27.12.1999

FILM

Wenn die Toten erwachen

Von Jenny, Urs

Nach dem "Blair Witch Project" kommt jetzt die zweite US-Gruselsensation in die Kinos. "The Sixth Sense" ist ein Horror-Kammerspiel, in dem kaum Blut fließt.

Die Gewissheiten schwinden. Was ist mit der Angst? Wird sie auch morgen noch bedeuten, was sie uns gestern war? Und der Tod? Wird er im dritten Jahrtausend noch halten, was er im zweiten versprach? Wie steht's mit seinem Verfallsdatum? Braucht er einen Relaunch? Oder wird man den Tod, wie die Liebe, von Grund auf redesignen müssen, damit alles noch einen Sinn hat?

Sogar in Hollywood sind letzte Gewissheiten abhanden gekommen. Liefen nicht siegessichere Hit-Strategen ins Leere? Wurden nicht bewährte Kosten-Nutzen-Rechnungen ad absurdum geführt? Superteuer hochgerüstete und also vermeintlich unfehlbare Showstücke wie "Wild Wild West" oder "Hinter dem Horizont" haben sich durch technologischen Overkill selbst versenkt, sogar das vierte "Star Wars"-Spektakel ist weit hinter der Erwartung auf einen titanicmäßigen Kassensturz zurückgeblieben, während zwei unscheinbare No-Name-Produkte, geradezu Irrläufer oder Irrlichter im Big Showbusiness, raketenhaft Karriere machten: die pseudodokumentarische Hexenforscherstory "The Blair Witch Project" und das Parapsychodrama um einen kleinen Jungen, dem das Herumgeistern von Toten Angst und Bange macht, "The Sixth Sense".

Diese beiden überraschendsten US-Kinoerfolge des Jahres sind also dem mindergeachteten Genre des Gruselfilms zuzurechnen, das sonst nur selten über die feste Zielgruppe der kreischlustigen Teenagercliquen hinaus Interesse findet - woraus sich aber noch lange kein spiritistischer oder apokalyptischer Wende-Trend herausspekulieren lässt.

Das kometenhafte Erscheinen des ersten Gruselwerks hat, begreiflich, ganz besonders dem Autor des zweiten Angst und Bange gemacht: Musste er nicht fürchten, sein eher leises, versponnenes und überhaupt nicht krawalliges Werk könnte, wenn es nun in die Kinos käme, im mächtigen Kometenschweif des "Blair Witch"-Phänomens unbeachtet verglühen? Doch so kam es nicht: Die Kasseneinnahmen von "The Sixth Sense" haben in den USA "The Blair Witch Project" längst überrundet und nähern sich der Marke von 300 Millionen Dollar. Mit dieser Geschichte von den Verzweiflungen eines Kindes mit paranormalen Sensibilitäten hat der Autor-Regisseur M. Night Shyamalan einen sechsten Sinn für die Unwiderstehlichkeiten eines großen Rührstücks bewiesen.

Der kleine Kerl namens Cole, um den sich alles dreht, einziges Kind einer allein erziehenden Mutter, achtjährig, überbegabt, übersensibel, kontaktscheu und deshalb in der Schule als Freak verspottet, hat allerlei telepathische Talente, vor allem aber jenen sechsten Sinn, der ihm alptraumhafte Ängste beschert: Die Geister von Toten erscheinen ihm, flehen um Hilfe und terrorisieren ihn, weil er nicht versteht, was sie von ihm wollen. Wie sollte er? Die Toten, die ihm erscheinen (fast alle sind gewaltsam gestorben), können einander gegenseitig nicht sehen, und das Merkwürdigste: Die Toten wissen selber nicht, dass sie tot sind.

