich hoffen wir allein, lass uns nicht verloren sein", singen die letzten Kirchgänger von Rothberg. Am Ende, beim Auszug aus dem Gotteshaus, nehmen sie das Abendmahlsgeschirr mit, die Hostienschale und den 600 Jahre alten Kelch. "Statistisch gesehen ist unsere Geschichte hier zu Ende", sagt Schlattner: "Aber wir haben es mit einem Gott der Überraschungen zu tun."
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 51/1999
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