09.09.2017

TiereSchüsse im Freibad

Afrikanische Nilgänse produzieren viel Dreck, verdrängen angeblich andere Vögel – und fühlen sich in deutschen Städten wohl. Nun sollen Jäger helfen.
Entspannt dümpeln acht rostrot gefiederte Gänse in der Nichtschwimmerzone, vier Artgenossen dösen auf den Platten am Beckenrand. Und ein paar Meter weiter, hinter der Wasserrutsche, watscheln zehn weitere Tiere über die Liegewiese und picken am saftig grünen Gras.
Aus Sicht der Wasservögel ist das Brentanobad, das größte Freibad in Frankfurt am Main, offensichtlich eine Idylle. Andere Badegäste sind dagegen irritiert von den braungrünen Festkörpern, die hinter den Gänsen auf den Grund des Beckens sinken. "Das ist einfach eklig", sagt Frank Müller, Geschäftsführer der Frankfurter Bäderbetriebe. Jeden Morgen müssten nun mehrere Angestellte und Maschinen das Bad reinigen, wenige Stunden später sei der Gänsedreck schon wieder überall.
Der Schwimmbadchef ist nicht der Einzige, der die Nilgänse für eine Plage hält. Die Vogelart, erkennbar am dunklen Augenfleck, stammt ursprünglich aus Afrika. Als Ziervögel für Zoos und Parkanlagen wurden sie seit dem 17. Jahrhundert nach Westeuropa gebracht, einige büxten aus ihren Gehegen aus. Anfang der Achtzigerjahre soll eine nennenswerte Zahl Nilgänse über die Niederlande nach Deutschland eingeflogen sein.
Seither arbeiten sich die Gänse über die norddeutsche Tiefebene sowie entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse gen Südosten vor. Mittlerweile seien in allen 16 deutschen Bundesländern Nilgänse zu finden, bilanziert das Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Die oft mehrmals jährlich brütenden Vögel seien "sehr anpassungsfähig", ihre Verbreitung sei "stark zunehmend".
Den Landwirten fressen die hungrigen Viecher junge Pflanzen und Setzlinge von den Feldern. Aber auch Städtern gehen die Vögel auf die Nerven. Die Tiere scheinen sich in Parks und Freibädern, an städtischen Flussufern und Teichen besonders wohlzufühlen. "Sie mögen kurzes, gemähtes Gras, weil sie darauf gut laufen und fressen können", sagt Martin Hormann von der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland.
Die Klagen über gänslich verdreckte Parks, Bäder und Flussufer reichen bis nach Baden-Württemberg. Die "Rhein-Neckar-Zeitung" berichtete von einem "Gänsegipfel" mehrerer Kommunen in Ladenburg am Neckar. Dort sei es "fast unmöglich, einen sauberen Platz auf der Neckarwiese zu finden". Der Stuttgarter Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) wandte sich daher kürzlich flehentlich an die "lieben Jäger" in der Gemeinde: Sie mögen doch bitte helfen, das Problem zu lösen, und Nilgänse "strikt bejagen".
Im Brentanobad, versichert Bäderchef Müller, habe man schon alles versucht: die Gänse über Lautsprecher mit Greifvögelrufen beschallt, einen motorbetriebenen schwarzen Plastikschwan im Schwimmbecken ausgesetzt, eine Drohne darüberfliegen lassen. Nichts half. Der anschließend eingesetzte Jagdhund habe die Gänse mehrmals ins Wasser und wieder hinaus gescheucht, doch hätten die sich davon nicht dauerhaft beeindrucken lassen. "Am Ende war der Hund völlig fertig, und die Nilgänse waren immer noch da", sagt Müller. Nun darf ein Jäger mit Sondergenehmigung außerhalb der Öffnungszeiten einige Tiere im Bad erschießen – in der Hoffnung, die anderen dadurch zu vertreiben.
Örtliche Tierschützer sind entsetzt. "Irrsinnig" sei das, beklagt ein Vertreter des Frankfurter Naturschutzbundes, der Griff zur Schrotflinte zeuge von einem "alten Denken aus dem letzten Jahrhundert". Auch Vogelkundler Hormann hält nichts von Schrotladungen: Die Erfahrung zeige, dass die Gänse nach einem Jagdeinsatz bald wieder zurückkämen. Doch die Gansgegner bestehen auf einer Vertreibung, egal wie, auch weil die Vögel alteingesessene Tierarten aus ihren Brutstätten verdrängen würden. In diesem Sommer hat die EU die Nilgans auf eine Liste "invasiver Arten" gesetzt, deren Entwicklung in Europa im Auge behalten werden soll.
Bei der Nilgans nehmen die Schilderungen über ihre Ausbreitung gelegentlich einen absurden rassistischen Ton an, was sie zu einem Lieblingsthema unter Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten macht. Der Journalist Udo Ulfkotte raunte: "Es ist politisch korrekt, die Nilgans zu schützen." Dabei habe die Gans "drei der letzten deutschen Pommernenten getötet". Auf einschlägigen Websites werden die Vögel als "aggressive Migranten" und "ungewollte Zuwanderer" bezeichnet, die angeblich "alles niederwalzen" und "unsere alten heimischen Tierrassen brutal ausrotten". Häufig werden direkte Bezüge zu Einwanderern und Flüchtlingen aus Afrika hergestellt.
Unter Experten ist umstritten, wie sich die Verbreitung der Nilgans auf andere Tierarten auswirkt. Der Vogelkundler Hormann hält die These von der Verdrängung heimischer Gänse und Enten für "Unsinn". Mehrere Studien in der Region Frankfurt am Main hätten gezeigt, dass von Nilgänsen "keine langfristige Gefahr für andere Wasservogelarten" ausgehe. Die Tiere verhielten sich zwar "etwas ruppig" bei der Verteidigung des Nachwuchses, doch das sei bei anderen Arten kaum anders. Die meisten Angriffe von Nilgänsen zielten auf Artgenossen.
Ohnehin sei es illusorisch zu glauben, man könne Nilgänse wieder aus Deutschland zurückdrängen. "Das wäre vielleicht Anfang der Achtzigerjahre noch irgendwie gegangen", sagt der Ornithologe. Aber inzwischen sei die Art hier heimisch geworden und etabliert. "Wir werden uns an sie gewöhnen müssen, ob wir wollen oder nicht."
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 37/2017
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