Coles Gegenspieler ist der renommierte Kinderpsychologe Dr. Crowe. Anfangs wird er aus den Spinnereien des Jungen und dessen Neigung zu katholischem Brimborium nicht schlau (was dessen gemurmeltes "De profundis clamavi" bedeutet, muss der Doktor im Lexikon nachschlagen), auch in der Diagnose schwankt er zwischen Paranoia und Schizophrenie, dann aber taucht er restlos fasziniert in die Erfahrungswelt des Jungen ein - er will Cole um jeden Preis helfen, um sein Versagen in einem ganz ähnlichen früheren Fall wieder gutzumachen, wo der Patient, vor Angst wahnsinnig geworden, auf ihn schoss und dann sich selbst erschoss.

Eigentlich, so meint man, wäre dies eine Rolle nach Maß für den bewährten, stets mitfühlenden Seelendoktor-Darsteller Robin Williams gewesen. Doch weil man ihn vor einem Jahr in "Hinter dem Horizont" schon so herzerweichend geschmerzt durch etliche Totenreiche zwischen Hölle und Himmel hat taumeln sehen, ist es eine Wohltat, hier in der Doktorrolle dem professionell hartgesottenen "Stirb langsam"-Star Bruce Willis zu begegnen. Endlich darf er mal Seele zeigen und weinen: Sein oft tränennasser Blick auf den armen kleinen Cole ist es, der auch im Publikum die Taschentücher mobilisiert, und diese Gabe macht Willis zum Idealsekundanten des wirklichen "Sixth Sense"-Stars, des inzwischen elfjährigen, unwiderstehlich rührenden Haley Joel Osment.

Wer aber ist der Autor-Regisseur M. Night Shyamalan, der in einer Nebenrolle als Kinderarzt ebenfalls einen besorgten Blick auf die Wundmale des malträtierten Cole wirft? Shyamalan wurde 1970 in Madras geboren, kam aber schon als Baby mit seinen Eltern, einem Ärztepaar, in die USA nach Philadelphia und tat sich früh durch wunderkindliche Schritte hervor - allerdings hat, wie er selber sagt, seine beiden ersten Spielfilme "kein Mensch auf diesem Planeten gesehen".

Sein von den Eltern finanziertes Erstlingswerk "Praying with Anger" drehte er als 21-Jähriger mit sich selbst in der Hauptrolle eines indoamerikanischen Studenten, der für ein Jahr in die Heimat der Eltern nach Madras kommt. Das filmische Selbstbildnis fiel immerhin auf Festivals so positiv auf, dass die Disney-Firma Miramax seinen zweiten Film finanzierte, "Wide Awake", der im Rückblick wie ein Entwurf zu "The Sixth Sense" erscheint.

Schon in "Wide Awake" steht ein kleiner Junge im Mittelpunkt, der von einer Todes-Erfahrung nicht loskommt: Der Sohn eines reichen Kinderärzte-Paares in Philadelphia, von katholischen Nonnen erzogen, der nach dem Tod seines geliebten Großvaters ein untröstliches "De profundis" zu Gott emporruft - ihm erscheint, um ihm den Glauben ans Leben zurückzugeben, ein Engel vom Himmel. In "The Sixth Sense", wieder in Philadelphia gedreht, hat diese Rolle ein Toter: So oder so verfügt das Jenseits über die stärkeren Bataillone.

Schon für das Drehbuch zu "The Sixth Sense" zahlte der Disney-Konzern die rekordnahe Summe von drei Millionen Dollar; das in der Partnerschaft mit Spielberg großgewordene Produzentenpaar Kathleen Kennedy/Frank Marshall betreute dann die Realisierung. Shyamalans vollendetes Werk zeigt eine geradezu altkluge Stilsicherheit im Umgang mit den Darstellern wie in der Dosierung der Horrormomente und eine sehr selbstbewusste, sehr konservative Eleganz des Spiels mit Licht und Schatten.

Um in dieser Kinophantasie angstmäßig auf seine Kosten zu kommen, muss man natürlich beileibe nicht daran glauben, dass die Toten mit Flüstern und Schreien, mit Tritten und Schlägen in unserem Leben herumfuhrwerken; was Hamlet recht ist, mag dem kleinen Cole billig sein. Und nächstes Jahr wird sowieso alles anders. URS JENNY


DER SPIEGEL 52/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 52/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Wenn die Toten erwachen