23.09.2017

AutorenDie Reinigung der Knochen

Mit ihrem zweiten Roman „Menschenwerk“, der ein Verbrechen der Militärdiktatur erzählt, geht die Südkoreanerin Han Kang leise, aber unvergesslich über Grenzen.
Wer die südkoreanische Autorin Han Kang, 46, interviewt, braucht ein hochempfindliches Mikrofon und rundherum Stille. Sonst könnte es passieren, dass man eine Stunde lang gebannt ihren Antworten zugehört hat und während des Gesprächs immer ein wenig näher an sie herangerückt ist, um auch kein Detail zu verpassen – und dann sitzt man wenig später in der Redaktion, lauscht der Aufnahme auf dem Gerät und hört: nichts.
Na gut, so gut wie nichts. Ein Flüstern. Immer mal wieder die Ahnung von einem Wort, dann wieder tutende Schiffe, Wind-rauschen, Vögel, Gespräche von Nebentischen. Han Kang spricht sehr, sehr leise. Sie flüstert nicht. Es klingt eher so, als hätte sie einen inneren Lautstärkeregler heruntergefahren. Aus Vorsicht, aus Angst vor Lärm, Bedächtigkeit. Radiointerviews hat ihr deutscher Verlag deshalb abgesagt. Für die Hörer wäre so ein stummes Ratespiel etwas verstörend.
Aber wenn man ihr gegenübersitzt, ganz genau zuhört, den Lippenbewegungen folgen kann, dann ist ein Gespräch mit ihr großartig und intensiv. Auch einen Text über dieses Gespräch ohne Tonbandmitschnitt zu schreiben ist nicht schwierig, weil Han Kang so eindringlich, langsam und sorgsam spricht, dass man ohnehin kaum etwas von dem Gesagten so schnell vergisst.
Vor allem passt diese extreme Vorsicht beim Sprechen perfekt zu ihrem Schreiben, zu ihren Romanen, von denen jetzt der zweite, "Menschenwerk", auf Deutsch erscheint(*).
Für ihr erstes Werk, "Die Vegetarierin", hatte sie vergangenes Jahr den internationalen Booker-Preis gewonnen und war plötzlich ein Weltstar der Literatur. Das Buch ist unglaublich und unglaublich gut: Ein Mann sucht eine Ehefrau. Einzige Bedingung: Sie soll gewöhnlich sein, außerordentlich gewöhnlich. Er findet eine, die seinen Vorstellungen entspricht, alles scheint gut. Er kann in Ruhe arbeiten, sie haben etwas ruhigen Sex, sie kocht, hält alles in Ordnung und stört nicht weiter. Doch dann hat sie einen Traum. Und plötzlich isst sie kein Fleisch mehr, duldet auch kein Fleisch mehr im Haus, kocht und brät dem Ehemann kein Fleisch mehr. Das reicht schon, um die Welt, in der sie lebt, völlig auf den Kopf zu stellen. Im weiteren Verlauf des Buches hat sie Sex als eine Blume, verwandelt sich in einen Baum, und ihr einziges Ziel ist schließlich, ein Leben ohne Schuld zu führen. Da das auf dieser Welt nicht möglich scheint, lässt sie das Leben langsam und friedlich ausklingen.
Leise und brutal, verwundert und präzise, verrückt und vernünftig – das zeichnet das Schreiben Han Kangs in "Die Vegetarierin" aus. So fantasiereich und irre die Geschichte nacherzählt klingt, so zwingend möglich und nachvollziehbar und folgerichtig liest sie sich. Han ist die realistischste Fantasyautorin, die man sich vorstellen kann.
Für den neuen Roman "Menschenwerk" hat sie ein historisches Thema gewählt: den Studentenaufstand in der südkoreanischen Stadt Gwangju im Mai 1980 – ein von den Militärs mit außergewöhnlicher Brutalität niedergeschlagener Protest. Bis heute ist ungewiss, wie viele Menschen damals starben. Nicht staatliche Quellen gehen von bis zu 2000 Toten aus.
Ein völlig anderes Phänomen, und doch ist die Grundfrage die gleiche: Was ist der Mensch eigentlich für ein monströses Wesen? Warum sind Menschen, die wir eben noch für die Allergewöhnlichsten gehalten haben, zu den ungewöhnlichsten und brutalsten Taten fähig?
