26.08.2017

Die AugenzeuginGänse im Gleis

Rheinbahn-Fahrerin Kerstin Schneider, 48, über ihre Probleme mit gefiederten Störenfrieden auf den Schienen und hilfreiche Fahrgäste an den Haltestellen
"Seit zehn Jahren fahre ich für die Rheinbahn, meistens bin ich auf der Linie 709 vom Theodor-Heuss-Platz in Neuss über den Hauptbahnhof bis nach Düsseldorf-Gerresheim unterwegs – und zurück. Wir haben nicht nur eine große Kolonie von grünen Halsbandsittichen auf der Königsallee, sondern auch ein paar Hundert Kanadagänse in der Stadt. Neuerdings kommen immer mehr Nilgänse, die sind kleiner, und ich finde sie mit ihren braunen Flecken um die Augen besonders schön. Für mich heißt das aber auch: aufpassen überall dort, wo ein Gewässer an meiner Strecke liegt. Der Kaiserteich etwa. Dort an der Haltestelle Poststraße gibt es besonders viele Gänse. Und das Gras zwischen den Gleisen scheint bei ihnen besonders beliebt.
Ich habe eine Klingel an meiner Bahn, 'bling, bling, bling' mache ich dann. Und die Gänse? Bleiben frech stehen und schimpfen laut zurück und meckern mich an. Meine Kollegen und ich müssen dann langsam fahren oder anhalten, bis die Gänseschar von den Gleisen ist. Dabei helfen mir auch oft die Fahrgäste, die auf die Bahn warten. Sie scheuchen die Gänse weg. Für die Leute ist das ein großer Spaß. Den Autofahrern dort geht es auch nicht besser. Sie müssen anhalten, weil die Gänse quer über eine große Kreuzung marschieren. Besonders niedlich sieht das aus, wenn sie Junge haben. Die schauen aus wie aufgeplatzte Sofakissen. Einfach süß. Sind Junge dabei, dauert alles noch ein bisschen länger. Sie haben oft Mühe, die Stufe zwischen dem Gleisbett und dem Bürgersteig hochzukommen.
Zum Glück ist meinen Kollegen und mir noch nie etwas Ernstes passiert mit den Gänsen, wir wissen ja, wo wir aufpassen müssen. Manchmal haben wir dann ein paar Minuten Verspätung. Ich sehe das ganz relaxed. Wenn ich mich über so was aufregen müsste, hätte ich den falschen Job. Die Gänse sind in jedem Fall netter als uneinsichtige Autofahrer, die in der zweiten und dritten Reihe parken und mir den Weg versperren. Die Verspätung hole ich am Ende immer wieder raus – in meiner Pause. Eigentlich habe ich 17 Minuten Freizeit zwischen den Touren. Die fällt dann eben ein bisschen kürzer aus."
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 35/2017
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