Im Roman lässt sie eine Überlebende sagen: "Sie hat kein Vertrauen in die Menschheit. Sie vertraut keinem Gesichtsausdruck, keiner Wahrheit, keinem Wort. Sie weiß, dass sie mit hartnäckigen Zweifeln leben muss und schonungslosen Fragen."
Han Kang war neun Jahre alt, als das Massaker geschah und sie zum ersten Mal davon hörte. Nein, eigentlich hörte sie nicht wirklich davon, die Erwachsenen begannen bei ihren Gesprächen, an einer bestimmten Stelle undeutlich zu murmeln, damit die kleine Mithörerin nichts verstand. Aber sie entdeckte stattdessen zwei Jahre später einen Bildband, den ihr Vater falsch herum ins Regal gestellt hatte, damit ihn die Kinder nicht fanden. Ein Bildband des Massakers. Das kleine Mädchen Han blätterte ihn durch: "Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das entstellte Gesicht eines kleinen Mädchens sah. Es war durch ein Bajonett schlimm zugerichtet worden. In diesem Augenblick zerbrach etwas in mir, etwas Zartes, von dem ich gar nicht wusste, dass es da gewesen war."
Es blieb zerbrochen, das zuvor unbekannte Zarte in ihr. Die Geschichte des Massakers hat Han Kang seitdem begleitet. Der Riss von damals, das Zerbrochene, blieb zerbrochen. Wenn sie jetzt davon erzählt, von ihren Erinnerungen daran, die nicht weggehen, von ihren Versuchen, darüber zu schreiben, ihren inneren Widerständen, hört man gebannt ihren leisen Worten zu. Ihre Unterlippe zittert ganz leicht, auf den Armen eine leichte Gänsehaut, obwohl wir in der warmen Sonne sitzen. "Ich dachte eigentlich nicht, dass ich darüber schreiben kann", sagt sie. Dass sie aber die Verpflichtung dazu gespürt habe. Viele Tote wurden von ihren Familien gar nicht gemeldet, da sie Angst vor Repressionen hatten. Manches von damals ist noch unbekannt, unerforscht, ungewiss.
"Es ist wie ein radioaktiver Fallout nach einem Atombombenabwurf", sagt sie. "Das Gift, der Tod, die Erinnerung, das steckt in allem, in der Natur, in den Menschen, in der Welt von heute liegt es im Verborgenen und strahlt."
Sie selbst, Han Kang, war nicht nur durch den Bildband und die Gespräche der Eltern von dieser koreanischen Tragödie betroffen, sondern war mit ihrer Familie nur wenige Monate vor den Protesten von Gwangju nach Seoul gezogen. Und der Junge, der mit seiner Familie in ihr Haus gezogen war, kam bei dem Massaker ums Leben. Das machte ihre Fragen von Anfang an noch drängender: Was wäre mit mir geschehen, wenn wir dageblieben wären? Und: Starb er an meiner Stelle? Trage ich, als Überlebende, eine Schuld?
Han Kangs Buch ist von enormer, leiser Energie. Sie nimmt alle möglichen Rollen ein, die der Überlebenden, Beobachter, zu Tode Gekommenen. Sie schreibt: "In mir wohnte eine seltsame Kraft, die mir Selbstbewusstsein gab. Geboren nicht aus dem Tod, sondern aus der Flut von Gedanken, die nicht abebbte. Wer hat mich getötet? Wer hat meine Schwester umgebracht? Warum? Je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker wurde die Kraft in mir."
In der Logik dieses Romans ist es völlig klar, dass die Seelen, das Menschliche, das Unsterbliche der Toten, die nach damaligem offiziellem Verständnis nie gestorben sind, dass diese menschliche Substanz noch in der Welt ist, irgendwo. Einer der Toten, die Han erzählen lässt, wird das selbst erst klar in dem Moment, in dem man ihre Leiche mit Benzin überschüttet und verbrennt: "In diesem Augenblick verstand ich. Es waren Haut, Haare, Muskeln und Organe gewesen, die uns hier festgehalten hatten. Die Anziehungskraft unserer Körper begann sehr schnell nachzulassen." Ohne Körper sind sie frei, sich als Erinnerung, als böser Geist, als guter Geist, das englische Wort "spirit" trifft es hier besser, in der Welt festzusetzen: "Sie waren endlich frei. Wir waren frei – frei, dorthin zu gehen, wohin wir wollten."
Han Kang sagt, sie habe lange gebraucht, um wirklich das Schreiben zu beginnen. "Es war in Mexiko, vor einem Gemälde in der Kuppel einer Kapelle in Guadalajara: 'Mensch in Flammen' heißt es, von José Clemente Orozco. Es ist in 32 Meter Höhe, es zeigt brennende Menschen, Verwandlung, Übergang. Als ich das sah, dachte ich: Du kannst es schreiben. Du musst es schreiben. Du musst nur wahrhaftig schreiben. Dann darfst du es. Dann kannst du es."
Dasselbe haben ihr auch Nachkommen der Toten als Auftrag mitgegeben. Ja, schreiben sie. "Aber es muss ein objektiver Bericht sein. Schreiben Sie, was Sie schreiben müssen, aber anständig. Ich möchte nicht, dass mein Bruder noch einmal gedemütigt wird."
So ist dieses erstaunliche Buch entstanden. Ein Gegengeschichtsbuch, ein Buch gegen das lange Schweigen im Land. Ob es heute noch eine Form von Zensur gibt? Ob sie keine Angst hatte vor der Zensur beim Schreiben? "Oh, es gibt keine Zensur. Aber viel schlimmer ist die Selbstzensur. Die Angst der Menschen vor möglichen Folgen. Aber ich habe einen großartigen, mutigen Verlag, der nicht einen Moment zu Vorsicht riet oder ängstlich war." Und sie erzählt von der Dankbarkeit vieler Leser in Südkorea, Angehöriger der Opfer, der Verschwundenen. In einer besonders bewegenden Szene des Romans beschreibt Han Kang die späte Umbettung einiger Opfer, das Reinigen der Knochen, der erneute Schmerz der Verwandten, derer, die noch am Leben sind.
Und, ja, dieses Buch wird von der erschütternden Frage vorangetrieben, was der Mensch für ein Wesen ist, warum man keinem Menschen ansehen kann, ob er ein Mörder ist und unter welchen Umständen er morden und Kinder verstümmeln würde: "Sie fragt sich, wie ein Gesicht die Wahrheit über den Menschen dahinter dermaßen gut verbergen kann. Wie kann es Gefühllosigkeit, Grausamkeit und die Lust am Töten geheim halten?"
Ebenso ist es aber auch ein Buch über die Würde des Menschen. Über die Menschen, von denen es auch Fotos gibt. Soldaten, die den Schießbefehl verweigerten, Soldaten, die absichtlich in die Luft zielten, und Menschen, die Han nicht "Opfer" nennen will. Die Menschen, die den Aufstand gegen die Gewalt mit aller blauäugigen Entschlossenheit aufnahmen und starben. "Ich hatte mich getäuscht, als ich sie als Opfer betrachtete", schreibt Han. "Sie sind genau deswegen geblieben, um nicht zu Opfern zu werden."
Aber, nein, auch Helden würde sie sie nicht nennen, sagt Han Kang jetzt in unserem leisen Gespräch. Es ist ein viel zu lautes Wort für sie. "Aushaltende, würde ich vielleicht sagen. Widersteher. Menschen, die der Gewalt etwas entgegensetzen. Umarmende."
Dann ist das Gespräch vorbei. Auf dem Tonband ist beinahe nichts. Aber es gibt dieses Buch, "Menschenwerk", das ein Meisterwerk ist, und die Erinnerung an ein Gespräch mit einem Menschen, der so durchlässig wirkt und so erschütterbar, dass er, dass sie die Literatur zu brauchen scheint, um die Geister um uns herum zu vertreiben, indem sie sie zum Reden bringt.

"Sie fragt sich, wie ein Gesicht die Wahrheit über den Menschen so gut verbergen kann."

* Han Kang: "Menschenwerk". Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau; 214 Seiten; 20 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 39/2017
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